Archiv für Mai 2009

Auf dem Vulkan

Antonio träumt, daß die Erde, die er bearbeitet, ihm gehöre. Daß sein Schweiß mit Gerechtigkeit und Wahrheit abgegolten werde. Daß es eine Schule gebe, um die Unwissenheit zu heilen, und Medizin, um den Tod zu erschrecken. Daß sich sein Haus erleuchte und sein Tisch fülle, sein Land frei sei und die Vernunft der Leute entscheide, wer regiere und regiert werde. Antonio träumt, er wäre in Frieden mit sich und der Welt. Er träumt, daß er kämpfen müsse für diesen Traum und daß es Tod geben muß, um Leben zu haben. Antonio träumt und erwacht. Jetzt weiß er, was zu tun ist, und er sieht seine Frau kniend das Feuer anfachen, hört seine Kinder weinen, sieht die Sonne im Osten grüßen und schleift lächelnd seine Machete. Ein Wind kommt auf und bringt alles durcheinander, Antonio steht auf und geht, um sich mit anderen zu treffen. Etwas sagt ihm, daß sein Wunsch der Wunsch vieler ist, und er wird sie suchen.

(aus: Chiapas: Der Südosten in zwei Winden, einem Sturm und einer Prophezeiung von Subcomandante Marcos)

Auf dem Vulkan

Antonio García de Léon

1982 brach im Norden von Chiapas der Vulkan Chichonal aus. Antonio García de León, Historiker, der zehn Jahre lang in Chiapas lebte und arbeitete, beendete 1985 mit dieser Prophezeiung sein zweibändiges Buch über die Geschichte der sozialen Bewegungen in Chiapas: Resistencia y Utopía.

Als plötzlich der Ausbruch erfolgte – so wird berichtet –, versank alles in Dunkelheit und die Luft war geschwängert von demselben Äther wie in den Tagen der Schöpfung. Die Vögel verstummten zum ersten Mal seit Jahrhunderten, die Rinder trieben halb verkohlt in den aufgewühlten Flüssen, die ihren Lauf geändert hatten. Eine dicke Schicht grauen Staubs bedeckte die Ziegel der Häuser, die Welt hatte die Farben verloren, und die, denen es nicht gelungen war zu fliehen, wurden auf den Äckern begraben, starr und besiegt an den Straßenrändern, oder vom Tod zum Verstummen gebracht, neben den Feuerstellen. Die greise Göttermutter war durch die Dörfer gelaufen und hatte die Ungläubigen gewarnt (es wird gesagt, daß sie auf einen großen Hügel stieg und sah, wie die Stadt vom Himmel heruntersank, „mit dem Glanz leuchtenden Jadegesteins, mit ihren Mauern, ihren 13 Toren und ihren 13 Herren des Berges, 13 Wächtern des Volkes“, und daß die Ungerechten keinen Zutritt zu ihr haben würden). Aber am nächsten Tag waren die Insekten die ersten, die ihre Verstecke verließen und mit ihrem alltäglichen, hartnäckigen Ritual begannen, die zerstörten Kreisläufe des Universums wieder neu zu organisieren. Und es gab andere Tiere, die noch lebend auf den Baumstämmen, die das Getöse entwurzelt hatte, in dem Diluvium der schäumenden Flüsse dahintrieben.

Es war zu Beginn des Jahres 1982, als der Krater des Chichonal sich 20 Tage lang erbrach, Mondtage einer Dunkelheit, die die Ursprünge wieder neu erschuf, Millionen Tonnen von Sand, Asche und glühendem Gestein. Das ökologische Gleichgewicht war gestört, ein ganzer Landstrich wurde von einer grauen Ascheschicht bedeckt und einige Zoque-Dörfer von den ersten Lavaströmen verschlungen. Dem Ausbruch gingen wiederum prophetische Weissagungen voraus, und er geschah, um sich als weitere Ankündigung einzureihen in die Teile dieses immensen Kreuzworträtsels, der Landkarte dieses gemächlichen Krieges von Bewegungen, dieser scheinbar unbeweglichen Zeitenfolge, die nur mit der Elle von Jahrhunderten zu messen ist. Seine gewaltige Erschütterung (sein Gähnen von „Blitzen, ohrenbetäubenden Donnern, Erdbeben und starkem Hagelschlag“), die als Meilenstein in der Erinnerung zukünftiger Generationen bleiben wird, kündigte nur die Ungeduld der ursprünglichen und unterirdischen Kräfte an, die darauf drängten, erneut an die Oberfläche zu kommen…

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Fiktionalisierung

Kurz

Ich möchte zum letzten Punkt kommen, der klingt ein bißchen seltsam: Fiktionalisierung. Er bezieht sich auf den Begriff des fiktiven Kapitals und stammt wieder einmal vom guten alten Karl Marx, und zwar aus dem berühmten »Kapital« – allerdings weit hinten im dritten Band, wohin sich leider die wenigsten MarxistInnen vorgearbeitet haben, obwohl diese Teile heute fast die interessantesten sind.

Was heißt fiktives Kapital? Ich habe vorher kurz das Problem der Kapitalakkumulation angeschnitten, oder anders ausgedrückt: Wie kann sich Geld verwerten, wenn es gar nicht mehr in ausreichendem Maße lebendige Arbeitskraft vernutzen kann? Wenn also Arbeit immer mehr wegrationalisiert wird, wo kommt dann das scheinbar gelingende kapitalistische Prozessieren her? Hier kann nun der Begriff des fiktiven Kapitals von Marx Auskunft geben. Dieser bezieht sich auf zwei Sektoren. Der eine ist die kommerzielle Spekulation, das heißt ein Nebeneinandertreten von realem Kapital, das sich wirklich in betriebswirtschaftlichen Produktionsprozessen verwertet, und daneben, wie man es am Aktienkapital mit schöner Deutlichkeit feststellen kann, eine sozusagen eigene Bewegung, eine scheinbare Verwertungsbewegung des bloßen Namens dieses Geldkapitals.

