Arbeit macht Spaß – Spaß beiseite!

Quarti, Adi:

Die einen können nicht genug davon haben, die anderen ersticken förmlich darin. Für einige „Unersetzbare“ ist sie einziger Lebensinhalt – ist der Arbeitsplatz dann wegrationalisiert – folgt der Absturz. Nach zwanzig Jahren Massenarbeitslosigkeit und dem von Populärwissenschaftlern prognostizierten “Ende der Arbeit” lehnen wir uns zurück und versuchen einen mit Mythen überladenen Begriff ins Kapitalverhältnis zurück zu führen.

Leben wir etwa schon im Kommunismus – nur dass es noch keine/r gemerkt hat? Hat die Arbeit zwei Gesichter, und – falls diese Feststellung Pierre Bourdies zutrifft – welchen Metamorphosen unterliegt die soziale Frage? Was hat dies mit dem fröhlichen Operaismus der ‘70er und ‘80er Jahre zu tun? Eine (auch selbstkritische) Bilanz.

Eine Chronik der Lohnarbeit

Robert Castel, Forschungsdirektor an der Pariser Ecole des Hautes Études en Sciences Sociales, hat in einer vielbeachteten Studie eine Cronik der Lohnarbeit erstellt (Universitätsverlag Konstanz 2000) und die Metamorphosen der sozialen Frage nachgezeichnet. Seine Bilanz ist vernichtend: Wie in den Zwischenzonen der vorindustriellen Gesellschaft diagnostiziert er einen Bruch einer Verlaufskurve. Die überkommenen Formen menschlicher Solidarität sind zu erschöpft, um gerade die von der privatisierten Sozialarbeit immer wieder beschworenen ‘humanen Resourcen’ zu mobilisieren. Massenhafter Pauperismus, Verwundbarkeit, Entkoppelung der menschlichen und sozialen Verhältnisse sind die Folge der modernen Beschäftigungsverhältnisse, gerade auch für Jugendliche. Paradox: Mit dem Wiederaufstieg des Liberalismus und des freien Unternehmertums verstärkt der Staat seine Aktivitäten zur Subventionierung der Arbeit- mit Maßnahmen, die dem Mythos des Sisyphus in nichts nachstehen. Praktikas, Fristvertrag, Arbeitslosigkeit, wieder Fristvertrag über einen Sklavenhändler- und schließlich eine “Eingliederungsmaßnahme für ältere Arbeitslose”. Dies nennt er prekäre Beschäftigungsverhältnisse, die vor kei-ner Branche haltmachen und inzwischen ungeahnte Ausmaße angenommen haben. Gerade in der sogenannten New Economy schreien die Zustände zum Himmel. Was Franz Kafka in seiner phantasischen Erzählung “Blumfeld, ein älterer Junggeselle” beschreibt, ist für den alten Arbeiter in der neue Fabrik heute Realität. Die Überzähligen können nicht einmal von dieser neuen Vormundschaft partizipieren. Sie werden nur noch verwaltet und der Ortseffekt eines ‘schwierigen Viertels’ und sogenannter ‘problematischer Zonen’ kommen zur Geltung. “Prekarität als Geschick. Wenn man vom Verruf spricht, in den die Arbeit angeblich bei den Angehörigen der jüngeren Generation gekommen sei und den manche als das glücksbringende Zeichen eines Abschieds von der Entfremdung durch die Zivilisation der Arbeit feiern, sollte man dennoch die objektive Realität des Arbeitsmarktes im Hinterkopf behalten. Wie soll man sich in solchen Situationen einrichten und in solchen Verlaufskurven einen Lebensentwurf verankern? Der ‘Traum des Leiharbeiters’ ist es, ein Stammarbeiter zu werden, verbunden mit der schmerzlichen Ahnung, es nicht zu schaffen.” Den mit der Restrukturierung der Großindustrie, mit großflächigem Robotereinsatz, Computersteuerung und Biotechnologie verbundene Strukturwandel der Arbeitsteilung, könnte man so umschreiben. Obwohl sich diese Untersuchung nur auf Frankreich beschränkt, drängen sich die Parallelen zum übrigen Europa – eben auch Deutschland – regelrecht auf. Gerade hierzulande gibt es doch in jedem beliebigen Bekanntenkreis Leute – die, mittlerweile vierzigjährig – noch nie einen festen Arbeitsvertrag gesehen haben. Warum aber werden solche Dinge selten Thema von Diskussionen? Castel glaubt, daß die Zunahme eines ‘negativen Individualismus’ dafür verantwortlich ist. Gerade auch die ehemaligen Linksradikalen der ‘70er- und ‘80er Jahre, die ihre Energie darauf verschwendeten den Wohlfahrtsstaat zu bekämpfen – der ohnehin vom Neoliberalismus zum Abschuss freigegeben war- scheinen davon befallen zu sein. Angesichts solcher Niederlagen richtet man sich besser in der §19 SGB-Stelle ein, andere hat es schließlich noch schlimmer getroffen…

