Archiv für Juli 2009

Schwarze Fabrikrevolten 1968

DRUM Beats Detroit

Auch wenn es heute gerne übersehen wird: 1968 als „Jahr der Revolte“ steht auch für das revolutionäre Aufbegehren gegen den Terror der Fabrik. So in Detroit, „MotorCity USA“ und „Herz“ der „fordistischen“ Fabrikdespotie. Schwarze ArbeiterInnen kämpften gegen das Fließband und gegen rassistische Unterdrückung. Mit Marx und Fanon gegen die Sklaverei der Arbeit – eine Rückschau auf die League of Revolutionary Black Workers und den schwarzen ArbeiterInnenkampf in den USA.

Please Mr. Foreman! Mittwoch, 15. Juli 1970. James Johnson jr. hat Spätschicht. Im Eldon Avenue Achs- und Getriebewerk bei Chrysler in Detroit, Michigan. Fast ein Jahr ist er an den Öfen, schickt jede Minute sechs Bremsklötze in den 380 Grad heißen Schlund. Arbeit für Schwarze. Please Mr. Foreman, slow down your assembly line. Seit Januar 1969 hat er diesen Job, diesen besseren Job. Was die Arbeit angeht, dafür umso mehr Rassismus und Mobbing. Der 36-Jährige ist hier der einzige Schwarze. Am 15. Juli wird er wieder an die Öfen geschickt. Er kann keine Handschuhe finden. Die Personalabteilung suspendiert ihn für einen Tag wegen Arbeitsverweigerung. James denkt, er ist entlassen. Workin‘ twelve hours a day. Seven long days a week, I lie down and try to rest, but, Lord knows, I‘m too tired to sleep. Um kurz vor fünf kommt er in die Fabrik zurück, im Hosenbein ein Gewehr versteckt. Er läuft nicht Amok, er zielt auf die weiße Montur der Vorarbeiter. Zwei Weiße, ein Schwarzer. Widerstandslos lässt er sich festnehmen. No, I don‘t mind workin‘, but I do mind dyin‘.

Die Verteidigung übernimmt Kenneth Cockrel. Ein junger, marxistisch geschulter Anwalt, Führungsmitglied der League of Revolutionary Black Workers. Seine Strategie: Chrysler hatte den Finger am Abzug, Chrysler ist der Killer, Chrysler gehört auf die Anklagebank. Er überzeugt die mehrheitlich schwarze Jury. Unerträgliche Arbeitshetze, tägliche rassistische Demütigungen. James stammt aus Mississippi. Als er neun ist, muss er zusehen, wie sein Cousin von einem weißen Mob gelyncht wird. 1953 ist er nach Detroit gekommen, doch Rassismus ist kein Privileg des Südens. In den dreißiger Jahren hat der Ku Klux Klan in Michigan über 200.000 Mitglieder. Cockrel zeigt der Jury die Fabrik. I said, Lord, why don‘t you slow down that assembly line? Als die Jury durchs Werk geht, stehen Arbeiter mit erhobener Faust an den Maschinen. James Johnson jr. wird freigesprochen. Der weiße Richter tobt, ordnet die psychiatrische Zwangsunterbringung an. Zwei Jahre später erstreitet ein Anwalt der Motor City Labor League Entschädigungszahlungen von Chrysler für James Johnson. 1975 wird er aus der Anstalt entlassen.

Samstag, 22. Juli 1967: Zwei junge Schwarze geben eine Party. In einer von Detroits vielen „blind pigs“, illegalen Kneipen, Ecke 12. Straße und Clairmount, am Westrand der City. Sie feiern, sie haben den Krieg in Vietnam überlebt. Am frühen Sonntagmorgen taucht die Polizei auf. Der Agent der Macht benutzt die Sprache der reinen Gewalt. Der Agent erleichtert nicht die Unterdrückung und verschleiert nicht die Herrschaft. Er stellt sie zur Schau, er manifestiert sie mit dem guten Gewissen der Ordnungskräfte. Der Agent trägt die Gewalt in die Häuser und in die Gehirne der Kolonisierten.

No, I don‘t mind workin‘, but I do mind dyin‘

Die Razzia wird schwierig. Statt der paar erwarteten Nachschwärmer sind noch 82 Gäste anwesend. Trotzdem: Alle festnehmen! Nach und nach sammelt sich eine wütende Menge, noch zu schwach, um einzugreifen. Als der letzte Polizeiwagen abgefahren ist, beginnen die Plünderungen. Ein paar Weiße machen mit. Seit 1964 war die Welle der Riots nicht abgerissen, allein 1967 kam es zu Revolten in 128 Großstädten der USA. Der „12th Street Riot“ von Detroit wird der blutigste und schwerste. Die Gewalt, die hinter der Einrichtung der kolonialen Welt steht, die zur Zerstörung der eingeborenen Gesellschaftsformen unermüdlich den Rhythmus schlägt, wird vom Kolonisierten in dem Moment für sich beansprucht und übernommen werden, da die kolonisierte Masse, entschlossen, zur aktiven Geschichte zu werden, sich auf die verbotenen Städte stürzen wird.

