Gefängnisaufstand auf Asinara

R. Curcio

1978 befandst du dich mit dem überwiegenden Teil der Gründergeneration der Roten Brigaden in einem Spezialgefängnis auf der Insel Asinara. Die Haftbedingungen waren quälend und mündeten in einen großen Aufstand. 1990 habe ich die Sträflingskolonie auf der Insel besucht und einige Gefängniswärter nach jener Geschichte befragt, die sie mir immer noch als ein legendäres Ereignis schilderten.

Es ist eine brutale Schlacht gewesen. Bevor uns die Flucht mißlang und der Aufstand losbrach, hatte ich auf der Insel einige seltsame, manchmal auch witzige Situationen erlebt.

Ich war zum ersten Mal im Juni ’77 auf Asinara, kurz bevor die Zeit des »Kreislaufs der Gemse« begann, ein System von Spezialgefängnissen, das Dalla Chiesa erfunden hatte. Die ersten Monate steckten sie mich zusammen mit Gentile Schiavoni, einem der Führer der Nuclei Armati Proletari20.1, und Massimo Battini, einem durch die Knastkämpfe politisierten sozialen Gefangenen, in eine der vier winzigen Zellen, in den sogenannten mörderischen »Bunker«. Nach dem Turiner Prozeß wurden wir allmählich alle in Fornelli, eine der Spezial-Strafanstalten auf der Asinara, konzentriert. Sie sah aus wie eine Art große, rechtwinklige Festung, vollkommen von einer weißen Mauer umschlossen, im Sommer wahnsinnig heiß, im Winter kalt und feucht.

Die Insel ist eigentlich ein kleines Idyll. In unserem »Super-Knast« war die Situation allerdings weit weniger angenehm. In Fornelli waren wir etwa sechzig: die Brigadisten, einige Militante der NAP und von anderen bewaffneten Gruppen und etwa zwanzig gewöhnliche Gefangene, die als besonders gefährlich galten. Wir verbrachten die Zeit damit, die Papiere zu schreiben, von denen wir vorhin sprachen, wir debattierten oder spielten mit einer aus Lumpen gefertigten Kugel Fußball in den winzigen Höfen. Und wir dachten pausenlos an einen Ausbruch.

Aber wenn man über Asinara redet, muß man unbedingt von Cardullo erzählen, einer Person, die der Vorstellungswelt Dalis entsprungen sein mußte, zu dem eine merkwürdige Beziehung entstand.

Wer ist dieser Cardullo?

Der Knastdirektor und Imperator der Insel. Ein pittoresker und humorvoller Mann, ein großer Komödiant und Verschwörungstheoretiker, ein wenig masochistisch, aber mit einem Rest an Würde. Ich glaube, in gewisser Weise war er von uns Brigadisten fasziniert und gleichzeitig sehr selbstsicher, was seine Fähigkeit anbelangte, uns mit Härte im Zaum zu halten. Er hielt uns immer wieder den gleichen Vortrag. Das hörte sich etwa so an: »Gut, ich weiß, daß ich fast machtlos bin, was die Kontrolle innerhalb der Mauern von Fornelli anbetrifft. Auch ist nicht unwahrscheinlich, daß ihr sogar Sprengstoff und Waffen dort habt; kocht meinetwegen, was ihr wollt; diskutiert; schmiedet große Pläne; ich weiß, daß es euch nicht um eine zusätzliche Stunde Hofgang geht oder ihr auf Streit mit den Schließern aus seid; euer Ziel ist die Flucht; aber ich warne euch, außerhalb der Mauern gibt es kein Pardon, und ich schwöre euch, daß ihr eure Nase nicht allzuweit über diese Mauern hinausstrecken werdet; niemals wird einer von euch von dieser Insel entkommen.«

Wir erwiderten ebenso großspurig, daß wir die Insel verlassen würden. Und zwar bald.

Solche Szenen spielten sich häufiger ab?

In den verschiedensten Situationen. Zum Beispiel mußte man für bestimmte Unterredungen von Fornelli zur Zentrale fahren, das hieß etwa zehn Kilometer ungepflasterte Straße an Stränden und wilder Felsenküste entlang. Cardullo fuhr mich fast immer persönlich. Oft alleine. Er holte mich im Jeep ab und wies mich an, ohne Handschellen, neben ihm Platz zu nehmen. Meistens saß sein riesiger Doberman mit heraushängender Zunge hinten auf dem Rücksitz und hechelte mir recht unangenehm in den Nacken.

