Archiv für Mai 2009

Projekt Gedächtnis

Im Wald von Bistorco« und das »Projekt Gedächtnis«

Im Knast von Palmi ließest du den fünfzackigen Stern endgültig hinter dir liegen und stelltest dich deiner »neuen« Existenz. Was waren die wichtigsten Etappen dieses Weges für dich bis heute?

Eines Nachts hatte ich einen Traum …

Wie Martin Luther King?

Ach nein, das hat nichts damit zu tun! Ich rede nicht von einem Traum als Metapher, sondern von einem echten Traum, einer von denen, die man im Bett hat, wenn man schläft.

Da war ein schneebedeckter Berg. Von oben hing ein rotes Seil herunter. Ich stieg hinauf und kletterte mit Hilfe des Seils die steilen Felswände hoch. Trotz einiger Schwierigkeiten erreichte ich den Gipfel und richtete mich an alle, die im Basiscamp geblieben waren und zuschauten, mit euphorischen Siegesgesten. Ich hatte das Seil weiterhin fest umschlungen, hielt es aber nicht für opportun, auf der gleichen Seite wieder abzusteigen. Ich schaute die andere Seite des Berges hinunter und sah viele Leute, die gespannt und interessiert die Details der Unternehmung erfahren wollen.

Am nächsten Morgen besprach ich mit Nicola Valentino diese Geschichte. Er war ein Genosse aus den Formazioni Comuniste Combattenti, mit dem ich mich im Knast angefreundet hatte. Er hörte mir zu, ohne überrascht zu sein: »Ich habe den Eindruck, daß ich diesen Traum auch schon geträumt habe«, sagte er zu mir. Er war überhaupt nicht beeindruckt. Im Gegenteil, meine Vertraulichkeit stärkte bei ihm wohl einige Intuitionen, die er seit geraumer Zeit sorgsam hegte.

»Ich saß im Auto«, erzählte er nun seinerseits, »und fuhr am Fuße eines hohen Berges entlang. Je weiter ich fuhr, desto schmaler wurden die kleinen Straßen, Erdrutsche versperrten den Weg. Mit Mühe grub ich mit bloßen Händen den Weg frei. Plötzlich aber, hinter einer Kurve, ein Gefühl der Frische: In der Mitte eines Tempels stand ein großer Brunnen … Und dann verwandelte sich der Tempel in einen Wald.« Nach einer Pause sagte er: »Weißt du, Renato, wir haben unsere Augen daran gewöhnt, viele Dinge nicht zu sehen. Diese Träume sagen uns, daß es Zeit ist, woanders hinzuschauen. Sie laden uns ein, neue Erkundungen zu unternehmen.«

Mir war nicht auf der Stelle klar, was er genau meinte, aber seine Interpretation ließ mich nicht los. Jeden Morgen, bevor die Milch ausgeteilt wurde, trug ich fortan die Träume der vergangenen Nacht in ein Heft ein. Ich schrieb sie nieder, und das war’s, ohne großartig darüber nachzudenken. Je mehr Träume ich aufschrieb, desto mehr, so schien mir, träumte ich. War es denn möglich, daß ich in den vorhergehenden Jahren nie geträumt hatte?

In den vorhergehenden Jahren hattest du den wütenden Traum von der »Revolution« gelebt, den du nun verlassen hattest, um dich privaten nächtlichen Träumen zu widmen: Etwas bescheiden, findest du nicht? Hattest du dich bereits früher für psychoanalytische Studien oder ähnliche Dinge interessiert?

Eine Zeitlang hatte ich mich an der Universität von Trento für die Kurse in sozialer Psychiatrie von Beppino Disertori begeistert und hatte auch ein Psychoanalyse-Seminar von Professor Franco Fornari besucht. Ich erinnere mich noch mit Wehmut an einige private Gespräche, in denen mich beide zu Lektüren animierten, die mich faszinierten. Dennoch war mir in meiner Zelle in Palmi auf seltsame Weise bewußt, daß Freud, Jung und Adler wenig mit den Erfahrungen zu tun hatten, die ich gerade machte.

In einem schönen Buch von Morton Schatzmann stieß ich dann auf die Senoi. Als ich davon las, wie dieses melanesische Volk mit den Träumen kommunizierte, blitzte eine Idee in mir auf. Was wäre, wenn wir uns im Knast von Palmi ebenfalls kurz nach dem Aufwachen unsere Träume der letzten Nacht erzählten und darüber diskutieren würden?

Ich sprach Nicola Valentino und Stefano Petrelli darauf an, und wir beschlossen, gemeinsam dieses Abenteuer zu wagen. Wir fragten, natürlich mit gewisser Diskretion, herum, ob noch andere Gefangene daran interessiert seien, Teil des Traum-Zirkels zu werden …

War das Interesse groß?

Am Anfang kam nur von wenigen zurückhaltende Zustimmung, ansonsten kamen eher besorgte oder ironische Kommentare. Viele dachten, wir hätten einen Sprung in der Schüssel. In einem gewisse Sinne hinderte gerade der große Traum der Ideologie viele Genossen daran, ihren privaten Träumen Aufmerksamkeit zu schenken, denn die waren ja scheinbar bescheidener und frivoler. Sie schafften, wie du es ausdrücken würdest, den »Übergang« nicht.

Wir stießen aber auch nicht auf offene Ablehnung. So begannen wir zu sechst oder zu siebt, unsere nächtlichen Träume zusammenzutragen und sie uns während der Gemeinschaftszeit am Morgen zu erzählen. Es quoll eine beunruhigende Lava hervor, und der kleine Kreis gewann Tag um Tag neue Proselyten. Unser sexuelles Elend, die beeindruckende Breite sensorischer Deprivation, die Tausend existentiellen Einsamkeiten und der Verlust des Körpergefühls brachen gnadenlos aus uns heraus. Die Träume erzählten uns eine Geschichte, die wir bis zu dem Moment nicht beachtet hatten. Sie deutete auf eine Szenerie, über die wir viele Male hinweggeschaut hatten. Sie gaben die Bilder von verstümmelten Körpern preis, die an tausend Stellen verletzt und in schrecklicher Weise mit Narben bedeckt waren.

Eine wirklich außergewöhnliche Entdeckung, die meinen Horizont ohne Zweifel erweitert hat.

Sind eure selbstanalytischen Sitzungen außerhalb der Haft auf Resonanz gestoßen?

Pietro Fumarola, ein Soziologe und Forscher von der Universität von Lecce, hörte von dem, was wir machten, und schrieb mir eines Tages im Jahr 1985 und bot mir die Möglichkeit an, unsere Erfahrungen im Rahmen eines Seminars seinen Studenten zu erzählen. Er war es, der mir neue Perspektiven eröffnete und mich mit den Untersuchungen von Georges Lapassade über Bewußtseinsveränderung und Trance bekannt machte. Im Laufe unserer Untersuchungen stellten wir fest, daß die materiellen Haftbedingungen oft Gegenstand großer Aufmerksamkeit der Forscher waren, wohingegen kaum Untersuchungen zu Techniken der Bewußtseinsveränderung existierten, auf die die Gefangenen zurückgreifen, um in der Isolation und Entbehrung zu überleben. Als ich mit Petrelli und Valentino darüber sprach, faßten wir erneut den Entschluß, uns auf neue Wege zu begeben, die uns dann dazu führten, das Material zu sammeln und in einem Buch zu veröffentlichen.

Ein dicker Band, in dem ihr Hunderte von Zeugnissen über die obskursten und privatesten Aspekte des Lebens von Häftlingen zusammengetragen habt. Im Wald von Bistorco, was bedeutet der Titel?