Das Detroit Police Department ist für seine Brutalität bekannt. Mit Vier-Mann-Trupps, zu 95% weiß, drangsalieren, schlagen, erschießen sie. Schwarze. Als der Bürgermeister 1967 versucht, den Anteil schwarzer Beamter zu erhöhen, protestieren die weißen Cops auf ihre Weise. Schwarze werden wegen jeder Kleinigkeit festgenommen. Die Ohnmacht der Bürgerrechtsbewegung gegenüber Rassismus und Segregation ist schon lange deutlich. In seinem Innern nämlich erkennt der Kolonisierte keine Instanz an. Er ist unterworfen, aber nicht gezähmt. Er ist erniedrigt, aber nicht von seiner Niedrigkeit überzeugt. Er wartet geduldig, dass der Kolonialherr in seiner Wachsamkeit nachlasse, um sich auf ihn zu stürzen. Sonntag Nacht sind es schon dreitausend, die die Polizei mit Flaschen und Steinen angreifen.

Bürgermeister und Gouverneur bitten die Regierung um Hilfe. Präsident Lyndon B. Johnson schickt 4.700 Fallschirmspringer nach Detroit. Sie sind gerade aus Vietnam zurück. Insgesamt werden 10.000 Soldaten und Nationalgardisten eingesetzt. Am 24. Juli stehen 483 Gebäude in Flammen, 1.800 Festnahmen.

Das Local 3 der United Automobile Workers (UAW, US-Automobilarbeitergewerkschaft) stellt seine Räume in der Nähe des Hauptwerks von Dodge, seit 1928 Chrysler, der Nationalgarde zur Verfügung. Die in der Innenstadt gelegene Fabrik soll geschützt werden. Widerstand von schwarzen Arbeitern gegen die Unterstützung der Aufstandsbekämpfung durch ihre Gewerkschaft ist nicht möglich. Dodge Main hat wegen Modellwechsel Betriebsferien, die meisten schwarzen Autoarbeiter nehmen am Riot nicht teil. Nach sechs Tagen: 43 Tote, davon 33 Schwarze, die meisten durch Kugeln der Staatsgewalt. Ein Arbeiter aus dem Rohbau ist unter den Toten. Fast 500 Verletzte, über 7.000 Festnahmen, 2.000 Gebäude sind niedergebrannt. 10.000 sollen sich an der Rebellion beteiligt haben.

Das Establishment gründet das New Detroit Committee. Gigantische Neubauten sind geplant. Ford und General Motors bieten mehr Jobs für junge Schwarze. Einige von ihnen, StudentInnen an der Wayne State University im Herzen Detroits und JobberInnen in den Autofabriken, gründen das Monatsblatt Inner City Voice. Schlagzeile der ersten Nummer, Oktober 1967: „Michigan Slavery“. Das Blatt diskutiert logistische Fragen des Aufstands – zur Vorbereitung des nächsten. Es kritisiert Rassismus und Kapitalismus, Versklavung und Ausbeutung. Die jungen Leute kennen sich aus der undogmatischen politischen Szene Detroits, haben Fanon und C.L.R. James (1) gelesen, mit Marty Glaberman (2) über die ungarische Revolution 1956 diskutiert und in seinen Kursen das Kapital von Marx studiert. Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära.

Apartheid herrscht in der Autostadt Detroit

Donnerstag, 2. Mai 1968: Spätschicht im Hauptwerk von Dodge in der Innenstadt von Detroit, 12.000 Beschäftigte. Sechs Frauen und zwei Männer stellen sich nach der Essenspause um 22 Uhr vor die Eingänge und fordern ihre KollegInnen zum Streik auf. 3.000 respektieren die Streikposten. Der wilde Streik legt bis Sonntag die Produktion still. Die Frauen, polnischstämmige Katholikinnen, haben die Schnauze voll. Im März und April hat es bereits wilde Streiks (wildcats) gegen das gesteigerte Bandtempo gegeben: Die Taktzahl ist von 49 auf 56 Autos pro Stunde erhöht worden, 14%, aber nur sieben Prozent zusätzliche Arbeitskräfte. Die Gewerkschaft zeigt sich hilflos. Die jungen Frauen, die von zwei schwarzen Arbeitern unterstützt werden, wollen nicht mehr warten.

Das Management verspricht mehr Personal und droht mit Sanktionen. Am Montag wird die Arbeit wieder aufgenommen. Zunächst passiert nichts. Die Chefs wollen mit sofortigen Bestrafungen nicht den nächsten wildcat riskieren. Eine Woche später, Samstag Nacht, zwischen 23 und 2 Uhr, werden Einzelne ins Personalbüro gerufen: Sieben werden entlassen, andere für 5 bis 30 Tage suspendiert. Obwohl die Aktion von weißen Frauen ausging, treffen die Strafen vor allem schwarze Arbeiter. Die Vorarbeiter werden angewiesen, disziplinarisch hart gegen alle Verstöße durchzugreifen. Die Gewerkschaft protestiert erfolglos. Einer der Entlassenen ist der 26-jährige General Gordon Baker, der zum Kreis um die Inner City Voice gehört. Mit ein paar Kollegen lädt er zur Protestversammlung am 14. Mai ins Gewerkschaftshaus ein. 300 kommen. Mehr als die UAW an AktivistInnen und Bürokraten aufbieten kann.