Er hielt dann seinen Vortrag über die Unmöglichkeit einer Flucht, las mir aber auch von seinen Gedichten vor und fragte mich nach meinem Urteil. Er hielt am Straßenrand, deutete auf den Sonnenuntergang, das Meer, den Himmel und sagte: »Schau, wie wunderbar das ist.« Und dann begann er vorzutragen.

Und, wie waren die Gedichte?

Naja, ich würde mal sagen, nicht schlimmer als der Durchschnitt der Gedichte, die die Masse unserer dilettantischen Poeten produziert. Hymnen an die Schönheit der Natur, viele Metaphern und Symbole aus der Hirtendichtung. Einmal wagte er aber noch mehr. Er forderte mich heraus, ihn zu töten.

Im Duell?

Es war eine jener psychologischen Anwandlungen, nach der meiner Meinung nach seine Männlichkeit verlangte. Wir fuhren damals einen Weg entlang, der sich scharf an einem Abgrund befand. »Siehst du, Curcio«, sagte er, »wenn du kurz in das Lenkrad greifst, fliegen wir hinunter, und du bringst mich um; aber ich weiß, daß du nicht den Mut dazu hast; daher ist es kein Wagnis, dich alleine mitzunehmen; ihr redet und redet, aber dann …«

»Nein, schau, das Problem ist nicht, daß ich zu feige wäre, dich umzubringen«, antwortete ich. »Die Sache ist nur die, daß mein Leben deines nicht wert ist: ich wäre schon bereit, dich hinunterzustoßen, aber ohne, daß ich dabei mit in die Tiefe gehe.« Es folgte großes Gelächter.

Mit Cardullo gab es immer unvorhergesehene surreale verbale Konfrontationen. Er war ungeheuer theatralisch, wenn es darum ging, schwerwiegende persönliche Probleme zu bewältigen. »Ich habe im Leben nichts mehr zu verlieren«, sagte er mir eines Tages. »Meine ganze Lebensenergie ist verbraucht, ich habe nur euch hier, und es ist meine einzige Genugtuung, daß ihr es niemals schaffen werdet, von hier abzuhauen.«

Aber im Sommer 1979 hattet ihr dann tatsächlich einen Ausbruch vorbereitet. An was ist er gescheitert?

Er schlug aus externen Gründen fehl. Man muß hier auch noch mal in Erinnerung rufen, daß eine der verschiedenen Konfliktursachen zwischen uns Häftlingen und der Leitung der BR, unsere Überzeugung war, daß das Ziel der Befreiung der politischen Gefangenen nicht richtig verfolgt würde. Zumindest nicht mit der notwendigen Zähigkeit und Entschlossenheit. Die Befreiung ihrer Gefangenen war seit Andreas Baader immer ein Ziel der europäischen Stadtguerilla gewesen. Nach dem politischen Scheitern der Moro-Aktion und dem langen Schweigen der BR fühlten wir uns im Stich gelassen.

Also reagierten wir und schickten Mitteilungen mit folgendem Tenor raus: Paßt auf, ihr könnt uns nicht einfach loswerden, indem ihr so tut, als ob wir nicht mehr existierten; entweder ihr setzt jetzt einen konkreten Plan zu unserer Befreiung in die Tat um, oder wir kümmern uns selbst darum, das wird aber unser Verhältnis zu euch bestimmt nicht verbessern.

Wie lautete die Antwort?

Die Organisation reagierte und kümmerte sich darum. Eine »Knastfront« wurde gebildet, die an einem Fluchtplan arbeitete, den wir skizziert hatten. Im Juli zelteten einige Genossen auf der Halbinsel von Stintino, die von Asinara nur durch eine schmale Meeresenge getrennt ist. Sie sondierten die Fluchtmöglichkeiten, Anlegestellen für die Schlauchboote und derartige Dinge.

Wie sah der Fluchtplan aus?

Die Mauern und Fenster sollten gesprengt und eine Bresche geschlagen werden, durch die die große Masse der Häftlinge aus den Zellen und Trakten herauskäme. Einmal draußen, hätten wir mit der ziemlich niedrigen Ringmauer kein großes Problem gehabt …

Was wäre mit den bewaffneten Carabinieri und den Gefängniswärtern gewesen?