Wald ist eine Metapher, um Zustände ohne Form zu beschreiben, die Vermischungen und Metamorphosen, die der Knast auslöst. Bistorco, mit den Suggestionen, die das Wort enthält – l‘orco (der Menschenfresser, das Ungeheuer), la torchiatura (das Auspressen, z.B. von Wein oder Oliven), la bistorsione (die Verdrehung, Verwachsung z.B. von Pflanzen) – schien mir ein sehr geeigneter und alles umfassender Begriff.

Bis zum Buch dauerte es allerdings eine Weile. Da zogen erst einige Jahre der Selbstanalyse und eine endlose Lektüre von Haft- und Irrenhaus-Literatur, die in der verzweifeltsten Einsamkeit produziert wurde, ins Land. Es folgten Unterredungen mit Leuten, die in den Tiefen der Knäste vergessen wurden oder seit Jahrzehnten in den Sälen und Gummizellen der Irrenhäuser begraben waren. Und auch Gespräche mit Spezialisten wie dem Neurologen Giorgio Antonucci, der sich mit großer Intelligenz und Pietät gegen die psychiatrische Vorverurteilung und für das »aus den Fesseln lösen« dieser unglücklich Verstoßenen bemüht hat.

Während dieser endlosen Reisen wuchs Tag für Tag ein immer monströserer Berg von Schriften, Briefen, Gedichten, Bildern und Gekrakel jeder Art an. Der Berg wuchs ständig weiter, und momentan sind wir dabei, ein Archiv dafür zu organisieren. Ein Archiv der »irritierten Schriften«, wie wir es nennen, um durch das Wortspiel die soziale Sprengkraft deutlich zu machen.

Du hattest zuvor aber auch schon andere Bücher veröffentlicht.

Im Knast von Palmi hatte ich Wkhy geschrieben. Ein Buch mit einem unaussprechlichen Titel, nach der Bezeichnung Gottes in der hebräischen Religion. Es handelt sich um eine Parodie und eine Provokation. Eine Parodie auf die unmenschliche Sprache von Politik und Ideologie der gesamten radikalen Linken, die einige meiner Genossen immer noch benutzten, als es schon längst nichts Reales mehr gab. Ich wollte den Bruch und die semantische Explosion darstellen und zeigen, daß es sich um eine Sprache handelte, die ihre Grammatik und Syntax verloren hatte. Ein provokanter Schritt, um meine Geschichte und die der Roten Brigaden anders zu betrachten als immerfort rein ideologisch und abstrakt, ohne daß bislang im mindesten die menschliche und reale Seite des Lebens zum Vorschein kam, die die Leidenschaften, Widersprüche, Leiden und Freuden in sich barg.

Ist Wkhy auch eine Selbstkritik an der Sprache, die gerade auch du jahrelang in den Flugblättern der BR benutzt hattest?

In einem gewissen Sinne schon. Während meiner Zeit als Militanter der BR habe ich unterschiedliche Sprachen gesprochen, nicht nur die der Erklärungen, die leider am stärksten in der Erinnerung bleibt. Andererseits gab es in jenen Jahren einen spezifischen Hang, sich in dieser Weise auszudrücken. Die Sprache war, sosehr sie auch heute verschmäht wird, bestimmt nicht häßlicher und kryptischer als die der Parteizeitungen, der Unità oder von il Popolo.

Ein anderes Buch schrieb ich 1987: Das Alphabet von Esté. Daran erinnere ich mich gerne. Es ist die Geschichte von Sebastiano Tafuri, der sein ganzes Leben in einem Irrenhaus Neapels verbringen muß und sich schließlich, um »rauszukommen«, die Geschichten vom »gefiederten Flugtier« ausgedacht hat, die er mit sehr schönen Bildern versehen hat.

Aber während der letzten Jahre habe ich auch viel Kraft auf die Untersuchungen verwendet, um das »Projekt Gedächtnis«22.1 zu einem Ende zu führen.

Was beinhaltet das »Projekt Gedächtnis«?

Es ist ein erster analytischer Versuch, jene soziale Erscheinung, die der bewaffnete Kampf darstellte, mit einer gewissen Strenge anzugehen. Wir haben festgestellt, daß fast alle die Kämpfe der 70er Jahre ausführlich beschreiben, ohne genau zu wissen, von was sie reden, da seriöse und grundlegende Informationen fehlen. In der Praxis haben wir eine digitale Datenbank erstellt, die imstande ist, präzise und überprüfte Informationen über Organisationen, Schriften und Personen, die sich um den bewaffneten Kampf gruppierten, zu liefern. Die Studie ist vollständig und detailgetreu. Sie umfaßt das Feld, gegen das polizeilich ermittelt wurde, d.h. etwa 7000 Personen, die seit Anfang der 70er bis Ende der 80er in Verfahren wegen »Mitgliedschaft in einer subversiven Vereinigung«, »bewaffneter Bandenbildung« und »Aufstands« angeklagt wurden. Wir haben zu jedem einzelnen die grundlegenden Informationen zusammengetragen, wie Geburtsort, Alter im Moment der Anklageerhebung, den Schul- oder Universitätsabschluß, die Tätigkeit vor der Verhaftung, die Gruppe, in der sie aktiv waren, usw. Das Ergebnis dieser Arbeit ist eine komplette Röntgenaufnahme der sozio-politisch-kulturellen Zusammensetzung der linken subversiven Bewegungen Italiens.

Mit Queranalysen im Computer kann man z.B. herausfinden, welches die Gruppe mit dem höchsten Arbeiteranteil ist, welche die mit dem höchsten durchschnittlichen Bildungsgrad, oder welche Stadt in Italien die höchste Anzahl an Subversiven hervorgebracht hat …

Eure Verlagskooperative heißt Sensibili alle foglie, sensibel gegenüber den Blättern, der Name ist ja schon Programm. Wieviele Leute arbeiten dort mit, und was wurde bisher produziert?

Die Kooperative wurde von Petrelli, Valentino und mir zusammen mit einigen Professionellen und Wissenschaftlern, die nicht im Knast sind, gegründet. Dem liegt die Idee zugrunde, ein reales Arbeitsfeld zu entwickeln, das uns auch erlaubt, so zu leben, wie wir es wollen; unsere Tätigkeiten kreisen um Chroniken und Analysen betreffs der existierenden Lebensproblematiken und die Möglichkeiten, diese anzugehen.

In den letzten zwanzig Jahren haben wir merkwürdige Welten durchlebt und die Tragik der Menschheitsgeschichte erblickt: jene Mauer, die die Existenz knechtet und ihr jedes Lächeln nimmt. Nun gut, wir haben uns entschlossen, ein Loch in diese Mauer zu graben, durch das die Stimmen dringen können, um vom Horror der Isolation zu berichten. In welcher Form auch immer diese sich manifestiert: geschlossene Anstalten, Einsamkeit, Vorurteile …

Auf den Namen hat uns eine Frau gebracht, die seit Jahren auf der Straße oder in Irrenhäusern lebte und mir eines Tages schrieb: »Wer sensibel ist, kann daran zugrunde gehen, kann sterben. Ich bin sensibel gegenüber den Blättern, den Armen, dem Leid.« So erzählen unsere Bücher vom Inneren der Welt der Eingesperrten, Verschlossenen, Behinderten, den Transsexuellen, den Drogenkonsumenten …

Für gewöhnlich hebst du die »Diskontinuitäten« deines Lebens hervor. Findest du aber nicht, daß es einen roten Faden gibt, von deiner vergangenen bewaffneten Rebellion gegen eine Gesellschaft, die dir »inakzeptabel« erschien, zu deiner gegenwärtigen Aufmerksamkeit gegenüber extremen Zeugnissen, der »Schwierigkeit zu leben«?