Das klingt jetzt etwas komplizierter, als es ist: wenn die Kursbewegung der Aktien wesentlich mehr an Gewinn abwirft als die reale Rendite der Produktionsprozesse, welche hinter diesem Kapital stehen, wenn also die Dividende, welche eine Aktie von Siemens ausschüttet, etwas völlig Nebensächliches wird. Denn das würde ja den eigentlich reellen kapitalistischen Prozeß ausmachen – daß man Geld in einen realen betriebswirtschaftlichen Produktionsprozeß investiert, der am Markt erfolgreich ist, und dann eine Dividende ausbezahlt kriegt. Das sind heute jedoch Peanuts. Die Dividende ist völlig uninteressant, interessant ist allein die Kursbewegung der Aktie. Wenn eine Nominalaktie von 50 Mark auf 800 oder 1000 oder 2000 Mark gestiegen ist, ist das phantastisch.

Ähnlich verhält es sich mit der Immobilienspekulation. Die berühmte Geschichte vom Parkplatz in Tokio, der durch die Immobilienspekulation so viel «wert» ist wie eine ganze Großregion in Kalifornien, zeigt die verschobenen Relationen, dahinter steht kein wirklicher kapitalistisch produktiver Prozeß mehr, bloß heiße Luft. Und wenn man sich jetzt vorstellt (nachrechnen kann man das gar nicht mehr, das weiß niemand), welche Dimension dieses spekulative fiktive Kapital seit den achtziger Jahren erreicht hat, ist das heute gigantisch. Da stellt sich die Situation vor der Weltwirtschaftskrise mit der damaligen Bankenkrise und der Entwertung von spekulativem Kapital als ein kleiner Verkehrsunfall dar. Um es in einen bildhaften Vergleich zu bringen: Wenn diese Blase platzt, entspricht der Unterschied zur Weltwirtschaftkrise etwa dem, ob man aus dem Erdgeschoß oder aus dem 50. Stock ‚runterfällt.

Und deswegen versuchen die internationalen Finanzinstitutionen und das Bankensystem mit allen Mitteln, diese Blase am Platzen zu hindern. Sie versuchen eine logische, und ich denke, letztlich praktische Unmöglichkeit, nämlich dieses fiktive Kapital entweder bis in alle Ewigkeit weiterwuchern zu lassen, sozusagen als unproduktive, aber gültige Geldschöpfung, oder eben diese Blase sanft platzen zu lassen. Ein sanftes Platzen kann ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen. Ich kann jetzt nicht auf die Manipulationsmechanismen eingehen, die es da gibt. In Japan sind sie am phantastischsten, da gibt es Auffanggesellschaften, die nichts weiter zu tun haben, als die faulen Kredite, die da mittlerweile angefallen sind, für die Zeit der Bilanzierung temporär zu übernehmen, damit die Unternehmen sauber bleiben. Man kann also mit Bilanzierungstricks arbeiten, ich frage mich einfach, wie lange das hält.

Jetzt kommt der Clou: Ein Teil dieses fiktiven Kapitals verbleibt nicht in diesem Spekulationsüberbau, wie es Marx genannt hätte, sondern wird wieder in den scheinbar reellen Konjunkturzyklus eingespeist. Ein ganz simples Beispiel: Wenn ein Spekulant Gewinn gemacht hat, kauft er sich einen dicken Benz, und dann heißt das auch reale Produktion. Nur, wenn die Blase platzt, hat irgend jemand den Schwarzen Peter in der Hand, ein Entwertungsschock wird irgendwann stattfinden.

Für eine kritische Reflexion wichtig ist dabei, daß es sich um einen objektiven Systemwiderspruch handelt, daß es die objektive Schranke der reellen Kapitalakkumulation ist, die das kommerzielle fiktive Kapital hervorgebracht hat. Man kann nicht die Gilde der Spekulanten subjektiv verantwortlich dafür machen, womöglich als Sündenböcke. Der marxistische »Produktivismus«, der manchmal in einen solchen Zungenschlag verfällt, zeigt hier seine eigene Fixiertheit auf eine fordistische Warenproduktion. Wenn das Ganze nicht als Systemwiderspruch hergeleitet wird, sondern als subjektive Bosheit und Gier der Spekulanten, dann ist übrigens auch der Antisemitismus nicht mehr weit, der die Krise auch nur auf der Finanz- und Kreditebene sieht und irrational auf eine Weltverschwörung des angeblich »jüdischen« Finanzkapitals zurückführt. Es kommt also darauf an, die Krise als Krise der realen Kapitalakkumulation selbst zu erklären und die Kapitalismuskritik gegen die abstrakte Arbeit, gegen den Arbeitswahn des modernen »Produktivismus« selbst zu richten.

Das war jetzt der eine Sektor der Kreation von fiktivem Kapital, die kommerzielle Spekulation, welche diese scheinbare Unmöglichkeit zumindest zeitweilig möglich macht, daß das Kapital ohne Arbeit oder ohne einen entsprechenden Standard von Arbeitskraftvernutzung akkumulieren kann.

Der zweite Sektor ist der Staatskredit. Auch das hat Marx im dritten Band des «Kapitals» sehr ausführlich und klar gezeigt, nur konnte er sich natürlich nicht vorstellen, welche Dimension dies im 20. Jahrhundert annehmen würde. Der Staatskredit ist eigentlich eine Paradoxie vom marktwirtschaftlichen, kapitalistischen, reellen «Standpunkt» aus. Denn die einzige reelle, systemisch gesehen reelle Einnahmequelle, die der Staat hat, sind die Steuern. Er muß also am Markt reell erzielte Gewinn- oder Arbeitseinkommen besteuern. Staatsaufgaben wie Infrastruktur, Sozialstaat oder auch Rüstung usw. haben aber längst eine Dimension erreicht, welche unmöglich nur mit den Steuereinnahmen gedeckt werden kann. Diese Entwicklung hat schon im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Schon nach ein paar Kriegswochen merkte man, daß man mit den reellen Einnahmen diesen erstmals industrialisierten Krieg überhaupt nicht führen kann. Dann kamen die großen Spendenkampagnen wie »Gold für Eisen«, bei der die Leute ihre Eheringe hergaben. Alle kriegführenden Länder merkten aber schnell, wie lächerlich sich das ausnahm – Peanuts, Tropfen auf den heißen Stein, so konnten sie den Krieg nicht durchhalten. Also ging man über zu massiven Staatskrediten in bis dahin ungekannten Größenordnungen. Das führte sogar dazu, daß sich der Staat Geld von seiner Notenbank drucken läßt oder inzwischen per Elektronik überweisen läßt und auf seinen Konten Geld aufweist, hinter dem nichts mehr steht außer dem Ukas an die Nationalbank. Und schon steht die Hyperinflation vor der Tür, d.h. die Entwertung dieses Geldes.