Ein Schußwechsel war unvermeidlich, schließlich mußten wir auch die Waffenkammer von Fornelli unter unsere Kontrolle kriegen. Wir hätten anschließend zum Meer laufen können, das nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt liegt. Am Ufer sollte in der Zwischenzeit ein gut bewaffnetes Kommando von Genossen mit Schlauchbooten landen und uns mit einem Sperrfeuer Deckung geben. In Gruppen aufgeteilt, sollten uns die Schlauchboote dann zu schnelleren Booten, solchen Motorbooten, wie sie auch die Zigarettenschmuggler verwenden, bringen und uns an verschiedenen Stellen an der Küste absetzen. Ein ziemlich groß angelegter Plan, der uns damals auf Asinara aber nicht undurchführbar erschien.

Dann hatte Cardullo ja zu Recht vermutet, daß ihr in Fornelli Sprengstoff und Waffen besaßt. Wie seid ihr an sie herangekommen? Wo habt ihr sie versteckt?

Natürlich hatte er recht. Der Trakt von Fornelli war praktisch ein mit Plastiksprengstoff, Zündschnüren, Zündern und einer Anzahl von Hieb- und Stichwaffen gefüllter Napfkuchen. Messer, riesige Schwerter und richtige Krummsäbel; Pistolen hatten wir keine, aber wir sollten sie in den Tagen kurz vor dem Ausbruch erhalten.

Die Methode, wie dieses Material durch die Kontrolle kommen sollte, war in jahrelangen Versuchen erprobt: in Lebensmittelpaketen, in der Kleidung, während der Verlegung von einem Knast in den anderen …

Sprengstoff, den die Metalldetektoren nicht orten konnten, war simpel durchzubringen, und wir hatten einige Kilo angesammelt. Versteckt wurde er, wie alles andere, in Löchern, die wir in die Wände gruben, in Hohlräumen, in den Abflußrohren der Klos, in den Farbbändern der Schreibmaschinen. Andererseits waren wir auch große Freunde der Espressomaschinen. Wir besaßen sie in allen Größen. Die Schließer lachten: »Wieviele Kaffees bereitet ihr euch denn zu? Trinkt weniger und schlaft mehr.« Sie wußten nicht, daß jene kleinen Maschinen die Behälter für künftige Bomben sein würden. Mit Plastiksprengstoff gefüllt, mit Zünder und Zündschnur versehen, wurden sie zu Sprengkörpern von beachtlicher Stärke.

Alles war vorbereitet. Was hat dann nicht funktioniert?

Die externe Organisation. Wir hatten noch kein genaues Datum festgelegt, aber der Ausbruch sollte vor September stattfinden. In den ersten Augusttagen, wir waren bereits mitten in der Vorbereitung, erreichte uns eine Mitteilung der Leitung: »Liebe Genossen«, lautete sie, »aufgrund einer Reihe von Komplikationen und Schwierigkeiten ist es uns nicht gelungen, die für die Operation unverzichtbaren Schnellboote rechtzeitig zu besorgen. Der Ausbruch muß daher auf den nächsten Sommer verschoben werden.«

Das war ein harter Schlag. Wir waren wütend. Ein weiteres Jahr abzuwarten, schien unmöglich. Das Verhältnis zu Cardullo und den Schließern war kurz davor zu explodieren. Wir hatten in der letzten Zeit den Knast bis zum Platzen mit Waffen vollgestopft. Es war nicht vorstellbar, die Tarnung noch lange aufrechtzuerhalten. Unsere Verstecke wären früher oder später mit Sicherheit aufgeflogen.

Wir schickten den Externen eine ultimative Botschaft: »Macht, was ihr könnt, setzt alle Hebel in Bewegung, ihr müßt das Problem lösen, wir können hier nicht mehr so lange durchhalten, es droht ein Desaster.« Darauf erhielten wir einen weiteren negativen Bescheid: »Es ist unmöglich, wir haben nicht die Mittel und schaffen es nicht rechtzeitig, versucht durchzuhalten.«

Und wir, immer wütender, antworteten ihnen, daß die Schwierigkeiten nicht organisatorischer Art seien, sondern ihren verschrobenen politischen Entscheidungen entstammten. Wir schrieben, daß sie sich nicht genug für uns einsetzten, daß sie eines der Prinzipien des bewaffneten Kampfes, die Befreiung der politischen Gefangenen, unseren Ausbruch, vergessen hätten. Und wir drohten im Tonfall der Verzweiflung, daß wir angesichts der Unmöglichkeit, auf Asinara noch weitere zwölf Monate durchzustehen, uns selbst helfen würden.

