Archiv für Mai 2009

Maria Mies

Die Subsistenzperspektive

Transkription eines Videos von O. Ressler,
aufgenommen in Köln, Deutschland, 26 Min., 2005

Ich bin Maria Mies. Ich bin Soziologieprofessorin im Ruhestand und war seit 1972 hier an der Fachhochschule tätig im Fachbereich Sozialpädagogik. Außerdem habe ich sehr viel gemacht in diversen Bewegungen: Zunächst in der Frauenbewegung, aber auch die Ökologiebewegung war Teil dieser Aktivitäten, die Friedensbewegung, und in den letzten Jahren, seit 1997, bin ich in der Antiglobalisierungsbewegung aktiv.

Zunächst einmal muss ich sagen, dass wir nicht speziell von Subsistenzwirtschaft reden. Wir, das sind meine beiden Freundinnen Claudia von Werlhof und Veronika Bennholdt-Thomsen, mit denen ich Mitte der 1970er Jahre diesen Ansatz entwickelt habe. Wir reden eigentlich nicht von Subsistenzwirtschaft, sondern von Subsistenzperspektive. Das bedeutet, es ist kein ökonomisches Modell, sondern eine Neuorientierung, eine neue Sicht auf die Ökonomie. Das bedeutet etwas ganz anderes. Sie betrifft nicht nur die Ökonomie, sondern auch die Gesellschaft, die Kultur, die Geschichte und alles mögliche andere. Das zweite ist, dass viele Leute fragen: Was verstehen Sie unter Subsistenz? Dann sage ich meistens: Subsistenz steht für uns im Gegensatz zur Warenproduktion, die das Ziel der kapitalistischen Produktion ist. Die allgemeine Warenproduktion, d. h. alles, was es gibt, muss in Waren verwandelt werden. Das kann man heute besonders im Zuge der Globalisierung beobachten. Die Subsistenzproduktion hat ein ganz anderes Ziel, nämlich die unmittelbare Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, was nicht zunächst über Geld und die Herstellung von Waren geht. Das ist ganz wesentlich für uns, dass es eine unmittelbare Produktion und Reproduktion des Lebens ist. Deshalb reden wir von „Lebensproduktion“ anstatt von „Warenproduktion“.

Ich möchte noch ergänzen, dass wir diese Perspektive entdeckt haben – so muss man das wohl nennen –, als wir in der Frauenbewegung dabei waren, uns mit der Hausarbeit zu befassen. Das war eine weltweite Diskussion, die damals überall unter Feministinnen geführt wurde. Die Frage war, was Hausarbeit im Kapitalismus bedeutet. Warum wird diese Arbeit nicht als Arbeit angesehen? Warum wird sie nicht bezahlt? Warum ist das lohnlose Arbeit? Wir erkannten, dass diese Arbeit deshalb im Kapitalismus nicht bezahlt werden kann, da ansonsten das Akkumulationsmodell zusammenbrechen würde. Das heißt nicht, dass es überhaupt keinen Kapitalismus mehr geben würde, wie manche gedacht haben, nein, aber dass es auf jeden Fall viel zu teuer wäre, wenn alle Arbeit, die im Haushalt gemacht würde, bezahlt wird: Also Kinder gebären, großziehen, den Mann zu reproduzieren – wie es damals hieß –, Alte und Kranke versorgen. Wenn das alles Lohnarbeit wäre, die wie reguläre Lohnarbeit bezahlt werden müsse, dann wäre das kaum zu bezahlen und würde das ganze Modell des Kapitalismus grundsätzlich ändern. So sind wir auf den Begriff gekommen, der eigentlich gar nicht von uns stammt, denn der Subsistenzbegriff ist ein alter Begriff, dass das, was wir Lebensproduktion nennen, eigentlich immer notwendig ist als Voraussetzung für jede Art von Lohnarbeit. Wir haben damals formuliert: Ohne Subsistenzarbeit gibt es keine Lohnarbeit. Aber ohne Lohnarbeit gibt es sehr wohl Subsistenzarbeit. Denn das ist die ewige Voraussetzung nicht nur von jeder Art von Leben, sondern auch jeder Art von Arbeit, dass für das Essen, das Wohnen, das unmittelbare Leben gesorgt wird. Das ist sehr wertvolle Arbeit, aber sie wird nicht durch Geld entlohnt. Das war der Punkt, wo wir diesen Zusammenhang sahen. Und dann sahen wir außerdem, dass die Hausarbeit nicht die einzige Art von Arbeit ist, die auf diese Weise, praktisch ohne Kosten für das Kapital, ausgebeutet wird. Sondern dass es ähnliche Arbeit bei Kleinbauern gibt, die auf der ganzen Welt für ihre eigene Selbstversorgung arbeiten. Auch die verkaufen etwas am Markt, aber sie sind keine Lohnarbeiter. Und das interessante ist, dass sie genauso wenig wie die Arbeit der Frauen im Bruttosozialprodukt oder Bruttoinlandsprodukt vorkommen. Sie zählen nicht, wie eine der Frauen aus Neuseeland, Marilyn Waring, geschrieben hat. „If Women Counted“ – wenn die Frauenarbeit zählen würde, was dann? Ein sehr interessantes Buch. Und dann entdeckten wir drittens, die Kleinbauern haben etwas mit der Hausarbeit zu tun, und beide haben etwas mit der Arbeit in den Kolonien zu tun. Da kam dieser Begriff auf, denn alle drei waren wir längere Zeit in der Dritten Welt gewesen. Ich war viele Jahre in Indien gewesen, die beiden Freundinnen in Lateinamerika, und da stellten wir fest: Ohne dass ganze Länder über einen langen Zeitraum ausgebeutet worden sind als Kolonien, gäbe es den Kapitalismus auch nicht. Und wenn sie heute genauso gleich behandelt würden, alle Arbeit in den „Kolonien“ – ich nenne sie immer noch „Kolonien“ –, dann wäre nicht viel zu akkumulieren. Und deshalb haben wir alle diese Verhältnisse koloniale Verhältnisse genannt. Das Mann-Frau-Verhältnis ist ein koloniales, das Verhältnis zwischen Kleinbauern und Industrie ist auch ein koloniales, und natürlich die kolonialen Verhältnisse zwischen Metropole und Kolonie sind sowieso koloniale.

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass die Subsistenzperspektive und die Subsistenzgesellschaften und -ökonomien nicht von selber verschwunden sind, sondern das ist gemacht worden, das waren ganz bewusste Politiken. Die Subsistenzgesellschaften haben vor dem Zweiten Weltkrieg noch überall existiert, und zwar auf dem Land und in der Stadt. Bei uns (in Deutschland) waren die Kleinbauern diejenigen, die den größten Teil der Nahrung herstellten und die Bevölkerung versorgten. Aber dann gab es auch in den Städten, zu meinem Erstaunen sogar in den USA, Subsistenzproduktion in vielfältiger Weise. Das hat eine amerikanische Feministin erforscht und festgestellt, dass bis in die 1960er Jahre hinein in den Nachbarschaften in den großen Industriestädten eine ganze Menge von Subsistenztätigkeiten fort existierten. Erstens gab es nachbarschaftliche, gegenseitige Hilfe. Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit, der Reziprozität war da. Es wurden Gemüse und Früchte eingemacht, entweder hatte man noch einen kleinen Garten irgendwo oder man kaufte das billig auf dem Markt und machte es ein. Es war eine Tätigkeit hauptsächlich im Haushalt, und dasselbe galt auch für Fertigkeiten wie nähen oder irgendetwas zu reparieren, da half immer ein Nachbar oder ein Freund. Die Arbeiterklasse hätte wahrscheinlich in diesen Städten damals gar nicht überleben können, wenn es das nicht sehr lange gegeben hätte. Aber dann hat die amerikanische Regierung mit dem neu aufkommenden Fordismus ein ganz neues Wirtschaftsmodell von oben durchgesetzt. Zunächst einmal wurden die Löhne für die Industriearbeiter erhöht. Wenn man verglich, was man kaufen konnte für diese Löhne mit dem, wenn man das selber machte, das war ein großer Unterschied. Daher hörten die Leute langsam auf, das zu machen.

Durch bestimmte Maßnahmen haben sich die Bauernhöfe dann langsam verschuldet und sich nicht mehr halten können. Man sagte dann, hiervon kannst du nicht mehr leben. Ich gehe weg. Diese Politik dauert heute noch genauso an. Das andere ist, dass man die ganze Landwirtschaft auf Monokultur, auf Großproduktion, chemischen Dünger und Pestizide umstellen wollte; auf große Maschinen, denn das war wiederum etwas, was die Industrie fördert. Das Ganze fand auf Erdölbasis statt. Die Bauern sollten im großen Maße Milch, Butter, Fleisch, Eier, usw. produzieren und seither haben wir diese Agrarfabriken überall. Die wurden dann auch mit Subventionen gefördert, dass sie einen Überschuss produzieren und dieser Überschuss wird dann in die Dritte Welt abgeladen, wie wir alle wissen. Diese Möglichkeit hat es so in der Dritten Welt fast überhaupt nicht gegeben. Da wurde zwar dieselbe Landwirtschaftspolitik gemacht, z. B. in der Grünen Revolution, und die kleinen Bauern verloren ihr Land oder mussten es verkaufen, weil sie nicht konkurrieren konnten mit den großen, oder weil sie die Schulden nicht zurückzahlen konnten. Aber wenn sie in die Städte zogen, dann landeten sie in den Slums. Und dort machten sie Subsistenzproduktion. Das war übrigens der Anfang für unsere Beschäftigung mit der Subsistenz gewesen. Bei jener Konferenz in Bielefeld ging es um Subsistenzproduktion in der Dritten Welt. Man hat in Afrika und in vielen anderen Ländern beobachtet, was die Leute in den Slums machen. Die mussten irgendwie überleben, aber sie hatten kein Land mehr. Die machten alles Mögliche wie Gelegenheitsarbeit, die klauten auch, die machten dieses und jenes oder waren irgendwo Dienstmädchen. Niemand kümmerte sich darum. Es gab keinen Sozialstaat, der sie auffängt, auch heute noch nicht. Das heißt, die Subsistenzproduktion war auf dem Land notwendig, um überhaupt Widerstand leisten zu können gegen diese ganze Politik, und in den Städten war sie eine Politik des Überlebens.
Jetzt fragen Sie mit Recht, wieso denn ein oft so elendes Leben eine Perspektive für eine bessere Gesellschaft sein kann? Das klingt zunächst ein bisschen absurd. Aber wenn wir uns genau ansehen, wie die Leute überleben und was sie alles machen, dann entdecken wir wieder, dass die alten Prinzipien, von denen ich vorhin schon gesprochen habe, wieder belebt werden: Gegenseitige Hilfe, dass man bereit ist, alles wieder zu machen, das man selber machen kann. Das ist eine neue oder positive Perspektive, da bei diesen Tätigkeiten, selbst wenn sie auf einem ganz niedrigen Niveau stattfinden, die Leute wieder entdecken, dass sie selbst souverän sind, ihre Eigenmächtigkeit, ihr Leben zu produzieren, wie wir das nennen. Das ist kein Mangel, es ist etwas sehr positives zu entdecken, dass wir mit anderen zusammen kollektiv unser Leben durchaus produzieren und organisieren können. Natürlich braucht man auch Geld, das will ich gar nicht in Abrede stellen, aber das alleinige Arbeiten nur für Geld ist nicht die beste Sache, das ist die eine Seite. Das andere ist, dass die Subsistenzproduktion bzw. die Subsistenzorientierung sehr viel umfassender die Bedürfnisse befriedigt, als das gekaufte Waren jemals können. Denn diese gekauften Waren beinhalten eigentlich nichts. Es ist tote Arbeit, die dort materialisiert ist. Die werden verbraucht, dann sind sie weg, dann muss man wieder neue Waren kaufen, und der Mensch ist nie befriedigt. Das ist nämlich der Punkt. Das fängt mit den ganzen Geräten und technischen Errungenschaften an, zuerst hatte man Schwarz-Weiß-Fernsehen, das reichte dann nicht mehr, dann musste man Farbfernsehen haben, dann musste man einen Computer haben, dann musste man ein Handy haben, jetzt müssen Kinder ein Handy haben und so geht es weiter. Aber könnte man sagen, dass das eine glückliche, befriedigte Gesellschaft ist? Ich habe von einer Bewegung in den USA gehört, die nach dem guten Leben sucht. Das ist ein alter ökonomischer Begriff, den schon Aristoteles als Ziel der Ökonomie angewandt hat. Das Ziel der Ökonomie sei das gute Leben. Die Leute in den USA sagen, wir arbeiten und arbeiten, aber das gute Leben kommt nicht. Wo bleibt das gute Leben? Wir sagen deshalb, das ist das Ziel der Subsistenz. Die Subsistenz ist nicht Mangel und Elend, wie uns immer weisgemacht wird. Wenn sie richtig verstanden wird und nicht als individuelle Subsistenz – die kann es gar nicht geben –, dann musst du immer mit anderen zusammen etwas zu machen, nicht nur um zu überleben, sondern um gut leben zu können. Dann kann sich das gute Leben tatsächlich herstellen. Du erfährst selbst, dass du eigenmächtig bist, dass du mit anderen zusammen souverän bist. Das ist eine ganz andere Art von Befriedigung, als wenn du deinen 8-Stunden-Tag hinter dich gebracht hast und vielleicht auch ganz gut verdient hast. Das gute Leben soll dann mit 65 Jahren kommen, aber dann kommt es auch nicht mehr. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum die Leute in unseren Gesellschaften so unglücklich sind. Die Entfremdung in der Lohnarbeit lässt sich nicht durch noch so viel Geld aufheben. Aber in der Subsistenzperspektive ist das sehr wohl möglich. Und das könnte ich an Beispielen auch belegen.

Freunde von mir in Bangladesch haben angefangen, sich gegen das zu wehren, was die großen multinationalen Konzerne dort in der Landwirtschaft anstellen. Sie haben festgestellt, dass der Boden kaputt ist, das Wasser voll Arsen ist und die Erträge sinken. Das Versprechen der Grünen Revolution war, in den Monokulturen wird alles in vielfacher Weise produziert. Sie haben festgestellt, dass das nicht stimmt. Dann sind sie auf die Idee gekommen, dass das doch früher nicht so der Fall war. Und sie haben eine neue Bauernbewegung gegründet, die nennt sich Nayakrishi Andalon und ging von den Frauen aus. Die Frauen haben seit der Grünen Revolution festgestellt, dass die Männer sie immer verprügeln. Diese Gewalt kannten sie früher nicht, denn sie waren die Hüterinnen des Saatguts. Das Saatgut, der Samen, war in ihren Händen, sie mussten es aufbewahren und den Bauern sagen, jetzt ist es Zeit zu säen, usw. Sie haben sich dann zusammen getan und beschlossen, wir wollen das ändern. Die ganze Initiative ging von Frauen aus, um ein befriedigendes, glückliches Leben wiederzuerlangen. Das war das explizite Ziel. Wir wollen ein glückliches Leben haben! Wenn Sie die Bauern in dieser Bewegung fragen, werden ihnen alle sagen, sie wollen ein glückliches Leben haben. Fragen Sie einmal einen Bauern hier in Deutschland, ob seine Arbeit ihn glücklich macht… Als erstes haben sie gesagt, hier kommt kein Multi herein. Diese Dörfer haben sie zu giftfreien Dörfern erklärt. Hier kommt kein Multi rein mit all dem Gift, das er verspritzt. Ich habe vergessen zu sagen, dass viele der Frauen, weil sie unglücklich waren, Selbstmord begangen haben und das herumstehende Gift, die Pestizide, selber getrunken und sich auf diese Weise vergiftet haben. Heute werden dort wieder dieselben Prinzipien praktiziert, eigentlich alte Prinzipien, aber auch neue, wie eine Landwirtschaft fruchtbar und produktiv werden kann, ohne dass man diese Inputs aus den Industrieländern hinein gibt. Es sind vielerlei Dinge, die sie wieder neu entdeckt haben, z. B. die Vielfalt. Sie machen keine Monokultur, ihren eigenen Kompost, sie helfen sich gegenseitig, und das Saatgut kaufen sie nicht mehr. In fast allen Dörfern haben sie Saatguthäuser, und die sind wieder in der Hand der Frauen, die das Saatgut aufbewahren und konservieren. Sie sind wieder souverän, sie haben das, was die Via Campesina, eine oppositionelle, weltweite Kleinbauernorganisation, Nahrungssouveränität nennt. Ich glaube, jede Subsistenz fängt mit der Nahrungssouveränität an. Das ist ein Beispiel und das ist jetzt eine große Bewegung in Bangladesch.
Es gibt auch hier bei uns viele Beispiele, die weniger bekannt sind. Es gibt die Kommunen, das ist eher bekannt, wie Niederkaufungen oder Longo Mai, die schon lange als Kommunen in einer subsistenten Lebensweise arbeiten. Was mich aber besonders beeindruckt hat, sind die kommunalen internationalen Gärten, die seit einiger Zeit in Deutschland existieren. Die wurden von Flüchtlingsfrauen in Göttingen gegründet. Die ersten entstanden in Göttingen, als die Frauen sagten, wir sind hier nicht glücklich, wir wollen nicht immer Almosen bekommen. Eine Sozialarbeiterin hat sie gefragt, was fehlt euch, was wollt ihr am meisten? Dann haben sie gesagt, was wir am meisten vermissen, sind unsere Gärten. Dann hat sie von der evangelischen Kirche Land besorgt und dann haben sie angefangen, gemeinsam zu gärtnern. Keine Schrebergärten, sondern kommunale Gärten, wo die verschiedenen Gruppen von Migranten und Migrantinnen, nachher kamen auch Männer hinzu, dort gärtnern. Inzwischen gibt es in Deutschland schon 70 solcher kommunalen, internationalen Gärten in verschiedenen Städten. Auch in Köln gibt es welche.

