Renato Curcio Mit offenem Blick

Bei FIAT-Mirafiori in Turin

Seid ihr alle zusammen aus Mailand geflohen?

Nein, jeder für sich oder in kleinen Gruppen. Margherita und ich hatten eine Verabredung mit Franceschini an der Piazza Napoli. »Die Polizei steht vor unserer Tür«, berichteten wir ihm, »wir sind ihnen haarscharf entkommen.« »Bei mir waren sie auch«, antwortete er. So beschlossen wir augenblicklich, den Postbus nach Lodigiano zu nehmen, wo einer unserer Genossen, Pietro Bertolazzi9.1, wohnte. Er war zu dieser Zeit noch kein richtiger Brigadist. Auf dem Weg dorthin sammelten wir noch Pierino Morlacchi ein, der dank der Warnung einer alten Pförtnerin ebenfalls der Falle entgehen konnte.

Bertolazzi holte uns mit einem alten Fiat 1100 ab, in den wir uns hineinzwängten: »Die Polizei ist hinter uns her. Du mußt uns helfen. Kennst du eine Hütte, in der wir schlafen können…?« Er brachte uns zu einem alten Gehöft, in Pianello Valtidone, im Hinterland von Piacenza, das ihm gehörte. Nachdem wir uns etwas ausgeruht hatten und einige Verbindungen zu den anderen wiederherstellen konnten, beratschlagten wir, was nun zu tun sei.

Gejagt und isoliert, auf einem verlassenen Hof, welche Chancen habt ihr euch da noch ausgerechnet?

Genau das war das Problem. Wir dachten lange darüber nach. Drei Monate lang, bis Juli ’72, haderten wir mit unserem Schicksal. Einerseits war die Lage wirklich düster. Feltrinelli war tot, die GAP praktisch verschwunden, die Nouvelle Résistance der französischen Genossen zerschlagen, Andreas Baader, Ulrike Meinhof und die anderen deutschen Aktivisten der RAF fast alle verhaftet … Eine realistische Einschätzung der Situation drängte uns anzuerkennen, daß die Praxis des bewaffneten Kampfes in Europa mehr oder weniger gescheitert war und uns nichts weiter blieb, als die Segel zu streichen, solange das überhaupt noch möglich war.

Andererseits kamen genau in jener Phase aus der Bewegung sehr positive Reaktionen auf das Attentat gegen Kommissar Luigi Calabresi.9.2 Die Stimmung für den bewaffneten Kampf schien günstig. Insbesondere von den Fabriken, in denen wir aktiv gewesen waren, von Pirelli, Siemens und Alfa, kamen dringende Mahnungen, jetzt nicht locker zu lassen. Darüber hinaus verlangte eine Gruppe Arbeiter von Fiat-Mirafiori, sich mit uns zu treffen.

Dies war letztendlich ausschlaggebend. Margherita und ich fuhren nach Turin. Wir sprachen lange mit zwei »Delegierten«, die uns hartnäckig davon zu überzeugen versuchten, eine neue Front bei Fiat aufzubauen. »Nach Mailand könnt ihr nicht mehr gehen, weil ihr dort zu bekannt seid«, sagten sie. »Also kommt hierher; wir sind eine große Gruppe und fest entschlossen, etwas zu tun.«

Wir kehrten in unser Quartier zurück – mittlerweile waren wir aus Pianello in eine kleine Villa in der Nähe von Rimini gezogen –, diskutierten den Vorschlag und beschlossen, es erneut zu versuchen. Margherita und ich sollten nach Turin gehen, während Franceschini und Bertolazzi, nachdem sie Moretti gefunden hätten, den wir immer noch vermißten, versuchen sollten, die Organisation in Mailand wieder auf die Beine zu bringen.

Im Sommer ’72 kamen die BR also zu Fiat nach Turin.

Am Anfang waren es nur Margherita und ich. Wir wohnten in einer Wohnung in der Nähe des Filadelfia-Stadions. Es war unsere erste auf falschen Namen gemietete, klandestine Wohnung. Zunächst versuchten wir einige Monate lang die Situation bei Fiat zu analysieren. Wir untersuchten die verworrenen Strukturen der Arbeiterselbstorganisierung bei Mirafiori. Wir knüpften Kontakte zu Potere Operaio, der außerparlamentarischen Gruppe mit der stärksten Präsenz bei Fiat.