Einige Tage später taucht das erste DRUM-Flugblatt an den Werkstoren auf: Dodge Revolutionary Union Movement. Im Juli gelingt es DRUM, einen zweitägigen wilden Streik gegen den Rassismus im Betrieb und die Arbeitshetze zu organisieren. 70% der schwarzen und ein paar weiße Arbeiter beteiligen sich. Niemand wird entlassen. Rasch entstehen weitere RUMs, in anderen Chrysler-Fabriken, bei Ford, bei Cadillac, bei UPS. 1969 wird die League of Revolutionary Black Workers gegründet, die den Kampf koordinieren soll. Die RUMs organisieren nur Schwarze: revolutionär weil schwarz. „Das Ziel der klassenlosen Gesellschaft ist genau das, was gestern und heute im Zentrum des Negerkampfs steht. Es sind die Neger, die den revolutionären Kampf für eine klassenlose Gesellschaft verkörpern“, hatte der Autoarbeiter James Boggs 1963 geschrieben. Sie sind vom „American Way of Life“ ausgeschlossen, und dieser Ausschluss gibt ihrem Kampf seinen spezifisch revolutionären Charakter.

Mittwoch, 9. September 1925: Ein weißer Mob wirft Steine auf das Haus von Ossian Sweet. Der schwarze Arzt ist mit seiner Familie unlängst in eine weiße Wohngegend von Detroit gezogen. Um zu verhindern, dass sein Haus gestürmt oder in Brand gesetzt wird, schießt er in die Menge und tötet einen Weißen. Auf die Anklagebank kommt nicht der Ku Klux Klan, sondern das Opfer. Dr. Ossian Sweet wird freigesprochen, aber bis weit in die siebziger Jahre kommt es zu Übergriffen, wenn Schwarze es wagen, die imaginäre rote Linie zu übertreten, die weiße Wohnviertel umgibt.

Massenhafter Arbeitskräftebedarf der Automobilindustrie hat Detroit seit der Jahrhundertwende explosionsartig anwachsen lassen. 1930 wohnen in der inzwischen viertgrößten Stadt der USA bereits 1,6 Millionen Menschen aus der ganzen Welt. Nur eine kleine Minderheit ist schwarz. Erst der Rüstungsboom im zweiten Weltkrieg kurbelt die schwarze Migration aus dem tiefen Süden an. Die Zahl der schwarzen Chrysler-Arbeiterinnen steigt zwischen 1941 und 1945 von Null auf 5.000. Angesichts der ungewöhnlich hohen Nachfrage nach ihrer Arbeitskraft kursiert unter schwarzen Neu-Detroitern ein Sarkasmus: Hitler und Tojo hätten mehr für die schwarze Emanzipation getan als Lincoln und Roosevelt.

Kriegskorporatismus – heiß und kalt

Der kriegswirtschaftliche Fahr- und Flugzeugbau transformiert die industrielle Geographie Detroits. Neue Fabriken werden nicht mehr in den von Schwarzen bewohnten Innenstadtvierteln errichtet, sondern – nur noch mit dem Auto erreichbar – im blütenweißen Umland von Suburbia. Der Exodus aus Detroit ist so stark, dass im Großraum Detroit heute rund 80% der VorortbewohnerInnen weiß, im von Industriebrachen und Armutsbezirken durchzogenen Innenstadtbereich von Detroit aber vier Fünftel der BewohnerInnen schwarz sind. Die Deindustrialisierung hat die roten Linien lediglich verschoben. Auch als „schrumpfende Stadt“ bleibt „Motown“ die am schärfsten segregierte Stadt der USA.

Mittwoch, 17. Dezember 1941: Zehn Tage nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor bestellt US-Präsident Roosevelt Manager und Gewerkschafter ins Weiße Haus. Für die Dauer des Kriegs sollen sie auf Arbeitskämpfe verzichten. Als „New Men of Power“ (C. Wright Mills) qualifizieren sich die Gewerkschaftsführer durch die Zusage, das Management von ArbeiterInnenunzufriedenheit zu übernehmen. Für die Dauer des Zweiten Weltkriegs wollen sie Streikbewegungen in der „Waffenschmiede der Demokratie“ unterbinden. Die „no strike pledge“ – von den Kommunisten seit dem Bruch des Hitler-Stalin-Pakts eilfertig propagiert – kann nicht verhindern, dass es während des Kriegs zu zahlreichen wilden Streiks kommt. Nach der japanischen Kapitulation wird sie widerrufen, aber mit der antikommunistischen Hexenjagd auf jegliche ArbeiterInnenopposition wird der Kriegskorporatismus nach 1945 fortgeführt.

Wegweisend ist der Tarifabschluss zwischen UAW und General Motors von 1950: Im Gegenzug zu automatischen Lohnanpassungen bietet die Gewerkschaft dem Unternehmen mit der fünfjährigen Laufzeit Planungssicherheit und lässt dem Management freie Hand bei der Organisation des Ausbeutungsprozesses. „Die Unternehmen und die Gewerkschaft hatten eine Arbeitsteilung entwickelt. Das Unternehmen passte auf die Maschinen auf und die Gewerkschaft auf die Arbeiter. Von den Massenmedien wurde den amerikanischen Automobilarbeitern erzählt, dass sie den höchsten Lebensstandard der Welt hatten. Man erzählte ihnen aber nicht, dass sie gleichzeitig unter dem höchsten und grausamsten Leistungsdruck arbeiten mussten“. (Steve Babson)