In einem gewissen Sinne hast du recht, aber es gibt auch tiefgreifende Unterschiede zur Vergangenheit. Die Probleme, die mich interessieren, sind immer jene, die aus dem Scheitern im sozialen Zusammenleben entstehen, aus dem Schiffbruch realer Personen in realen Machtkonflikten. Während ich aber vor Jahren davon überzeugt war, daß der grundlegende Zwang ökonomisch-politisch bedingt ist und es daher notwendig sei, in einer marxistischen Sichtweise auf die radikale Veränderung der Produktionsverhältnisse zu zielen, bin ich heute gegenüber persönlichen und tragischen Zwangssituationen sensibler, in denen wir alle in irgendeiner Weise leben. Heute besteht meine Aufgabe darin, den Individuen, die diese Gesellschaft bilden, »zuzuhören«. Nur zuzuhören, denn Lösungen habe ich, ehrlich gesagt, keine mehr anzubieten.

Ich höre den extremen Stimmen zu, da sie mir das Durcheinander der Zeiten und Ideen mit der größten Klarheit vermitteln. Es sind die Stimmen, die mir existentiell am nächsten sind, die mich täglich fragen, ob ich denn irgendeinen guten Grund weiß, weiterzuleben. Auch wenn ich ihnen darauf keine Antwort geben kann, fühle ich, daß es meine Aufgabe ist, ihnen aufmerksam zuzuhören, sie aufzunehmen und wiederzugeben.

Die Wahrheit ist, daß achtzehn Jahre Knast22.2 keine Abstraktion sind und zu einer realen Distanz führen. Ich empfinde zum Beispiel zu allen Personen, die in diesen Jahren meine persönliche und politische Geschichte analysiert und erforscht haben, eine sehr große Distanz. Genauso geht es mir mit dem, was ich in den Zeitungen lese oder im Fernsehen sehe. Hingegen bin ich berührt, von all jenen, die neben mir dieser Stille und Einsamkeit unterworfen sind, die leiden, schreien, sich verstümmeln, Selbstmord begehen. Von den Schreien, den Tausenden von Stimmen, der »Schwierigkeit zu leben«.

In den ersten Jahren Knast habe ich begriffen, daß ich tiefgreifende Veränderungen meiner Person zu akzeptieren hatte und radikale Entscheidungen treffen mußte. Anstatt in eine durch die Vergangenheit blockierte Rolle zu schlüpfen, beschloß ich mein Leben neu zu organisieren und mich dabei möglichst nah von alltäglichen neuen Erfahrungen leiten zu lassen. Anstatt mich vom Gefängnis auffressen zu lassen, zog ich es vor, es meinerseits Happen für Happen zu verspeisen.

Das heißt auch, daß ich, nachdem ich den Brigadistenrock einmal an den Nagel gehängt hatte, meine Haut als einzige Kleidung akzeptierte.

Gefängnisaufstand auf Asinara

R. Curcio

1978 befandst du dich mit dem überwiegenden Teil der Gründergeneration der Roten Brigaden in einem Spezialgefängnis auf der Insel Asinara. Die Haftbedingungen waren quälend und mündeten in einen großen Aufstand. 1990 habe ich die Sträflingskolonie auf der Insel besucht und einige Gefängniswärter nach jener Geschichte befragt, die sie mir immer noch als ein legendäres Ereignis schilderten.

Es ist eine brutale Schlacht gewesen. Bevor uns die Flucht mißlang und der Aufstand losbrach, hatte ich auf der Insel einige seltsame, manchmal auch witzige Situationen erlebt.

Ich war zum ersten Mal im Juni ’77 auf Asinara, kurz bevor die Zeit des »Kreislaufs der Gemse« begann, ein System von Spezialgefängnissen, das Dalla Chiesa erfunden hatte. Die ersten Monate steckten sie mich zusammen mit Gentile Schiavoni, einem der Führer der Nuclei Armati Proletari20.1, und Massimo Battini, einem durch die Knastkämpfe politisierten sozialen Gefangenen, in eine der vier winzigen Zellen, in den sogenannten mörderischen »Bunker«. Nach dem Turiner Prozeß wurden wir allmählich alle in Fornelli, eine der Spezial-Strafanstalten auf der Asinara, konzentriert. Sie sah aus wie eine Art große, rechtwinklige Festung, vollkommen von einer weißen Mauer umschlossen, im Sommer wahnsinnig heiß, im Winter kalt und feucht.

Die Insel ist eigentlich ein kleines Idyll. In unserem »Super-Knast« war die Situation allerdings weit weniger angenehm. In Fornelli waren wir etwa sechzig: die Brigadisten, einige Militante der NAP und von anderen bewaffneten Gruppen und etwa zwanzig gewöhnliche Gefangene, die als besonders gefährlich galten. Wir verbrachten die Zeit damit, die Papiere zu schreiben, von denen wir vorhin sprachen, wir debattierten oder spielten mit einer aus Lumpen gefertigten Kugel Fußball in den winzigen Höfen. Und wir dachten pausenlos an einen Ausbruch.

Aber wenn man über Asinara redet, muß man unbedingt von Cardullo erzählen, einer Person, die der Vorstellungswelt Dalis entsprungen sein mußte, zu dem eine merkwürdige Beziehung entstand.

Wer ist dieser Cardullo?

Der Knastdirektor und Imperator der Insel. Ein pittoresker und humorvoller Mann, ein großer Komödiant und Verschwörungstheoretiker, ein wenig masochistisch, aber mit einem Rest an Würde. Ich glaube, in gewisser Weise war er von uns Brigadisten fasziniert und gleichzeitig sehr selbstsicher, was seine Fähigkeit anbelangte, uns mit Härte im Zaum zu halten. Er hielt uns immer wieder den gleichen Vortrag. Das hörte sich etwa so an: »Gut, ich weiß, daß ich fast machtlos bin, was die Kontrolle innerhalb der Mauern von Fornelli anbetrifft. Auch ist nicht unwahrscheinlich, daß ihr sogar Sprengstoff und Waffen dort habt; kocht meinetwegen, was ihr wollt; diskutiert; schmiedet große Pläne; ich weiß, daß es euch nicht um eine zusätzliche Stunde Hofgang geht oder ihr auf Streit mit den Schließern aus seid; euer Ziel ist die Flucht; aber ich warne euch, außerhalb der Mauern gibt es kein Pardon, und ich schwöre euch, daß ihr eure Nase nicht allzuweit über diese Mauern hinausstrecken werdet; niemals wird einer von euch von dieser Insel entkommen.«

Wir erwiderten ebenso großspurig, daß wir die Insel verlassen würden. Und zwar bald.

Solche Szenen spielten sich häufiger ab?

In den verschiedensten Situationen. Zum Beispiel mußte man für bestimmte Unterredungen von Fornelli zur Zentrale fahren, das hieß etwa zehn Kilometer ungepflasterte Straße an Stränden und wilder Felsenküste entlang. Cardullo fuhr mich fast immer persönlich. Oft alleine. Er holte mich im Jeep ab und wies mich an, ohne Handschellen, neben ihm Platz zu nehmen. Meistens saß sein riesiger Doberman mit heraushängender Zunge hinten auf dem Rücksitz und hechelte mir recht unangenehm in den Nacken.

Er hielt dann seinen Vortrag über die Unmöglichkeit einer Flucht, las mir aber auch von seinen Gedichten vor und fragte mich nach meinem Urteil. Er hielt am Straßenrand, deutete auf den Sonnenuntergang, das Meer, den Himmel und sagte: »Schau, wie wunderbar das ist.« Und dann begann er vorzutragen.

Und, wie waren die Gedichte?

Naja, ich würde mal sagen, nicht schlimmer als der Durchschnitt der Gedichte, die die Masse unserer dilettantischen Poeten produziert. Hymnen an die Schönheit der Natur, viele Metaphern und Symbole aus der Hirtendichtung. Einmal wagte er aber noch mehr. Er forderte mich heraus, ihn zu töten.