Das einzige, was uns zu jenem Zeitpunkt interessierte, war, ob wir einen Kreis von Arbeitern um uns hatten, der wirklich sehr entschlossen und kämpferisch war und uns zu einer neuen Einschätzung unserer Situation führen konnte. Wir vertraten die Ansicht, daß wir, um vorwärts zu kommen, unsere Präsenz in der Fabrik und unsere Beziehungen zu den anderen Teilen der Bewegung verändern sollten. So begannen die Neustrukturierung der Roten Brigaden innerhalb und außerhalb der Fabrik, die Unterteilung in »Pole« und »Kolonnen« und die Einführung einer Struktur, die tatsächlich der einer Untergrundgruppe entsprach.

Was waren eure ersten Aktionen in Turin?

Zunächst gaben wir fast täglich sogenannte »Kampfblätter« heraus. Perspektivisch aus dem Inneren der Abteilungen geschrieben, untersuchten sie den Arbeitskreislauf und seine neuralgischen Punkte. Sie informierten über die zunehmenden Arbeiterkämpfe und warben für die Teilnahme an den politischen Versammlungen. Wir publizierten davon mehrere hundert, die später gesammelt als sogenannte »Kampftagebücher« von der Zeitung Controinformazione veröffentlicht wurden. In dieser Zeit wechselten einige »Blaumänner« wie Cristoforo Piancone9.3 und Luca Nicolotti zu uns, die bislang Potere Operaio nahestanden. Auch Angelo Basone, einer der jungen Kader der Fiat-internen PCI-Sektion, schloß sich uns an.

Zu diesem Zeitpunkt näherte sich die Turiner Fabrik ihren gewalttätigsten Auseinandersetzungen, die in der großen Besetzung von Mirafiori im Herbst ’73 kulminierten. In der Fabrik war die Arbeitermacht in Form permanenter Demonstrationen präsent, die oft zu harten Auseinandersetzungen führten. Einigen der verhaßten Aufpasser und Vorarbeiter gelang es, die sogenannten politisierteren und aktiveren Arbeiter, die sogenannten »Roten Halstücher«, zu identifizieren und mit Entlassungen oder Versetzungen zu bestrafen. In den gelben Gewerkschaften der Bosse sahen wir den hinterlistigsten Feind. Unser vorrangiges Ziel war es, das Kontroll- und Spitzelsystem an den Montagebändern und in den Fabrikhallen aufzubrechen.

In dieser aufgeputschten Situation war der Schritt, zur wirklichen Aktion überzugehen, nicht groß. So brannten wir auch in Turin Dutzende Autos der Spitzel und Provokateure nieder. Fast überflüssig zu sagen, daß uns diese Mini-Anschläge in kürzester Zeit bei großen Teilen der Fiat-Arbeiter ungeheuer populär machten. So sehr, daß wir immer stärker bedrängt wurden, »irgend etwas Größeres zu machen«.

»Einen treffen, um hundert zu erziehen«. Ihr seid also auch bei Fiat dazu übergegangen, demonstrative Entführungen durchzuführen.

So ist es. Im Februar ’73 schnappten wir uns auf der Straße Bruno Labate, den Chef der faschistischen Gewerkschaft CISNAL. Wir brachten ihn in eine Wohnung und verhörten ihn einige Stunden. Er berichtete uns von der Methode, nach der bei Fiat rechtes Personal eingestellt wurde, um die widerspenstigen Arbeiter auszuspionieren und Provokationen zu lancieren. Am nächsten Tag brachten wir, Margherita, Ferrari, Bonavita und ich, ihn zum Zeitpunkt des Schichtwechsels im Auto vor das Tor eins von Mirafiori. Vor Hunderten von Arbeitern ließen wir ihn aus dem Auto steigen, ketteten ihn mit Handschellen an einen Lichtmast und hängten ihm das übliche Schild um den Hals. Dann verteilten wir mit unverhüllten Gesichtern in aller Ruhe unsere BR-Flugblätter und zogen unter dem Applaus der Menge wieder davon. Labate blieb bis zum Eintreffen der Polizei mehr als eine Stunde am Pranger, umringt von den Arbeitern, die ihm alles mögliche an den Kopf warfen. Niemand machte den Mund auf, um Informationen zu unserer Identifizierung preiszugeben.

In jenen Tagen war die Schar unserer Sympathisanten bei Fiat wirklich sehr groß.

Wie waren die Beziehungen zu den Kadern von Potere Operaio, die sich im Umfeld der großen Turiner Fabrik bewegten?