Was hattet ihr vor?

Wir hatten überhaupt keine Möglichkeit mehr, uns viel zu überlegen, die Dinge sollten sich überstürzen. Ende September wurde Gallinari20.2 mit einer Karte der Insel und genauen Hinweisen zu dem Ausbruch in der Tasche verhaftet. In Fornelli kam es daraufhin zu einer großangelegten Durchsuchung, die uns kalt erwischte. Sie sperrten uns alle in den Hof und nahmen den gesamten Trakt auseinander. Allerdings nicht gründlich genug, sie fanden zwar einige Dolche, aber nicht den Sprengstoff, die Zündschnüre und die Zünder.

Von da an wehte ein anderer Wind im Knast: ein äußerst strenges Regime, totale Isolation, keine Gemeinschaftsaktivitäten mehr, absolutes Sprechverbot seitens des Wachpersonals. Man hatte den Eindruck, daß jeden Moment noch etwas Schlimmeres drohte. Nach einem hektischen Hin- und Hergeschiebe von Zettelchen zwischen den Zellen beschlossen wir, daß man nicht länger warten durfte. Wir mußten sofort zur Aktion schreiten.

Der Aufstand wurde beschlossen?

Ja, ein Aufstand, der die komplette Zerstörung von Fornelli zum Ziel hatte, um dadurch die Verlegung in andere Knäste zu erzwingen.

Natürlich sollten an dieser radikalen Aktion alle Häftlinge teilhaben. Wir informierten auch die gewöhnlichen Gefangenen, die in das Vorhaben ohne zu zögern einwilligten.

Die Operation sollte am Abend des 2. Oktober starten, wenn Ognibene wegen eines Telefonats den Trakt verlassen sollte. Bei der Rückkehr sollte er mit seinem Zellengenossen, Pasquale Abatangelo, einen oder zwei Schließer überwältigen und sie als Geiseln nehmen. In diesem Augenblick sollte die Hölle losbrechen. In den Zellen sollten alle mit Sprengstoff, eisernen Bettenstangen, mit allen möglichen Mitteln loslegen, die Trennmauern einzureißen und einen einzigen großen Raum zu schaffen, in dem man gemeinsam Widerstand leisten und das Werk der Zerstörung des Baus fortsetzen konnte.

Lief in Wirklichkeit alles wie nach Drehbuch?

Leider nicht, es hakte von Anfang an. Als Ognibene versuchte, sich am Eingang des Flurs eine Wache zu schnappen, kam es zu einem heftigen Handgemenge. Der Wachtrupp war zahlreicher als angenommen. Ognibene wurde überwältigt. Die Wachen brüllten herum, schlugen Alarm, zogen sich aus dem Trakt zurück und verschlossen alle Tore.

Uns war klar, daß wir zu diesem Zeitpunkt auch ohne Geiseln nicht mehr zurückkonnten, wir mußten weitermachen. Wir sagten die Losung über die Fenster durch. »Los, los, zerschlagen wir alles«, schrie ich und dachte: Egal, ob es klappt oder nicht, wir haben nichts mehr zu verlieren…

So begann die Schlacht um Fornelli.

Am Anfang war es ein wutentbranndter Ansturm gegen Mauern und Decken. Wir verwendeten dafür nicht gleich Sprengstoff, sondern arbeiteten mit eisernen Bettenstangen und provisorischen Hämmern, die wir uns gebastelt hatten.