Es ist sehr, sehr wesentlich, dass wir heute auf das Ganze schauen, also nicht nur irgendwo in einem Dorf oder in der Stadt eine kleine Subsistenzinsel herstellen und dann zufrieden sind, sondern wir müssen den globalen Blick haben, denn wir haben heute eine globalisierte Weltwirtschaft. Das ist einfach ein Fakt.

Es gibt einige Prinzipien, die auch heute noch genauso modern sind, wie sie früher waren. Ich habe einige schon genannt. Wenn die im Zentrum der Ökonomie stehen und nicht der individuelle Egoismus, wie es heute der Fall ist – davon geht die ganze Wirtschaftswissenschaft aus, dass im Zentrum der individuelle Nutzen, das individuelle Interesse steht. Wenn da stattdessen, etwas steht wie gegenseitige Hilfe, Reziprozität, Gemeinschaftlichkeit, kollektives Arbeiten und auch kollektives Genießen, dann ist das eine andere Sache. Wenn Konsum und Produktion nicht mehr so auseinander gerissen sind, dann ist das auch eine andere Sache. Das sind Gedanken, die erst einmal wieder in die Köpfe kommen müssen. Das ist nicht so einfach, das sehe ich selber auch. Denn es ist schwierig, von diesem Konsummodell, das wir jetzt haben, herunterzukommen, obwohl die Leute wissen, es hat uns nicht glücklich gemacht.

Wenn wir eine Subsistenzorientierung hätten, müssten wir eine andere Technik haben. Denn in unserer Technik ist überall der Verschleiß eingebaut, die Arbeitshetze ist in die Technik eingebaut und ich sage immer: Unsere Technik ist nicht systemneutral. Sie ist kapitalistisch. Abgesehen davon, dass sie patriarchalisch ist, das will ich jetzt nicht weiter erörtern. Vor allem ist sie kapitalistisch, mit allem was dazu gehört. Da bräuchten wir ein anderes Nachdenken über Technik. Man muss auch fragen, was für eine Technik wir brauchen, dass sie die Arbeit wirklich erleichtert und nicht einfach mehr Waren auf den Markt schmeißt.

Es herrscht immer noch die Vorstellung, dass die Industriegesellschaft und die industrielle Monokultur das produktivste sei. Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für alle anderen Formen der Monokultur, dass diese Art der Arbeit am produktivsten sei und Subsistenzproduktion ganz unproduktiv sei. Deshalb taucht sie z. B. auch nicht im Bruttosozialprodukt auf. Sie sei nicht produktiv, denn produktiv ist nur das, was in Geld gemessen werden kann. Das stimmt nicht einmal, wenn man diesen bekannten Produktivitätsbegriff anlegt, der viel zu eng ist, um die wirkliche Produktivität der Arbeit und der Subsistenzproduktion zu erfassen.
Denn diese Vielfalt, diese Symbiose zwischen verschiedenen Lebewesen, Tieren, Pflanzen und Menschen, die in einem gewissen Gebiet zusammenleben, die aber doch alle ihr Auskommen und gutes Leben haben, das wird man mit noch so vielen addierten Monokulturen nicht hinkriegen.

TAZ

Piratenutopias

Die Seeräuber und Korsare des 18.Jahrhunderts schufen ein »Informationsnetzwerk«, das den Globus umspannte: primitiv und primär dem harten Business gewidmet, funktionierte das Netz dennoch auf bewundernswerte Weise. Das Netz bestand aus versprengten Inseln, entlegenen Verstecken, wo Schiffe vor Anker gehen und mit Proviant beladen, Raubgut und Beute gegen Luxusgüter und Notwendigkeiten getauscht werden konnten. Einige dieser Inseln unterstützten ‚‘intentionale Gemeinschaften'‘, ganze Mini-Gesellschaften, die bewußt außerhalb des Gesetzes lebten und entschlossen waren durchzuhalten, und sei es auch nur für eine kurze aber glückliche Zeit.¶

Vor einigen Jahren schaute ich die Sekundärliteratur zum Piratentum durch in der Hoffnung, eine Studie über diese Enklaven zu finden – aber bislang scheint kein Historiker dies einer Analyse für wert befunden zu haben. (William Burroughs und der verstorbene britische Anarchist Larry Law haben die Enklaven erwähnt.) Ich griff auf Primärquellen zurück und schuf meine eigene Theorie. Einige Aspekte davon stelle ich in diesem Essay zur Diskussion. Ich nenne die Siedlungen »Piratenutopias«.¶

Kürzlich veröffentlichte Bruce Sterling, einer der führenden Exponenten von Cyberpunk-Science-Fiction, einen Zukunftsroman, der auf der Annahme basiert, daß der Zerfall politischer Systeme zu einer Zunahme von dezentralisierten Lebensexperimenten führen wird: riesigen Unternehmen in Produzentenhand, unabhängige Enklaven, die sich der »Datenpiraterie« widmen, anarchistische befreite Zonen usw. Die Informationsökonomie, die diese Vielfalt trägt, wird das Netz genannt; die Enklaven sind Islands in the Net (wie auch der Buchtitel lautet).3.1¶

Die Assassinen des Mittelalters gründeten einen »Staat«, der aus einem Netzwerk abgelegener Bergtäler und Festungen bestand, die Tausende von Kilometern voneinander entfernt, nicht einnehmbar und über die Informationsweitergabe durch Geheimagenten miteinander verbunden waren. Sie befanden sich im Kriegszustand mit allen Regierungen, und es ging ihnen ausschließlich um Erkenntnis. Die moderne Technologie, kulminierend in Spionagesatelliten, läßt diese Art von Autonomie zu einem romantischen Traum werden. Es gibt keine Pirateninseln mehr! Zukünftig könnte die gleiche Technologie – befreit von jeglicher politischen Kontrolle – eine Welt von autonomen Zonen möglich machen. Einstweilen bleibt ein solches Konzept allerdings Science Fiction – pure Spekulation.¶

Werden wir, die wir in der Gegenwart leben, denn niemals Autonomie erleben, niemals einen Moment lang auf einem Stückchen Land stehen können, das nur von Freiheit regiert ist? Sind wir denn auf die Verklärung von Vergangenheit und Zukunft reduziert? Müssen wir warten, bis die ganze Welt von politischer Kontrolle befreit ist, bevor nur ein einziger von uns behaupten kann zu wissen, was Freiheit bedeutet. Logik und Emotion verbinden sich, um eine solche Annahme zu verwerfen. Die Vernunft behauptet, man könne nicht für etwas kämpfen, das man nicht kennt. Und das Herz empört sich über ein Universum, das grausamerweise einzig unserer Generation solche Ungerechtigkeiten widerfahren läßt.¶

Zu sagen »Ich werde nicht frei sein, bis alle Menschen (oder alle fühlenden Wesen) frei sind«, heißt, sich in einen Nirwana-Stupor zurückziehen, Menschlichkeit zu verneinen. Wir definieren uns so als Verlierer.¶

Ich glaube hingegen, daß sich aus Zukunftsvisionen und dem Wissen um die Vergangenheit der »Inseln im Netz« Beweise zusammentragen lassen, die deutlich machen, daß gewisse »freie Enklaven« heutzutage nicht nur möglich, sondern auch existent sind. Meine Studien und Spekulationen kristallisieren sich in dem Konzept der TEMPORÄREN AUTONOMEN ZONE (in der Folge abgekürzt: TAZ). Doch trotz der synthetisierenden Kraft für mein eigenes Denken möchte ich die TAZ mehr als einen Essay (»Versuch«), als Vorschlag, als poetische Spielerei verstanden wissen. Sollte meine Sprache dann und wann von schwärmerischem Enthusiasmus geprägt sein, so versuche ich doch nicht, ein politisches Dogma aufzustellen. Ich habe es vielmehr bewußt vermieden, eine Definition der TAZ zu liefern – ich umkreise das Thema, feuere Erklärungsstrahlen ab. Letztendlich erklärt sich die TAZ fast von selbst. Würde der Terminus gebräuchlich werden, würde er ohne Schwierigkeiten verstanden … begriffen in der Aktion.¶

Warten auf die Revolution

Wie kommt es, daß die »umgewälzte Welt« sich immer wieder ins Rechte zu setzen vermag? Warum folgt der Revolution stets Reaktion – wie die Jahreszeiten in der Hölle?¶

Aufstand oder Insurrektion sind Wörter, mit denen Historiker gescheiterte Revolutionen oder Bewegungen bezeichnen, die nicht dem erwarteten Schema folgen, der konsentierten Abfolge: Revolution, Reaktion, Verrat, Gründung eines stärkeren und noch repressiveren Staates – das Räderwerk, die stetige Wiederholung der Geschichte in ihrer niedrigsten Form: für immer den Stiefel im Gesicht der Menschlichkeit.¶

Durch das Scheitern, diesem Schema zu folgen, verweist der Aufstand auf die Möglichkeit einer Bewegung außerhalb und jenseits der hegelianischen Spirale des »Fortschritts«, die eigentlich nichts anderes als ein circulus vitiosus ist. Der Slogan »Revolution!« ist von einem Signal zu einem Gift mutiert, einer malignen pseudo-gnostischen Schicksalsfalle, einem Alptraum, wobei – wie immer wir auch kämpfen – wir diesem finsteren Äon, diesem Inkubus Staat, einem Staat nach dem anderen niemals entkommen und jeder »Himmel« von einem weiteren noch schlimmeren Engel regiert wird.¶

Wenn Geschichte »Zeit« IST, was sie zu sein beansprucht, dann ist der Aufstand ein Moment, der in die Zeit hinein- und aus ihr herausbricht, den »Lauf« der Geschichte unterbricht. Wenn der Staat Geschichte IST, was zu sein er beansprucht, dann ist die Insurrektion der verbotene Augenblick, eine unverzeihliche Leugnung der Dialektik – ein verrückter Tanz, der Zauber eines Schamanen an einer »unmöglichen Stelle« im Universum.¶

Geschichte lehrt, daß die Revolution »permanent«, zumindest aber von Dauer ist, während der Aufstand sich »temporär« ereignet. In diesem Sinne ist ein Aufstand wie ein »Erlebnishöhepunkt« – im Gegensatz zu »gewöhnlichem« Bewußtsein und Erleben. Aufstände können nicht wie Festivals jeden Tag stattfinden – sonst wären sie nicht »ungewöhnlich«. Solche Momente aber geben der Gesamtheit des Lebens Gestalt und Bedeutung. Der Schamane kehrt zurück – aber es haben Veränderungen stattgefunden, ein Unterschied ist gemacht.¶

Du wirst sagen, dies sei ein Rat der Verzweiflung. Was ist mit dem anarchistischen Traum, dem staatenlosen Zustand, der Commune, der autonomen Zone von Dauer, einer freien Gesellschaft, einer freien Kultur? Müssen wir diese Hoffnung für irgendeinen existentialistischen acte gratuit aufgeben? Du wirst sagen, es geht nicht um die Veränderung des Bewußtseins, sondern um die Veränderung der Welt.¶

Ich akzeptiere dies als berechtigte Kritik. Ich erlaube mir allerdings zwei Einwürfe. Erstens: Durch Revolution ist dieser Traum nie verwirklicht worden. Die Vision entsteht im Moment des Aufstandes – aber sobald »die Revolution« triumphiert und der Staat wiederersteht, sind Traum und Ideal bereits verraten. Ich habe weder die Hoffnung auf oder gar die Erwartung von Veränderung aufgegeben – aber ich mißtraue dem Wort Revolution. Zweitens: Selbst wenn wir statt des revolutionären Vorgehens ein Konzept der spontan in anarchistische Kultur übergehenden Insurrektion verfolgten, so ist doch unsere historische Situation für ein solches Unterfangen nicht besonders günstig. Nichts als ein sinnloses Märtyrertum wäre womöglich die Folge einer direkten Konfrontation mit dem Sicherheitsstaat, dem Informationsstaat der Megakonzerne, dem Imperium des Spektakels und der Simulation. Seine Gewehre sind sämtlich auf uns gerichtet, während unsere bescheidenen Waffen kein Ziel finden außer Hysterese, einer Leere, einem Gespenst, das in einem Ektoplasma der Information jeden Funken zum Erlöschen bringen kann, einer Gesellschaft der Kapitulation, die dem Bild des Cop und dem verschlingenden TV-Schirm unterliegt.¶

Kurz, wir preisen die TAZ nicht als exklusiven Selbstzweck, wodurch alle anderen Formen der Organisation, Taktiken und Ziele ersetzt werden könnten. Wir empfehlen sie, weil ihr die vorwärtstreibende Intensität, die mit dem Aufstand assoziert wird, eigen ist, ohne notwendigerweise zu Gewalt und Märtyrertum zu führen.¶

Die TAZ ist wie ein Aufstand, der nicht zur direkten Konfrontation mit dem Staat führt, wie eine Operation einer Guerilla, die ein Gebiet (Land, Zeit, Imagination) befreit und sich dann auflöst, um sich irgendwo/irgendwann zu re-formieren, bevor der Staat sie zerschlagen kann. Da dem Staat primär an Simulation denn an Substanz gelegen ist, kann die TAZ diese Gebiete klandestin »besetzen« und eine ganze Weile in Ruhe ihren freudigen Zwecken nachgehen. Bestimmte kleine TAZen haben ewig existiert, da sie unbemerkt blieben, wie etwa Hillbilly-Enklaven – da sie sich nie mit dem Spektakel kreuzten, niemals jenseits jenes realen Lebens erschienen, das den Agenten der Simulation unsichtbar ist.¶

Babylon hält seine Abstraktionen für Realitäten; genau in diesem Bereich des Irrtums kann die TAZ existent werden. Die TAZ lebendig werden lassen, kann Taktiken der Gewalt und Verteidigung beinhalten, ihre größte Stärke aber ist ihre Unsichtbarkeit – der Staat kann sie nicht wahrnehmen, da die Geschichte keine Definition davon kennt. Sobald die TAZ benannt (repräsentiert, mediatisiert) ist, muß sie verschwinden, wird sie verschwinden und ein leere Hülse zurücklassen, nur um anderswo wieder zu enstehen, erneut unsichtbar, weil in Begriffen des Spektakels nicht faßbar. Die TAZ ist daher eine perfekte Taktik in einer Zeit, da der Staat omnipräsent und all-mächtig ist und dennoch zugleich Risse und Leerstellen zeigt. Und da die TAZ ein Mikrokosmos dieses »anarchistischen Traumes« einer freien Kultur ist, kann ich mir keine bessere Taktik vorstellen, mit der auf dieses Ziel hingearbeitet werden könnte, während gleichzeitig einiger ihrer Vorzüge schon hier und jetzt erfahrbar sind.¶