Weder Haussklave noch Fabriksklave

Donnerstag, 21. November 1963: 700 Leute sind nach Detroit gekommen, um an der Northern Grassroots Conference teilzunehmen. Malcolm X tritt auf und rechnet mit den Illusionen der Bürgerrechtsbewegung ab: „Wenn jetzt jemand zu euch kommt und sagt: ,Lasst uns separieren`, antwortet ihr dasselbe, was auch der Haussklave auf der Plantage geantwortet hat: ,Was meinst Du mit Separatismus? Loslösung von Amerika? Vom guten weißen Mann? Wo bekommst Du einen besseren Job als hier!` Ich denke, das ist es, was ihr sagt, wenn ihr meint: ,Ich hab in Afrika nichts verloren.` Euren Verstand habt ihr in Afrika verloren.“ Uhuru – Kisuaheli für Freiheit – könnten die Schwarzen nur erlangen, wenn sie aufhörten, wie unterwürfige Haussklaven um eine Tasse Kaffee zu betteln.

Das Interesse am Separatismus wächst, weil die Bürgerrechtsbewegung an Grenzen stößt. General Gordon Baker entlehnt der „Message to the Grassroots“ den Begriff Uhuru und gründet eine gleichnamige Vorläuferorganisation von DRUM. Politisch geben sich viele Gewerkschaften liberal, vor Ort, in den Betrieben, stoßen die schwarzen ArbeiterInnen aber auf den institutionellen Rassismus der UAW. Auf die Mitarbeit von Weißen können die RUMs gut verzichten. In Detroit ist 1968 ein Viertel der UAW-Mitglieder schwarz, aber nur sieben Prozent der Funktionäre. Im ersten Flugblatt von DRUM heißt es: „Die schwarzen Brüder und Schwestern bilden 60 Prozent der Produktionsarbeiter, aber der Anteil schwarzer Vorgesetzter und schwarzer Vertrauensleute ist nicht der Rede wert.“

Sit-in gegen das Bandtempo, exzessiver Absentismus

Ende der sechziger Jahre eskalieren die Disziplinverstöße in den Autofabriken. Wegen der unerträglichen Arbeitshetze schmeißen viele der Jungen den neuen Job sofort wieder. Häufige Kündigungsgründe bei Dodge sind Ungehorsam, Verlassen des Arbeitsplatzes, exzessiver Absentismus, Drogenkonsum. Die meisten jungen Schwarzen und Weißen kiffen während der Arbeit, um die Monotonie erträglicher zu machen. Das Management nimmt es hin, um Schlimmeres zu verhindern. Sabotageakte nehmen zu, auch die Zahl der wildcats: kurze sit-ins gegen das Bandtempo, gegen rassistische Übergriffe von Vorarbeitern, gegen Entlassungen und Bestrafungen.

Die Spannungen und Gewalttätigkeiten in den Abteilungen der innerstädtischen Autofabriken ähneln im Sommer 1967 dem Konflikt auf den Straßen der Riot-Zonen. So wie die liberale Stadtregierung ihre Legitimität verloren hat und die Wut der Schwarzen nicht mehr kanalisieren kann, so bricht in der Fabrik die Kontrolle des Arbeitsprozesses durch Management und Gewerkschaft zusammen. Für kurze Zeit gelingt es den RUMs und der League – selbst Produkte der Fabrikrevolten –, die Kämpfe zu bündeln und ihnen einen revolutionären Ausdruck zu geben.

Ihre Politik ist von Anfang an internationalistisch. DRUM stellt in ihrer neunten Flugschrift 14 Forderungen auf, darunter: gleiche Bezahlung von schwarzen und weißen ArbeiterInnen in den südafrikanischen Chrysler-Fabriken. Im Dezember 1968 nimmt die League an einer Konferenz in Italien teil, regelmäßige Kontakte zwischen Militanten aus den Autostädten Detroit und Turin entstehen. In der Hilflosigkeit, in der die UAW mit dem altbekannten Antikommunismus auf die Herausforderung durch DRUM reagiert, spiegelt sich die Panik vor der weltweiten Dimension von „1968″. „Es scheint uns, dass die kommunistisch inspirierte Black-Power-Bewegung von Plünderungen und Brandstiftungen zunächst zur Anführung von Studentenrevolten übergegangen ist und nun versucht, die schwarzen Arbeiter in die Revolution hineinzuziehen. Genau diese Kombination von Ereignissen haben die Roten kürzlich und fast erfolgreich benutzt, um Frankreich hinter den eisernen Vorhang zu bringen. Während sie mit einer kleinen Gruppe den Studentenstreik anführten, hinderten kommunistische Schläger die französischen Arbeiter daran, an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren“, schreibt das offizielle UAW-Magazine Battleline im Juli 1968. In Paris und Detroit dürften diese Zeilen für herzliches Gelächter gesorgt haben. Der Internationalismus dieser Bewegungen war viel nahe liegender, als es sich die UAW vorstellte, und bedurfte keiner roten Gespenster der Verschwörung.