Diese Hyperinflation, wie sie am Ende des Ersten Weltkriegs stand, ist inzwischen bereits Teil eines inflationären oder hyperinflationären Zyklus einer Vielzahl von Staaten der heutigen Welt. Das betrifft Lateinamerika, Afrika, in Asien vor allem die mittelasiatischen Republiken, Rußland und teilweise Osteuropa. Für die meisten Menschen ist heute die auf dem Geld beruhende Wirtschafts- und Lebensweise bereits am Ende, sie erfahren das täglich am hyperinflationären Zyklus.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges hat diese Entwicklung angefangen, hat sich über den Keynesianismus fortgesetzt und ist in den achtziger Jahren endgültig ausgeufert. Es gibt zwar die monetaristische Gegenkampagne – es zeigt sich jedoch in Ländern wie Großbritannien und den USA, die versuchen, den Staatskredit wieder zurückzuführen, daß das nicht funktioniert. Man müßte nicht nur einen Großteil der Rüstungsindustrie, des Sozialstaats oder der Infrastruktur stillegen, sondern noch viel mehr, denn vierzig bis fünfzig Prozent der Bevölkerung in allen modernen Staaten hängen direkt oder indirekt bereits von diesem Staatskredit ab. Und wenn der Staat seine Einnahmen nicht aus der hyperinflationären Kreation von Geld direkt durch Befehl an seine Notenbanken beziehen will, wie es in vielen Ländern als letzte Notmaßnahme schon üblich ist, kann er eben nur noch bei den Geldbesitzern, jenem Geld, das im Bankensystem konzentriert ist, Kredit aufnehmen. Der Staat ist dann plötzlich nicht mehr der forsche uniformierte Souverän, sondern ein ganz normaler Kreditnehmer, der sich an das Zinsgefüge halten und Zinsen zahlen muß.

Wofür ist der Kredit in einem kapitalistischen System da? Seine Aufgabe besteht vom kapitalistischen Standpunkt aus darin, brachliegende Gelder, Spargelder, Cash, alles was momentan nicht als produktives Kapital verwendet werden kann, im Bankensystem zu konzentrieren und an fungierendes Kapital auszuleihen, um damit reale betriebswirtschaftliche, produktive Prozesse in Gang zu bringen. Darin liegt der Sinn des Kreditsystems im Modernisierungsprozeß.

Was aber macht der Staat, wenn er Kredit nimmt? Neutral formuliert, betreibt er vom Standpunkt des Systems aus Konsum, denn all seine Tätigkeiten sind vom marktwirtschaftlichen Standpunkt aus Konsum. Diese zinspflichtigen Gelder sind längst im Orkus des Staatskonsums verschwunden, werden aber so behandelt, als wären sie Teil eines fungierenden kapitalistischen Produktionsprozesses. Die Verzinsung der Staatskredite macht mittlerweile selbst in den entwickeltsten Ländern bereits zwischen zehn und zwanzig Prozent des Staatshaushalts aus, so kann das nicht in alle Ewigkeit weitergehen.

So weit Marx‘ dritter Band, in dem er diesen Vorgang als fiktives Kapital beschreibt. Ich rechne damit, daß die beiden Säulen des fiktiven Kapitals, inklusive des Staatskredits, früher oder später einstürzen werden.

Wenn ich das einem linken Publikum erzähle, sind die Leute meistens skeptisch. Ich habe inzwischen aber auch Gelegenheit gehabt, mit Bankern, Sparkassendirektoren und anderen Leuten zu sprechen, die sich da ein bißchen besser auskennen. Ihre Reaktion war: »Bloß nicht laut sagen.« Wenn das an die große Öffentlichkeit kommt, dann gibt es kein Halten mehr, dann bricht alles unkontrolliert zusammen. Bei sämtlichen Regierungen (vor allem der der USA, die mit dem Dollar immer noch eine Art »Weltgeld« kontrollieren) gibt es angeblich Blaupausen, wie man »kontrolliert« auf den irgendwann anstehenden Entwertungsschock reagieren will. Ein Banker, der sich wirklich gut auskennt, hat mir gesagt: Wenn das passiert, werden vom Sozialrentner bis zum Großspekulanten alle enteignet. Denn das, worauf unsere Reproduktion heute beruht, was sich bezeichnenderweise im Gleichklang mit Rationalisierung und Globalisierung in den letzten fünfzehn Jahren systematisch aufgebaut hat, ist zu einem erheblichen Teil heiße Luft. Das muß man einfach sagen.

Dieses Krisenpanorama zielt auf etwas ab. Jetzt stellt sich nämlich die Frage: Wie soll man denn damit umgehen? Mit den alten Begriffen marxistischer Gesellschaftskritik kommt man offensichtlich nicht mehr weiter. Nicht nur, weil die nachholende Modernisierung gescheitert ist und das marxistische begriffliche Denken der letzten Jahrzehnte durch das Problem nachholender Modernisierung gefiltert und nicht durch eine Situation bestimmt wurde, in der dieser scheinbar endlose Modernisierungsprozeß an ein definitives Ende kommt. Zum andern ist es so, daß gerade der Marxismus, das läßt sich bis zu Marx selber zurückführen, ganz stark im Paradigma der Arbeit verankert war, in einem Mythos des abstrakten »Produktivismus«. Der Begriff Arbeit wurde nur schemenhaft umrissen: einerseits überhistorisch als ontologische menschliche Grundtatsache, andererseits aber schon klammheimlich in der Form, die ihn als kapitalistisch ausweist, nämlich als eben dieser scheinbar kohärente Zusammenhang Arbeit-Geldeinkommen-Warenkonsum. Und wenn bei einer wirklichen Krise der Arbeitsgesellschaft dieser Vermittlungszusammenhang Arbeit-Geld-Konsum jetzt zerreißt, dann steht natürlich auch, und damit schließt sich jetzt der Kreis, die bisherige marxistische Gesellschaftskritik mit leeren Händen da. Denn die bisherigen Formen der Kritik, auch die bisherigen Vorstellungen der Emanzipation, die brechen sich insgesamt an dieser Schranke der Moderne. Und zurück in die Vormoderne können wir auch nicht. Es ist quasi eine paralytische Situation.