“Man glaubt zu träumen. Die erschrockenen Bezugnahmen auf die Allmacht des Wohlfahrtsstaates – und darin besteht der dritte Grund, weswegen man den Begriff vermeiden sollte – tauchen nämlich in einer Zeit auf in der er schlicht noch gar nicht existiert”. Die Kritik am Wohlfahrtsstaat fungiert in der von Castel zitierten Variante als Gegenposition zu den Arbeitervereinen von 1849. Zweifellos ein zähes Handlungsmuster…

Castel schlägt für die Gegenwart eine analytische Herangehensweise vor:

“Um nicht der Versuchung der Propheterie oder der Verbreitung von Katastrophenstimmung zu verfallen, werden wir damit beginnen, das genaue Ausmaß der Veränderungen, zu denen es in den letzten zwanzig Jahren gekommen ist, zu bestimmen, sodann die Reichweite der dagegen getroffenen Maßnahmen. Sind etwa die Eingliederungsmaßnahmen im Vergleich bis in die siebziger Jahre vorherrschenden Integrationspolitik überhaupt den gesellschaftlichen Frakturen angemessen, die sich seither aufgetan haben? Handelt es sich dabei um eine Modernisierung staatlicher Politik oder nur um die Verschleierung ihres Versagens?” Ein Ignorant, dem hier nicht die schlechten sozialpolitischen Debatten der grün-sozialdemokratischen Regierung und ihrer christlich-liberalen Opposition in Deutschland in den Sinn kommt. Gerade auch die Wiederentdeckung der Familie durch die Christdemokraten, die gerade hier 16 Jahre nichts als Versagen demonstriert haben.

Castel beschreibt Geschichte um die Gegenwart zu verstehen: Kann sich etwa heute noch jemand erinnern, dass die Radikale Partei als führende Partei der Dritten (französischen) Republik auf ihrem Kongress in Marseille noch 1922 die Forderung nach “Aufhebung der Lohnarbeit, dieses Überrests der Sklaverei” in ihr Programm aufnahm? So gesehen die bemerkenswerteste sozialhistorische Arbeit der letzten Jahre, die vor allem eines deutlich macht: Den gegenwärtigen neoliberalen Angriff einfach sozusagen als gottgegeben zu akzeptieren, wird vor allem den Arbeiterorganisationen, Gewerkschaften und nicht zuletzt den Linken selbst zum Verhängnis werden, so sie keine positiven Alternativen anzubieten haben. Gerade die jüngsten Beschlüsse im Rahmen des sogen. Bündnisses für Arbeit – nämlich den Druck auf die Arbeitslosen noch zu verstärken und gegebenenfalls jeden beliebigen Niedriglohnjob anstelle von Arbeitslosengeld zu akzeptieren – wird auf Dauer auch die mächtigste Gewerkschaft erodieren. Die Diskussionen um die Einbeziehung der 620 DM-Jobs in die Sozialversicherung haben gezeigt wohin die Reise geht. Die Zahl der im Segment des Niediglohnbereiches angesiedelten Arbeitsplätze ist seither nicht wie prognostiziert zurückgegangen, sondern hat den neuesten Zahlen zufolge zugenommen. “Es gibt in unserer Gesellschaft kein Recht auf Faulheit”, so kann nur tönen, wer zwar den Stammtisch gut kennt, aber damit gescheitert ist die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Diese – und nichts anderes ist dafür verantwortlich, dass der Wert der Ware Arbeitskraft ständig sinkt. Übrigens im Gegensatz zu anderen europäischen Nachbarstaaten. In Dänemark beispielsweise gibt es nicht nur deutlich weniger Arbeitslose, viel mehr Arbeitslosengeld und entschieden weniger Langzeitarbeitslose als bei uns. Hierzulande hat man schon Anfang der ‘80er Jahre auf das neoliberale Modell gesetzt, das eben auch mit entsprechenden Profiten verbunden ist.