Zusammengefaßt: Der Realismus verlangt nicht nur, daß wir das Warten auf »die Revolution« aufgeben, sondern auch aufhören, sie zu wollen. »Aufstand«, ja – so oft wie möglich und selbst unter dem Risiko der Gewalt. Das Zucken des Simulierten Staates wird »spektakulär« sein, aber in den meisten Fällen wird die beste und radikalste Taktik sein, sich spektakulärer Gewalt zu verweigern, sich aus dem Feld der Simulation zurückzuziehen, zu verschwinden.¶

Die TAZ ist der Ort von Guerillaontologen: zuschlagen und abhauen. Haltet den ganzen Stamm in Bewegung, selbst wenn er nur im Spinnengewebe existiert. Die TAZ muß zur Verteidigung in der Lage sein; aber sowohl der »Angriff« wie auch die »Verteidigung« sollten, wenn möglich, der Gewalt des Staates ausweichen, die längst bedeutungslos ist. Die Attacke gilt den Strukturen der Kontrolle, im wesentlichen den Ideologien. Die Verteidigung ist »Unsichtbarkeit«, eine Kampfsportart, und »Unverwundbarkeit« – eine »okkulte« Kunst innerhalb der Kampfsportarten. Die »nomadische Kriegsmaschinerie« erobert, ohne bemerkt zu werden, und zieht weiter, bevor die Karten neu gezeichnet sind. Was die Zukunft betrifft – nur Autonome können Autonomie denken, sie organisieren, schaffen. Der erste Schritt ist Satori ähnlich – die Realisierung, daß die TAZ mit einem einfachen Akt des Realisierens beginnt.¶

(Anmerkung: Siehe Anhang C, Zitat von Renzo Novatore)

Die Psychotopologie des Alltagslebens

Das Konzept der TAZ ensteht zunächst aus einer Kritik von Revolution und einer Würdigung der Insurrektion. Letztere ist laut Revolution zum Scheitern verurteilt. Aber für uns stellt der Aufstand – aus dem Blickwinkel der Psychologie der Befreiung – eine weitaus interessantere Möglichkeit dar als all die »erfolgreichen« Revolutionen von Bourgeoisie, Kommunisten, Faschisten usw.¶

Die zweite Triebkraft der TAZ entspringt der historischen Entwicklung, die ich als »Vollenden der Karte« bezeichne. Das letzte Stückchen Erde, auf das noch kein Nationalstaat Anspruch erhoben hatte, wurde 1899 verschlungen. Unser Jahrhundert ist das erste ohne terra incognita, ohne unerschlossenes Gebiet. Nationalität ist das höchste Prinzip der Weltbeherrschung – nicht ein Felspartikel in der Südsee kann offen gelassen werden, nicht ein abgelegenes Tal, nicht einmal der Mond und die Planeten. Das ist die Apotheose des »territorialen Gangstertums«. Nicht ein Quadratzentimeter der Erde ohne Polizei oder ohne Steuer … so die Theorie.¶

Die »Karte« ist ein politisch abstraktes Gitternetz, ein gigantischer Schwindel, vom »Experten« Staat per Konditionierung über alle möglichen Institutionen durchgesetzt, bis für die meisten von uns die Karte zum nationalstaatlichen Territorium wird – aus »Turtle Island« »die USA« werden. Da jedoch die Karte eine Abstraktion ist, kann sie die Erde nicht im übereinstimmenden Maßstab bedecken. Innerhalb der fraktalen Verflechtungen aktueller Geographie kann die Karte nur dimensionale Gitternetze erfassen. Versteckte Unermeßlichkeiten entgehen der Meßrute. Die Karte ist nicht genau; die Karte kann nicht genau sein.¶

Also – die Revolution ist zuende, der Aufstand allerdings möglich. Wir konzentrieren unsere Kraft auf temporäre »Machtwellen« und vermeiden jegliche Verwicklung in »permanente Lösungen«.¶

Und – die Karte ist vollendet, die temporäre Zone eine offene Möglichkeit. Bildlich gesprochen, entsteht sie innerhalb der fraktalen Dimensionen, die der Kartographie der Kontrolle unsichtbar sind. Und hier sollten wir das Konzept der Psychotopologie (und -topographie) als eine alternative »Wissenschaft« zur Vermessung und Kartenerstellung durch den Staat und dem »psychischen Imperialismus« vorstellen. Nur die Psychotopographie kann Karten im Maßstab von 1:1 zeichnen, da nur der menschliche Geist über genügend Komplexität verfügt, das Reale zu modellieren. Aber eine Karte im Maßstab von 1:1 kann ihr Territorium nicht »erfassen«, da sie im Grunde genommen mit ihrem Territorium identisch ist. Sie dient nur dazu, auf bestimmte Merkmale hinzuweisen. Wir suchen nach »Räumen« (geographischen, sozialen, kulturellen, imaginären), die potentiell als autonome Zonen erblühen können – und wir suchen nach »Zeiten«, in denen diese Räume relativ offen sind, entweder wegen der Nachlässigkeit seitens des Staates, oder weil sie den Kartographen – aus welchen Gründen auch immer – entgangen sind. Psychotopologie ist die Kunst, potentielle TAZen aufzuspüren.¶

Die Revolution ist be-, die Karte vollendet. Dies sind jedoch nur die negativen Quellen der TAZ. Es bleibt einiges über die positiven Inspirationen zu sagen. Reaktion allein kann nicht die Energie freisetzen, die benötigt wird, eine TAZ zu »manifestieren«. Ein Aufstand kann nicht nur gegen, sondern muß auch für etwas sein.¶

1. Erstens können wir von einer natürlichen Anthropologie der TAZ sprechen. Die Kernfamilie ist die Basiseinheit der Gesellschaft, sie fußt auf diesem Konsens, nicht aber die TAZ. (»Familien! – wie ich sie hasse! Die Armseligen der Liebe!« – Gide) Die Kernfamilie mit dem dazugehörigen »ödipalen Elend« scheint eine neolithische Erfindung zu sein, eine Reaktion auf die »agrarische Revolution« mit ihrem auferlegten Mangel und der aufoktroyierten Hierarchie. Das paläolithische Modell ist sowohl ursprünglicher wie auch radikaler: die Horde. Die typische Jäger/Sammler-, nomadische oder semi-nomadische Horde besteht aus ungefähr 50 Leuten. Innerhalb größerer tribaler Gesellschaften wird die Horden-Struktur von Clans innerhalb des Stammes erfüllt, oder durch Sodalitäten wie initiatische oder Geheim-, Jagd- oder Kriegsgesellschaften, Gendergesellschaften, »Kinderrepubliken« und so weiter. Wird die Kernfamilie durch Mangel produziert (und führt zu Geiz), wird die Horde durch Überfluß produziert (und resultiert in Verschwendung). Die Familie ist geschlossen, durch Genetik, durch des Mannes Besitz von Frauen und Kindern, durch die hierarchische Totalität der agrarischen/industriellen Gesellschaft. Die Horde ist offen – nicht für jede(n) natürlich, aber für die verwandte Gruppe, die auf Solidarität und Liebe Eingeschworenen. Die Horde ist nicht Teil einer umfassenderen Hierarchie, sondern vielmehr Teil einer horizontalen Struktur von Sitten, erweiterter Verwandtschaft, von Vertrag und Allianz, spirituellen Ähnlichkeiten usw. (Amerikanische indianische Gesellschaften haben gewisse Aspekte dieser Struktur bis zum heutigen Tag bewahrt.)¶

In unserer eigenen post-spektakulären Gesellschaft der Simulation arbeiten viele Kräfte – weitgehend unsichtbar – daran, der Kernfamilie ein Ende zu bereiten und zur Horde zurückzukehren. Veränderungen in der Arbeitsstruktur erschüttern die »Stabilität« des Einzel-Heimes und der Einzel-Familie. Zur eigenen »Horde« gehören heutzutage Freundinnen/Freunde, Ex-Gattinnen/-gatten und Ex-Liebhaberinnen/-Liebhaber, Leute, denen man in verschiedenen Jobs und auf politischen Versammlungen, in Interessengruppen, Netzwerken, Mailnetworks etc. begegnet ist. Die Kernfamilie wird ganz augenfällig mehr und mehr zur Falle, ein kulturelles Schlundloch, eine neurotische, geheime Implosion gespaltener Atome – und die offensichtliche Gegenstrategie entsteht spontan in der fast unbewußten Wiederentdeckung der archaischeren und dennoch eher post-industriellen Möglichkeit der Horde.¶

2. Die TAZ als Festival. Stephen Pearl Andrews hat einmal als Bild für die anarchistische Gesellschaft die Dinner Party gewählt, bei der jegliche Autoritätsstruktur sich in Konvivialität und Zelebration auflöst (siehe Anhang C). Wir könnten hier auch Fourier und seine Auffassung von den Sinnen als Basis des gesellschaftlichen Werdens beschwören – »touch-rut« und »Gastrosophie« – und sein Päan auf die vernachlässigten Implikationen von Geruch und Geschmack. Die alten Vorstellungen von Jubelfesten und Saturnalien haben ihren Ursprung in der Intuition, daß gewisse Dinge sich jenseits »profaner Zeit« ereignen, jenseits des Zeitmaßes von Staat und Geschichte. Diese Feiertage haben buchstäblich Leerstellen im Kalender okkupiert – interkalare Intervalle. Im Mittelalter waren fast ein Drittel aller Tage Feiertage.¶

Die Auseinandersetzungen anläßlich der Kalenderreform hatten vielleicht ihren Ursprung nicht so sehr in den »verlorenen elf Tagen«, sondern vielmehr in der Ahnung, daß die imperiale Wissenschaft sich anschickte, die Lücken im Kalender zu schließen, in denen sich der Leute Freiheit akkumuliert hatte – ein Coup d‘Etat, ein Kartographieren des Jahres, eine Eroberung von Zeit, wodurch der organische Kosmos in ein Universum des Uhrwerks verwandelt wurde. Damit starb das Festival.¶

Die Aufständischen wissen stets um den Festcharakter der Insurrektion, selbst mitten im bewaffneten Kampf, bei Gefahr und Risiko. Der Aufstand gleicht Saturnalien, die sich von den interkalaren Intervallen gelöst haben (oder zu verschwinden gezwungen waren) und nun die Freiheit haben, sich irgendwo und jederzeit zu ereignen. Zeitlich und räumlich frei, hat er nichtsdestotrotz einen Riecher dafür, ob die Situation reif ist, und ist dem genius loci verwandt. Die Wissenschaft der Psychotopologie markiert »Kraftströme« und »Energiepunkte« (um es in okkulten Begriffen auszudrücken), wodurch die TAZ raumzeitlich lokalisierbar wird und ihre Beziehung zu Augenblick und Schauplatz besser definiert werden kann.¶

Die Medien fordern »Kommt und genießt Euer Leben« und vereinen doch nur Ware und Spektakel, das bekannte Nicht-Ereignis purer Repräsentation. Gegen solche Obszönität verfügen wir über ein ganzes Spektrum an Verweigerungshaltungen (wie sie von den Situationisten, von John Zerzan, Bob Black et al. überliefert wurden) – und über eine Festkultur, die der Aufmerksamkeit der Möchtegernmanager unserer Muse entzogen und verborgen bleibt. »Fight for the right to party« ist in der Tat keine Parodie auf den radikalen Kampf, sondern eine neue Manifestation dessen. Angemessen einer Zeit, die TVs und Telephone als Möglichkeiten offeriert, anderere Menschen »zu erreichen und zu berühren«. »Sei da!«.¶

Pearl Andrews hatte recht: die Dinner Party ist bereits »die Saat der neuen Gesellschaft, die in der Hülse der alten Gestalt annimmt« (IWW-Präambel). Die »Stammeszusammenkünfte« der sechziger Jahre, die Waldkonklaven von Öko-Saboteuren, das idyllische keltische Maifest Beltane der Neo-Heiden, anarchistische Konferenzen, schwule Märchenzirkel … Harlem Rent Parties der zwanziger Jahre, Nachtclubs, Bankette, libertäre Picknicks der alten Zeit – wir sollten verstehen, daß all diese in gewisser Weise bereits »befreite Zonen« waren, zumindest potentielle TAZen sind. Ob nun offen für ein paar Freunde, wie im Falle einer Dinner Party, oder für tausende von Feiernden, wie bei einem Be-In, die Party ist immer »offen«; sie mag geplant sein, wenn sie sich aber nicht »ereignet«, ist sie ein Fehlschlag. Das Element der Spontaneität ist entscheidend.¶

Das Wesentliche der Party: von Angesicht-zu-Angesicht, eine Gruppe von Menschen agiert synergetisch, um die Wünsche der Einzelnen zu befriedigen, entweder die nach gutem Essen oder Spaß, Tanz, Konversation, Lebenskunst, vielleicht sogar die nach erotischem Vergnügen oder nach Vollendung eines gemeinsamen Kunstwerkes oder nach Seligkeit, kurz, eine »Union von Egoisten« (laut Stirner) in ihrer einfachsten Form oder aber, in Kropotkinschem Sinne, eine grundlegende Triebkraft in Richtung »gegenseitiger Hilfe«. (Wir sollten hier auch Batailles »Ökonomie der Verschwendung« und seine Theorie der Potlatch-Kultur erwähnen.)¶

3.Lebenswichtig zur Gestaltung der TAZ-Realität ist das Konzept des psychischen Nomadismus (oder des »wurzellosen Kosmopolitanismus«, wie wir es spaßeshalber nennen). Aspekte dieses Phänomens wurden von Deleuze und Guattari in Nomadology and the War Machine, von Lyotard in Driftworks und von verschiedenen anderen Autoren in der »Oasos«-Ausgabe von Semiotext(e) diskutiert. Wir gebrauchen hier den Terminus »psychischer Nomadismus« statt »urbaner Nomadismus«, »Nomadologie«, »Driftwork« usw., um all diese Konzepte in einem losen Komplex zusammenzufassen, der im Lichte der entstehenden TAZ zu studieren wäre.¶

»Der Tod Gottes«, in gewisser Weise eine De-Zentrierung des gesamten »Europäischen Projektes«, eröffnete eine vielschichtige post-ideologische Weltsicht, die »wurzellos« von Philosophie zu Stammesmythen, von Naturwissenschaft zum Taoismus wandern kann – fähig ist, erstmals mit den Augen eines goldenen Insektes zu sehen, wobei jede Facette den Blick auf eine gänzlich neue Welt eröffnet.¶

Aber der Preis für diese Vision war das Leben in einer Epoche, in der Geschwindigkleit und »Warenfetischismus« eine tyrannische falsche Einheit gebildet haben, die dazu tendiert, kulturelle Vielfalt und Individualität zu verwischen, so daß »ein Ort so gut wie der andere ist«. Dieses Paradox produziert »Zigeuner«, psychisch Reisende, die von Begierden und Neugier getrieben werden, Wanderer mit schwachen Loyalitäten (disloyal gegenüber dem »Europäischen Projekt«, das all seine Anziehungskraft und Vitalität verloren hat), die nicht an Ort und eine Zeit gebunden und auf der Suche nach Vielfalt und Abenteuer sind … Diese Beschreibung trifft nicht nur auf x-klassige Künstler und Intellektuelle zu, sondern auch auf Arbeitsmigranten, Flüchtlinge, die »Obdachlosen«, Touristen, die Wohnmobilkultur – auch Leute, die via Netz »reisen«, ihre eigenen Zimmer aber nie verlassen (oder diejenigen – wie Thoreau –, die »viel gereist sind – in Konkordia«); und schließlich trifft sie auf »jede(n)« zu, auf uns alle, die wir mit unseren Automobilen, unseren Ferien, unseren TVs, Büchern, Filmen, Telefonen, Jobwechseln, wechselnden »Lifestyles«, Religionen, Diäten etc. etc. leben.¶