Im Duell?

Es war eine jener psychologischen Anwandlungen, nach der meiner Meinung nach seine Männlichkeit verlangte. Wir fuhren damals einen Weg entlang, der sich scharf an einem Abgrund befand. »Siehst du, Curcio«, sagte er, »wenn du kurz in das Lenkrad greifst, fliegen wir hinunter, und du bringst mich um; aber ich weiß, daß du nicht den Mut dazu hast; daher ist es kein Wagnis, dich alleine mitzunehmen; ihr redet und redet, aber dann …«

»Nein, schau, das Problem ist nicht, daß ich zu feige wäre, dich umzubringen«, antwortete ich. »Die Sache ist nur die, daß mein Leben deines nicht wert ist: ich wäre schon bereit, dich hinunterzustoßen, aber ohne, daß ich dabei mit in die Tiefe gehe.« Es folgte großes Gelächter.

Mit Cardullo gab es immer unvorhergesehene surreale verbale Konfrontationen. Er war ungeheuer theatralisch, wenn es darum ging, schwerwiegende persönliche Probleme zu bewältigen. »Ich habe im Leben nichts mehr zu verlieren«, sagte er mir eines Tages. »Meine ganze Lebensenergie ist verbraucht, ich habe nur euch hier, und es ist meine einzige Genugtuung, daß ihr es niemals schaffen werdet, von hier abzuhauen.«

Aber im Sommer 1979 hattet ihr dann tatsächlich einen Ausbruch vorbereitet. An was ist er gescheitert?

Er schlug aus externen Gründen fehl. Man muß hier auch noch mal in Erinnerung rufen, daß eine der verschiedenen Konfliktursachen zwischen uns Häftlingen und der Leitung der BR, unsere Überzeugung war, daß das Ziel der Befreiung der politischen Gefangenen nicht richtig verfolgt würde. Zumindest nicht mit der notwendigen Zähigkeit und Entschlossenheit. Die Befreiung ihrer Gefangenen war seit Andreas Baader immer ein Ziel der europäischen Stadtguerilla gewesen. Nach dem politischen Scheitern der Moro-Aktion und dem langen Schweigen der BR fühlten wir uns im Stich gelassen.

Also reagierten wir und schickten Mitteilungen mit folgendem Tenor raus: Paßt auf, ihr könnt uns nicht einfach loswerden, indem ihr so tut, als ob wir nicht mehr existierten; entweder ihr setzt jetzt einen konkreten Plan zu unserer Befreiung in die Tat um, oder wir kümmern uns selbst darum, das wird aber unser Verhältnis zu euch bestimmt nicht verbessern.

Wie lautete die Antwort?

Die Organisation reagierte und kümmerte sich darum. Eine »Knastfront« wurde gebildet, die an einem Fluchtplan arbeitete, den wir skizziert hatten. Im Juli zelteten einige Genossen auf der Halbinsel von Stintino, die von Asinara nur durch eine schmale Meeresenge getrennt ist. Sie sondierten die Fluchtmöglichkeiten, Anlegestellen für die Schlauchboote und derartige Dinge.

Wie sah der Fluchtplan aus?

Die Mauern und Fenster sollten gesprengt und eine Bresche geschlagen werden, durch die die große Masse der Häftlinge aus den Zellen und Trakten herauskäme. Einmal draußen, hätten wir mit der ziemlich niedrigen Ringmauer kein großes Problem gehabt …

Was wäre mit den bewaffneten Carabinieri und den Gefängniswärtern gewesen?

Ein Schußwechsel war unvermeidlich, schließlich mußten wir auch die Waffenkammer von Fornelli unter unsere Kontrolle kriegen. Wir hätten anschließend zum Meer laufen können, das nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt liegt. Am Ufer sollte in der Zwischenzeit ein gut bewaffnetes Kommando von Genossen mit Schlauchbooten landen und uns mit einem Sperrfeuer Deckung geben. In Gruppen aufgeteilt, sollten uns die Schlauchboote dann zu schnelleren Booten, solchen Motorbooten, wie sie auch die Zigarettenschmuggler verwenden, bringen und uns an verschiedenen Stellen an der Küste absetzen. Ein ziemlich groß angelegter Plan, der uns damals auf Asinara aber nicht undurchführbar erschien.

Dann hatte Cardullo ja zu Recht vermutet, daß ihr in Fornelli Sprengstoff und Waffen besaßt. Wie seid ihr an sie herangekommen? Wo habt ihr sie versteckt?

Natürlich hatte er recht. Der Trakt von Fornelli war praktisch ein mit Plastiksprengstoff, Zündschnüren, Zündern und einer Anzahl von Hieb- und Stichwaffen gefüllter Napfkuchen. Messer, riesige Schwerter und richtige Krummsäbel; Pistolen hatten wir keine, aber wir sollten sie in den Tagen kurz vor dem Ausbruch erhalten.

Die Methode, wie dieses Material durch die Kontrolle kommen sollte, war in jahrelangen Versuchen erprobt: in Lebensmittelpaketen, in der Kleidung, während der Verlegung von einem Knast in den anderen …

Sprengstoff, den die Metalldetektoren nicht orten konnten, war simpel durchzubringen, und wir hatten einige Kilo angesammelt. Versteckt wurde er, wie alles andere, in Löchern, die wir in die Wände gruben, in Hohlräumen, in den Abflußrohren der Klos, in den Farbbändern der Schreibmaschinen. Andererseits waren wir auch große Freunde der Espressomaschinen. Wir besaßen sie in allen Größen. Die Schließer lachten: »Wieviele Kaffees bereitet ihr euch denn zu? Trinkt weniger und schlaft mehr.« Sie wußten nicht, daß jene kleinen Maschinen die Behälter für künftige Bomben sein würden. Mit Plastiksprengstoff gefüllt, mit Zünder und Zündschnur versehen, wurden sie zu Sprengkörpern von beachtlicher Stärke.

Alles war vorbereitet. Was hat dann nicht funktioniert?

Die externe Organisation. Wir hatten noch kein genaues Datum festgelegt, aber der Ausbruch sollte vor September stattfinden. In den ersten Augusttagen, wir waren bereits mitten in der Vorbereitung, erreichte uns eine Mitteilung der Leitung: »Liebe Genossen«, lautete sie, »aufgrund einer Reihe von Komplikationen und Schwierigkeiten ist es uns nicht gelungen, die für die Operation unverzichtbaren Schnellboote rechtzeitig zu besorgen. Der Ausbruch muß daher auf den nächsten Sommer verschoben werden.«

Das war ein harter Schlag. Wir waren wütend. Ein weiteres Jahr abzuwarten, schien unmöglich. Das Verhältnis zu Cardullo und den Schließern war kurz davor zu explodieren. Wir hatten in der letzten Zeit den Knast bis zum Platzen mit Waffen vollgestopft. Es war nicht vorstellbar, die Tarnung noch lange aufrechtzuerhalten. Unsere Verstecke wären früher oder später mit Sicherheit aufgeflogen.

Wir schickten den Externen eine ultimative Botschaft: »Macht, was ihr könnt, setzt alle Hebel in Bewegung, ihr müßt das Problem lösen, wir können hier nicht mehr so lange durchhalten, es droht ein Desaster.« Darauf erhielten wir einen weiteren negativen Bescheid: »Es ist unmöglich, wir haben nicht die Mittel und schaffen es nicht rechtzeitig, versucht durchzuhalten.«

Und wir, immer wütender, antworteten ihnen, daß die Schwierigkeiten nicht organisatorischer Art seien, sondern ihren verschrobenen politischen Entscheidungen entstammten. Wir schrieben, daß sie sich nicht genug für uns einsetzten, daß sie eines der Prinzipien des bewaffneten Kampfes, die Befreiung der politischen Gefangenen, unseren Ausbruch, vergessen hätten. Und wir drohten im Tonfall der Verzweiflung, daß wir angesichts der Unmöglichkeit, auf Asinara noch weitere zwölf Monate durchzustehen, uns selbst helfen würden.

Was hattet ihr vor?

Wir hatten überhaupt keine Möglichkeit mehr, uns viel zu überlegen, die Dinge sollten sich überstürzen. Ende September wurde Gallinari20.2 mit einer Karte der Insel und genauen Hinweisen zu dem Ausbruch in der Tasche verhaftet. In Fornelli kam es daraufhin zu einer großangelegten Durchsuchung, die uns kalt erwischte. Sie sperrten uns alle in den Hof und nahmen den gesamten Trakt auseinander. Allerdings nicht gründlich genug, sie fanden zwar einige Dolche, aber nicht den Sprengstoff, die Zündschnüre und die Zünder.

Von da an wehte ein anderer Wind im Knast: ein äußerst strenges Regime, totale Isolation, keine Gemeinschaftsaktivitäten mehr, absolutes Sprechverbot seitens des Wachpersonals. Man hatte den Eindruck, daß jeden Moment noch etwas Schlimmeres drohte. Nach einem hektischen Hin- und Hergeschiebe von Zettelchen zwischen den Zellen beschlossen wir, daß man nicht länger warten durfte. Wir mußten sofort zur Aktion schreiten.

Der Aufstand wurde beschlossen?

Ja, ein Aufstand, der die komplette Zerstörung von Fornelli zum Ziel hatte, um dadurch die Verlegung in andere Knäste zu erzwingen.

Natürlich sollten an dieser radikalen Aktion alle Häftlinge teilhaben. Wir informierten auch die gewöhnlichen Gefangenen, die in das Vorhaben ohne zu zögern einwilligten.

Die Operation sollte am Abend des 2. Oktober starten, wenn Ognibene wegen eines Telefonats den Trakt verlassen sollte. Bei der Rückkehr sollte er mit seinem Zellengenossen, Pasquale Abatangelo, einen oder zwei Schließer überwältigen und sie als Geiseln nehmen. In diesem Augenblick sollte die Hölle losbrechen. In den Zellen sollten alle mit Sprengstoff, eisernen Bettenstangen, mit allen möglichen Mitteln loslegen, die Trennmauern einzureißen und einen einzigen großen Raum zu schaffen, in dem man gemeinsam Widerstand leisten und das Werk der Zerstörung des Baus fortsetzen konnte.

Lief in Wirklichkeit alles wie nach Drehbuch?

Leider nicht, es hakte von Anfang an. Als Ognibene versuchte, sich am Eingang des Flurs eine Wache zu schnappen, kam es zu einem heftigen Handgemenge. Der Wachtrupp war zahlreicher als angenommen. Ognibene wurde überwältigt. Die Wachen brüllten herum, schlugen Alarm, zogen sich aus dem Trakt zurück und verschlossen alle Tore.

Uns war klar, daß wir zu diesem Zeitpunkt auch ohne Geiseln nicht mehr zurückkonnten, wir mußten weitermachen. Wir sagten die Losung über die Fenster durch. »Los, los, zerschlagen wir alles«, schrie ich und dachte: Egal, ob es klappt oder nicht, wir haben nichts mehr zu verlieren…

So begann die Schlacht um Fornelli.

Am Anfang war es ein wutentbranndter Ansturm gegen Mauern und Decken. Wir verwendeten dafür nicht gleich Sprengstoff, sondern arbeiteten mit eisernen Bettenstangen und provisorischen Hämmern, die wir uns gebastelt hatten.

Zwischen Decke und Dach bestand ein Zwischenraum von etwa anderthalb Meter Höhe. Von dort aus konnte man die Gänge des ganzen Traktes kontrollieren. Wir wollten uns dort festsetzen und so lange wie möglich Widerstand leisten. Die größte Schwierigkeit lag darin, die etwas weniger sportlichen Genossen dort hochzuziehen. Eine Gruppe sollte den Zugang zum Flur, bei den Gittertoren, von oben überwachen. Die Espressomaschinen standen mit Plastiksprengstoff gefüllt bereit. Beim ersten Versuch der Schließer und der Carabinieri einzudringen sollten die Sprengkörper von oben fallengelassen werden, wie bei einem Bombenangriff. In der Zwischenzeit sollten andere Trupps, die aus den kräftigsten Zerstörern bestanden, weiterhin alles kaputtschlagen: Kloschüsseln, Waschbecken, Rohre, Trennwände, Türrahmen …

Bald rückten die ersten Wachtrupps vor. Sie öffneten die Gittertore und versuchten in den Flur einzudringen. Wir warfen unsere Espresso-Bomben, die unter riesigem Gekrache explodierten und sie unerbittlich zurückdrängten. Also begannen sie von außen durch die eingeschlagenen Fenster auf uns zu schießen. Die Kugeln pfiffen überall durch die Gegend. Wir schalteten die Beleuchtungsanlage ab, doch sie hatten starke Strahler.

Wie lange hat diese Schlacht angehalten?

Einige Stunden. Um Mitternacht, das Innere des Traktes hatte sich praktisch in einen Trümmerhaufen verwandelt, forderten wir Verhandlungen.

Giorgio Panizzari, ein gefangenes Gründungsmitglied aus den Nuclei Armati Proletari, ging hinaus, um mit Cardullo zu verhandeln. Er sollte die Übergabe von Ognibene fordern und erläutern, daß wir unser Ziel, Fornelli zu zerstören, erreicht hätten und daher keinen Wert auf weitere kriegerische Handlungen legten.

Wie hat Cardullo euch geantwortet?

Gar nicht. Er hat zusätzlich zu Ognibene gleich auch Panizzari, unseren Abgesandten, dabehalten.

Die feindlichen Angriffe wurden immer mörderischer, sie deckten uns mit Reizgasgranaten zu. Es war grauenhaft. Sie verursachten sehr schmerzhafte Verätzungen, Brechreiz und Ohnmachtsanfälle. Wir hätten Gasmasken gebraucht, aber leider hatten wir vergessen, uns welche zu basteln.

Es war klar, daß er uns militärisch besiegen wollte. Wir brüllten aus den Fenstern zurück: »Wenn ihr Krieg wollt, sollt ihr Krieg haben, wir haben noch kiloweise Sprengstoff.« Und um diese Behauptung zu unterstreichen, warfen wir unsere Superbombe raus, eine Espressomaschine, mit der sich zwölf Portionen zubereiten lassen. Sie verursachte einen gewaltigen Schlag, aber keinen Schaden. Sie ließen sich davon natürlich nicht aus der Fassung bringen und schossen weiter auf uns und bewarfen uns mit Gas. Das ging bis fast zum Sonnenaufgang so weiter, bis wir die freche Stimme von Cardullo durch ein Megaphon vernahmen. Er teilte uns die Ankunft des Generalstaatsanwaltes der Republik mit, der mit uns reden wollte.

Die Verhandlungen begannen aus sicherer Entfernung. Wir verlangten eine Garantieerklärung, daß wir von Asinara verlegt würden. Der Staatsanwalt sagte: »Ergebt euch, es wird euch kein Haar gekrümmt werden … Das verspreche ich euch.«

Da wir sicher waren, eine Menge Prügel einstecken zu müssen, antworteten wir, daß uns das nicht reiche und wir sicher sein wollten, von der Insel verlegt zu werden.

»Das ist eine Entscheidung, die ich nicht treffen kann, sie hängt vom Ministerium ab«, entgegnete er.

Das ging eine ganze Weile so hin und her. Angesichts der katastrophalen Verfassung der teilweise vom Gas stark angeschlagenen Genossen beschlossen wir einen Kompromiß. »Wir gehen von Bord«, rief ich, »wir kommen einer nach dem anderen heraus. Wenn wir aber mitbekommen, daß den ersten, die hinauskommen, in irgendeiner Weise Gewalt angetan wird, decken wir euch mit den restlichen Bomben ein.«

»Na gut, ich garantiere mit meiner Person«, versicherte uns Cardullo: »Du, Curcio, weißt, daß ich ein Mann bin, der zu seinem Wort steht; eure Flucht ist gescheitert, und ich will mich nicht an Besiegten auslassen …«

Ich antwortete: »Nein. Schau, wir sind nicht besiegt worden. Deinen Knast haben wir in Stücke gelegt.« Auch in dieser Situation war ein verbales Duell mit dieser seltsamen Person unvermeidlich.

Wer ging als erster raus?

Wir schauten uns an, und ich verstand, daß ich an der Reihe war. Alle musterten mich mit extrem bedauernden Mienen. Auf der anderen Seite des Gittertors stand ein ziemlich umfangreiches Empfangskomitee aus Beamten mit Spatenstielen in den Händen bereit. Es waren nur Stiele, aber von der schön großen Sorte, und das ließ nichts Gutes erahnen.

Um die Wahrheit zu sagen: ich empfand eine gewisse Furcht. Aber ich war auch von der Anspannung der Kriegsnacht ganz schön aufgedreht. »Dann gehe ich«, verkündete ich ein wenig dramatisch den Genossen, »wenn sie mich auch nur berühren, dann denkt an das Versprechen.«

Vor dem Gittertor erwarteten mich Cardullo und der Generalstaatsanwalt der Republik. Sie hakten mich unter, einer auf der einen, der andere auf der anderen Seite, und wir schritten in der Mitte den Flur entlang, zwischen den Reihen der Beamten. Die Carabinieri brüllten durch die großen Fenster: »Hier kommst du lebend nicht mehr raus«, »Asinara wird euer Grab sein.« Ich defilierte mit erhobenem Haupt dahin, versuchte einen unbestimmten Punkt in der Ferne zu fixieren und um jeden Preis etwas Würde zu demonstrieren.

Am Ende des Flures, im Vorhof angekommen, standen wir einer beängstigend großen Ansammlung von Beamten gegenüber. Es waren mindestens hundert. Alles war mucksmäuschenstill, eine riesengroße und bedrohliche Menge, in völliger Dunkelheit. Ich dachte: Das ist das Ende.

Cardullo und der Staatsanwalt nahmen mich enger in ihre Mitte. Die Wachen ließen uns einige Meter vorlaufen und stürzten sich urplötzlich alle gleichzeitig auf uns, schrien und knüppelten auf uns ein, bis nichts mehr ging …

Auch auf Cardullo und den Staatsanwalt?

Ja, alle wurden gleich behandelt. Jeder versuchte, sich so gut wie möglich zu schützen. Es entstand ein derartiges Gemenge, daß ich mich aus dem Gedränge herausschlängeln konnte und es schaffte, hinter das Gittertor einer anderen Abteilung zu gelangen.

Alles in allem bekam ich nicht viel ab. Cardullo hingegen bezog nach allen Regeln der Kunst Prügel. Am nächsten Tag stellte er seine Male und Beulen wie Verdienstorden zur Schau. »Curcio«, sagte er, »diese Schläge habe ich kassiert, um dir gegenüber mein Wort zu halten; ihr habt verloren, und ich habe gezeigt, daß ich ein Gentleman bin.« So war Cardullo eben.

Wurden die anderen Häftlinge ebenso zusammengeschlagen?

Die Genossen hatten die Prügelei außerhalb des Flures nicht sehen können, den Tumult aber vernommen. Sie verlangten, Cardullo solle vor die Tür, zum Trakt, zurückkehren. Er begab sich zerknautscht und blutend dorthin und sagte »Seht ihr, es ist nichts passiert, ihr könnt beruhigt herauskommen.« Alle wußten, daß ein paar Schläge unvermeidbar waren, aber keine größeren Gefahren drohten. Die ersten, die herauskamen, wurden so wie ich mißhandelt, aber dann ermüdeten die Wachen, und die Anspannung ließ nach.

Wie ging es dann weiter?

Sie teilten uns in Gruppen und verstreuten uns auf die Arrestzellen und Strafbunker auf der Insel. Ich war noch eine Woche in Asinara. Dann wurde ich zusammen mit etwa fünfzehn anderen Brigadisten nach Florenz verlegt, wo uns erneut der Prozeß gemacht werden sollte.

Fornelli war zerstört, aber der Staat behielt den kleineren Hochsicherheitstrakt in einem anderen Gebäude offen, um zu demonstrieren, daß er nicht nachgeben würde, solange, bis der Staatsanwalt Giovanni D‘Urso 1980/81 entführt wurde und mit der Schließung des Spezialgefängnisses auf der Asinara die Angelegenheit endgültig beendet wurde.

Renato Curcio Mit offenem Blick

Bei FIAT-Mirafiori in Turin

Seid ihr alle zusammen aus Mailand geflohen?

Nein, jeder für sich oder in kleinen Gruppen. Margherita und ich hatten eine Verabredung mit Franceschini an der Piazza Napoli. »Die Polizei steht vor unserer Tür«, berichteten wir ihm, »wir sind ihnen haarscharf entkommen.« »Bei mir waren sie auch«, antwortete er. So beschlossen wir augenblicklich, den Postbus nach Lodigiano zu nehmen, wo einer unserer Genossen, Pietro Bertolazzi9.1, wohnte. Er war zu dieser Zeit noch kein richtiger Brigadist. Auf dem Weg dorthin sammelten wir noch Pierino Morlacchi ein, der dank der Warnung einer alten Pförtnerin ebenfalls der Falle entgehen konnte.

Bertolazzi holte uns mit einem alten Fiat 1100 ab, in den wir uns hineinzwängten: »Die Polizei ist hinter uns her. Du mußt uns helfen. Kennst du eine Hütte, in der wir schlafen können…?« Er brachte uns zu einem alten Gehöft, in Pianello Valtidone, im Hinterland von Piacenza, das ihm gehörte. Nachdem wir uns etwas ausgeruht hatten und einige Verbindungen zu den anderen wiederherstellen konnten, beratschlagten wir, was nun zu tun sei.

Gejagt und isoliert, auf einem verlassenen Hof, welche Chancen habt ihr euch da noch ausgerechnet?

Genau das war das Problem. Wir dachten lange darüber nach. Drei Monate lang, bis Juli ’72, haderten wir mit unserem Schicksal. Einerseits war die Lage wirklich düster. Feltrinelli war tot, die GAP praktisch verschwunden, die Nouvelle Résistance der französischen Genossen zerschlagen, Andreas Baader, Ulrike Meinhof und die anderen deutschen Aktivisten der RAF fast alle verhaftet … Eine realistische Einschätzung der Situation drängte uns anzuerkennen, daß die Praxis des bewaffneten Kampfes in Europa mehr oder weniger gescheitert war und uns nichts weiter blieb, als die Segel zu streichen, solange das überhaupt noch möglich war.

Andererseits kamen genau in jener Phase aus der Bewegung sehr positive Reaktionen auf das Attentat gegen Kommissar Luigi Calabresi.9.2 Die Stimmung für den bewaffneten Kampf schien günstig. Insbesondere von den Fabriken, in denen wir aktiv gewesen waren, von Pirelli, Siemens und Alfa, kamen dringende Mahnungen, jetzt nicht locker zu lassen. Darüber hinaus verlangte eine Gruppe Arbeiter von Fiat-Mirafiori, sich mit uns zu treffen.

Dies war letztendlich ausschlaggebend. Margherita und ich fuhren nach Turin. Wir sprachen lange mit zwei »Delegierten«, die uns hartnäckig davon zu überzeugen versuchten, eine neue Front bei Fiat aufzubauen. »Nach Mailand könnt ihr nicht mehr gehen, weil ihr dort zu bekannt seid«, sagten sie. »Also kommt hierher; wir sind eine große Gruppe und fest entschlossen, etwas zu tun.«

Wir kehrten in unser Quartier zurück – mittlerweile waren wir aus Pianello in eine kleine Villa in der Nähe von Rimini gezogen –, diskutierten den Vorschlag und beschlossen, es erneut zu versuchen. Margherita und ich sollten nach Turin gehen, während Franceschini und Bertolazzi, nachdem sie Moretti gefunden hätten, den wir immer noch vermißten, versuchen sollten, die Organisation in Mailand wieder auf die Beine zu bringen.

Im Sommer ’72 kamen die BR also zu Fiat nach Turin.

Am Anfang waren es nur Margherita und ich. Wir wohnten in einer Wohnung in der Nähe des Filadelfia-Stadions. Es war unsere erste auf falschen Namen gemietete, klandestine Wohnung. Zunächst versuchten wir einige Monate lang die Situation bei Fiat zu analysieren. Wir untersuchten die verworrenen Strukturen der Arbeiterselbstorganisierung bei Mirafiori. Wir knüpften Kontakte zu Potere Operaio, der außerparlamentarischen Gruppe mit der stärksten Präsenz bei Fiat.

Das einzige, was uns zu jenem Zeitpunkt interessierte, war, ob wir einen Kreis von Arbeitern um uns hatten, der wirklich sehr entschlossen und kämpferisch war und uns zu einer neuen Einschätzung unserer Situation führen konnte. Wir vertraten die Ansicht, daß wir, um vorwärts zu kommen, unsere Präsenz in der Fabrik und unsere Beziehungen zu den anderen Teilen der Bewegung verändern sollten. So begannen die Neustrukturierung der Roten Brigaden innerhalb und außerhalb der Fabrik, die Unterteilung in »Pole« und »Kolonnen« und die Einführung einer Struktur, die tatsächlich der einer Untergrundgruppe entsprach.

Was waren eure ersten Aktionen in Turin?

Zunächst gaben wir fast täglich sogenannte »Kampfblätter« heraus. Perspektivisch aus dem Inneren der Abteilungen geschrieben, untersuchten sie den Arbeitskreislauf und seine neuralgischen Punkte. Sie informierten über die zunehmenden Arbeiterkämpfe und warben für die Teilnahme an den politischen Versammlungen. Wir publizierten davon mehrere hundert, die später gesammelt als sogenannte »Kampftagebücher« von der Zeitung Controinformazione veröffentlicht wurden. In dieser Zeit wechselten einige »Blaumänner« wie Cristoforo Piancone9.3 und Luca Nicolotti zu uns, die bislang Potere Operaio nahestanden. Auch Angelo Basone, einer der jungen Kader der Fiat-internen PCI-Sektion, schloß sich uns an.

Zu diesem Zeitpunkt näherte sich die Turiner Fabrik ihren gewalttätigsten Auseinandersetzungen, die in der großen Besetzung von Mirafiori im Herbst ’73 kulminierten. In der Fabrik war die Arbeitermacht in Form permanenter Demonstrationen präsent, die oft zu harten Auseinandersetzungen führten. Einigen der verhaßten Aufpasser und Vorarbeiter gelang es, die sogenannten politisierteren und aktiveren Arbeiter, die sogenannten »Roten Halstücher«, zu identifizieren und mit Entlassungen oder Versetzungen zu bestrafen. In den gelben Gewerkschaften der Bosse sahen wir den hinterlistigsten Feind. Unser vorrangiges Ziel war es, das Kontroll- und Spitzelsystem an den Montagebändern und in den Fabrikhallen aufzubrechen.

In dieser aufgeputschten Situation war der Schritt, zur wirklichen Aktion überzugehen, nicht groß. So brannten wir auch in Turin Dutzende Autos der Spitzel und Provokateure nieder. Fast überflüssig zu sagen, daß uns diese Mini-Anschläge in kürzester Zeit bei großen Teilen der Fiat-Arbeiter ungeheuer populär machten. So sehr, daß wir immer stärker bedrängt wurden, »irgend etwas Größeres zu machen«.

»Einen treffen, um hundert zu erziehen«. Ihr seid also auch bei Fiat dazu übergegangen, demonstrative Entführungen durchzuführen.

So ist es. Im Februar ’73 schnappten wir uns auf der Straße Bruno Labate, den Chef der faschistischen Gewerkschaft CISNAL. Wir brachten ihn in eine Wohnung und verhörten ihn einige Stunden. Er berichtete uns von der Methode, nach der bei Fiat rechtes Personal eingestellt wurde, um die widerspenstigen Arbeiter auszuspionieren und Provokationen zu lancieren. Am nächsten Tag brachten wir, Margherita, Ferrari, Bonavita und ich, ihn zum Zeitpunkt des Schichtwechsels im Auto vor das Tor eins von Mirafiori. Vor Hunderten von Arbeitern ließen wir ihn aus dem Auto steigen, ketteten ihn mit Handschellen an einen Lichtmast und hängten ihm das übliche Schild um den Hals. Dann verteilten wir mit unverhüllten Gesichtern in aller Ruhe unsere BR-Flugblätter und zogen unter dem Applaus der Menge wieder davon. Labate blieb bis zum Eintreffen der Polizei mehr als eine Stunde am Pranger, umringt von den Arbeitern, die ihm alles mögliche an den Kopf warfen. Niemand machte den Mund auf, um Informationen zu unserer Identifizierung preiszugeben.

In jenen Tagen war die Schar unserer Sympathisanten bei Fiat wirklich sehr groß.

Wie waren die Beziehungen zu den Kadern von Potere Operaio, die sich im Umfeld der großen Turiner Fabrik bewegten?

Bei aller Verschiedenheit der Positionen herrschte unter uns eine Stimmung der offenen Auseinandersetzung und eine diffuse Solidarität. Ich habe Toni Negri einige Male in der luxuriösen Villa seines Freundes Carlo Saronio in der Nähe von Turin getroffen. Er hatte eine ziemlich kritische Einstellung gegenüber unserer Taktik, die Klandestinität in die Bewegung zu tragen. Die größten Differenzen lagen aber in den Einschätzungen der PCI. Negri war sehr streng gegenüber der Kommunistischen Partei, die seiner Ansicht nach vollständig in das herrschende Machtgefüge integriert war. Die BR-Genossen und ich zeigten uns deutlich flexibler, weniger aus Unterschieden in der Ideologie oder Analyse als vielmehr aus praktischen Gründen. An unserer Seite in der Fabrik waren viele Arbeiter tätig, die in den Gewerschaftsorganisationen und den Sektionen der PCI organisiert waren.

Wir konnten es uns nicht erlauben, die Partei von Berlinguer zu hart anzufassen.

Die Roten Brigaden hatten ihre Position bei Fiat also gefestigt. Daraufhin habt ihr eine größere Aktion beschlossen: die erste »lange« Entführung, die von Ettore Amerio, den ihr vom 10. zum 18. Dezember ’73 gefangengehalten habt. Warum Amerio? Welches Ziel hattet ihr euch mit dieser Entführung gesetzt?

Ende ’73 verfügten wir bei Fiat und anderen angegliederten Turiner Fabriken über etwa zwanzig Brigaden, bestehend aus vier oder fünf Personen. Diese Zellen bewegten sich in einem Sympathisantenumfeld aus Hunderten von Arbeitern.

Die Besetzung von Mirafiori im Herbst ’73 war ein grandioses Ereignis: permanente interne Demonstrationen, alle Abteilungen waren dicht, die Fabriktore bewacht, auf den Außenmauern Hunderte von roten Fahnen. Die gesamte Fabrik war drei Tage lang praktisch komplett in den Händen der Arbeiter. Zehn Jahre lang waren die autonomen Kämpfe angewachsen, bis sie diesen Punkt erreichten. In gewisser Weise ging die Bewegung des »Massenarbeiters«9.4 – ungelernt und desinteressiert an der Arbeit, fast immer aus dem Süden stammend – jenen Weg zu Ende, der 1962 mit den ersten wilden Streiks und den Zusammenstößen auf der Piazza Statuto begann.

Die Auseinandersetzungen um die Erneuerung der Tarifverträge in der Metallindustrie, die Energiekrise und die Androhungen von Massenentlassungen schienen darin wettzueifern, ein explosives Klima zu schaffen. Die vorherigen Erfolge und die aufgeputschte Situation überzeugten uns, einen Schritt zuzulegen.

Wir wählten Ettore Amerio aus, da er als Personalchef der Fiat-Autowerke und als alter Leiter, der schon seit Valletta in der Fabrik und für die »Bosse« eine Symbolfigur war. Außerdem besaß er geheime Informationen über Kontingente bei der Rekrutierung von Spionen und Provokateuren, die unsere unmittelbarsten Gegner waren …

Aber wie konntet ihr sicher sein, daß die Personalpolitik der Fiat-Chefs derartig ideologischen Kriterien unterlag? Hattet ihr damals schon Beweise für diese Gerüchte?

Die Methode wurde uns erstmals von Labate bestätigt und beschrieben. Wir überprüften, was er uns erzählte, und machten einen Test. Über die von ihm benannten Kanäle hatten wir es geschafft, einen scheinbar unpolitischen jungen Mann einstellen zu lassen, der in der Gießerei arbeitete, einem höllischen Ort. Kurz nach seinem Arbeitsantritt machten sich die »gelben Chefs« vorsichtig an ihn heran und schlugen ihm vor, daß er im Tausch für eine Verbesserung seiner Arbeitssituation die »Hitzköpfe« beobachten und die belauschten Gespräche protokollieren sollte.

Amerio schien euch also der richtige Mann. Wer organisierte die Aktion?

Die Entführung wurde zusammen von Margherita, Ferrari, Bonavita und mir vorbereitet, aber wir zogen auch noch Genossen von der Mailänder Kolonne hinzu. Wir schnappten uns Amerio am Morgen, vor seinem Haus, mitten im Zentrum von Turin. Wir gingen wie üblich vor: »Folgen Sie uns«, »steigen Sie in das Auto«, dann die Wattebäuschchen auf die Augen, alles wie nach Drehbuch, ohne Probleme. Wir haben ihn in eine Wohnung gebracht, in der wir ein kleines schallisoliertes Zimmer eingerichtet hatten. Ihm wurde keine Gewalt angetan, im Gegenteil: Da es kalt war, haben wir ihm noch geeignete Kleidung gekauft.

Mit einer Sturmhaube über dem Kopf habe ich den Entführten verhört. In Wirklichkeit waren es eher längere Plaudereien. Ich verlangte, daß er mir die Unternehmensstrategie, das System der internen Kontrollen und die Auswahlkriterien bei der Einstellung erklärte. Er diskutierte auch über Politik. »Aber was denn«, sagte er völlig verblüfft, »Fiat versucht gerade Werke in der UdSSR zu eröffnen, und es läuft alles sehr gut für uns, es gibt nie einen Streik, und die Arbeiter arbeiten, ohne zu protestieren. Und ihr behauptet, daß ihr eine Revolution wollt, um eine Gesellschaft in der Art der sowjetischen zu erschaffen!«

In manchen Momenten schien er mir eher perplex und verwundert als über sein Schicksal betrübt. Ich erklärte ihm, daß wir ein Sozialsystem wollten, das imstande sei, die ursprünglichen Ideale des Kommunismus zu verwirklichen, und nicht eine Gesellschaft nach dem sowjetischen Modell. Aber im Grunde hatte der arme Ritter Amerio nicht ganz unrecht, als er immer wieder sagte: »Ich versteh‘ euch wirklich nicht.«

War seine Freilassung von vornherein geplant? Habt ihr irgendetwas als Gegenleistung verlangt?

Sicher war seine Freilassung vorgesehen. Damals dachten wir nicht im mindesten an die Tötung eines Entführten. Wir stellten für seine Freilassung keine besonderen Bedingungen, da wir uns nicht auf ein Armdrücken einlassen wollten, das zu einer Niederlage hätte führen können. Damals war das brennendste Problem bei Fiat das der Lohnausfallkasse9.5. Wir deuteten in unseren Flugblättern an, daß wir uns an diesem Punkt einen Rückzieher der Unternehmensleitung wünschen würden. Wir erhielten ein Signal in diese Richtung, und das schien uns eine zufriedenstellende Gegenleistung für seine Feilassung zu sein.

Am 18. Dezember, frühmorgens, haben wir Amerio seine Kleidung wieder angezogen, ihm sein Geld sowie seine persönlichen Gegenstände zurückgegeben. Ich habe mich bei ihm untergehakt und gesagt »jetzt bringen wir dich wieder nach Hause« und ihn in einer öffentlichen Parkanlage in der Nähe der Kirche der Grande Madre abgesetzt.

Diese aufsehenerregende und ziemlich gewaltlose Aktion ließ die Sympathie für die BR in die Höhe schnellen. Potere Operaio und Lotta Continua klatschen uns Beifall. Aber wir erzielten mit der Entführung Amerios keinen konkreten Sieg in den Arbeiterkämpfen. Und wir meinten, daß wir unsere Ziele ändern müßten.

Was meinst du?

Der von den Gewerkschaften letztlich unterzeichnete Tarifvertrag beinhaltete ganz andere Konditionen als die, für die die Fabrikavantgarden gekämpft hatten.

An dem Morgen, als dies bekannt wurde, stand ich um halb fünf mit Dutzenden von Arbeitergenossen vor dem Tor eins von Mirafiori und wärmte mich am Feuer. Als die Aktivisten der PCI mit der l‘Unità9.6 in der Tasche ankamen und wir die Schlagzeilen über die Vertragsunterzeichnung sahen, explodierten wir vor Wut. Die »Roten Halstücher« fühlten sich betrogen. »Das ist ja widerlich«, riefen sie. »Wir besetzen die Fabrik. Die Bosse sollen hierherkommen und den Vertrag vor unseren Augen unterschreiben. Die von der Gewerkschaft sind doch gekauft, einigen sich einfach hinter unserem Rücken in Rom!« Sie verbrannten die Tageszeitung und verjagten die Kommunisten von den Toren. Es hagelte Schläge und schwere Beleidigungen. Und in der BR begann eine neue Diskussion.

Wir hatten uns in Turin und in Mailand bis zu diesem Zeitpunkt völlig auf die Arbeiter konzentriert. Die großen Fabriken, so dachten wir, waren die privilegierten Orte, an denen wir unsere Aufgaben verwirklichen konnten und die revolutionären Avantgarden heranreifen würden. Mit dieser Niederlage wurde uns aber bewußt, daß auch die Arbeitermacht nicht allein auf sich selbst beruhend, auf das Innenleben der Fabriken begrenzt, wachsen konnte. Die »schwerwiegenden« Entscheidungen wurden in Rom getroffen. Man mußte die Schlange an ihrem Kopf packen, das Konfrontationsniveau erhöhen, indem man direkt die politische Macht angriff: die zentralen Staatsorgane und das von den Christdemokraten, der Democrazia Cristiana9.7 verwaltete Befehlspult.

So wurde eine neue Phase in unserer Geschichte eingeleitet: der Angriff auf das Herz des Staates.




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