Techno als Reflexion auf den Niedergang der Stadt

Und heute? DRUM schlägt weiter, wortwörtlich: Anfang der 1980er Jahre entsteht in Detroit Techno, eine schwarze Musik, die ihren Ursprung in den Radiosendungen von Charles Johnson hat. Johnson mischt Funk-Tracks mit instrumentalem HipHop und den Maschinensounds von Kraftwerk. Die ersten „richtigen“ Techno-Produzenten, Derrick May oder Juan Atkins, verstehen den Sound als Reflexion auf den Niedergang der Stadt nach dem Beginn der Deindustrialisierung Mitte der siebziger Jahre: Techno-Partys finden in den verrottendenden Fabrikhallen statt. Die zweite Generation – Kollektive wie Underground Resistance und Drexciya – lädt ihre Musik politisch auf: Anonymität der Macher, keine Zusammenarbeit mit großen Labels, keine Interviews. Am 3. September 2002 stirbt James Marcel Stinson, erst nach seinem Tod wird öffentlich gemacht, dass er Mitglied von Drexciya war. Stinson arbeitete hauptberuflich als Kraftfahrer. Singing worker. Please Mr. Foreman!

Christian Frings, Felix Klopotek, Malte Meyer, Peter Scheiffele

Erschienen in ak – zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 528 / 23.5.2008.

Anmerkungen:

1) Cyril Lionel Robert James (1901-1989), karibischer Marxist, Literat, Journalist und Politiker. Großer Einfluss auf die antikolonialen Befreiungsbewegungen und die Black-Power-Bewegung in den USA.

2) Marty Glaberman (1918-2001), Automobilarbeiter, Schüler von CLR James, arbeitete später als Historiker an der Wayne State University. Vertritt den radikalen Standpunkt der autonomen Klassenkämpfe.

Quellen und Lesetipps

Die im Text verwendeten Zitate stammen von Franz Fanon („Die Verdammten dieser Erde“), Karl Marx (Das Kapital, Band 1) und aus dem Song „Please, Mr. Foreman, slow down your assembly line“, der 1965 von Joe Lee Carter geschrieben wurde, als er bei Ford in Detroit am Band arbeitete.

Die Informationen in diesem Artikel beruhen u.a. auf folgenden Texten, in denen sich weitere Hinweise finden. Eines der besten Bücher ist: Dan Georgakas/Marvin Surkin: Detroit. I Do Mind Dying. A Study in Urban Revolution, South End Press, zweite ergänzte Auflage 1998. Zum Ablauf der Streiks bei Chrysler in der Zeit von DRUM: Steve Jefferys: Management and managed. Fifty years of crisis at Chrysler, Cambridge Univ. Press 1986.

In den siebziger Jahren wurde die Organisierung des schwarzen Klassenkampfs in Deutschland aufmerksam verfolgt, so z.B. in Volkhard Brandes/Joyce Burke: USA – Vom Rassenkampf zum Klassenkampf. Die Organisierung des schwarzen Widerstandes, dtv 1970; Peter M. Michels: Aufstand in den Ghettos. Zur Organisation des Lumpenproletariats in den USA, Fischer-TB 1972; Dorothea Peters (Hg.): USA: Farbige Revolution und Klassenkampf, Trikont 1972.

Zur umkämpften Geschichte der Autoindustrie in Detroit sind empfehlenswert: Heather Ann Thompson: Whose Detroit? Politics, Labor, and Race in a Modern American City, Cornell Univ. Press 2001; Steve Babson: Working Detroit. The Making of a Union Town, Adama Books 1984; die Zeitschrift Radical Amerika enthält zahlreiche Artikel zum Thema: dl.lib.brown.edu/radicalamerica externer Link

Was sie damals alle gelesen hatten: James Boggs: The American Revolution: Pages from a Negro Worker’s Notebook, Monthly Review 1963 (online unter http://www.historyisaweapon.org/defcon1/amreboggs.html externer Link).

1970 entstand in Zusammenarbeit mit der League der Dokumentarfilm „Finally Got the News“, der für eine Veranstaltung zum Thema in Kön mit deutschen Untertiteln versehen wurde. Kontakt: finally[at]diss-d-a.de.

Lob der Arbeit

aus: ak 430 vom 23.9.1999

ak – analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte und Praxis

Primo Levi:
Lob der Arbeit

Utopien führen zu Massenverbrechen, lehrt das „Schwarzbuch des Kommunismus“; die zynische Aufschrift „Arbeit macht frei“ in Auschwitz ist nur das „Echo“ der „Internationale“, präzisieren die Autoren des Manifestes gegen die Arbeit. Primo Levi, der Holocaust-Überlebende, ist vielleicht der berufenste Zeuge gegen solche Gleichsetzungen. Er differenziert die grundlegend verschiedenen Arten der Arbeit, die er aus eigener Erfahrung kennt: als de facto zum Tode verurteilter Zwangsarbeiter in Auschwitz-Monowitz, als angestellter Chemiker und als freier Schriftsteller. Sein hier dokumentiertes Lob der Arbeit sollte nicht als letzte Wahrheit verstanden werden, sondern als bedenkenswerter Kontrapunkt in der aktuellen Debatte zur Kritik der Arbeit.