Psychischer Nomadismus als Taktik, Deleuze & Guattari sprechen metaphorisch von »der Kriegsmaschine«, verschiebt das Paradox von einem passiven zu einem aktiven und vielleicht sogar »gewaltsamen« Modus. »Gottes« finale Zuckungen und letztes Totenbettgeklapper dauern nun schon so lange an – in Form des Kapitalimus, Faschismus und Kommunismus zum Beispiel –, daß immer noch eine Menge an »kreativer Destruktion« durch post-bakuninistische post-nietzscheanische Kommandos oder Apachen (wörtlich »Feinde«) am alten Konsensus zu leisten bleibt. Diese Nomaden praktizieren die Razzia, sie sind Korsare, sie sind Viren; sie brauchen und wünschen TAZen, Lager schwarzer Zelte unter den Wüstensternen, Interzonen, versteckte befestigte Oasen an geheimen Karawanenrouten, »befreite« Flecken des Dschungels und des Ödlandes, No-Go-Gebiete, Schwarzmärkte und Untergrundbasare.¶

Diese Nomaden richten ihre Reisen nach seltsamen Sternen aus, die luminöse Datencluster im Cyberspace oder vielleicht auch Halluzinationen sein können. Breite eine Landkarte aus, darüber eine Karte der politischen Veränderung; darüber, eine Karte des Netzes, besonders des Gegen-Netzes mit der Hervorhebung klandestiner Informationsströme und Logistik – und breite zum Schluß dann, über alles, die Karte der kreativen Imagination, Ästhetik und Werte im Maßstab von 1:1. Das entstehende Gitter wird lebendig, animiert von unerwarteten Energiewirbeln und -strömen, Lichteruptionen, geheimen Tunneln, Überraschungen.¶

Das Netz und das Spinnengewebe

Der nächste Faktor, der zur TAZ beiträgt, ist so umfassend und problematisch, daß ihm ein eigenes Kapitel gewidmet werden muß.¶

Wir haben vom Netz gesprochen, das als die Gesamtheit aller Informations- und Kommunikationstransfers definiert werden kann. Die Informationsübertragung ist in vielen Fällen privilegiert und bestimmten Eliten vorbehalten, was dem Netz eine hierarchische Dimension verleiht. Andere Transaktionen hingegen sind für alle offen – das Netz hat also auch einen horizontalen oder nicht-hierarchischen Aspekt. Daten des Militärs und der Geheimdienste unterliegen der Geheimhaltung ebenso wie die der Banken und Währungsinformationen und ähnliches. Aber Telefon, Postsystem, öffentliche Datenbanken etc. sind weitgehend für alle zugänglich. Daher ist innerhalb des Netzes allmählich eine Art Gegen-Netz entstanden, das wir Spinnengewebe nennen werden (so als sei das Netz eine Art Fischernetz und bestünde das Spinnengewebe aus Weben, die in die Zwischenräume und Lücken des Netzes gewirkt wurden). Im allgemeinen werden wir den Terminus Spinnengewebe dann gebrauchen, wenn wir uns auf die alternierende horizontale offene Struktur des Infoaustausches, das nicht-hierarchische Netzwerk beziehen und uns den Begriff Gegen-Netz für die klandestine illegale aufrührerische Nutzung des Spinnengewebes, einschließlich Datenpiraterie und anderer Formen, im Netz selber zu fischen, vorbehalten. Netz, Spinnengewebe und Gegen-Netz sind Teile des gleichen Komplexes – sie verschwimmen an unzähligen Punkten ineinander. Die Begriffe sollen keine Gebiete, sondern lediglich Tendenzen benennen.¶

(Abschweifung: Bevor du das Spinnengewebe oder Gegen-Netz wegen seines »Parasitentums« verdammst, das niemals eine wirklich revolutionäre Kraft sein kann, frage dich, worin »Produktion« im Zeitalter der Simulation besteht. Wer bildet die »produktive Klasse«? Vielleicht wirst du gezwungen sein zuzugeben, daß diese Begriffe ihre Bedeutung verloren zu haben scheinen. Jedenfalls sind die Antworten auf solche Fragen so komplex, daß die TAZ dazu tendiert, sie gänzlich zu ignorieren und sich das herauszugreifen, was sie nutzen kann. »Kultur ist nicht unsere Natur« – und wir sind die diebischen Elstern oder die Jäger/Sammler der Welt der CommTech.)¶

Die gegenwärtigen Formen des Spinnengewebes sind, so muß man vermuten, immer noch recht primitiv: das marginale Zine-Netzwerk, die BBS-Netzwerke, geklaute Software, Hacking, Telefon-Phreaking, ein wenig Einfluß in den Printmedien und in Radiosendern und fast keinen in den anderen großen Medien – nicht in Fernsehstationen, keine Satelliten, keine Fiberoptik, kein Kabel etc. etc. Das Netz selber zeigt jedoch ein Muster sich verändernder/entstehender Beziehungen zwischen Subjekten (»users«) und Objekten (»data«). Die Natur dieser Beziehungen ist ausführlich erforscht worden, von McLuhan bis zu Virilio.¶

Wir benötigten Seite über Seite, um zu »beweisen«, was mittlerweile »jede(r) weiß«. Statt dies noch einmal wiederzukäuen, interessiere ich mich vielmehr für die Frage, inwieweit diese entstehenden Beziehungen für die TAZ nutzbar zu machen sind.¶

Die TAZ hat einen temporären wie wirklichen Ort in der Zeit und einen temporären wie wirklichen Ort im Raum. Aber sie muß natürlich auch ihren »Ort« im Spinnengewebe haben, und dieser Ort ist von anderer Natur, nicht wirklich, sondern virtuell. Das Spinnengewebe bietet nicht nur logistische Unterstützung für die TAZ, es hilft auch, sie zu schaffen; grob gesprochen könnte man sagen, daß die TAZ im Informations-Raum wie in der »wirklichen Welt« existiert. Wir haben bemerkt, daß es der TAZ, da sie temporär ist, notwendigerweise an einigen Vorteilen der Freiheit fehlt, die aus der Erfahrung von Dauer und mehr-oder-weniger festem Ort erst entsteht. Aber das Spinnengewebe kann einiges von Dauer und Ort substituieren, die TAZ von Anfang an informieren, ihr jede Menge an verdichteter Zeit und verdichtetem Raum liefern, die zu Daten »verflüchtigt« wurden.¶

Beim derzeitigen Stand der Entwicklung des Spinnengewebes und unter Berücksichtigung unseres Verlangens nach dem »von Angesicht-zu-Angesicht« und nach dem Sensuellen müssen wir im Spinnengewebe primär ein Unterstützungssystem sehen, das Informationen von einer TAZ an eine andere liefert, die TAZ verteidigen, sie »unsichtbar« machen oder ihr Zähne verleihen kann, je nachdem, was die Situation erfordert. Aber mehr noch: Wenn die TAZ ein Nomadencamp ist, dann hilft das Spinnengewebe, die tribalen Epen, Lieder, Genealogien und Legenden zur Verfügung zu stellen; es verrät die geheimen Karawanenrouten und Raubpfade, auf denen die Stammesökonomie basiert; es enthält sogar einige der Wege, denen sie folgen werden, einige der Träume, die sie als Zeichen und Omen erfahren werden.¶

Das Spinnengewebe bedarf keiner Computertechnologie, um zu existieren. Mündliche Botschaften, Post, das marginale Zine-Netzwerk, »Telefonketten« und ähnliches reichen, ein Informations-Spinnengewebe zu schaffen. Das Entscheidende sind nicht die Marke oder das Level der verwendeten Technik, sondern die Offenheit und Horizontalität der Struktur. Nichtsdestotrotz impliziert das gesamte Konzept des Netzes die Verwendung von Computern. In den SciFi-Imaginationen wird das Netz für die Bedingungen des Cyberspace (wie in Tron oder Neuromancer) oder die Pseudo-Telepathie der »virtuellen Realität« gedacht. Als Fan von Cyberpunk male ich mir aus, daß »Realitätshacking« bei der Schaffung der TAZ eine wesentliche Rolle spielen wird. Mit Gibson und Sterling vermute ich, daß das offizielle Netz es niemals schaffen wird, das Spinnengewebe oder das Gegennetz auszuschalten – Datenpiraterie, ungenehmigte Transmissionen und der freie Informationsfluß können nicht eingeforen werden. (Die Chaos-Theorie – wie ich sie verstehe – prophezeit, daß irgendein universales Kontrollsystem unmöglich ist.)¶

Lassen wir jedoch die bloße Spekulation über die Zukunft beiseite, haben wir uns ernsthaften Fragen über das Spinnengewebe und die Technologie, die es impliziert, zu stellen. Die TAZ wünscht vor allem die Vermeidung jeglichen Vermittelns, wünscht, ihre Existenz als unmittelbar zu erfahren. Das Wesentliche dieser Sache ist »Brust-an-Brust«, wie die Sufis sagen, oder von Angesicht-zu-Angesicht. Aber, ABER: das Wesentliche des Spinnengewebes ist Vermittlung. Maschinen sind hier unsere Botschafter – der menschliche Körper ist irrelevant, außer als Terminal, mit all den negativen Konnotationen des Begriffs.¶

Die TAZ kann vielleicht am ehesten ihren eigenen Raum finden, indem sie sich zwei scheinbar widersprüchliche Haltungen gegenüber HiTech und deren Apotheose, dem Netz, durch den Kopf gehen läßt: 1. das, was wir als die Fifth Estate/neopaläolithische post-Situ-ultragrüne Position bezeichnen könnten: Wie Ludditen gegen Vermittlung und gegen das Netz vorgehen; und 2. die Cyberpunk-Utopisten, Futuro-Libertären, Realitätshacker und ihre Verbündeten, die im Netz einen Evolutionsfortschritt sehen und davon ausgehen, daß jedwede Übel der Vermittlung überwunden werden können – zumindest dann, wenn wir uns die Produktionsmittel angeeignet haben.¶

Die TAZ stimmt den Hackern zu, denn sie will existent werden und dies zum Teil durch das Netz und sogar durch die Vermittlung des Netzes. Sie stimmt aber auch den Grünen zu, denn sie bewahrt sich die intensive Bewußtheit vom eigenen Körper und empfindet nur Abscheu vor CyberGnosis, den Versuch, den Körper durch Instantaneität und Simulation zu transzendieren. Die TAZ findet die Tech/Anti-Tech-Dichotomie – wie die meisten Dichotomien – irreführend, da sich die sichtbaren Gegensätze als durch Semantik bewirkte Entstellungen oder gar Halluzinationen erweisen. Dies ist eine Art zu sagen, daß die TAZ in dieser, nicht in der Vorstellung von einer anderen Welt leben möchte, einer Vision von Welt, die aus falscher Vereinheitlichung entstand (ganz grün ODER ganz metallen), aus der nur nach und nach etwas werden kann (oder wie Alice sagte: »Marmelade gestern oder Marmelade morgen, aber niemals Marmelade heute«).¶

Die TAZ ist »utopisch« in dem Sinne, daß sie sich eine Intensivierung des Alltaglebens ausmalt, oder – wie die Surrealisten gesagt haben könnten – die Durchdringung des Lebens durch das Wunderbare. Aber sie kann nicht »utopisch« in der unmittelbaren Bedeutung des Wortes sein, nirgendwo, ein NichtOrt. Die TAZ ist irgendwo. Sie liegt an der Schnittstelle vieler Kräfte, wie etwa der heidnische Energiepunkt an der Kreuzung mysteriöser ‚‘ley-lines'‘ liegt, was für den Adepten in scheinbar nicht in Beziehung stehenden Gelände- und Landschaftsteilen, bei Luftströmen, im Wasser und bei Tieren sichtbar ist. Derzeit aber sind nicht alle Linien in Zeit und Raum eingraviert. Einige existieren nur »innerhalb« des Spinnengewebes, obwohl es Schnittstellen mit wirklichen Zeiten und Orten gibt. Vielleicht sind einige der Linien »nicht-gewöhnlich« in dem Sinne, daß es keine feste Regel für ihre Quantifizierung gibt. Diese Linien lassen sich im Lichte der Chaos-Theorie besser studieren als per Soziologie, Statistik, Wirtschaftswissenschaften etc. Die Kraftfelder, durch die die TAZ entsteht, sind jenen chaotischen »Seltsamen Attraktoren« ähnlich, die sozusagen zwischen den Dimensionen existieren.¶

Die TAZ nutzt ihrer Natur nach jede Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen – sie wird entweder in einer Höhle oder einer L-5 Space City entstehen –, aber sie wird vor allem leben, jetzt oder sobald wie möglich, in welch suspekter oder heruntergekommener Form auch immer, spontan, ohne sich um Ideologie oder gar Anti-Ideologie zu scheren. Sie wird sich des Computers bedienen, weil der Computer existiert, aber sie wird sich auch Kräfte bedienen, die so wenig mit Entfremdung oder Simulation zu tun haben, daß sie der TAZ einen gewissen psychischen Paläolithismus garantieren, einen primordial-schamanischen Geist, der sogar das Netz selbst »infizieren« wird (worin meinem Verständnis nach die wirkliche Bedeutung des CyberPunk liegt). Da die TAZ Intensivierung, Überfluß, Exzeß, Potlatch, gelebtes Leben bedeutet, statt lediglich Überleben (survival – was das wehleidige Schibboleth der 80er Jahre war), kann sie weder durch Tech noch durch Anti-Tech definiert werden.¶

Die Mandelbrot-Menge und deren computergraphische Realisierung zeigen uns – in einem fraktalen Universum – Karten, die in Karten eingebettet und faktisch verborgen sind, die wiederum in Karten eingebettet und verborgen sind … und so weiter – bis an die rechnerischen Grenzen. Wofür ist sie, diese Karte, die in gewisser Weise ein 1:1 Verhältnis zu einer fraktalen Dimension aufweist? Was kann man damit anfangen, außer ihre psychedelische Eleganz zu bewundern?¶

Müßten wir uns eine Informationskarte vorstellen – eine kartographische Projektion des Netzes in seiner Gesamtheit, – hätten wir die Elemente des Chaos zu berücksichtigen, die bereits sichtbar geworden sind, so zum Beispiel bei den Operationen paralleller Anwendung, bei der Telekommunikation, beim Transfer elektronischen »Geldes«, in Gestalt von Viren, beim Guerillahacking und so weiter.¶

Jedes dieser »Felder« des Chaos könnte durch – der Mandelbrot-Menge ähnlichen – Topographen dergestalt repräsentiert werden, daß die »Peninsulas« in die Karte eingebettet oder in dieser verborgen sind, so daß sie zu »verschwinden« scheinen. Dieses »Schreiben« – wovon Teile verschwinden, Teile sich im Hintergrund halten – repräsentiert genau den Prozeß, durch den das Netz bereits betroffen ist. Das Netz empfindet sich als unvollständig, letzten Endes aber als un-kontrollierbar. Mit anderen Worten, die Mandelbrot-Menge oder etwas ihr ähnliches könnte sich als nützlich für das »Plotting« (in allen Bedeutungen des Wortes) des Entstehens des Gegen-Netzes als chaotischer Prozeß erweisen, eine – um mit Prigogine zu sprechen – »kreative Evolution«. Wenn zu nichts sonst, so dient die Mandelbrot-Menge als Metapher für ein »Kartographieren« des TAZschen Interface mit dem Netz als ein Verschwinden von Information. Jede »Katastrophe« im Netz ist ein Knoten der Macht für das Spinnengewebe, das Gegennetz. Das Netz erleidet durch Chaos Schaden, während das Spinnengewebe dadurch gedeihen kann.¶