Ich denke, daß es möglich sein muß, ein Denken zu entwickeln, das eine Bewältigungskraft dieser Krise hervorbringt. Es muß möglich sein, sich Formen nicht nur vorzustellen, sondern auch praktisch zu entwickeln, welche an aktuelle Debatten anknüpfen wie Arbeitszeitverkürzung auch ohne Lohnausgleich – so verläuft die Diskussion in Deutschland zumindest sehr stark. Das wirft natürlich sofort die Frage auf: Was machen wir dann mit der gewonnenen disponiblen Zeit, die nicht mehr in Arbeit und Geld im bisherigen Sinn aufgehen kann? Konsumierend in der bisherigen Weise, inklusive der destruktiven Seite dieser Massenkonsumtion des Kapitalismus, das geht nicht mehr, aber was dann? Kann man zum Beispiel jetzt in dieser neuen Situation, unter neuen, bisher nie dagewesenen Bedingungen, vielleicht doch zurückkommen auf Formen wie Genossenschaft, Kibbuz, auf altbekannte Formen wie selbstverwaltete, selbstversorgende gesellschaftliche Gruppierungen? Es gab schon sehr viele Ansätze – von der Alternativbewegung über verschiedene Formen von Selbstverwaltungsversuchen, von Selbstorganisation, von Selbsthilfegruppen, von Wohngemeinschaften, von Stadtteilgruppen, Bürgerinitiativen usw. Es gibt ja sehr viele Ansätze, nur waren alle bisher immer noch in irgendeiner Weise auf das Bezugssystem Arbeit-Geld-Ware bezogen, bis hin zum Einbezug von Staatsknete.

Soweit ich weiß, ist auch dieses Haus hier [das Kulturzentrum Rote Fabrik, Anm. d. Red.] von Staatsknete abhängig. Da spricht nichts dagegen, im Gegenteil, warum soll man die nicht nehmen. Ich meine nur, das stößt an Grenzen, wir sollten nicht mit Haut und Haar davon abhängig sein. Und zwar nicht nur an die Grenzen des subjektiven Bewußtseins oder der Politik irgendeiner Rechten, sondern an objektivierte Systemschranken. Also müßte man sich überlegen, was kann man, um das aufzufangen, selbstorganisiert machen, und neue Formen von Leben und Sichreproduzieren ausprobieren, ohne gleich ins Utopische oder in sektenhafte Positionen abzudriften. Wie kann man in diesem Kontext auch neue Forderungen, durchaus auch Kampflosungen, entwickeln, denn das geht natürlich nicht konfliktfrei ab. Das ist auch eine Frage von Ressourcen; es darf ja nicht um Armutsniveaus und Selbstausbeutung gehen. Wenn dieses marktwirtschaftliche System als Weltsystem gar nicht mehr in der Lage ist, einen Großteil der Ressourcen überhaupt zu besetzen, wenn es mangels Rentabilität immer mehr Sektoren der Produktivkräfte stillegen und die entsprechende Bevölkerung außer Kurs setzen muß, dann stellt sich doch ganz klar die Frage: Können diese Ressourcen in anderer Weise mobilisiert werden, oder müssen sie brach liegenbleiben? Das fängt mit Grund und Boden an, die Parolen für Landbesetzung, Hausbesetzung sind ja nicht unbekannt, sie haben schon in der Vergangenheit eine Rolle gespielt. Und wie gesagt, vielleicht könnten all diese Ansätze, diese Begriffe in diesem neuen, bisher nicht dagewesenen Kontext der absoluten Schranke des warenproduzierenden modernen Systems eine neue Bedeutung bekommen und nicht mehr so einfach von einem neuen Schub der Kapitalakkumulation aufgesaugt werden wie in der Vergangenheit. Und das ist etwas, das nicht mehr aus der Theorie heraus präjudiziert werden kann, das ist eine Frage an alle, die sich damit praktisch auseinandersetzen.

Marktwirtschaft auf freier Wildbahn

Res Strehle: – Achtzehn Thesen zur Krise

1. Jede ökonomische Analyse muß sich vorgängig ihrer beschränkten Reichweite bewußt sein: Sie ist ein kleiner Ausschnitt von Theorie, vorläufiger Stand des Irrtums und nur begrenzt mobilisierend. Versuche, sie zwecks Mobilisierung zu forcieren und mit endzeitlichen Begriffen wie »Spätkapitalismus« zu unterlegen (Ernest Mandel, 1972), erscheinen gut zwanzig Jahre später als gutgemeinte Aufbruchshoffnungen – am untauglichen Objekt. Das Verhältnis zur politischen Ökonomie darf andererseits aber auch kein Konsumverhältnis sein. Minimalziel muß eine aktive Beteiligung aller von Verwertung Betroffenen an der kollektiven Analyse unter gleichzeitiger Abkehr von gesamtgesellschaftlichen »Wir-alle-Perspektiven« sein. Zu vermeiden sind vorab die gängigsten Fragestellungen: Was will die BRD? Droht der Schweiz die Isolation? Liebt Liechtenstein sein Fürstenhaus? Auch vor allzu platten, unversöhnlichen Wir-sie-Gegensätzen ist zu warnen, etwa jenem zwischen Kapitalisten und lohnabhängigem Proletariat. Maximalziel ist eine differenzierte Klassenanalyse in der weltwirtschaftlichen Dimension. Wer sind die Jäger? Wie haben sie sich mit den Löwen arrangiert? Wie sind die Reviere aufgeteilt? Welche Rolle spielt der ken(es)yanische Staat? Der Internationale Währungsfonds (IWF)? Und wie steht’s mit dem Mut der Antilopen? Müssen Vegetarier zeitlebens Opfer bleiben? Marktwirtschaft auf freier Wildbahn ist keine Sonntagsschule.