Abgesehen von vereinzelten begnadeten Momenten, die das Schicksal für uns bereithalten mag, ist die Liebe zur eigenen Arbeit (leider ein Privileg weniger Menschen) die weitestgehende konkrete Annäherung an irdisches Glück: eine Wahrheit, die nicht vielen einsichtig ist. Dieses grenzenlose Gebiet der Schufterei, des boulot, des job, mit einem Wort, der täglichen Arbeit, ist weniger erforscht als die Antarktis, und infolge einer traurigen und zugleich mysteriösen Erscheinung reden ausgerechnet diejenigen am meisten und am lautesten davon, die es am wenigsten durchmessen haben. Bei offiziellen Feiern wird zur Verherrlichung der Arbeit eine hinterhältige Rhetorik bemüht, die auf der zynischen Überlegung beruht, daß eine Lobrede oder eine Medaille weniger kosten als eine Gehaltserhöhung, aber mehr einbringen. Daneben gibt es aber auch eine Rhetorik mit umgekehrten Vorzeichen, nicht zynisch, sondern von Grund auf dumm, die darauf abzielt, die Arbeit zu verleumden und schlechtzumachen, als könnte man ohne Arbeit, die eigene und die anderer, auskommen, und zwar nicht nur in Utopia, sondern hier und jetzt; als ob derjenige, der zu arbeiten versteht, von Haus aus ein Knecht wäre und andererseits jener, der nicht oder nur schlecht zu arbeiten versteht, oder nicht arbeiten will, eben dadurch ein freier Mensch wäre. Traurigerweise ist wahr, daß viele Arbeiten keine Liebe erwecken, schädlich aber ist es, mit einem Abscheu von vornherein an die Arbeit heranzugehen: wer das tut, der verurteilt sich selbst zu lebenslänglichem Haß nicht nur auf die Arbeit, sondern auch auf sich selbst und seine Umwelt. Man kann und muß dafür kämpfen, daß das Produkt der Arbeit in den Händen derer bleibt, die es geschaffen haben, und daß die Arbeit selbst keine Strafe ist. Liebe zum eigenen Tun beziehungsweise Abscheu davor sind jedoch ursprüngliche, im Inneren des einzelnen angelegte Haltungen, die viel mit seiner Geschichte und weniger, als man gemeinhin glaubt, mit den Produktionsstrukturen zu tun haben, unter denen die Arbeit vor sich geht.

aus: Primo Levi: Der Ringschlüssel; Berlin (Wagenbach) 1997. Die italienische Originalausgabe erschien 1978 unter dem Titel „La chiave a stella“ bei Einaudi (Turin)

Militante Untersuchung

Hinter der glatten Oberfläche

„Militante Untersuchung“, Organisierung und Gewerkschaftsarbeit

„AKmU – Arbeitskreis militante Untersuchung“ hieß Anfang der 1980er Jahre eine Initiative der Karlsruher Stadtzeitung . Was damals in der bundesdeutschen Linken nur wenig Anklang fand, erlebt heute eine ungeahnte Konjunktur. „Alltagsforschung“ als Versuch, die (eigene?) prekäre Lebenssituation in den Blick zu nehmen, ist (wieder) ein interessanter Ausgangspunkt geworden.

Ein Rückblick auf die historische „militante Untersuchung“ zeigt, was in aktuellen eingreifenden Befragungen – wie die der „Untersuchungsgruppe Rhein-Main“ in Frankfurt oder im „Kleinen Postfordistischen Drama“ Berliner Künstlerinnen – bisher nur skizziert wird: Sie war Anfechtung der herrschenden Teilung zwischen Analyse und Praxis und zugleich Projekt einer kollektiven Organisierung. Möglichkeiten wie Grenzen dieser Strategie können anhand der FIAT-Untersuchung der Quaderni Rossi (1960-62) einerseits und der bundesdeutschen „Ford-Aktion“ (1960-64) andererseits diskutiert werden.

Der Mythos Fabrik wird geknackt

Es ist heute einfach, sich ein Bild von der Vergänglichkeit der „Fabrikgesellschaft“ zu machen, sie zeigt sich in entmieteten Fußgängerzonen und hoffnungslos veralteten Industriegebieten genauso wie in zerfallenden Innenstädten. 1960 jedoch gehörte der Fabrik nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft. Was immer von einer anderen Gesellschaft zu erwarten war, konnte kaum gedacht werden, ohne dass Massenproduktion und Massenkonsum eine zentrale Stellung behielten. In Italien waren die FIAT-Werke in Turin Sinnbild für die Wunder, die von der „Moderne“ erwartet wurden. Sie waren im „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit in Norditalien schnell expandiert und hatten die materiellen Bedürfnisse „ihrer“ Beschäftigten er- und übererfüllt.

Zugleich waren im Inneren der FIAT die letzten Reste autonomer ArbeiterInnenorganisierung beseitigt worden. Die umfassende Automatisierung der Produktion und die Verdrängung der Facharbeiter durch „neue“ Bandarbeiter, denen vergleichsweise hohe Löhne gezahlt wurden, hatten der kommunistischen Metallarbeitergewerkschaft FIOM das Rückgrat gebrochen. Um 1960 war FIAT ein „streikfreier“ Betrieb geworden, und in der öffentlichen Wahrnehmung wurde dies mit der generellen Abwesenheit sozialer Konflikte gleichgesetzt. LinkssozialistInnen wie KommunistInnen sahen im Wesentlichen zwei Ursachen ihrer Niederlage: die „Repression“ durch die Firma, d.h. die Beseitigung gewerkschaftlich aktiver Kader und den „Konsumismus“ der ArbeiterInnen, die sich nunmehr früher unerschwingliche dauerhafte Güter leisten konnten.