Ob durch einfache Datenpiraterie oder aber durch eine komplexere Entwicklung der tatsächlichen Beziehung zum Chaos, der Spinnengewebehacker, der Cybernetiker der TAZ wird Wege finden, sich Perturbationen, Crashes und Störungen im Netz zunutze zu machen (Wege, Informationen aus »Entropie« zu ziehen). Als Bricoleur, Sammler von Informationsfetzen, Schmuggler, Erpresser, vielleicht sogar Cyberterrorist wird der TAZ-Hacker an der Entwicklung klandestiner fraktaler Verbindungen arbeiten. Diese Verbindungen und die anderen Informationen, die zwischen ihnen ausgetauscht werden, werden »Antriebskräfte« für das Entstehen der TAZ selbst sein – so, als würde man dem Energiemonopol Elektrizität stehlen, um ein leerstehendes Haus für Besetzer zu erleuchten.¶

Um Situationen zu produzieren, die der TAZ dienlich sind, wird das Spinnengewebe im Netz parasitieren – wir können in dieser Strategie aber auch den Versuch sehen, an der Schaffung eines alternativen und autonomen Netzes zu arbeiten, das »frei« und nicht länger parasitär ist und als Basis für eine »neue Gesellschaft« dient, »die aus der Hülse der alten entstehen wird.« Das Gegen-Netz und die TAZ können, praktisch gesprochen, als Ziele für sich gesehen werden, theoretisch aber auch als Kampfformen für eine andere Realität.¶

Nachdem dies gesagt ist, müssen wir uns aber noch einiger Bedenken gegenüber Computern annehmen, einiger unbeantworteter Fragen über den Personal Computer.¶

Die Geschichte von Computernetzwerken, BBSs und verschiedenen anderen Experimenten in Elektrodemokratie ist bislang weitgehend hobbymäßig betrieben worden. Viele Anarchisten und Libertäre haben ein tiefes Vertrauen in den PC als Waffe der Befreiung und Selbstbefreiung – aber eigentlich keine wirklichen Fortschritte, keine nennenswerten Schritte in Richtung Freiheit vorzuweisen.¶

Ich habe wenig Interesse an einer hypothetischen, in Entstehung begriffenen Klasse von selbständigen Datenverarbeitern, die bald in der Lage sein wird, in großem Umfang in Klitschen oder durch Scheißarbeit gegen Stücklohn für verschiedene Unternehmen und Bürokratien zu produzieren. Darüberhinaus bedarf es keiner hellseherischen Fähigkeiten, vorauszusagen, daß diese »Klasse« ihre Unterklasse entwickeln wird – eine Art Lumpenyuppietariat: Hausfrauen, zum Beispiel, die für ihre Familien für ein »Zweiteinkommen« sorgen, indem sie ihre Wohnungen in Elektro-Schwitzbuden verwandeln, kleine Arbeitstyranneien, bei denen der »Boss« ein Computernetzwerk ist.¶

Ich bin auch wenig beeindruckt von der Art Information und den Dienstleistungen, wie sie von existierenden »radikalen« Netzwerken offeriert werden. Irgendwo – so wird einem gesagt – gibt es eine »Informationsökonomie«. Vielleicht ist dem so. Aber die Information, die über die »alternativen« BBSs gehandelt werden, scheint gänzlich aus Tratsch und technischem Geplauder zu bestehen. Ist das eine Ökonomie? Oder bloß ein Zeitvertreib für Enthusiasten? Okay, PCs haben eine weitere »Printrevolution« bewirkt – Okay, es entwickeln sich marginale Spinnengewebe – Okay, ich kann jetzt sechs Telefongespräche gleichzeitig führen. Was aber hat das für mein normales Alltagsleben geändert?¶

Ehrlich, ich verfügte bereits über jede Menge Daten, um meine Wahrnehmungen zu bereichern – was ist denn mit Büchern, Filmen, TV, Theater, Telefonen, der Post, veränderten Bewußtseinszuständen und so weiter? Brauche ich wirklich einen PC, um an noch mehr Daten heranzukommen? Du bietest mir geheime Informationen? Nun … vielleicht bin ich versucht – aber ich fordere immer noch wunderbare Geheimnisse, mehr als nur nicht ins Telefonbuch eingetragene Nummern oder Triviales über Cops und Politiker. Vor allem möchte ich Computer, die mir Informationen bieten, die mit realen Gütern zu tun haben – »den guten Dingen im Leben«, wie es in der Präambel der IWW heißt. Und hier muß ich, da ich die Hacker und BBSer einer ärgerlichen intellektuellen Vagheit bezichtige, erklären, was ich mit »realen Gütern« meine.¶

Aus politischen und persönlichen Gründen stehe ich auf gutes Essen, besseres als jenes, das der Kapitalismus zu bieten vermag – Essen, das nicht umweltverschmutzt und noch mit starkem und natürlichem Geschmack gesegnet ist. Um die Dinge noch komplizierter zu machen: Stell dir vor, das Essen, nach dem ich mich sehne, ist illegal – nichtpasteurisierte Milch vielleicht oder die köstliche kubanische Frucht Mammei, die nicht frisch in die USA eingeführt werden darf, da ihre Kerne halluzinogen sind (so sagt man mir). Ich bin kein Farmer. Nehmen wir mal an, ich wäre Importeur seltener Parfüms und Aphrodisiatika, und verschärfen wir das Ganze durch die Annahme, die meisten meiner Waren wären ebenfalls illegal. Oder vielleicht will ich auch nur mit Word-Processing-Services für organische Steckrüben Geschäfte machen, weigere mich aber, die Transaktion dem Finanzamt zu melden (was das Gesetz – du kannst es glauben oder nicht – vorschreibt). Oder vielleicht möchte ich andere Menschen treffen und wir uns unter Zustimmung aller in – illegalen – Akten gegenseitig Freude bereiten (dies ist versucht worden, aber alle Hard-Sex-BBSs wurden zerschlagen – und von welchem Nutzen ist ein Underground mit lausiger Sicherheit?). Kurzum, nehmen wir an, daß ich die Schnauze von bloßer Information voll habe. Eurer Meinung nach sollten Computer bereits in der Lage sein, meine Bedürfnisse nach Essen, Drogen, Sex, Steuerhinterziehung zu befriedigen. Was also ist Sache? Warum geschieht es denn nicht?¶

Die TAZ hat sich ereignet, ereignet sich und wird sich – mit oder ohne Computer – ereignen. Damit aber die TAZ ihr ganzes Potential entfalten kann, muß sie weniger eine Sache der Selbstentzündung, sondern mehr eine Angelegenheit von »Inseln im Netz« werden. Das Netz, oder vielmehr das Gegen-Netz, wird zu einem integralen Aspekt der TAZ, einer Bereicherung zur Entfaltung ihres Potentials, einem »Quantensprung« (seltsam, wie dieser Begriff zur Bedeutung großer Sprung kam) in Komplexität und Signifikanz. Die TAZ muß nun in einer Welt des puren Raumes existieren, der Welt der Sinne. Liminal, dahinschwindend gar, muß die TAZ Information und Begehren kombinieren, um das Abenteuer zu bestehen (ihr »Sichereignen«), ihr Schicksal bis zum äußersten herauszufordern, sich in ihr eigenes Werden zu vertiefen.¶

Vielleicht haben die Anhänger der neopaläolithischen Schule recht, wenn sie behaupten, daß alle Formen der Entfremdung und Vermittlung zerstört oder verworfen werden müssen, damit wir unsere Ziele verwirklichen können – oder vielleicht wird die wahre Anarchie nur im All verwirklicht werden, wie einige Futuro-Libertäre prognostizieren. Aber die TAZ schert sich nicht besonders um »war« oder »wird sein«. Die TAZ ist an Resultaten interessiert, an erfolgreichen Attacken auf die Realität des Konsensus, an Durchbrüchen in intensiveres und erfüllteres Leben. Wenn sich der Computer für dieses Projekt nicht nutzen läßt, dann muß der Computer überwunden werden. Meine Intuition sagt mir jedoch, daß das Gegen-Netz bereits entsteht, vielleicht sogar schon existiert – ich kann es aber nicht beweisen. Die Theorie von der TAZ basiert weitgehend auf dieser Intuition. Natürlich beinhaltet das Spinnengewebe auch nichtcomputerisierte Netzwerke des Austausches wie etwa Samisdat, Schwarzmarkt usw. – aber das Gesamtpotential des nichthierarchischen Informationsnetzwerkes verweist logischerweise auf den Computer als Werkzeug par excellence. Jetzt warte ich auf die Hacker, die mir beweisen, daß ich recht habe, ich mich auf meine Intuition verlassen kann. Wo sind meine Streckrüben?¶

»Nach Croatan verschwunden«

3.2

Wir haben nicht die Absicht, die TAZ zu definieren oder Dogmen darüber aufzustellen, wie sie geschaffen werden muß. Unsere Behauptung ist vielmehr, daß sie geschaffen wurde, geschaffen werden wird, geschaffen wird. Es ist daher wichtiger und interessanter, einen Blick auf einige TAZen aus Vergangenheit und Gegenwart zu werfen und über mögliche zukünftige Ausprägungen zu spekulieren. Indem wir ein paar Prototypen beschwören, sind wir vielleicht in der Lage, den potentiellen Rahmen des Komplexes zu ermessen und vielleicht sogar eine Ahnung von einem »Archetypen« zu bekommen. Statt in eine Art Enzyklopädismus zu verfallen, werden wir uns einer Streutechnik bedienen, eines Mosaiks flüchtiger Blicke. Wir beginnen recht willkürlich mit dem 16. und 17.Jahrhundert und der Besiedlung der Neuen Welt.¶

Die Öffnung der »neuen« Welt wurde von Anfang an als okkultistische Operation begriffen. Der Magier John Dee, spiritueller Berater von Elizabeth I, scheint das Konzept des »magischen Imperialismus« erfunden und damit eine ganze Generation infiziert zu haben. Halkyut und Raleigh erlagen seinem Zauber, und Raleigh nutzte seine Verbindungen zur »School of Night« – einer Kabale fortschrittlicher Denker, Aristokraten und Eingeweihter –, um Erforschung, Kolonisierung und Kartographie voranzutreiben. Shakespeares Der Sturm (The Tempest) diente der Propaganda für die neue Ideologie und die Roanoke Colony war deren erstes Vorzeigeexperiment.¶

Die alchimistische Sicht der Neuen Welt assoziierte diese mit materia prima oder Hyle, dem »Zustand der Natur«, Unschuld und »Alles-ist-Möglich« (»Virgin-ia«), einem Anfangschaos, das die Eingeweihten in »Gold« transmutieren würden, das heißt in spirituelle Perfektion wie auch materiellen Überfluß.¶

Aber diese alchimistische Vision ist zum Teil auch geprägt von der tatsächlichen Faszination vom ‚‘Wilden'‘, einer heimlichen Sympathie dafür, einem Gefühl der Sehnsucht nach seiner formlosen Form, dem der »Indianer« zum zentralen Symbol wurde: der »Mensch« im Naturzustand, unverdorben durch eine »Regierung«. Kaliban, der Wilde Mann, haust wie ein Virus just in der Maschine des Okkulten Imperialismus; der Wald/das Tier/die Menschen sind von Anfang an ausgestattet mit der magischen Kraft der Marginalisierten, Geächteten, Outcasts. Einerseits ist Kaliban häßlich und die Natur eine »heulende Wildnis« – anderseits ist Kaliban edel und ungebunden und die Natur das reinste Eden. Diese europäische Bewußtseinsspaltung geht der romantischen/klassischen Dichotomie voraus; sie hat ihren Ursprung in der Magie (High Magic) der Renaissance. Die Entdeckung Amerikas (Eldorado, die Quelle der Jugend) führte zu deren Kristallisierung; und sie beschleunigte sich in tatsächlichen Kolonisierungsvorhaben.¶

In der Grundschule wurde uns beigebracht, die ersten Besiedlungen in Roanoke3.3 seien gescheitert; die Kolonisatoren machten sich auf und davon und hinterließen lediglich die kryptische Nachricht: »Nach Croatan verschwunden«. Spätere Berichte über »grauäugige Indianer« wurden als Legenden abgetan. In den Schulbüchern hieß es, was sich wirklich zugetragen habe, sei die Massakrierung der hilflosen Siedler durch die Indianer gewesen. »Croatan« war jedoch nicht irgendein Eldorado, sondern der Name eines benachbarten Stammes freundlich gesonnener Indianer. Die Siedlung wurde offenbar von der Küste in die Great Dismal Swamps verlegt und ging in den tribalen Strukturen auf. Und die grauäugigen Indianer gab es wirklich – sie sind noch immer da und nennen sich noch immer Croatans.¶

Die erste Kolonie in der Neuen Welt hat es also vorgezogen, den Kontrakt mit Prospero (Dee/Raleigh/Empire) zu lösen. Ihre Bewohner liefen mit Kaliban zu den Wilden über. Sie stiegen aus. Sie wurden »Indianer«, »Eingeborene«, entschieden sich für das Chaos, statt sich dem schrecklichen Elend der Fronarbeit für die Plutokraten und Intellektuellen Londons auszusetzen.¶

Während Nordamerika entstand, wo einst »Turtle Island« war, blieb Croatan in seiner kollektiven Psyche fest verankert. Jenseits der Siedlungsgrenzen (Frontier) herrschte noch immer der »Natur«-Zustand vor (d.h. kein Staat) – und im Bewußtsein der Siedler schlummerte stets die Option der Wildheit, die Versuchung, Kirche, Farmarbeit, Bildung, Steuern – all die Lasten der Zivilisation – hinter sich zu lassen, und auf die ein oder andere Weise »nach Croatan zu verschwinden«. Als zudem die Revolution in England verraten wurde, zunächst von Cromwell, dann durch die Restauration, flohen sehr viele protestantische Radikale, oder sie wurden in die Neue Welt abtransportiert (die zu einem Gefängnis geworden war, ein Ort des Exils). Antinomisten, Familisten, Quaker, Levellers, Diggers und Ranters wurden schnell mit dem okkulten Schatten der Wildheit vertraut.¶

Anne Hutchinson und ihre Freundinnen und Freunde3.4 sind nur die bekanntesten (weil aus der Oberklasse) der Antinomisten, die das Pech hatten, Opfer der Bay-Colony-Politik zu werden. Es gab allerdings einen sehr viel radikaleren Flügel dieser Bewegung. Die Ereignisse, auf die sich Hawthorne in »The Maypole of Merry Mount« bezieht, sind historisch gesichert. Die Extremisten hatten offenbar beschlossen, sich völlig vom Christentum loszusagen und sich dem Paganismus zuzuwenden. Wenn sie es geschafft hätten, sich mit ihren indianischen Verbündeten zu vereinen, hätte das Resultat ein synkretistische antinomistisch/keltisch/algonkinische Religion, eine Art nordamerikanisches Santeria des 17.Jahrhunderts sein können.¶

Sektierer hatten unter den lockereren und korrupteren Administrationen der Karibik mehr Erfolg. Wegen der rivalisierenden europäischen Interessen waren viele Inseln unbewohnt, oder es wurde gar überhaupt kein Besitzanspruch erhoben. Besonders Barbados und Jamaika müssen von vielen Extremisten besiedelt worden sein, und ich glaube, daß die Einflüße von Levellers und Ranters zur Enstehung des Bukanier-»Utopia« auf Tortuga beigetragen haben. Hier können wir dank Esquemelin eine erfolgreiche Proto-TAZ der Neuen Welt tiefgreifender studieren. Vor solch fürchterlichen ‚‘Wohltaten'‘ des Imperialismus wie Sklaverei, Leibeigenschaft, Rassismus und Intoleranz, vor den Torturen der Zwangsarbeit und der Trostlosigkeit der Plantagen fliehend, nahmen die Bukanier3.5 indianische Lebensweisen an, heirateten in karibische Familien ein, akzeptierten Schwarze und Spanier als Gleiche, pfiffen auf jegliche Nationalität, bestimmten ihre Kapitäne per demokratischer Wahl und kehrten in den »natürlichen Zustand« zurück. Nachdem sie sich »im Krieg mit der ganzen Welt« deklariert hatten, segelten sie los, um zu räubern. Und dies nach gemeinsamen Verträgen, die »Articles« genannt wurden und so egalitär waren, daß jeder den gleichen Anteil und der Kapitän gewöhnlich 1 1/4 oder 1 1/2 Beuteanteile erhielt. Züchtigung und Bestrafung waren verboten – Streitereien wurden per Abstimmung beigelegt oder per Duell entschieden.¶