2. Der Begriff Krise ist so, wie er im folgenden verwendet wird, nicht moralische, sondern ökonomische Kategorie. Er bezeichnet damit weder Hunger, Elend noch Umweltkatastrophen, noch Sinn- oder Staatskrisen, sondern einzig und allein eine tiefgreifende, langandauernde Infragestellung von rentabler Kapitalverwertung. Er bezeichnet mehr als einen kurzfristigen, vorübergehenden Einbruch der Wirtschaft (»Rezession«) und deutet in letzter Konsequenz den möglichen Zusammenbruch von Kapitalismus an. Ausgangspunkt der Verwertungskrise ist nach wie vor die produktive Sphäre (Wertschöpfung und -aneignung, Akkumulation), abgeleitet davon betroffen und ihrerseits neue Ursache die Zirkulationssphäre (Überakkumulation). Mathematisch läßt sich die Frage der Krise auf die Höhe des Strichs in der alten Marxschen Formel G (ursprüngliches Geldkapital) – W (damit produziertes Warenkapital) – G'‘ (neues Geldkapital nach Verkauf des produzierten Warenkapitals am Markt) reduzieren.

3. Krise ist aber nicht nur einfach ökonomisch-technisches oder gar mathematisches Ergebnis stockender Kapitalverwertung, sondern Ergebnis eines tendenziell gegensätzlichen Verhältnisses zwischen den Subjekten (TrägerInnen) und den Objekten (Betroffenen) von Kapitalverwertung. Ob sich ein Phänomen wie etwa der im großen Stil geplante Massentourismus in der Südtürkei durchsetzt, entscheiden letztlich weniger die Preisstruktur des Weltmarkts und die Konsumkraft von MetropolentouristInnen (wie etwa Robert Kurz meint) als die praktische Ausdrucksweise des Einverständnisses bzw. der Verweigerung mit dieser Art von Verwertung hier und dort – und zwar weit gefaßt (mit inbegriffen jeder Widerstand nationaler, sozialer und ökologischer Bewegungen dort wie auch die moralischen Skrupel möglicher KonsumentInnen hier).

4. Wir haben, wie alle lebendigen Objekte von Kapitalverwertung, zusätzlich eine von der Kapitalbewegung unabhängige, eigene Subjektivität und Handlungsfähigkeit. Ob Krise oder nicht, geölte oder harzige Kapitalverwertung hängt entscheidend auch von unserem Verhalten ab zwischen den Polen Komplizenschaft/Anpassung bzw. Verweigerung/Widerstand – je kollektiver wir uns verhalten, um so spürbarer.

5. Die Krisentendenz ist keine Folge ungeschickter staatlicher Eingriffe, sondern mit Marktwirtschaft untrennbar verbunden und hängt mit dem Widerspruch zwischen dem Rationalisierungswettlauf der Kapitalisten und dessen gesamtgesellschaftlichen Folgen zusammen. Je freier der Markt in den Metropolen, um so kapitalintensiver die Produktion, um so größer auch das Mißverhältnis zwischen der stark wachsenden Nachfrage nach Investitionsgütern und der vergleichsweise zurückbleibenden Nachfrage nach Konsumgütern. Je mehr Markt also, um so mehr Effizienz kompetitiver Unternehmer, um so mehr aber auch gesamtwirtschaftliches Ungleichgewicht.

6. Krise hat aus Sicht der Kapitalverwertung ein Doppelgesicht: ständig drohender Betriebsunfall bis zur langfristigen Zusammenbruchsperspektive einerseits, Krisenangriff im Sinne der Nutzung oder gar Provokation des Abschwungs als Voraussetzung zur Wiederherstellung neuer Verwertungsbedingungen andererseits (sogenannte »entgegenwirkende Tendenzen«). Kapital geht damit ähnlich halb-freiwillig und mit demselben behaglichen Schaudern in die Krise wie Kinder auf eine Geisterbahn. Denkbar genauso, daß es am Ende gestärkt herausfährt, wie daß es eines Tages nicht mehr herausfährt.

7. Seit der Weltwirtschaftskrise von 1857/59 hat der Krisenangriff seinerseits das Doppelgesicht von Neuordnung der Art und Weise, wie die Werte angeeignet werden (Akkumulation) sowie der Art und Weise, wie diese Wertaneignung reguliert wird (Regulation). So wichtig es ist, diese beiden Bereiche gedanklich zu trennen, so kurz greift es, ein politisches Programm als Programm anderer (sozialer oder ökologischer) Regulation zu formulieren (wie es etwa Ernest Mandel schon 1972 macht). Ohne fundamentale Änderung der zugrundeliegenden Akkumulationsweise sowie der Geldorganisation sind solche politischen Programme weder sonderlich aussichtsreich noch konkretutopisch, eben höchstens »solare« statt »soziale« Revolutionen (Elmar Altvater).