Zwischen Decke und Dach bestand ein Zwischenraum von etwa anderthalb Meter Höhe. Von dort aus konnte man die Gänge des ganzen Traktes kontrollieren. Wir wollten uns dort festsetzen und so lange wie möglich Widerstand leisten. Die größte Schwierigkeit lag darin, die etwas weniger sportlichen Genossen dort hochzuziehen. Eine Gruppe sollte den Zugang zum Flur, bei den Gittertoren, von oben überwachen. Die Espressomaschinen standen mit Plastiksprengstoff gefüllt bereit. Beim ersten Versuch der Schließer und der Carabinieri einzudringen sollten die Sprengkörper von oben fallengelassen werden, wie bei einem Bombenangriff. In der Zwischenzeit sollten andere Trupps, die aus den kräftigsten Zerstörern bestanden, weiterhin alles kaputtschlagen: Kloschüsseln, Waschbecken, Rohre, Trennwände, Türrahmen …

Bald rückten die ersten Wachtrupps vor. Sie öffneten die Gittertore und versuchten in den Flur einzudringen. Wir warfen unsere Espresso-Bomben, die unter riesigem Gekrache explodierten und sie unerbittlich zurückdrängten. Also begannen sie von außen durch die eingeschlagenen Fenster auf uns zu schießen. Die Kugeln pfiffen überall durch die Gegend. Wir schalteten die Beleuchtungsanlage ab, doch sie hatten starke Strahler.

Wie lange hat diese Schlacht angehalten?

Einige Stunden. Um Mitternacht, das Innere des Traktes hatte sich praktisch in einen Trümmerhaufen verwandelt, forderten wir Verhandlungen.

Giorgio Panizzari, ein gefangenes Gründungsmitglied aus den Nuclei Armati Proletari, ging hinaus, um mit Cardullo zu verhandeln. Er sollte die Übergabe von Ognibene fordern und erläutern, daß wir unser Ziel, Fornelli zu zerstören, erreicht hätten und daher keinen Wert auf weitere kriegerische Handlungen legten.

Wie hat Cardullo euch geantwortet?

Gar nicht. Er hat zusätzlich zu Ognibene gleich auch Panizzari, unseren Abgesandten, dabehalten.

Die feindlichen Angriffe wurden immer mörderischer, sie deckten uns mit Reizgasgranaten zu. Es war grauenhaft. Sie verursachten sehr schmerzhafte Verätzungen, Brechreiz und Ohnmachtsanfälle. Wir hätten Gasmasken gebraucht, aber leider hatten wir vergessen, uns welche zu basteln.

Es war klar, daß er uns militärisch besiegen wollte. Wir brüllten aus den Fenstern zurück: »Wenn ihr Krieg wollt, sollt ihr Krieg haben, wir haben noch kiloweise Sprengstoff.« Und um diese Behauptung zu unterstreichen, warfen wir unsere Superbombe raus, eine Espressomaschine, mit der sich zwölf Portionen zubereiten lassen. Sie verursachte einen gewaltigen Schlag, aber keinen Schaden. Sie ließen sich davon natürlich nicht aus der Fassung bringen und schossen weiter auf uns und bewarfen uns mit Gas. Das ging bis fast zum Sonnenaufgang so weiter, bis wir die freche Stimme von Cardullo durch ein Megaphon vernahmen. Er teilte uns die Ankunft des Generalstaatsanwaltes der Republik mit, der mit uns reden wollte.

Die Verhandlungen begannen aus sicherer Entfernung. Wir verlangten eine Garantieerklärung, daß wir von Asinara verlegt würden. Der Staatsanwalt sagte: »Ergebt euch, es wird euch kein Haar gekrümmt werden … Das verspreche ich euch.«

Da wir sicher waren, eine Menge Prügel einstecken zu müssen, antworteten wir, daß uns das nicht reiche und wir sicher sein wollten, von der Insel verlegt zu werden.

»Das ist eine Entscheidung, die ich nicht treffen kann, sie hängt vom Ministerium ab«, entgegnete er.

Das ging eine ganze Weile so hin und her. Angesichts der katastrophalen Verfassung der teilweise vom Gas stark angeschlagenen Genossen beschlossen wir einen Kompromiß. »Wir gehen von Bord«, rief ich, »wir kommen einer nach dem anderen heraus. Wenn wir aber mitbekommen, daß den ersten, die hinauskommen, in irgendeiner Weise Gewalt angetan wird, decken wir euch mit den restlichen Bomben ein.«

»Na gut, ich garantiere mit meiner Person«, versicherte uns Cardullo: »Du, Curcio, weißt, daß ich ein Mann bin, der zu seinem Wort steht; eure Flucht ist gescheitert, und ich will mich nicht an Besiegten auslassen …«

Ich antwortete: »Nein. Schau, wir sind nicht besiegt worden. Deinen Knast haben wir in Stücke gelegt.« Auch in dieser Situation war ein verbales Duell mit dieser seltsamen Person unvermeidlich.

Wer ging als erster raus?

Wir schauten uns an, und ich verstand, daß ich an der Reihe war. Alle musterten mich mit extrem bedauernden Mienen. Auf der anderen Seite des Gittertors stand ein ziemlich umfangreiches Empfangskomitee aus Beamten mit Spatenstielen in den Händen bereit. Es waren nur Stiele, aber von der schön großen Sorte, und das ließ nichts Gutes erahnen.

Um die Wahrheit zu sagen: ich empfand eine gewisse Furcht. Aber ich war auch von der Anspannung der Kriegsnacht ganz schön aufgedreht. »Dann gehe ich«, verkündete ich ein wenig dramatisch den Genossen, »wenn sie mich auch nur berühren, dann denkt an das Versprechen.«

Vor dem Gittertor erwarteten mich Cardullo und der Generalstaatsanwalt der Republik. Sie hakten mich unter, einer auf der einen, der andere auf der anderen Seite, und wir schritten in der Mitte den Flur entlang, zwischen den Reihen der Beamten. Die Carabinieri brüllten durch die großen Fenster: »Hier kommst du lebend nicht mehr raus«, »Asinara wird euer Grab sein.« Ich defilierte mit erhobenem Haupt dahin, versuchte einen unbestimmten Punkt in der Ferne zu fixieren und um jeden Preis etwas Würde zu demonstrieren.

Am Ende des Flures, im Vorhof angekommen, standen wir einer beängstigend großen Ansammlung von Beamten gegenüber. Es waren mindestens hundert. Alles war mucksmäuschenstill, eine riesengroße und bedrohliche Menge, in völliger Dunkelheit. Ich dachte: Das ist das Ende.

Cardullo und der Staatsanwalt nahmen mich enger in ihre Mitte. Die Wachen ließen uns einige Meter vorlaufen und stürzten sich urplötzlich alle gleichzeitig auf uns, schrien und knüppelten auf uns ein, bis nichts mehr ging …

Auch auf Cardullo und den Staatsanwalt?

Ja, alle wurden gleich behandelt. Jeder versuchte, sich so gut wie möglich zu schützen. Es entstand ein derartiges Gemenge, daß ich mich aus dem Gedränge herausschlängeln konnte und es schaffte, hinter das Gittertor einer anderen Abteilung zu gelangen.

Alles in allem bekam ich nicht viel ab. Cardullo hingegen bezog nach allen Regeln der Kunst Prügel. Am nächsten Tag stellte er seine Male und Beulen wie Verdienstorden zur Schau. »Curcio«, sagte er, »diese Schläge habe ich kassiert, um dir gegenüber mein Wort zu halten; ihr habt verloren, und ich habe gezeigt, daß ich ein Gentleman bin.« So war Cardullo eben.

Wurden die anderen Häftlinge ebenso zusammengeschlagen?

Die Genossen hatten die Prügelei außerhalb des Flures nicht sehen können, den Tumult aber vernommen. Sie verlangten, Cardullo solle vor die Tür, zum Trakt, zurückkehren. Er begab sich zerknautscht und blutend dorthin und sagte »Seht ihr, es ist nichts passiert, ihr könnt beruhigt herauskommen.« Alle wußten, daß ein paar Schläge unvermeidbar waren, aber keine größeren Gefahren drohten. Die ersten, die herauskamen, wurden so wie ich mißhandelt, aber dann ermüdeten die Wachen, und die Anspannung ließ nach.

Wie ging es dann weiter?

Sie teilten uns in Gruppen und verstreuten uns auf die Arrestzellen und Strafbunker auf der Insel. Ich war noch eine Woche in Asinara. Dann wurde ich zusammen mit etwa fünfzehn anderen Brigadisten nach Florenz verlegt, wo uns erneut der Prozeß gemacht werden sollte.

Fornelli war zerstört, aber der Staat behielt den kleineren Hochsicherheitstrakt in einem anderen Gebäude offen, um zu demonstrieren, daß er nicht nachgeben würde, solange, bis der Staatsanwalt Giovanni D‘Urso 1980/81 entführt wurde und mit der Schließung des Spezialgefängnisses auf der Asinara die Angelegenheit endgültig beendet wurde.

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