Es ist schlichtweg falsch, die Piraten als Wegelagerer der See oder gar Protokapitalisten zu bezeichnen, wie dies einige Historiker getan haben. In gewisser Weise waren sie »Sozialbanditen«, obwohl ihre Basiscommunities keine traditionellen Bauerngesellschaften, sondern »Utopias« waren, die nahezu ex nihilo auf terra incognita geschaffen wurden, Enklaven totaler Freiheit, die freie Räume auf den Karten besetzten. Nach dem Fall von Tortuga blieb das Bukanierideal während des »Goldenen Zeitalters« der Piraterie (ca. 1660-1720) lebendig. Die Folge waren Landbesiedlungen, in Belize beispielsweise, die von Bukaniern durchgeführt wurden. Als sich dann die Szene nach Madagaskar verlagerte – einer Insel, die noch nicht von irgendeiner imperialen Macht beansprucht und die von einem Patchwork lokaler Könige (Stammesoberhäupter) regiert wurde, die nach Piratenverbündeten suchten – erreichte das Piratenutopia seine höchste Form.¶

Defoes Bericht über Kapitän Mission und die Gründung von Libertatia mag, wie einige Historiker behaupten, ein literarischer Streich sein, mit dem die radikale Whig-Theorie propagiert werden sollte – er war aber zunächst in The General History of the Pyrates (1724-28) eingebettet. Diese Quellensammlung wird nach wie vor als Geschichtsschreibung geschätzt. Zudem wurde die Geschichte über Kapitän Mission nicht kritisiert, als das Buch erschien und viele alte Madagaskar-Kenner noch am Leben waren. Sie scheinen die Geschichte geglaubt zu haben, weil sie zweifellos Piratenenklaven wie die von Libertatia gekannt hatten. Dort wurden erneut befreite Sklaven, Einheimische und selbst traditionelle Feinde, wie etwa die Portugiesen, eingeladen, als Gleiche an dem Projekt teilzuhaben. (Die Befreiung der Sklaven von Sklavenschiffen war eine der Hauptbeschäftigungen.) Land war gemeinschaftlicher Besitz, Repräsentanten wurde nur für kurze Zeiträume gewählt, die Beute geteilt. Es wurden Freiheitsdoktrinen gepredigt, die weit radikaler waren als selbst die des Common Sense.¶

Libertatia hoffte auf Fortdauer, und Mission starb bei der Verteidigung der Enklave. Die meisten Utopias der Piraten waren allerdings temporär angelegt. Die wirklichen »Republiken« der Korsare waren faktisch ihre Schiffe, die unter »Articles« fuhren. Die Küstenenklaven kannten zumeist überhaupt kein Gesetz. Das letzte klassische Beispiel, Nassau auf den Bahamas, eine Strandsiedlung aus Hütten und Zelten, in der Wein getrunken und sich hemmungslos geliebt wurde (und wo – laut Birges Sodomy and Piracy – auch Knabenliebe nichts Außergewöhnliches war), Lieder gesungen (die Piraten waren außerordentlich musikbegeistert und heuerten Bands für die Dauer eines Raubzuges an) und fürchterliche Exzesse veranstaltet wurden, verschwand über Nacht, als die britische Flotte in der Bucht auftauchte. Blackbeard und »Calico Jack« Rackham und seine Crew von Piratinnen machten sich an wildere Küsten und in unzüchtigere Gefilde davon, während andere sich zu bessern versprachen. Aber die Bukaniertradition setzte sich sowohl auf Madagaskar – wo die Kinder der Piraten ihre eigenen Königreiche errichteten – und in der Karibik fort, wo entflohene Sklaven, und andere Menschen unterschiedlicher Hautfarbe in den Bergen und im Hinterland als »Maroons« existierten. Als Zora Neale Hurston in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts die Maroon-Community auf Jamaica besuchte (siehe Tell My Horse), verfügte diese noch über einen gewissen Grad an Autonomie und pflegte die alten Bräuche. Die Maroons von Surinam praktizieren immer noch afrikanischen »Paganismus«.¶

Während des 18.Jahrhunderts produzierte Nordamerika ebenfalls eine ganze Reihe »tri-racial isolate communities« von Drop-Outs. (Der klinisch klingende Terminus »tri-racial isolate communities« geht auf die Eugenikerbewegung (Eugenics Movement) zurück, welche die ersten wissenschaftlichen Studien über diese Communities erstellte. Die »Wissenschaft« diente allerdings nur dazu, den Haß auf »Mischlinge« und die Armen zu legitimieren, und die »Lösung des Problems« bestand gewöhnlich in Zwangssterilisation.) Die Kerne bestanden immer aus entflohenen Sklaven und Leibeigenen, sogenannten »Kriminellen« (d.h. ganz Armen), »Prostituierten« (wie die Eugeniker weiße Frauen bezeichneten, die Nichtweiße geheiratet hatten) und aus Angehörigen verschiedener lokaler Stämme. In einigen Fällen, wie etwa bei den Seminole und Cherokee, wurden die Neuankömmlinge von der traditionellen tribalen Struktur absorbiert, in anderen Fällen wurden neue Stämme gegründet. So ‚‘entstanden'‘ auch die Maroons der Great Dismal Swamps3.6 , die das 18. und 19. Jahrhundert überdauerten, entflohene Sklaven aufnahmen, als ‚‘Zwischenstation'‘ der Underground Railway3.7 fungierten und ein religiöses und ideologisches Zentrum für Sklavenrebellionen waren. Die Religion war HooDoo, eine Mischung aus afrikanischen, indianischen und christlichen Elementen. Und laut H. Leaming-Bey waren die Glaubensältesten und Führer der Great Dismal Maroons als »Seven Finger High Glister« bekannt.¶

Die Ramapaughs des nördlichen New Jersey (unrichtigerweise als »Jackson Whites« bekannt) haben ebenfalls eine romantische und archetypische Genealogie: befreite Sklaven der holländischen Poltroons, diverse Delaware- und Algonkin-Clans, die üblichen »Prostituierten«, die »Hessen« (Hessians: ein Schlagwort für ehemalige britische Söldner, abtrünnige Loyalisten usw.) und örtliche Banden von Sozialbanditen wie den Claudius Smith’s.¶

Auf einen afrikanisch-islamischen Ursprung berufen sich einige Gruppen wie etwa die Moors of Delaware und die Ben Ishmaels3.8, die Mitte des 18. Jahrhunderts von Kentucky nach Ohio migrierten. Die Ishmaels praktizierten Polygamie, tranken keinen Alkohol, verdienten ihren Lebensunterhalt als Minstrels, gingen Ehen mit Indianern ein und nahmen deren Bräuche und Gewohnheiten an und huldigten so sehr dem Nomadismus, daß sie ihre Häuser auf Räder bauten. Das Dreieck ihrer jährlichen Migration wurde unter anderem durch Frontier-Städten mit Namen wie Mecca und Medina gebildet3.9. Im 19. Jahrhundert hegten einige von ihnen anarchistische Ideale, und die Eugeniker des Eugenics Movement begingen an ihnen ein besonders teufliches Pogrom – nach ihrer Losung »Erlösung durch Auslöschung«. Einige der frühesten eugenischen Gesetze richteten sich gegen Gruppen wie die Ishmaels. Als Stamm »verschwanden« sie in den zwanziger Jahren, verstärkten aber wahrscheinlich die Reihen früher »schwarz-islamischer« Sekten wie dem Moorish Science Temple.¶

Ich selbst wuchs mit Legenden über die »Kallikaks« der nahegelegenen Pine Barrens von New Jersey auf (und über Lovecraft natürlich, einen fanatischen Rassisten, der von den isolierten Communities fasziniert war). Die Legenden erwiesen sich als Volkserzählungen, die auf den Verleumdungen der Eugeniker beruhten, die ihr US-Hauptquartier in Vineland, New Jersey, unterhielten und die üblichen »Reformen« gegen »Rassenmischung« und »Schwachsinn« in den Barrens anstrengten (einschließlich der Publikation von Fotografien der Kallikaks, die ebenso grob wie offensichtlich retouchiert worden waren, damit diese wie Monster aussahen).¶

Die »isolierten Communities« – zumindest diejenigen, die ihre Identität bis ins 20. Jahrhundert hinein bewahrt haben – weigerten sich durchgehend, von der Mainstream-Kultur oder der schwarzen »Subkultur« aufgesogen zu werden, der moderne Soziologen sie gerne zuordnen. In den siebziger Jahren beantragten eine Reihe von Gruppen, darunter die Moors und die Ramapaughs, inspiriert von der American Native Renaissance, ihre Anerkennung als indianische Stämme. Sie erhielten Unterstützung von indianischen Aktivisten, der offizielle Status wurde ihnen jedoch verweigert. Hätten sie gewonnen, wäre vielleicht ein gefährlicher Präzedenzfall für alle möglichen Drop-outs geschaffen worden, von »weißen Peyotisten« über Hippies bis zu schwarzen Nationalisten, »Ariern« (Aryans), Anarchisten und Libertären – ein »Reservat« für alle und jeden. Das »Europäische Projekt« kann die Existenz der Wilden nicht anerkennen – das grüne Chaos ist weiterhin eine viel zu große Bedrohung des imperialen Traumes von Ordnung.¶

Die Moors und Ramapaughs wiesen die »diachronische« oder historische Erklärung ihrer Ursprünge zugunsten einer »synchronen«, auf einem »Mythos« indianischer Adoption basierenden Selbstidentität zurück. Oder um es anders auszudrücken, sie nannten sich selbst »Indianer«. Man stelle sich vor, wieviele nach Croatan abreisen würden, wenn jeder, der es wünscht, »ein Indianer zu sein«, dies durch einen Akt der Selbstbezeichnung erreichen könnte. Jener alte okkulte Schatten liegt noch immer über den Überbleibseln unserer Wälder (die sich, nebenbei bemerkt, seit dem 19. Jahrhundert ausgebreitet haben, da Farmland zu Buschwald wurde. Thoreau träumte auf seinem Totenbett von der Rückkehr von » … Indianern … Wäldern … «: Rückkehr des Unterdrückten).¶

Die Moors und Ramapaughs haben natürlich gute materielle Gründe, sich als Indianer zu sehen – schließlich haben sie indianische Vorfahren –, aber wenn wir ihre Selbstbezeichnung in »mythischer« wie historischer Sicht würdigen, werden wir zu Erkenntnissen gelangen, die bei der Suche nach der TAZ weiterhelfen. In tribalen Gesellschaften existieren von einigen Soziologen als Männerbünde bezeichnete Gruppierungen: Totemgesellschaften, die in einem Akt der Gestaltveränderung mit der »Natur« identisch, das Totem-Tier werden wollen (Werwölfe, Jaguarschamanen, Leopardenmänner, Katzenzauberer usw.). Im Kontext einer gesamten kolonialen Gesellschaft (wie Taussig in Shamanism, Colonialism, and the Wild Man ausführt) wird die Kraft der Gestaltveränderung als der indigenen Kultur insgesamt inhärent erachtet – daher kommt dem am stärksten unterdrückten Sektor der Gesellschaft durch den Mythos okkulten Wissens eine paradoxe Macht zu, die vom Kolonisten gefürchtet, jedoch auch für sich ersehnt wird. Natürlich verfügen die natives über ein gewisses okkultes Wissen; aber als Reaktion auf die imperiale Wahrnehmung von native culture als eine Art »spiritual wild(er)ness« sehen sich die natives mehr und mehr bewußt in dieser Rolle. Auch wenn sie marginalisiert werden, gewinnt doch die Marginalität eine magische Aura. Vor dem Auftauchen des weißen Mannes waren sie einfach nur Stämme – nun sind sie »Hüter der Natur«, leben im »Naturzustand«. Der Kolonist selber wird von diesem »Mythos« verführt. Wann immer ein Amerikaner aussteigen oder zurück zur Natur möchte, stets »wird er zum Indianer«. Die radikalen Demokraten von Massachusetts (geistige Nachfahren der radikalen Protestanten), die die Tea Party organisierten und tatsächlich glaubten, Regierungen könnten abgeschafft werden (die gesamte Berkshire-Region erklärte, sich in einem »Naturzustand« zu befinden!), verkleideten sich als »Mohawks«. Die Kolonisten, die sich plötzlich gegenüber ihrem Herkunftsland marginalisiert sahen, nahmen die Rolle marginalisierter natives an, um so (in gewissem Sinne) an ihrer okkulten Kraft, ihrer mythischen Ausstrahlung teilzuhaben. Von den Mountain Men bis zu den Boy Scouts – der Traum, »zum Indianer zu werden«, zieht sich durch unzählige Strömungen der amerikanischen Geschichte, der Kultur und des Bewußtseins.¶

Die sexuellen Phantasien, die mit »tri-racial groups« verbunden sind, bestätigen diese Hypothese. »Natives« sind natürlich immer unmoralisch, aber Überläufer zu diesen und Drop-outs müssen gänzlich polymorph-pervers sein. Die Bukanier waren Sodomiten, die Maroons und Mountain Men lebten in einer »Mischkultur«, bei den »Jukes und Kallikaks« gab es Inzest, die Kinder liefen nackt umher und masturbierten in der Öffentlichkeit usw. usw. Die Rückkehr in einen »Natur«zustand« scheint die Ausübung jedes »unnatürlichen« Aktes zu gestatten, zumindest dann, wenn wir den Puritanern und Eugenikern Glauben schenken. Und da viele Menschen in unterdrückten, moralistischen, rassistischen Gesellschaften sich heimlich genau diese zügellosen Akte wünschen, projizieren sie sie auf die Marginalisierten und wiegen sich damit in der Gewißheit, daß sie selber zivilisiert und rein bleiben. Und tatsächlich lehnen einige marginalisierte Communities den moralischen Konsens der Gesellschaft ab – die Piraten taten dies ganz sicher! – und lebten zweifellos einige der von der Zivilisation unterdrückten Wünsche aus. (Würdest du das nicht?) »Wild« werden ist stets ein erotischer Akt, ein Akt der Nacktheit. Von der Erfüllung von Nietzsches Traum von einer neuen, von ethnischem und nationalem Chauvinismus befreiten Humanität – einem Vorläufer des »psychischen Nomaden« vielleicht sind wir heute weiter entfernt als zu seiner Zeit. Chauvinismus ist nach wie vor dominant. Aber die autonomen Zonen der Bukanier und Maroons, Ishmaels und Moors, Ramapaughs und »Kallikaks« oder ihre Geschichten bleiben als Indikatoren dessen, was Nietzsche »den Willen zur Macht als Verschwinden« genannt haben könnte. Wir müssen auf dieses Thema zurückkommen.¶

Musik als ein organisatorisches Prinzip

Unterdessen wenden wir uns jedoch der Geschichte des klassischen Anarchismus im Kontext des TAZ-Konzepts zu.¶

Vor der »Vollendung der Karte« ging jede Menge antiautoritärer Energie in »eskapistische« Kommunen wie Modern Times, die verschiedenen Phalanstères und so weiter. Interessanterweise sollten einige dieser Projekte nicht auf »ewig« betrieben werden, sondern nur so lange, wie sie Befriedigung gewähren würden. An sozialistisch-utopischen Maßstäben gemessen, »scheiterten« diese Experimente, und wir wissen daher sehr wenig über sie.¶