8. Jede Krisenanalyse, die den Blick nur auf Markt, Lohnarbeit, formelle Ökonomie, formellen Rechtsstaat richtet, sieht nur die helle Seite des Mondes und wird in ihrem »Verständnis« des Mondes zwischen Sichel und Scheibe stehenbleiben. Sie wird die Spitze des Eisbergs für den Eisberg halten und böse Überraschungen erleben, wenn sie die kleine Scholle nur mal rasch beiseite schieben will. Sie wird insbesondere das »Geheimnis der ursprünglichen Akkumulation« nicht oder (wie Karl Marx) nur historisch verstehen, bemerkt wohl die erlöschenden »Lichter des Marktes« (Robert Kurz), nicht aber das schon immer fehlende Licht in der Rumpelkammer. Das ist nicht bloß historische Lücke, sondern verstellt den Blick auf einen Bereich mit ökonomisch weitreichender Bedeutung (Oligarchie, Religion, Mafia, externe Kosten usw.). Gäbe es nur Markt (also etwa für die Arbeitskraft nur Arbeitsmarkt), wäre Kapitalismus längst in der Krise »kollabiert« oder zerbrochen. Nun gab es aber neben der Akkumulation aus Lohnarbeit (»Mehrwertaneignung«, äquivalenter Tausch) stets eine Parallelakkumulation aus Zwangsarbeit, gebundener Arbeit, Abhängigkeits- und Zuneigungsarbeit wie auch aus anderen Formen von Wertraub (Parallelakkumulation, nicht-äquivalenter Tausch). Rosa Luxemburg hat dazu schon 1912 in ihrer Schrift »Die Akkumulation des Kapitals« die theoretische Grundlage gelegt, die Bielefelderinnen haben daraus ihre Theorie des »blinden Flecks« der orthodoxen politischen Ökonomie entwickelt (Veronika Bennholdt Thomsen, Maria Mies, Claudia v. Werlhof). Gerade die Dialektik von Mehrwertaneignung aus Lohnarbeit und Wertraub aus unfreier Arbeit hat historisch zur Durchsetzung neuer kapitalistischer Gesellschaftsformen geführt (siehe dazu etwa die Kriegsaktualität im Aufschwung nach dem Kriseneinbruch von 1857/59, den Zusammenhang zwischen Fordismus, Prohibition und 1. Weltkrieg in den USA, Nationalsozialismus, 2. Weltkrieg und nachholender Fordisierung Europas oder auch zwischen Stalinismus und Staatsfordismus in der Sowjetunion).

9. Im Unterschied zu früheren Kriseneinbrüchen (und belehrt durch sie) hat sich Kapital mittels einer »Glocalism«-Strategie (global denken und planen, lokal handeln) unempfindlicher gemacht gegen regionale Kriseneinbrüche, gleichzeitig beweglicher in der Ausnützung regionaler Booms und in der Rentenabschöpfung auf »aufstrebenden Märkten« (»emerging markets«). 140 Jahre Krisenerfahrung und Bestrafung von Dinosaurier-Verhalten haben Beweglichkeit und Flexibilität gefördert und damit jenes Kapital laufend gestärkt, das schon der Form nach die höchste Beweglichkeit hat: weder branchenmäßig noch regional abhängiges, noch stoffwertgebundenes Finanzkapital. Wichtiger und damit höher belohnt wird die richtige Erwartung des zukünftigen Ertrags (Boom der Finanzmärkte) sowie der zu erwartenden Differentialrente von Boden (»Immobilienspekulation«).

Dem Rationalisierungswettlauf der in der produktiven Verwertung tätigen Realkapitalisten entspricht der Wettlauf der Finanzkapitalisten um die möglichst frühzeitige Abschöpfung der Erträge aus der realen Verwertung – in Form von den die Erträge so frühzeitig wie möglich vorwegnehmenden Kursgewinnen auf Finanztiteln und abgeleiteten Finanzinstrumenten (Derivativen). Die Dividende (eigentlicher Beteiligungsertrag der Eigentümer) wird so zum wenig interessanten, letzten Beutezug des Kleinaktionariats auf das leere Bärenfell. Der frühzeitigen Beteiligung am Verwertungsertrag eines einzelnen kapitalistischen Betriebes entspricht die frühzeitige Abschöpfung veränderter Verwertungserträge in ganzen Währungsregionen (Devisenspekulation).

10. Das Anti-Krisen-Instrumentarium von Staat, Verbänden und Konzernen läßt sich auf der Ebene der Regulationsweise im Spannungsfeld zwischen Regulierung (Eingriffe in den Markt, nachfragestützend) und Deregulierung (Marktschub, angebotsstützend) fassen. Regulierende und deregulierende Anti-Krisen-Strategie haben sich historisch abgewechselt. Beide Strategien können Krisen entschärfen und aufschieben, beide können sie langfristig aber auch verschärfen. Wie lange und in welchem Maß staatliche Regulierung möglich ist, ist letztlich ein Problem ihrer Finanzierung: Sie scheint in den EG-Metropolen etwa auf halbem Weg ausgereizt (durchschnittlich 70 Prozent Staatsverschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt). Ab 100 Prozent Staatsverschuldung in Höhe des Bruttoinlandprodukts muß rund eine Stunde eines achtstündigen Arbeitstages zur Finanzierung der Schuld (Zinsen, Amortisationen) aufgewendet werden, nach eineinhalb Stunden dürfte eine »Schmerzgrenze« für rentable Kapitalverwertung überschritten sein.

11. Die aktuelle Situation in den Metropolen, z.B. in den USA, Japan, Großbritannien, der BRD oder der Schweiz, läßt sich kennzeichnen durch die Überlagerung der seit Mitte der siebziger Jahre virulent gewordenen Weltwirtschaftskrise mit verschiedenen konjunkturellen Aufschwüngen und Einbrüchen seither. Der Krise wurde weltweit vorrangig mit angebotsorientierten Deregulierungsmaßnahmen begegnet (IWF, Reganonomics, Thatcherismus, Europäischer Wirtschaftsraum, Europäisches Währungssystem), in den Metropolen sekundär regulierend nachfrageorientiert mit einem begleitenden Rüstungskeynesianismus (siehe etwa Reagonomics), beschäftigungsstützender Keynesianismus (siehe Clintonomics, Japan, EU-Gipfelbeschlüsse 1993).

12. Die Umstrukturierung in der Schweiz erfolgt vergleichsweise zögerlich, da hier bezüglich komparativer Kostenvorteile des Finanz- und Dienstleistungsplatzes lange eine komfortable Monopolsituation bestand, vergleichbar etwa mit jener des Informatikkonzerns IBM auf dessen Märkten. Abgestuft in den drei konjunkturellen Einbrüchen seit Mitte der siebziger Jahre, waren folgende Strategien und Angriffspunkte erkennbar:

* Die »Produktionsauslagerung« von Mitte der siebziger Jahre (»Ab in die Dritte Welt«, »neue internationale Arbeitsteilung«) mit einem Abbau von insgesamt 240 000 Arbeitsplätzen wird mittels Abschiebung ungarantierter ausländischer Arbeitskräfte kaschiert. Die Schwerpunkte des Arbeitsplatzabbaus liegen in der Uhrenindustrie (- 40 000), der Textil- und Bekleidungsindustrie (- 60 000), der Maschinen- und Metallindustrie (-30000) sowie im Bau- und Holzgewerbe (-40000). Rund 60 Prozent der innerorts abgebauten Arbeitsplätze werden in Billiglohnregionen neu aufgebaut.