Diese Erklärungsmuster waren Ausdruck einer tiefen Krise der italienischen Linksparteien, die die leninsche Erwartung geteilt hatten, dass die Fabrikdisziplin der „Arbeiterklasse“ den notwendigen Schneid beibringe, der im Krieg gegen die Bourgeoisie benötigt würde. Und ebenso geteilt hatten sie Lenins Bewunderung für die Experimente Frederick Taylors, seine Bewegungsstudien und seine Idee der „Objektivierung“ der Kontrolle im Arbeitsprozess. Die innere Rationalität solcher „Instrumente“ wurde nicht bezweifelt, als Ziel des Kampfes wurde lediglich ihre „sozialistische Anwendung“ ausgegeben. In diesem Begriff der modernen (Sozial-)Techniken hatten „RevolutionärInnen“ und „ReformistInnen“ einen gemeinsamen Nenner: Für fordistische Arrangements konnten sich skandinavische SozialdemokratInnen ebenso begeistern wie italienische StalinistInnen. Die europäischen Linksparteien, die in den Regierungen der unmittelbaren Nachkriegszeit vertreten waren, hatten auch deshalb nach den Kämpfen gegen Faschismus und deutsche Besatzung der Wiederherstellung der Fabrikdisziplin Priorität eingeräumt. Hinter die „glatte Oberfläche“ des „FIAT-Mythos“ zu sehen, nach den verborgenen inneren Gegensätzen der Fließarbeit zu fragen, brach somit indirekt auch mit dieser Politik: in theoretischer Hinsicht mit der technikzentrierten Eliminierung dialektischen Denkens, unter praktischen Gesichtspunkten mit den Machtfantasien der Parteileitungen.

Der unmittelbare Anlass der FIAT-Untersuchung wirkt im Nachhinein recht profan. Die Turiner CGIL (1) hatte festgestellt, dass sie kaum neue Mitglieder gewann. Ein Teil der jungen SoziologInnen um die Quaderni Rossi wurde deshalb beauftragt, die Ursachen am Beispiel FIAT zu studieren. Sich an Methoden der US-amerikanischen Industriesoziologie orientierend, erarbeitete die Gruppe ein Umfrageschema zur Arbeitssituation. Die Umfrage war als Mit-Untersuchung („conricerca“) angelegt. Sie sollte die Befragten möglichst selbsttätig einbinden, weil zugleich beabsichtigt war, Potenziale für eine von den Interessen der Firmenleitung unabhängige Organisierung zu erkunden. Zwar blieb das, was als „unabhängig“ zu verstehen war, zunächst sehr vage, aber sowohl in ihrer Form wie in ihrem Zweck tendierte die Untersuchung zu einer Aufhebung der Trennung von Forschenden und „Beforschten“.

Die Ergebnisse der Umfrage waren überraschend. ArbeiterInnen wie Angestellte erlebten die inneren Strukturen des Werkes als „absurd“. Vorherrschend war der Eindruck, die Arbeit werde von einer unsichtbaren und zugleich extrem ineffektiven Bürokratie gelenkt, mit Vorgesetzten und Meistern, die nach willkürlichen Prinzipien Lohnzuschläge und Aufstiegsmöglichkeiten verteilten und dafür Sorge zu tragen hatten, „informelle“ Widerstände gegen die Fließarbeit zu brechen oder produktiv einzubinden. Diese Aussagen waren ein erster sichtbarer Riss in der Fassade der fordistischen Fabrik. Die Untersuchung bei FIAT (und später die bei Olivetti) legte die krassen Unterschiede offen, die zwischen dem Blick von „außen“ auf die Symbole der Moderne und den Erfahrungen in ihrem „Inneren“ bestanden. Dabei konstatierten die AkademikerInnen damals zu Recht, dass es keinen Automatismus im Übergang von der „passiven Revolution“ der Produktionsverhältnisse zur Revolte gegen das Fließband gab.

Im FIAT-Streik von 1962 und den Auseinandersetzungen an der Piazza Statuto wurde die Unzufriedenheit manifest, die sich in den Antworten auf die Umfrage angekündigt hatten. Seitdem spukt die „militante Untersuchung“ durch die linke Weltgeschichte. In theoretischer Hinsicht ist entscheidend, dass sich in den Unersuchungsprojekten eine Dynamik entwickeln konnte, die es ermöglichte, die Produktion von Macht anders zu begreifen, nämlich als asymmetrische Kommunikation. Diese Asymmetrie zog sich sowohl durch die Arbeitsteilung in der Fabrik selbst als auch durch die Kommunikation innerhalb der Untersuchungs- und Organisierungsprojekte. Hinter die „glatte Fassade“ der Fabrik zu blicken, hieß somit potenziell auch, das Selbstbild zu hinterfragen, das Wissenschaft und politische Organisationen entwickelt hatten – ein Prozess der Selbstreflexion, der allerdings niemals „sicher“ ist.

Wühlarbeit unterm Feldherrnhügel

Fast parallel zu den Arbeiten der Quaderni Rossi übersetzten bundesdeutsche unabhängige Marxisten die Forderung nach einer „Mit-Untersuchung“ auf ihre Weise, ihr Ausgangspunkt war dabei dem ihrer italienischen KollegInnen durchaus vergleichbar. Ford in Köln betrieb in den 1950er Jahren eine ähnliche Firmenpolitik wie FIAT in Turin: Fließarbeit, organisierte Neuzusammensetzung (und vor allem Zunahme) der Belegschaft, hohe Löhne. Der Betrieb war nicht tarifgebunden, der gewerkschaftliche Organisationsgrad lag bei fünf (ArbeiterInnen) bzw. drei Prozent (Angestellte). Die Situation bei Ford war zwar extrem, wies aber zugleich verallgemeinerbare Symptome auf: Die „neuen“ Arbeitskräfte (Junge, Ungelernte, Frauen) organisierten sich in den 1960ern nicht mehr „automatisch“ in den Gewerkschaften, die Zahlung „übertariflicher“ Löhne ließ deren Position in den Betrieben zunehmend bröckeln.