Als sich das Streben über die Siedlungsgrenze hinaus als unmöglich erwies, begann in Europa die Ära revolutionärer Kommunen in den Städten. Die Kommunen von Paris, Lyons und Marseille überlebten nicht lange genug, um irgendwelche Charakteristika von Dauer aufweisen zu können, und man fragt sich, ob sie dies überhaupt sollten. Unserer Ansicht nach liegt die hauptsächliche Faszination im Geiste der Kommunen. Während und nach jenen Jahren begannen Anarchisten mit der Praktizierung des revolutionären Nomadismus, zogen von Aufstand zu Aufstand, versuchten, in sich die Intensität des Elans zu bewahren, den sie im Moment der Insurrektion erlebt hatten. Tatsächlich sahen gewisse Anarchisten stirnerscher/ nietzscheanerscher Prägung in dieser Aktivität das Ziel an sich, einen Weg, immer eine autonome Zone zu besetzen, die Interzone, die sich während oder in der Folge von Krieg und Revolution auftut (vgl. Pynchons »Zone« in Gravity’s Rainbow). Sie erklärten, wenn irgendeine sozialistische Revolution erfolgreich sein sollte, wären sie die ersten, die sich dagegen auflehnten. Sie hatten nicht die Absicht aufzuhören, solange es keine universelle Anarchie gibt. 1917 begrüßten sie in Rußland freudig die freien Sowjets: das war ihr Ziel. Aber sobald die Bolschewiki die Revolution verraten hatten, waren die individuellen Anarchisten die ersten, die auf den Kriegspfad zurückkehrten. Nach Kronstadt verurteilten natürlich alle Anarchisten die »Sowjetunion« (ein begrifflicher Widerspruch) und zogen auf der Suche nach neuen Insurrektionen weiter.¶

Die Ukraine der Machno-Bewegung und das anarchistische Spanien waren auf Dauer angelegt, und trotz der Lasten und Zwänge andauernden Krieges läßt sich in beiden Fällen von einem gewissen Erfolg sprechen: nicht daß sie eine »lange Zeit« existiert hätten, aber sie waren gut organisiert und hätten länger bestehen können, wäre nicht die Aggression von außen gewesen. Ich werde mich daher statt dessen bei den Experimenten der Zwischenkriegsperiode auf die verrückte Republik von Fiume konzentrieren, die sehr viel weniger bekannt ist und nicht auf Dauer angelegt war.3.10¶

Gabriele D‘Annunzio, dekadenter Poet, Künstler, Musiker, Ästhet, Frauenheld, tollkühner Pionier der Aeronautik, Zauberer, Genie und Schurke, ging aus dem Ersten Weltkrieg als Held hervor, der über eine kleine Armee verfügte: die »Arditi«. Auf der Suche nach Abenteuer beschloß er, die Stadt Fiume einzunehmen und sie aus jugoslawischer in italienische Hand zu übergeben. Nach einer nekromantischen Zeremonie mit seiner Mätresse auf einem Friedhof in Venedig machte er sich daran, Fiume zu erobern. Dies gelang ihm ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Aber Italien lehnte sein großzügiges Angebot ab. Der Premierminister schimpfte ihn einen Verrückten.¶

Beleidigt beschloß D‘Annunzio, die Unabhängigkeit auszurufen und zu sehen, wie lange er diese verteidigen könne. Mit einem seiner anarchistischen Freunde entwarf er die Verfassung, in der Musik zum zentralen Prinzip des Staates erklärt wurde. Die Marineangehörigen (Deserteure und anarchistische Schifffahrtsgewerkschafter aus Mailand) nannten sich Uscochi – nach schon lange verschwundenen Piraten, die einst auf der Küste vorgelagerten Inseln lebten und venezianische und ottomanische Schiffe überfielen. Den modernen Uscochi gelangen einige wilde Coups: reiche italienische Handelsschiffe garantierten der Republik plötzlich eine Zukunft: Geld in den Koffern! Künstler, Bohèmiens, Abenteurer, Anarchisten (D‘Annunzio korrespondierte mit Malatesta), Flüchtlinge und Staatenlose, Homosexuelle, militärische Dandies (die Uniform war schwarz und mit dem Piratenzeichen geschmückt – später von der SS gestohlen) und wunderliche Reformer jeglicher Couleur (einschließlich Buddhisten, Theosophen und Vedantisten) tauchten haufenweise in Fiume auf. Die Party nahm kein Ende. D‘Annunzio trug jeden Morgen vom Balkon Gedichte und Manifeste vor, jeden Abend gab es ein Konzert, danach ein Feuerwerk. Hierin bestand die ganze Aktivität der Regierung. Als achtzehn Monate später der Wein und das Geld ausgegangen waren und schließlich die italienische Flotte auftauchte und ein paar Granaten auf das Stadtpalais abfeuerte, hatte keiner mehr die Energie, Widerstand zu leisten.¶

D‘Annunzio zeigte später –, wie viele italienische Anarchisten – Sympathien für den Faschismus – faktisch brachte Mussolini (der Ex-Syndikalist) selbst den Poeten auf diesen Weg. Als D‘Annunzio seinen Irrtum erkannte, war es zu spät: er war zu alt und krank. Aber Il Duce ließ ihn ohnehin töten – vom Balkon stürzen – und machte ihn so zum »Märtyrer«. Was Fiume betrifft, so können wir auf unserer Suche aus diesem Beispiel mehr über einige Aspekte lernen, obwohl die Ernsthaftigkeit der freien Ukraine und des freien Barcelona fehlte. In gewisser Weise war Fiume das letzte Piraten-Utopia (oder das einzige moderne Beispiel), aber vielleicht auch so etwas wie die erste moderne TAZ.¶

Ich glaube, wenn wir Fiume mit dem Paris der Revolte von 1968 (und den städtischen Insurrektionen der frühen siebziger Jahre in Italien) wie auch mit den amerikanischen gegenkulturellen Kommunen und den Einflüssen der Anarchos/Neuen Linken vergleichen, sollten wir gewisse Ähnlichkeiten feststellen, zum Beispiel: die Wichtigkeit ästhetischer Theorie (s. die Situationisten) – das, was »Piratenökonomie« genannt werden könnte, gut leben vom Surplus gesellschaftlicher Überproduktion – auch die Beliebtheit farbenprächtiger Militäruniformen – und das Konzept von Musik als Mittel revolutionärer gesellschaftlicher Veränderung – und schließlich die Gemeinsamkeit der Nichtdauer, der Bereitschaft, weiterzuziehen, der Gestaltveränderung, des Umsiedelns an andere Universitäten, auf andere Berggipfel, in andere Ghettos, Fabriken, sichere Unterschlüpfe, verlassene Farmen – oder gar das Einsteigen auf andere Bewußtseinsebenen. Niemand versuchte, eine weitere revolutionäre Diktatur zu errichten, weder in Fiume, Paris, noch in Millbrook. Entweder die Welt würde sich ändern oder eben nicht. Bleib unterdessen in Bewegung und lebe intensiv.¶

Der Münchner Sowjet (oder die »Räterepublik«) von 1919 zeigte gewisse Grundzüge der TAZ, wenn auch ihre erklärten Ziele – wie bei den meisten Revolutionen – nicht eben »temporär« waren. Gustav Landauer als Kulturminister und Silvio Gesell als Wirtschaftsminister und andere antiautoritäre und extrem libertäre Sozialisten wie der Dichter/Dramatiker Ernst Mühsam und Ernst Toller und Ret Marut (der Romanschriftsteller B. Traven) gaben dem Sowjet einen deutlichen anarchistischen Touch. Landauer, der Jahre der Isolation verbrachte, um an seiner großen Synthese von Nietzsche, Proudhon, Kropotkin, Stirner, Meister Eckhardt, den radikalen Mystikern und den romantischen Volksphilosophen3.11 zu arbeiten, wußte von Anfang an, daß der Sowjet zum Scheitern verurteilt war. Er hoffte nur, er würde lange genug existieren, damit er verstanden werden könnte. Kurt Eisner, Mitinitiator und Märtyrer des Sowjets3.12, glaubte buchstäblich, daß Poeten und Poesie die Basis der Revolution bilden sollten. Es existierten Pläne, große Teile Bayerns einem Experiment anarcho-syndikalistischen Wirtschaftens und gemeinschaftlichen Lebens zu widmen. Landauer unterbreitete Pläne für ein System Freier Schulen und für ein Theater des Volkes. Die Unterstützung für den Sowjet war mehr oder weniger beschränkt auf die ärmsten Unterklassen und Bohèmiens Münchens und Gruppen wie die Wandervögel (eine neoromantische Jugendbewegung), jüdische Radikale (wie Buber), die Expressionisten und andere Randexistenzen. Daher wird die Münchner Räterepublik von Historikern als »Kaffeehausrepublik« abgetan und deren Bedeutung im Vergleich mit der marxistischen und spartakistischen Partizipation an Deutschlands Nachkriegsrevolution(en) herabgewürdigt. Von den Kommunisten ausmanövriert und schließlich von Soldaten ermordet, die unter dem Einfluß der okkult/faschistischen Thulegesellschaft standen, verdient es Landauer, daß man ihn als Heiligen in Erinnerung behält. Allerdings wird er heute noch von Anarchisten mißverstanden und des »Verrats« an einer »sozialistischen Regierung« bezichtigt. Hätte der Sowjet nur ein Jahr gedauert, würden wir bei der Erwähnung seiner Schönheit weinen müssen – aber bevor auch nur die ersten Blumen jenes Frühlings verwelkt waren, wurden der Geist3.13 und die Poesie ausgelöscht, und wir haben all das vergessen. Stell dir vor, wie es gewesen sein muß, die Luft einer Stadt zu atmen, in der der Volksbeauftragte für Volksaufklärung gerade prophezeit hat, die Schulkinder würden bald die Werke Walt Whitmans auswendig kennen. Ach, gäbe es doch eine Zeitmaschine … ¶

Der Wille zur Macht als Verschwinden

Foucault, Baudrillard et. al. haben ausführlich verschiedene Formen des »Verschwindens« diskutiert. Ich will hier darlegen, daß die TAZ in gewisser Weise eine Taktik des Verschwindens ist.¶

Wenn Theoretiker vom Verschwinden des Sozialen sprechen, benennen sie damit zum einen die Unmöglichkeit der »sozialen Revolution« sowie die Unmöglichkeit »des Staates«, den Abgrund der Macht, das Ende des Diskurses der Macht. Die anarchistische Fragestellung sollte folglich sein: Warum sich mit einer Macht konfrontieren, die all ihre Bedeutung verloren hat und zur bloßen Simulation geworden ist? Solche Konfrontationen werden lediglich gefährliche und häßliche Gewaltausbrüche der hohlköpfigen Blödhammel zur Folge haben, die über sämtliche Waffenarsenale und Knäste verfügen. (Vielleicht ist dies ein krasses amerikanisches Mißverstehen sublimer und scharfsinniger franco-germanischer (Franco-Germanic) Theorie. Wenn ja, gut; wer hat denn gesagt, Verstehen sei für das Umsetzen einer Idee notwendig?)¶

Meinem Verständnis nach scheint Verschwinden eine sehr logische radikale Option für unsere Zeit zu sein, keineswegs ein Desaster oder der Tod für das radikale Projekt. Anders als die morbid nihilistische Deathfreak-Auffassung von Theorie intendiert meine, aus ihr einen Sprengsatz nützlicher Strategien der »Revolutionierung des Alltagslebens« zu machen: der Kampf, der nicht aufhören kann, selbst nicht mit dem allerletzten Scheitern der politischen und sozialen Revolution, da nichts außer dem Weltende ein Ende des Alltagslebens wie auch unseres Verlangens nach guten Dingen, nach dem Wunderbaren bringen kann. Und wie Nietzsche sagte, könnte die Welt zu einem Ende kommen, wäre dies logischerweise bereits geschehen. Dies ist nicht geschehen, also wird es nicht geschehen. Und – wie einer der Sufis sagte – egal, wieviel verbotenen Wein wir trinken, wir werden diesen rasenden Durst in die Ewigkeit tragen.¶

Zerzan und Black haben unabhängig voneinander bestimmte »Elemente der Verweigerung« (Zerzan) festgestellt, die vielleicht in gewißer Weise als symptomatisch für eine radikale Kultur des Verschwindens gesehen werden können, teilweise unbewußt, aber teilweise auch bewußt. Sie beeinflussen weit mehr Leute als irgendeine linke oder anarchistische Idee. Diese Gebärden richten sich gegen Institutionen und sind in diesem Sinne »negativ« – aber jede negative Gebärde verweist auf eine »positive« Taktik, die abgelehnten Institutionen zu überwinden, statt sich ihnen lediglich zu verweigern.¶

Die negative Haltung gegen das Schulwesen beispielsweise ist »freiwilliges Analphabetentum«. Da ich die liberale Hochschätzung von Bildung um des sozialen Aufstiegs willen nicht teile, kann ich auch die allerorten zu hörenden Schreckensseufzer wegen dieses Phänomens nicht nachvollziehen: Ich sympathisiere mit Kindern, die Bücher und den Mist in den Büchern ablehnen. Es gibt jedoch positive Alternativen, die sich der gleichen Energie des Verschwindens bedienen. Unterrichtung zu Hause und die Vermittlung von Fähigkeiten, wie etwa dem Müßiggang, resultieren aus der Absenz vom Gefängnis der Schule. ‚‘Hacking'‘ ist eine andere Form von »Bildung« – mit bestimmten Charakteristika der »Unsichtbarkeit«.¶

Eine massenhafte negative Haltung gegen Politik ist schlichtweg das Nicht-Wählen. »Apathie« (d.h. ein Überdruß vom langweiligen Spektakel) hält mehr als die Hälfte der Nation von den Wahlurnen fern; Anarchismus hat soviel nie bewirkt! (Noch hat Anarchismus irgendetwas mit dem Scheitern der jüngsten Volkszählung zu tun gehabt.) Wieder gibt es positive Parallelen: »Networking« als Alternative zu Politik wird in vielen gesellschaftlichen Bereichen praktiziert, und eine nichthierarchische Organisationsweise ist selbst über die anarchistische Bewegung hinaus populär geworden, schlicht und einfach, weil sie funktioniert. (ACT UP und Earth First! sind zwei Beispiele. Alcoholics Anonymous ist – seltsam genug – ein weiteres.)¶

Arbeitsverweigerung kann in Form von Absenteismus, Trunkenheit am Arbeitsplatz, Sabotage und bloßer Unaufmerksamkeit stattfinden, aber auch neuen Rebellionsweisen Auftrieb geben: mehr Selbständigkeit, Eingebundensein in die »schwarze« Ökonomie und »lavoro nero«, Ausweitung des Prinzips der sozialen Hängematte und andere kriminelle Optionen, Grasanbau etc. – alles mehr oder weniger »unsichtbare« Aktivitäten im Gegensatz zur traditionellen linken Konfrontationstrategie wie etwa der des Generalstreiks.¶

Sich der Kirche verweigern? Nun, die »negative Haltung« besteht wahrscheinlich im … Fernsehgucken. Aber die positiven Alternativen finden wir in allen möglichen nicht-autoritären Formen der Spiritualität, vom »nichtkirchlichen« Christentum bis zum Neo-Paganismus. Die »Freien Religionen«, wie ich sie gerne bezeichne, kleine, selbstgeschaffene, halb ernsthafte/halb spaßige Kulte, beeinflußt von Strömungen wie Discordianismus und Anarcho-Taoismus, sind überall zu finden und stellen einen sich verbreitenden »vierten Weg« jenseits der etablierten Kirchen, der televangelischen Frömmler und der Leere und der Konsumentenhaltung des New Age dar. Man könnte auch sagen, daß die wesentliche Ablehnung der Orthodoxie in der Konstruktion »privater Moralitäten« im Nietzscheanischen Sinne besteht: der Spiritualität von »freien Geistern«.¶

Die Negierung von Wohnung ist »Obdachlosigkeit«, durch die sich die meisten Betroffenen als Opfer sehen, weil sie nicht in die Nomadologie gezwungen werden möchten. Aber »Obdachlosigkeit« kann in gewissem Sinne eine Tugend, ein Abenteuer sein – so stellt es sich zumindest der großen internationalen Bewegung der Hausbesetzer dar – unseren modernen Hobos.¶

Die Negierung der Familie ist natürlich Scheidung oder ein anderes Symptom des »Scheiterns«. Die positive Alternative entspringt der Erkenntnis, daß das Leben ohne die Kernfamilie glücklicher sein kann, wobei hundert Blumen blühen – von alleinerziehenden Eltern über Gruppenhochzeiten bis zu erotischen Wahlverwandtschaften. Das »European Project« verteidigt in einem Nachhutgefecht die Familie – ödipales Elend ist das eigentliche Wesen der Kontrolle. Alternativen existieren – sie müssen allerdings im Verborgenen bleiben, besonders seit dem Krieg der 80er und 90er Jahre gegen Sex.¶

Was heißt Ablehnung von Kunst? Die »negative Haltung« ist nicht in dem dummen Nihilismus eines »Kunststreikes« oder der Verunstaltung eines berühmten Gemäldes zu finden – sie läßt sich an den gelangweilten Blicken ablesen, mit denen die meisten Leute bei der bloßen Nennung des Wortes reagieren. Wie aber sähe eine »positive Haltung« aus? Ist es möglich, sich eine Ästhetik vorzustellen, die nicht einnehmend ist, die sich von Geschichte und selbst vom Markt entfernt? Oder zumindest dazu tendiert? Die Repräsentation durch Präsenz ersetzen möchte? Wie macht sich Präsenz spürbar, selbst in (oder durch) Repräsentation?¶

»Chaos-Linguistik« verfolgt eine Präsenz, die kontinuierlich aus allen Ordnungen von Sprache und Bedeutungssystemen verschwindet; eine schwer faßbare Präsenz, schwindend, latif (»flüchtig«, ein Terminus der Sufi-Alchimie) – der ‚‘Seltsame Attraktor'‘, um den memes zusammenfließen, auf chaotische Weise neue und spontane Ordnungen bilden. Hier haben wir eine Ästhetik des Grenzbereiches zwischen Chaos und Ordnung, den Rand, das Gebiet der »Katastrophe«, wo der Zusammenbruch des Systems Aufklärung gleichen kann. (Anmerkung: Für eine Erklärung von »Chaos-Linguistik« siehe Anhang A, dann lies bitte diesen Abschnitt erneut.)¶

Das Verschwinden des Künstlers IST – in situationistischer Sicht – die »Aufhebung und Realisierung von Kunst«. Aber von wo verschwinden wir? Und hört oder sieht man jemals wieder von uns? Wir verschwinden nach ‚‘Croatan'‘ – was ist unser Schicksal? Unsere ganze Kunst besteht in einer Abschiedsnotiz an die Geschichte – »Nach Croatan verschwunden«. Wo aber ist es, und was werden wir dort tun?¶

Erstens: Wir sprechen hier nicht vom tatsächlichen Verschwinden aus der Welt und ihrer Zukunft – von keinem zeitlichen Zurück zur paläolithischen »ursprünglichen Freizeitgesellschaft« – von keinem immer und ewig währenden Utopia, von keinem Versteck in den Bergen, von keiner Insel; auch von keinem postrevolutionären Utopia – und sehr wahrscheinlich von keinerlei Revolution! – auch von keinem VONU, keiner anarchistischen Raumstation – noch akzeptieren wir ein »Baudrillardsches Verschwinden« in die Stille einer ironischen Hyperkonformität. Ich habe keine Probleme mit irgendwelchen Rimbauds, die der Kunst in irgendein Abessinien entkommen. Wir können aber eine Ästhetik schaffen, selbst eine Ästhetik des Verschwindens, indem wir den simplen Akt vollziehen, niemals wieder zurückzukehren. Indem wir sagen, wir sind keine Avantgarde, und es gibt keine Avantgarde, haben wir unser »Nach Croatan verschwunden« geschrieben. Die Frage ist dann: Wie sich ein »Alltagsleben« in Croatan vorstellen? Besonders, wenn wir nicht sagen können, daß Croatan in Zeit (Steinzeit oder Post-Revolution) oder Raum existiert. Ist es ein Utopia, irgendeine vergessene Stadt im Mittelwesten oder Abessinien? Wo und wann ist die Welt der unvermittelten Kreativität? Wenn sie existieren kann, ist sie existent – aber vielleicht nur als eine Art alternierender Realität, deren Wahrnehmung wir bislang noch nicht erlernt haben. Wo würden wir die Saat suchen – das unsere Gehsteige sprengende Unkraut – von dieser Anderswelt in unsere Welt? Hinweise, die richtigen Richtungen für die Suche? Ein Fingerzeig auf den Mond?¶

Ich glaube, daß die einzige Lösung für die »Aufhebung und Realisierung« von Kunst in dem Sichtbarwerden der TAZ liegt. Die Kritik, daß die TAZ »nichts als« ein Kunstwerk sei, würde ich vehement zurückweisen. Meiner Ansicht nach ist die TAZ die einzig mögliche »Zeit« und der einzig mögliche »Raum« für Kunst, die sich zum bloßen Vergnügen am kreativen Spiel und als eine wirksame Unterstützung der Kräfte ereignet, die es der TAZ erlauben, Kohärenz zu entwickeln und sich zu manifestieren.¶

Kunst ist in der Welt der Kunst zur Ware geworden; aber ein noch größeres Problem ist das der Re-Präsentation selbst und das der Verweigerung jeglicher Vermittlung. In der TAZ wird Kunst als Ware schlichtweg unmöglich werden; stattdessen wird sie eine Lebensbedingung sein. Sich von Vermittlung verabschieden ist schwieriger, aber die Beseitigung aller Sperren zwischen Künstler und »Nutzern« von Kunst wird zu einer Situation führen, in der (wie A.K. Coomaraswamy ausgeführt hat) »der Künstler keine besondere Person, sondern jede Person ein besonderer Künstler ist.«¶

Zusammengefaßt: Verschwinden ist nicht notwendigerweise eine »Katastrophe« – außer im mathematischen Sinne einer »plötzlichen topologischen Änderung«. All den hier skizzierten positiven Haltungen liegen statt der traditionell revolutionären Konfrontation wohl bestimmte Abstufungen der Unsichtbarkeit zugrunde. Die »Neue Linke« hat nie so recht an ihre eigene Existenz geglaubt – bis sie sich schließlich in den Abendnachrichten sah. Die Neue Autonomie wird im Gegensatz dazu entweder die Medien infiltrieren und von innen heraus umwälzen oder aber nie wieder »gesehen« werden. Die TAZ existiert nicht nur jenseits von Kontrolle, sondern auch jenseits einer Definition, jenseits des Benennens (welches Akte des Bestaunens und der Versklavung sind), jenseits des Verständnisses von Staat, jenseits der staatlichen Fähigkeit zu sehen.¶

Rattenlöcher im Babylon der Information

Die Taz als bewußte radikale Taktik wird unter bestimmten Bedingungen entstehen:¶

1.Psychologische Befreiung. Das heißt, wir müssen die Momente und Räume realisieren (real werden lassen), in denen Freiheit nicht nur möglich, sondern wirklich ist. Wir müssen wissen, auf welche Weise wir tatsächlich unterdrückt sind und auch, auf welche Weise wir eigener Repression unterliegen oder einer Phantasie nachhängen, in der uns Ideen knechten. ARBEIT beispielsweise ist für die meisten von uns viel eher ein Ärgernis als Politik. Entfremdung ist sehr viel gefährlicher für uns als zahnlose, überholte, sterbende Ideologien. Das geistige Festhalten an »Idealen« – die faktisch bloße Projektionen unserer Empörung über das Opferdasein sind – wird unser Projekt nicht weiterbringen. Die TAZ ist kein Vorbote irgendeines sozialutopischen Eden, dem wir unser Leben zu opfern haben, damit die Kinder unserer Kinder ein bißchen frische Luft schnuppern können. Die TAZ muß Schauplatz unserer gegenwärtigen Autonomie sein, sie kann aber nur unter der Bedingung existieren, daß wir uns selbst bereits als freie Wesen kennen.¶

2. Das Gegen-Netzwerk muß expandieren. Derzeit spiegelt es eher Abstraktion denn Realität wieder. (Fan-)Zines und Mitteilungsblätter tauschen Information aus, was Teil der notwendigen Basisarbeit der TAZ ist, aber sehr wenig dieser Information bezieht sich auf konkrete Güter und Hilfe, die für ein autonomes Leben notwendig sind. Wir leben in keinem CyberSpace; davon zu träumen, wir täten es, heißt einer CyberGnosis verfallen, der falschen Transzendierung des Körpers. Die TAZ ist ein physischer Ort, in dem wir uns entweder befinden oder eben nicht. Es bedarf aller Sinne. Das Netzwerk ist in gewisser Weise wie ein neues Sinnesorgan, das zu den anderen hinzu kommen muß – die anderen dürfen nicht davon subtrahiert werden, wie dies in furchtbaren Parodien mystischer Trance geschieht. Ohne das Netz wäre die Realisierung des TAZ-Komplexes unmöglich. Aber das Netzwerk ist kein Ziel an sich. Es ist eine Waffe.¶

3. Der Kontrollapparat – der »Staat« – muß weiterhin simultan in Auflösung begriffen sein und wird sich weiter verhärten, mit dem gegenwärtigen Kurs fortfahren, wobei hysterische Rigidität mehr und mehr eine Leere maskiert, den Abgrund der Macht. Während Macht »verschwindet«, muß unser Wille zur Macht Verschwinden sein.¶

Wir haben bereits die Frage behandelt, ob die TAZ »bloß« als ein Kunstwerk gesehen werden kann. Aber ihr werdet auch wissen wollen, ob sie mehr als ein Rattenloch im Babylon der Information oder aber ein Labyrinth von immer mehr verbundenen Tunneln, aber nur der ökonomischen Sackgasse des freibeuterischen Parasitentums ergeben ist. Meine Antwort lautet, daß ich lieber eine Ratte in der Mauer als eine Ratte im Käfig bin – aber ich insistiere auch darauf, daß die TAZ diese Kategorien transzendiert.¶

Eine Welt, in der es der TAZ gelingt, sich zu verwurzeln, könnte der Welt ähneln, die »P.M.« in seinem Buch Bolo‘Bolo entworfen hat. Vielleicht ist die TAZ ein »Proto-Bolo«. Aber insofern als die TAZ jetzt existiert, steht sie für mehr als nur die Mondänität der Negativität oder des gegenkulturellen Aussteigertums.¶

Wir haben den Fest-Charakter des unkontrollierten Momentes erwähnt, der sich – wenn auch nur kurz – in spontaner Selbstordnung verstärkt. Er ist »epiphanisch« – ein Erlebnishöhepunkt auf sozialer wie individueller Ebene.¶

Befreiung wird im Kampf verwirklicht – das ist die Essenz von Nietzsches »Selbstwerdung.« Als Zeichen für die These mag auch Nietzsches Wandern gelten. Es ist der Vorläufer des Treibens, in Situationisten-Sprache des dériver und in Lyotards Definition von Driftwork. Wir können eine neue Geographie vorhersehen, eine Art Wallfahrtskarte, auf der heilige Stätten durch Erlebnishöhepunkte und TAZen ersetzt sind: eine wirkliche Wissenschaft der Psychotopographie, die wir vielleicht »Geo-Autonomie« oder »Anarchomancy« nennen können.¶

Die TAZ bringt eine gewisse Unkultiviertheit mit sich, eine Entwicklung von Zahmheit zur Wildnis/Wildheit, ein »Zurück«, das auch ein Schritt vorwärts ist. Sie erfordert auch ein »Yoga« des Chaos, ein Projekt »höherer« Ordnungen (des Bewußtseins oder einfach des Lebens), denen man sich durch »Surfen auf der Wellenfront des Chaos« nähert, einer komplexen Dynamik. Die TAZ ist eine Lebenskunst des fortgesetzten Aufbegehrens, wild aber sanft – sie verführt, vergewaltigt nicht, schmuggelt, statt blutrünstig ein Piratendasein zu führen, tanzt und kümmert sich nicht um Eschatologie.¶

Geben wir zu, daß wir auf Parties gewesen sind, auf denen für eine kurze Nacht lang eine Republik aus erfüllten Begierden errungen wurde. Sollen wir nicht beichten, daß die Politik jener Nacht für uns mehr Realität und Kraft besitzt, als die – sagen wir mal – der gesamten US-Regierung? Einige dieser »Parties«, die wir erwähnt haben, dauerten zwei oder drei Jahre. Ist das die Imagination, den Kampf wert? Laßt uns Unsichtbarkeit, Spinnengewebe und psychischen Nomadismus studieren – wer weiß, was wir ereichen werden?¶

Spring Equinox, 1990

Die Hoffnung

Renato, wir sind am Ende unseres Gesprächs angelangt. Eines schönen Tages wirst du endgültig aus dem Knast rauskommen und dich einer weiteren jener »Diskontinuitäten« stellen, die du für dein Leben als charakteristisch bezeichnest. Was werden an dem Morgen, an dem du die Freiheit wiedererlangst, deine ersten Wünsche sein?

Vor allem zu laufen. Lange zu laufen, ohne auf Tore und Zäune zu treffen. Das meine ich nicht metaphorisch. Ich möchte mich tatsächlich als Nomade auf eine Reise ohne Ziel begeben.

Eine Reise, deren erste Etappe der Besuch bei Margherita sein wird. Ich habe sie seit ihrem Tod nicht besuchen können. Ich verspüre den dringenden Wunsch, mich dort hinzusetzen, auf den Boden, und ein wenig in der Stille zu verweilen.

Danach sehe ich noch keine genauen Orte, an die ich mich begeben könnte. Ich weiß nicht, wo mein Platz sein wird. Also werde ich frei sein und durch Wälder und Täler streifen.

Aber irgendwann wirst du doch stehenbleiben?

Sicherlich. Bewegung wird der Weg sein, einen Punkt zu finden. Wieder zu Atem zu kommen und mit Raum und Menschen wieder einen Kontakt herstellen zu können.

Dann möchte ich einen Ort suchen, um mir ein Haus zu bauen. Ich möchte es mit meinen eigenen Händen bauen, aus Stein und Holz, nach all den Jahren zwischen Stahl und Beton in den Knästen.

Neben dem Haus hoffe ich, einen anderen meiner großen Träume verwirklichen zu können: ein Kind zu haben.

Ein Wunsch, der in diesen Jahren um so stärker gewachsen ist, wie seine Verwirklichung außerhalb jeglicher Möglichkeit lag.

In den bisher achtzehn im Knast verbrachten Jahren hatte ich vielfältige und umfassende zwischenmenschliche Beziehungen. Ich hatte auch viele Brieffreundinnen, die mir mit ihren Liebesbriefen Gesellschaft leisteten. Natürlich nicht auf eine Art, daß es durch die Wände einer Zelle möglich wäre, etwa mit einer Frau eine tiefergehende Beziehung aufzubauen, um später zusammen einmal ein Kind zu haben.

Im Gefängnis überwiegt die Phantasie, die der Tod eines wirklichen Verlangens ist. Mir ist es gelungen, den langen Jahren meiner Inhaftierung nicht zu erlauben, mein Verlangen abzutöten.

Aber eine Beziehung muß, um real zu sein, auch einen Körper haben. Und im Knast gibt es den Körper nicht. Heute kann ich mit meinem Wunsch, ein Kind zu haben, nicht die Gestalt einer bestimmten Frau verbinden. Ich glaube nicht, daß die schriftliche Zuneigung, die im Knast erlebt wird, automatisch auf konkrete Beziehungen verlängerbar ist, wenn sie der Prüfung einer Zusammenkunft in Freiheit unterworfen wird.

Ich weiß, daß sich jede meiner zwischenmenschlichen Beziehungen an dem Tag, an dem ich rauskommen werde, neu herstellen wird. Die Gestalten der Vorstellung werden sich mit unvorhersehbarem Ausgang in reale Körper verwandeln.

Es wird für mich der Tag einer neuen Wahrheit sein. Die endlich auch fruchtbar und nicht mehr nur steril sein kann.




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