* Zu Beginn der achtziger Jahre erfolgt eine »Rationalisierungswelle« mit hohem Kapitalbedarf (»Swatchisierung«). Auffällig ist in der Folge die Teilenteignung der am Weltmarkt orientierten »Familiengesellschaft«, die trotz hohem persönlichen Reichtum nicht über ausreichende Finanzkraft für die aufwendige Rationalisierung und den Aufbau von Monopolstellungen verfügt (typisch dafür ist die Entmachtung der Rüstungsindustriellenfamilie Bührle in der zweiten Generation, aber auch der Machtverlust zahlreicher Textildynastien in der vierten und fünften Generation). Nebenwirkung der Rationalisierung bei gleichzeitiger Bekräftigung der Auslagerungsdrohung ist die Schwächung der Gewerkschaften, exemplarisch in Italien (Niederlage im Fiat-Streik 1981), im Kleinen aber auch in der Schweiz (Druckerstreik 1980).

* Ab 1989 wird von Unternehmerseite die »Light«- und »Lean«-Welle propagiert gegen den »zu hohen Cholesteringehalt« (Stephan Schmidheiny) des Schweizer Volkes mit den nach wie vor (zu) hohen Garantien von Staat, Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungsbereich. Anvisiert wird »internationale Wettbewerbsfähigkeit«, Stimmung gemacht mit einem drohenden Abstieg des Finanz- und Werkplatzes Schweiz in den weltweit geführten Investitions- und Ratingstatistiken. Stephan Schmidheiny, ein Schumpeterscher Industrieller in der vierten Generation, macht sich gleichzeitig für nachhaltigen, »intelligenten« und ökologisch verträglichen Kapitalismus stark (siehe dazu etwa die Position des von ihm präsidierten Business Council am Erdgipfel von Rio 1991).

Er gruppiert die von ihm geerbten Beteiligungen laufend neu, stößt ab, was nicht zum Kerngeschäft gehört, macht »schlank« (»lean production«), was ihm bleibt, und formt die einstigen Maschinenindustriebeteiligungen zu einem Technologiekonzern (ABB, Leica, Landis & Gyr). Ähnlich wie die Schmidheiny-Beteiligungen – wenn auch nicht mit derselben Dynamik – werden Staat und Gesellschaft »schlank« gemacht. Es entstehen »neue Selbständige« im informellen Sektor, ein »Rassismus der Wohlanständigkeit« (Nora Räthzel), das Appenzeller Patriarchat wird marktförmig modernisiert (notfalls mit Zwangseinführung des Stimmrechts für Frauen via Bundesgericht). Ähnlich wie die Apartheid in Südafrika wird die Geschlechterdiskriminierung aus Verfassung und Gesetzen entfernt (neues Eherecht, Abschaffung des Nachtarbeitverbots), bleibt indessen durch den Markt abgesichert (unterschiedliche Kaufkraft, Löhne, Garantien, Inwertsetzung spezifischer Eigenschaften entlang den ethnischen und geschlechtsspezifischen Grenzen). Die geschwächten Gewerkschaften erhalten für den Fall ihrer Kooperationsbereitschaft beim technischen und sozialen Umbau der Betriebe eine Assistenzrolle (siehe etwa IG Metall in der BRD oder der Metall- und Uhrenarbeitnehmerverband SMUV in der Schweiz mit neu geschaffenen Projektgruppen für Beratung und Information der Betroffenen).

13. In der Schweiz liegt das Hautgewicht der staatlichen Wirtschaftspolitik seit 1989 ebenfalls auf den angebotsorientierten Deregulierungsmaßnahmen. Dieses Schwergewicht kommt im internationalen Vergleich relativ spät (»nachholend«), außerdem unmittelbar vor dem Konjunktureinbruch ab 1991. Es sollte via »external binding« durch Anschluß an den EWR (in der Schweiz nachvollzogen mittels eines »Eurolex«-Gesetzespakets) durchgesetzt werden. Nach der ablehnenden Volksabstimmung vom 1. Dezember 1992 wird die Deregulierung verlangsamt und mittels Ausnahmen in sensitiven Bereichen (Arbeitsmarkt, Bodenmarkt, Verkehrspolitik) durchgesetzt. Instrumente sind der vordergründig freiwillige »autonome Nachvollzug« (»Swisslex«) und die unfreiwillige Krötenschluckerei aufgrund der Ergebnisse bilateraler Verhandlungen mit der EU. Von Wirtschaftsseite wird der Konjunktureinbruch ab 1991 weitgehend zum autonomen Vorvollzug benützt und bringt der Schweiz eine offene und verdeckte Arbeitslosenrate von europäischem Durchschnitt (um 10 Prozent), national immerhin Jahrhundertrekord.

14. Die dreistufige Anti-Krisen-Strategie ist in dem Sinne Krisenangriff, als damit ein Umbau der Gesellschaft in Richtung auf eine neue Gesellschaftsformation (Akkumulation und Regulationsweise) vorangetrieben wird: Schlagworte sind in diesem Zusammenhang die »Zweidrittelgesellschaft«, der »Postfordismus« (ein Begriff des kleinsten gemeinsamen Nenners) oder »Toyotismus« – eine Gesellschaftsformation, die einen Teil der Gesellschaft (eben das untere »Drittel«) ausgrenzt, indem sie ihn durch die Maschen des staatlichen Netzes und der positiv-moralischen öffentlichen Wahrnehmung fallen läßt. Am Ende dieses Prozesses steht eine neue Identität des postfordistischen Subjektes oder genauer: neue aufgefächerte Identitäten der postfordistischen Subjekte, nachdem das Grundprinzip die Differenzierung ist, das Grundmuster die Ab- und Ausgrenzung.