In dieser Situation erklärte die IG Metall Ford Köln zu einem „Schwerpunktbetrieb“. Aus der Zusammenarbeit mit einigen Soziologen aus dem von der SPD verstoßenen SDS erarbeitete man ein Organizing-Konzept, dessen erster Schritt eine Umfrage unter ausgewählten Beschäftigten war. Die Befragten kritisierten vor allem die die psychische und physische Belastung durch die Bandarbeit, und die Forderung nach einer „Bandpause“ wurde im Anschluss wichtigster Punkt einer Kampagne, durch die in wenigen Jahren einige tausend Mitglieder gewonnen wurden. 1963 trat Ford überraschend dem Arbeitgeberverband bei. Die Tarifverträge wurden anerkannt, die Arbeitsbedingungen „normalisiert“, und der Organisationsgrad näherte sich langsam den Durchschnittswerten der Metallindustrie an. Damit stellte sich die Frage, was aus den spezifischen „Ford-Forderungen“ werden würde. Die IG Metall orientierte sich damals noch eindeutig an einer „Kompensation“ der Arbeitsbelastungen durch höhere Löhne, was die Forderung nach der „Bandpause“ zweitrangig erscheinen ließ. Als schließlich 1964 im Betrieb ein Streik für die „qualitativen“ Forderungen vorbereitet wurde, zogen örtliche wie zentrale IG Metall die Notbremse: Die „Ford-Aktion“ wurde de facto abgeblasen. Erst in den migrantisch geprägten Kämpfen von 1973 wurde ihr Faden wieder aufgenommen.

Es wäre zu einfach, die Grenzen gewerkschaftlichen Eingreifens, die sich sowohl in Turin als auch in Köln zeigten, lediglich als Konflikte zwischen AktivistInnen und Apparat zu schildern. Mit-Untersuchung und (Selbst-)Organisation waren sowohl Formen der Beteiligung wie auch der Einbindung. Insbesondere die „Ford-Aktion“ zielte vor allem auf eine Erneuerung gewerkschaftlicher Repräsentanz. Elemente der Selbstorganisation waren in ihr äußerst schwach. Die Organisationsidee orientierte sich an der Bilderwelt Antonio Gramscis, so weit sie unmittelbar aus der Erfahrung der Massenschlachten des Ersten Weltkrieges entstanden war. Man zielte auf die Eroberung der „vorgelagerten Gräben“, die den „Sturm“ auf die zentralen Machtpositionen vorbereiten würde. In solchen Bildern war kein Platz für die Prozesse, die sich der Kontrolle der „Feldherren“ entziehen würden. Bereits 1964 wurde die Strategie der „aktivierenden“ Umfrage konsequenterweise durch die Einweg-Kommunikation einer Infas-Befragung (über die „Streikbereitschaft“) ersetzt.

Aber auch die TurinerInnen waren keineswegs frei von post-militaristischen Vorstellungen. Trotz allen innovativen Einsichten über Sozialtechniken galten die entstehenden „autonomen“ Organisationsformen als prinzipiell antagonistisch und daher als „nützlich“. Ihre inneren Widersprüche und blinden Flecke blieben weitgehend ausgeklammert. Der Operaismus ist das Gespenst des Leninismus nie wirklich losgeworden. Auch deshalb konnte die sozialtechnische Umstrukturierung der Produktion später nur eindimensional als repressiver Schlag gegen das kurze Aufblühen der „Arbeiterautonomie“ am Ausgang der 1960er Jahre verstanden werden. (2)

Das Gespenst des Leninismus

Schließlich stellte sich die aus der fordistischen Mythologie übernommene Vorstellung von der Fabrik als zentralem Ort der Verwertung schon während der FIAT-Untersuchung als unpraktisch heraus. Dimensionen des Alltags außerhalb dieser bizarren, abgeschlossenen Welt wurden nur unsystematisch begriffen. Der Massenarbeiter trug fortan immer den Stempel der Fabrik, und letztendlich ergriff er die Flucht. Die neue Frauenbewegung machte den Vorstellungen von einem überhistorischen Subjekt der Befreiungskämpfe endgültig den Garaus. So bleibt von der „militanten Untersuchung“ vor allem die Erweiterung der Perspektive, der Zweifel am vorgeblich universellen Siegeszug der kapitalistischen Gesellschaft, der Blick hinter die Kulissen der schönen, neuen Welt: An diesem Punkt ist sie unserer Zeit und unseren Problemen sehr nahe.

Peter Birke

Erschienen in: ak – Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 497 / 19.8.2005

Anmerkungen:

1) Größte italienische Richtungsgewerkschaft; stark an der KPI orientiert.

2) Das gilt insbesondere für die Rezeption des Operaismus in Deutschland, etwa bei Karl Heinz Roth/Elisabeth Behrens: Die andere Arbeiterbewegung, München 1974.




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: