Auf dem Vulkan

Antonio träumt, daß die Erde, die er bearbeitet, ihm gehöre. Daß sein Schweiß mit Gerechtigkeit und Wahrheit abgegolten werde. Daß es eine Schule gebe, um die Unwissenheit zu heilen, und Medizin, um den Tod zu erschrecken. Daß sich sein Haus erleuchte und sein Tisch fülle, sein Land frei sei und die Vernunft der Leute entscheide, wer regiere und regiert werde. Antonio träumt, er wäre in Frieden mit sich und der Welt. Er träumt, daß er kämpfen müsse für diesen Traum und daß es Tod geben muß, um Leben zu haben. Antonio träumt und erwacht. Jetzt weiß er, was zu tun ist, und er sieht seine Frau kniend das Feuer anfachen, hört seine Kinder weinen, sieht die Sonne im Osten grüßen und schleift lächelnd seine Machete. Ein Wind kommt auf und bringt alles durcheinander, Antonio steht auf und geht, um sich mit anderen zu treffen. Etwas sagt ihm, daß sein Wunsch der Wunsch vieler ist, und er wird sie suchen.

(aus: Chiapas: Der Südosten in zwei Winden, einem Sturm und einer Prophezeiung von Subcomandante Marcos)

Auf dem Vulkan

Antonio García de Léon

1982 brach im Norden von Chiapas der Vulkan Chichonal aus. Antonio García de León, Historiker, der zehn Jahre lang in Chiapas lebte und arbeitete, beendete 1985 mit dieser Prophezeiung sein zweibändiges Buch über die Geschichte der sozialen Bewegungen in Chiapas: Resistencia y Utopía.

Als plötzlich der Ausbruch erfolgte – so wird berichtet –, versank alles in Dunkelheit und die Luft war geschwängert von demselben Äther wie in den Tagen der Schöpfung. Die Vögel verstummten zum ersten Mal seit Jahrhunderten, die Rinder trieben halb verkohlt in den aufgewühlten Flüssen, die ihren Lauf geändert hatten. Eine dicke Schicht grauen Staubs bedeckte die Ziegel der Häuser, die Welt hatte die Farben verloren, und die, denen es nicht gelungen war zu fliehen, wurden auf den Äckern begraben, starr und besiegt an den Straßenrändern, oder vom Tod zum Verstummen gebracht, neben den Feuerstellen. Die greise Göttermutter war durch die Dörfer gelaufen und hatte die Ungläubigen gewarnt (es wird gesagt, daß sie auf einen großen Hügel stieg und sah, wie die Stadt vom Himmel heruntersank, „mit dem Glanz leuchtenden Jadegesteins, mit ihren Mauern, ihren 13 Toren und ihren 13 Herren des Berges, 13 Wächtern des Volkes“, und daß die Ungerechten keinen Zutritt zu ihr haben würden). Aber am nächsten Tag waren die Insekten die ersten, die ihre Verstecke verließen und mit ihrem alltäglichen, hartnäckigen Ritual begannen, die zerstörten Kreisläufe des Universums wieder neu zu organisieren. Und es gab andere Tiere, die noch lebend auf den Baumstämmen, die das Getöse entwurzelt hatte, in dem Diluvium der schäumenden Flüsse dahintrieben.

Es war zu Beginn des Jahres 1982, als der Krater des Chichonal sich 20 Tage lang erbrach, Mondtage einer Dunkelheit, die die Ursprünge wieder neu erschuf, Millionen Tonnen von Sand, Asche und glühendem Gestein. Das ökologische Gleichgewicht war gestört, ein ganzer Landstrich wurde von einer grauen Ascheschicht bedeckt und einige Zoque-Dörfer von den ersten Lavaströmen verschlungen. Dem Ausbruch gingen wiederum prophetische Weissagungen voraus, und er geschah, um sich als weitere Ankündigung einzureihen in die Teile dieses immensen Kreuzworträtsels, der Landkarte dieses gemächlichen Krieges von Bewegungen, dieser scheinbar unbeweglichen Zeitenfolge, die nur mit der Elle von Jahrhunderten zu messen ist. Seine gewaltige Erschütterung (sein Gähnen von „Blitzen, ohrenbetäubenden Donnern, Erdbeben und starkem Hagelschlag“), die als Meilenstein in der Erinnerung zukünftiger Generationen bleiben wird, kündigte nur die Ungeduld der ursprünglichen und unterirdischen Kräfte an, die darauf drängten, erneut an die Oberfläche zu kommen…

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