Bei aller Verschiedenheit der Positionen herrschte unter uns eine Stimmung der offenen Auseinandersetzung und eine diffuse Solidarität. Ich habe Toni Negri einige Male in der luxuriösen Villa seines Freundes Carlo Saronio in der Nähe von Turin getroffen. Er hatte eine ziemlich kritische Einstellung gegenüber unserer Taktik, die Klandestinität in die Bewegung zu tragen. Die größten Differenzen lagen aber in den Einschätzungen der PCI. Negri war sehr streng gegenüber der Kommunistischen Partei, die seiner Ansicht nach vollständig in das herrschende Machtgefüge integriert war. Die BR-Genossen und ich zeigten uns deutlich flexibler, weniger aus Unterschieden in der Ideologie oder Analyse als vielmehr aus praktischen Gründen. An unserer Seite in der Fabrik waren viele Arbeiter tätig, die in den Gewerschaftsorganisationen und den Sektionen der PCI organisiert waren.

Wir konnten es uns nicht erlauben, die Partei von Berlinguer zu hart anzufassen.

Die Roten Brigaden hatten ihre Position bei Fiat also gefestigt. Daraufhin habt ihr eine größere Aktion beschlossen: die erste »lange« Entführung, die von Ettore Amerio, den ihr vom 10. zum 18. Dezember ’73 gefangengehalten habt. Warum Amerio? Welches Ziel hattet ihr euch mit dieser Entführung gesetzt?

Ende ’73 verfügten wir bei Fiat und anderen angegliederten Turiner Fabriken über etwa zwanzig Brigaden, bestehend aus vier oder fünf Personen. Diese Zellen bewegten sich in einem Sympathisantenumfeld aus Hunderten von Arbeitern.

Die Besetzung von Mirafiori im Herbst ’73 war ein grandioses Ereignis: permanente interne Demonstrationen, alle Abteilungen waren dicht, die Fabriktore bewacht, auf den Außenmauern Hunderte von roten Fahnen. Die gesamte Fabrik war drei Tage lang praktisch komplett in den Händen der Arbeiter. Zehn Jahre lang waren die autonomen Kämpfe angewachsen, bis sie diesen Punkt erreichten. In gewisser Weise ging die Bewegung des »Massenarbeiters«9.4 – ungelernt und desinteressiert an der Arbeit, fast immer aus dem Süden stammend – jenen Weg zu Ende, der 1962 mit den ersten wilden Streiks und den Zusammenstößen auf der Piazza Statuto begann.

Die Auseinandersetzungen um die Erneuerung der Tarifverträge in der Metallindustrie, die Energiekrise und die Androhungen von Massenentlassungen schienen darin wettzueifern, ein explosives Klima zu schaffen. Die vorherigen Erfolge und die aufgeputschte Situation überzeugten uns, einen Schritt zuzulegen.

Wir wählten Ettore Amerio aus, da er als Personalchef der Fiat-Autowerke und als alter Leiter, der schon seit Valletta in der Fabrik und für die »Bosse« eine Symbolfigur war. Außerdem besaß er geheime Informationen über Kontingente bei der Rekrutierung von Spionen und Provokateuren, die unsere unmittelbarsten Gegner waren …

Aber wie konntet ihr sicher sein, daß die Personalpolitik der Fiat-Chefs derartig ideologischen Kriterien unterlag? Hattet ihr damals schon Beweise für diese Gerüchte?

Die Methode wurde uns erstmals von Labate bestätigt und beschrieben. Wir überprüften, was er uns erzählte, und machten einen Test. Über die von ihm benannten Kanäle hatten wir es geschafft, einen scheinbar unpolitischen jungen Mann einstellen zu lassen, der in der Gießerei arbeitete, einem höllischen Ort. Kurz nach seinem Arbeitsantritt machten sich die »gelben Chefs« vorsichtig an ihn heran und schlugen ihm vor, daß er im Tausch für eine Verbesserung seiner Arbeitssituation die »Hitzköpfe« beobachten und die belauschten Gespräche protokollieren sollte.

Amerio schien euch also der richtige Mann. Wer organisierte die Aktion?

Die Entführung wurde zusammen von Margherita, Ferrari, Bonavita und mir vorbereitet, aber wir zogen auch noch Genossen von der Mailänder Kolonne hinzu. Wir schnappten uns Amerio am Morgen, vor seinem Haus, mitten im Zentrum von Turin. Wir gingen wie üblich vor: »Folgen Sie uns«, »steigen Sie in das Auto«, dann die Wattebäuschchen auf die Augen, alles wie nach Drehbuch, ohne Probleme. Wir haben ihn in eine Wohnung gebracht, in der wir ein kleines schallisoliertes Zimmer eingerichtet hatten. Ihm wurde keine Gewalt angetan, im Gegenteil: Da es kalt war, haben wir ihm noch geeignete Kleidung gekauft.

Mit einer Sturmhaube über dem Kopf habe ich den Entführten verhört. In Wirklichkeit waren es eher längere Plaudereien. Ich verlangte, daß er mir die Unternehmensstrategie, das System der internen Kontrollen und die Auswahlkriterien bei der Einstellung erklärte. Er diskutierte auch über Politik. »Aber was denn«, sagte er völlig verblüfft, »Fiat versucht gerade Werke in der UdSSR zu eröffnen, und es läuft alles sehr gut für uns, es gibt nie einen Streik, und die Arbeiter arbeiten, ohne zu protestieren. Und ihr behauptet, daß ihr eine Revolution wollt, um eine Gesellschaft in der Art der sowjetischen zu erschaffen!«

In manchen Momenten schien er mir eher perplex und verwundert als über sein Schicksal betrübt. Ich erklärte ihm, daß wir ein Sozialsystem wollten, das imstande sei, die ursprünglichen Ideale des Kommunismus zu verwirklichen, und nicht eine Gesellschaft nach dem sowjetischen Modell. Aber im Grunde hatte der arme Ritter Amerio nicht ganz unrecht, als er immer wieder sagte: »Ich versteh‘ euch wirklich nicht.«

War seine Freilassung von vornherein geplant? Habt ihr irgendetwas als Gegenleistung verlangt?

Sicher war seine Freilassung vorgesehen. Damals dachten wir nicht im mindesten an die Tötung eines Entführten. Wir stellten für seine Freilassung keine besonderen Bedingungen, da wir uns nicht auf ein Armdrücken einlassen wollten, das zu einer Niederlage hätte führen können. Damals war das brennendste Problem bei Fiat das der Lohnausfallkasse9.5. Wir deuteten in unseren Flugblättern an, daß wir uns an diesem Punkt einen Rückzieher der Unternehmensleitung wünschen würden. Wir erhielten ein Signal in diese Richtung, und das schien uns eine zufriedenstellende Gegenleistung für seine Feilassung zu sein.

Am 18. Dezember, frühmorgens, haben wir Amerio seine Kleidung wieder angezogen, ihm sein Geld sowie seine persönlichen Gegenstände zurückgegeben. Ich habe mich bei ihm untergehakt und gesagt »jetzt bringen wir dich wieder nach Hause« und ihn in einer öffentlichen Parkanlage in der Nähe der Kirche der Grande Madre abgesetzt.

Diese aufsehenerregende und ziemlich gewaltlose Aktion ließ die Sympathie für die BR in die Höhe schnellen. Potere Operaio und Lotta Continua klatschen uns Beifall. Aber wir erzielten mit der Entführung Amerios keinen konkreten Sieg in den Arbeiterkämpfen. Und wir meinten, daß wir unsere Ziele ändern müßten.

Was meinst du?

Der von den Gewerkschaften letztlich unterzeichnete Tarifvertrag beinhaltete ganz andere Konditionen als die, für die die Fabrikavantgarden gekämpft hatten.

An dem Morgen, als dies bekannt wurde, stand ich um halb fünf mit Dutzenden von Arbeitergenossen vor dem Tor eins von Mirafiori und wärmte mich am Feuer. Als die Aktivisten der PCI mit der l‘Unità9.6 in der Tasche ankamen und wir die Schlagzeilen über die Vertragsunterzeichnung sahen, explodierten wir vor Wut. Die »Roten Halstücher« fühlten sich betrogen. »Das ist ja widerlich«, riefen sie. »Wir besetzen die Fabrik. Die Bosse sollen hierherkommen und den Vertrag vor unseren Augen unterschreiben. Die von der Gewerkschaft sind doch gekauft, einigen sich einfach hinter unserem Rücken in Rom!« Sie verbrannten die Tageszeitung und verjagten die Kommunisten von den Toren. Es hagelte Schläge und schwere Beleidigungen. Und in der BR begann eine neue Diskussion.

Wir hatten uns in Turin und in Mailand bis zu diesem Zeitpunkt völlig auf die Arbeiter konzentriert. Die großen Fabriken, so dachten wir, waren die privilegierten Orte, an denen wir unsere Aufgaben verwirklichen konnten und die revolutionären Avantgarden heranreifen würden. Mit dieser Niederlage wurde uns aber bewußt, daß auch die Arbeitermacht nicht allein auf sich selbst beruhend, auf das Innenleben der Fabriken begrenzt, wachsen konnte. Die »schwerwiegenden« Entscheidungen wurden in Rom getroffen. Man mußte die Schlange an ihrem Kopf packen, das Konfrontationsniveau erhöhen, indem man direkt die politische Macht angriff: die zentralen Staatsorgane und das von den Christdemokraten, der Democrazia Cristiana9.7 verwaltete Befehlspult.

So wurde eine neue Phase in unserer Geschichte eingeleitet: der Angriff auf das Herz des Staates.

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