15. Postfordismus nach Schweizer Art unterscheidet sich aufgrund der weltwirtschaftlichen Position von anderen Formen dieses Umbaus sowohl bezüglich Härte und Tempo der Ausgrenzung wie auch bezüglich des Ziels: Die soziale (Ultra-)Stabilität ist für den Liechtenstein-Fleck Schweiz im weltwirtschaftlichen Leopardenfell (Hochwertschöpfungsregion, Finanzplatz, Headquarter-Standort, Humanitätstradition) nach wie vor zu wichtig, als daß das Haus mit dem eisernen Besen gekehrt würde. Es wird mit dem Flaumer »in Ordnung gebracht«: Der konsenfähige Rassismus ist nicht offen, blutig oder im ethnischen Anspruch »höherwertig« (»Herrenmensch« oder rassisch fundierte Weltherrschaftsansprüche), sondern abwägend und pseudo-intellektuell differenzierend, versteckt sich in Kriminalitäts- und Zahlungsbilanzstatistiken, ist überwiegend »rechtsstaatlich« abgesichert und macht angebliche ethnische Unterschiede an Eigenschaften und Verhaltensweisen fest. Marktförmig kann er ethnisch zugeordnete Eigenschaften und Verhaltensweisen in Wert setzen (»Multikulturalität« von Gastronomie und Kulturbetrieb). Typisch für den »weichen« Schweizer Weg in den Postfordismus sind die Synthese von Repression und Aufweichung der Prohibition im Bereich illegaler Drogen durch das Innenministerium (unter »weicher« Führung), die zögerliche Sanierung der Staatsfinanzen, die nicht über Leichen geht (»Stichonomics«), sowie die im internationalen Vergleich »sanfte« Renovation von Kranken- und Altersversicherung. Noch das oberste Gremium der Schweizerischen Bankgesellschaft beruft sich in einem Konflikt mit einem am US-Standard orientierten Raider auf seine »soziale Verantwortung« gegenüber ihren Beschäftigten, Kunden, vorab im Klein- und Mittelgewerbe als Publikums- und Volksbank. Dies ist mehr als Ideologie: Es ist die Suche nach einer konsensfähigen Basis in den oberen zwei gesellschaftlichen Dritteln, halbwegs stabiler (weil sozial regulierter) statt abenteuerlicher Wildwestkapitalismus.

16. Die eingegrenzten zwei Drittel sind ihrerseits nicht homogen, sondern unterscheiden sich wiederum in ein oberes Drittel (gut gesichert, gut verdienend, interessante Arbeit) und ein mittleres Drittel, das flexibel sein muß (mittlere Sicherheit und Einkommen). Das mittlere Drittel ist bei Fehlverhalten abstiegsbedroht, gleichzeitig aber auch bei besonders gut gelungener Anpassung aufstiegsberechtigt (bildhaft deutlich in der Sandwichposition überangepaßter Zellenchefs in der »teilautonomen« industriellen Fertigung: faktisch Kleingewerbler auf nicht gesicherter Basis).

17. Materialistisch richtet sich die Hoffnung auf Widerstand gegen diesen gesellschaftlichen Umbau vorab auf das untere Drittel, das von Ausgrenzung bedroht ist. Wenn es richtig ist, daß die Wahrheit über die Ausbeutung im Lohnarbeitsbereich beim lohnabhängigen Proletariat liegt (Karl Marx), dann liegt die Wahrheit über die Ausgrenzung beim ausgegrenzten Menschen und kollektiv in den ausgegrenzten Sektoren der Unterklasse. Das heißt keineswegs, daß dieser Sektor »automatisch« widerständig ist, sondern an sich am ehesten das Bewußtsein über die Ungerechtigkeit einer Ausgrenzung und die Notwendigkeit einer fundamentalen Veränderung entwickeln wird. Ob daraus auch ein Bewußtsein für sich entsteht, ist eine Frage des historischen Prozesses. Außerdem darf im mittleren und oberen Drittel auf Solidarität gehofft werden, materialistisch werden sich solche Hoffnungen indessen nur in Ausnahmefällen erfüllen.

18. Hauptproblem des Widerstands ist seinerseits seine Auffächerung als Übernahme des organisatorischen Prinzips von Postfordismus. Als postfordistische Subjekte sind wir gegen die Differenzierung als organisatorisches Prinzip und gegen die Abgrenzung als Verhaltensmuster a priori so wenig gefeit wie gegen Fast food, Wohnwand und TV-Samstagabend im Fordismus. Die Differenzierungs- und Abgrenzungsmuster sind zwischen Metropole und Peripherie riesenhoch aufgebaut, zwischen Vollanspruchberechtigten, Minderanspruchsberechtigten und Nicht-Anspruchsberechtigten staatlicher Leistungen, Lohnarbeit und Nicht-Lohnarbeit (letztere nach wie vor hauptsächlich Frauenarbeit). Die Lohnarbeit selber hat sich aufgefächert in solche für Schwarzarbeitende, flexibel Beschäftigte, Beschäftigte in der Zulieferpyramide, Stammarbeiter im Kernbetrieb, intermediäre Zellenchefs und Inselleiter usw. Die gesellschaftliche Analyse vagabundiert zwischen Neuauflagen aller historisch bekannter Formen von Idealismus und Materialismus, die politischen Strategien auf der Linken zwischen allen Formen von Reformismus und revolutionärem Weg. Die Eingrenzung führt zu Anpassung in allen Formen zwischen Karriere und Resignation, die Ausgrenzung zur Nicht-Anpassung in ebenso vielen verschiedenen Formen zwischen Selbstzerstörung, Flucht in Esoterik, Selbstaufgabe in mafiöser Hierarchie bis zu hoffnungsvollen Formen von Selbstorganisation. Wenn schon, ist der Leopardenfleck »Liechtenstein« namens Schweiz vor dem Hintergrund der gesamten Weltwirtschaft die negative Bestätigung einer weltweiten Angleichung der Proletarität, wie sie etwa Karl Heinz Roth vermutet. Auffächerung in der Angleichung vielleicht, Angleichung in der Auffächerung womöglich, Auffächerung zur Ungleichheit sicher.




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