Der Januskopf

Pierre Bourdieu, der übrigens mit “Das Elend der Welt” von Castel mehrfach zitiert wird (deutsch: Bourdieu et al.: “Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft”; Universitätsverlag Konstanz 1997), hat endlich sein Frühwerk auf deutsch veröffentlicht. “Die zwei Gesichter der Arbeit” ist das Ergebnis einer ethnologischen Feldstudie, die Bourdieu als Wehrpflichtiger bei einer ‘Strafeinheit’ im vom Befreiungskampf gegen den französischen Kolonialismus gezeichneten Algerien der frühen ‘60er Jahre anfertigte. Die fünf Jahre im krisengeschüttelten Algerien werden für den jungen Philosophen der Pariser Elitehochschule zur Initiation in die Ethnologie und Soziologogie- und Ursprung seiner Theorie der sozialen Welt. Die Verweigerung des technischen Fortschritts der algerischen Bevölkerung- typisch für eine kolonialisierte Gesellschaft – ist nicht als Unbeweglichkeit zu verstehen, die Betroffenen wollen einfach nicht einsehen, was dieser Fortschritt in den ihnen vertrauten Zeitdimensionen bringen soll. “Sie antizipieren sehr wohl, allerdings in Zusammenhängen von natürlichen Zyklen, und die jetzt von außen eindringenden Innovationen zerbrechen eben diese Zyklen.” Wer nun aber glaubt, Bourdieu würde sich begnügen stur die Verlaufskurven einer vorindustriellen Übergangsgesellschaft nachzuzeichnen, der irrt. Mehr als 200 Interviews hat er zusammen mit Freunden geführt, die allerdings den Rahmen der deutschen Übersetzung gesprengt hätten. Einfache Reproduktion und zyklische Zeit, widersprüchliche Notwendigkeiten und mehrdeutiges Verhalten, subjektive Hoffnungen und objektive Möglichkeiten, sind seine Themen. In einer vorkapitalistischen Gesellschaft die Erzeugnisse der zumeist bäuerlich Produktion an einen Freund oder Bekannten zu verkaufen wäre schlicht unmöglich. Das ungeschriebene Gesetz der Gastfreundschaft gebietet andere Umgangsformen, die ein dichtes soziales Netz ersetzen. Verkauf und Akkumulation werden auf dem weit entfernten Markt getätigt, unter genau bestimmten Ritualen und Verhaltensnormen. Beziehungen die auf ihre rein „ökonomische“ Dimension beschrängt sind, werden als feindselige Wahrgenommen und können sich nur zwischen Feinden ergeben. Dies richtet sich vor allem gegen die moderne Wirtschaftssoziologie, die gerade heute glaubt in entlegensten Winkeln der Welt über diese Dinge hinwegtrampeln zu können.

Ähnliche Beobachtungen macht Bourdieu bei unterbeschäftigten Algeriern: So bezeichnen sich oft Menschen mit der gleichen wöchentlichen Arbeitszeit als arbeitslos oder in Beschäftigung. Es werden je nach sozialem Umfeld andere Kriterien angelegt. Die Familie, der Freundskreis, der Stamm oder die Sippe werden ein wichtiges Kriterium für die Umschreibung der Arbeit. „Manchmal arbeite ich einen Tag lang, manchmal vier Tage, dann bin ich wieder einen ganzen Monat arbeitslos. Ich habe fast 5000 Franc Schulden. Ich borge von einem, um meine Schuld beim anderen zurückzuzahlen, so ist das immer. Ich habe keinen Beruf, keine Bildung – wie wollen Sie da, dass ich zurechtkomme…“ (Hilfsarbeiter ohne feste Stelle. Constantine). Für diese zu allem bereiten Männer, die sich bewusst sind, dass sie nicht wirklich gelernt haben, immer verfügbar und den äußeren Zwängen unterworfen, ohne wirklichen Beruf und deshalb für jede Art von Scheinberuf offen zu sein, für sie gibt es nichts von Bestand, nichts Sicheres, nichts Dauerhaftes. Der tägliche Stundenplan, aufgeteilt in Arbeitssuche hier und kleine Aushilfsarbeiten dort, Woche und Monat nach der Zufälligkeit von Arbeitstagen und erzwungenem Müsiggang zerstückelt alles, trägt die Handschrift der Prekarität. Arbeitslosigkeit und befristete Arbeiten machen tabula rasa mit den Traditionen und untersagen gleichzeitig die Ausarbeitung eines rationellen Lebensplanes. „Wenn du schon dem heutigen Tag nicht trauen kannst“, sagt ein Arbeitsloser aus Oran, „wie sollst du dich dann auf den morgigen verlassen können?“

Linker Radikalismus, die Alters-krankheit des Kapitalismus oder operaistische Romantik

„Wir sind wahrscheinlich geschlagen worden, weil wir unfähig waren, aus dem Inneren der Ablehnung der Arbeit heraus ein neues gesellschaftliches Modell zu entwickeln, unsere Praxis mit einem Programm zu verbinden… In Wirklichkeit haben wir die Demokratisierung der Kommunikation mit vagen Ansprüchen von Freiheit (konkret nur vom kapitalistischen Standpunkt aus), die Wiederaneignung der Information mit ihrer Modernisierung verwechselt. Wir sind nach der Theorie der zwei Zeiten vorgegangen – erst die Liberalisierung, dann die Demokratisierung –, die sicher eine dem Verhalten der Autonomia absolut ferne und fremde Konzeption war. Wir haben uns vollständig ausspielen lassen, wir sind die Ursache der Liberalisierung des Äthers geworden, die Produzenten der skandalösesten Formen der Enteignung des Wissens und der Einrichtung der Theorien des Regimes. Wir waren es, die 1977 Berlusconi (1) verursacht haben, das ist die Realität.“ (Toni Negri, “Die Niederlage von 1977”. In: Moroni, Balestrini, “Die goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien; Berlin 1994).

Eine wahrlich bitteres Resümee von zwei Jahrzehnten des Kampfes, der 1968 seinen Anfang nahm. Aber keine Sorge: Von Negri gibt es dutzende variierender Versionen, heute glaubt er gar wir leben schon im Kommunismus. Aber hier soll es nicht darum gehen ironisch eine Etappe zu bewerten (eine ausgezeichnete Kritik an Negri, “Kommunismus für Eliten. Antonio Negris fröhlicher Operaismus”, lieferte Egon Günther in der Zeitschrift < <4. Hilfe>>, Winter 1997).

Uns soll hier zunächst einmal nur die theoretischen Konstrukte interessieren, die dem Operaismus ihren Namen gaben, der später in allen möglichen Varianten und zu verschiedenen Zeiten überall in Europa und den USA auftauchte. Wie alle ‚Ismen‘, die sich auf einen gesellschaftlichen Akteur (und nicht auf einen Autor) berufen – in diesem Falle den Arbeiter – hat er viele Väter (na ja, die Mütter blieben erst mal tatsächlich außen vor). Der Operaismus war eine der wichtigsten theoretischen Strömungen der Erneuerung der italienischen und internationalen Linken. Er zielte zunächst auf einen Bruch mit den Sozialisten und Eurokommunisten, die fest eingefügt ins Parteienspektrum Nachkriegsitaliens keine nennenswerte gesellschaftliche Impulse mehr gaben. Die Arbeiterklasse und ihre Zusammensetzung rückten in den Mittelpunkt der Analysen. Romano Alquati arbeitete bei Fiat und Olivetti sehr eindrucksvoll an einer Klassenanalyse, wie sie bis dahin noch nicht gemacht worden waren. Die Fabrik und der Massenarbeiter standen im Zentrum, was in Zeiten von Vollbeschäftigung auch vollkommen richtig war. Zumindest bei Olivetti, ein Unternehmen, das aus der antifaschistischen Tradition kam, dürfte dies auch mit Wohlwollen der Geschäftsleitung geschehen sein. Alquati war zusammen mit Raniero Panzieri Mitbegründer der Zeitschrift Quaderni Rossi (Rote Hefte), die wichtige Arbeiten zum Verhältnis Mensch / Maschine, Arbeiteruntersuchung sowie die Fortschrittsgläubigkeit der Linken veröffentlichten und später die Arbeitersoziologie in Italien erneuerten. Von der Methode her vielleicht vergleichbar mit dem, was Bourdieu u.a. später in <> gemacht haben, allerdings mit einer ordentlichen Portion Arbeiterromantik, die wohl Zeitspezifisch war. Als es1962 in Turin während Tarifauseinandersetzungen bei Fiat es auf der Piazza Statuto zu tagelangen Straßenschlachen zwischen jungen ungelernten Arbeitern (die später als Massenarbeiter umschrieben werden) und der Polizei kommt, findet innerhalb der Quaderni Rossi eine heftige Auseinandersetzung über die Bewertung dieser Kämpfe statt. Panzieri geht sofort auf Distanz und sprach von “anarchistischen Demonstrationen des Lumpenproletariats, die nichts mit den Zielen des Arbeiterkampfes zu tun haben”. Dieser Dissens mag heute vielleicht unverständlich klingen, tatsächlich wurde aber die Kultur und die Kampfformen von ‘68 vorweggenommen, egal wie man diese im Nachhinein beurteilt. Eine andere Gruppe innerhalb der Quaderni Rossi um Mario Tronti bewertet die Vorfälle auf der Piazza Statuto zwar vorsichtig, aber nicht ohne Sympathie. Sie wollen schon länger von der reinen Untersuchungsarbeit zur direkten Intervention übergehen und riefen 1964 die Zeitschrift Classe Operaia ins Leben. Kein Wunder: Ihr theoretischer Kopf, Mario Tronti, war Mitglied der PCI (der damaligen Kommunistischen Partei Italiens) und ist vermutlich bis heute Mitglied der italienischen PDS.

“Auch wir haben zuerst die kapitalistische Entwicklung gesehen und dann die Arbeiterkämpfe. Das ist ein Irrtum, man muss das Problem umdrehen, das Vorzeichen ändern, wieder vom Prinzip ausgehen: und das Prinzip ist der proletarische Klassenkampf. Auf der Ebene des gesellschaftlich entwickelten Kapitals ist die kapitalistische Entwicklung den Arbeiterkämpfen untergeordnet, sie kommt nach ihnen, und der politische Mechanismus der eigenen Produktion mus ihnen entsprechen.” (Tronti, “Lenin in England”. In: Moroni/Balestrini, Die goldene Horde). Später wollte Tronti die Strategie gar in der Klasse lesen, nicht ohne sich bewusst zu sein, dass die Arbeiterklasse aus „eigener Kraft niemals die politische Macht ergreifen“ würde. Dies werde dann die Partei erledigen, die auf dem höchsten Punkt des Klassenkampfes interveniert und sozusagen vollendete Tatsachen schaffen sollte. Man kann Tronti nicht dafür kritisieren, dass er die Organisationsfrage in den Mittelpunkt seiner Überlegungen rückte (später wurde ihm, nicht ganz zu Unrecht, ein Ultraleninismus vorgeworfen). Sein Problem war wohl eher ein hegelianisches Verständnis von Dialektik, das er Mal das eine, dann das andere wollte, aber nie versuchte dies in einem Verhältnis zu sehen. Sein verbissenes festhalten an der “Zentralität der Arbeiterklasse” wurde ab einem bestimmten Zeitpunkt unzeitgemäß, als die große Industrie von den technischen Inovationen regelrecht überrollt wurde. War man früher in den Analysen den Entwicklungen voraus, so hinkten sie ihr diesmal hinterher (2). Ein Problem, das auch ein anderes Mitglied von Classe Operaia hatte: Der zu Anfang zitierte junge Antonio Negri. Der liest zwar heute nicht mehr in der Arbeiterklasse, sondern versucht ‘Lenin hinter Lenin’ zu entdecken (z.B. in der Konkret vom März 2001), wenn er nicht gerade ein neues, organloses, revolutionäres Subjekt aufspürt, den Cyborg. Oder aber in Le Monde Diplomatique vom Januar 2001 gar eine revolutionäre Sicht der Globalisierung liefert: “Empire – das höchste Stadium des Kapitalismus!” Die Nationalstaaten haben demnach aufgehört zu existieren, sehr positiv, der Kommunismus konstituiert sich schließlich aus der alten Ordnung. Immerhin hatte Negri noch eine ganz brauchbare Analyse der Klassenkämpfe in Frankreich der ‘90er Jahre in seinem französischen Exil geschrieben. Schade, es scheint ganz so, als dass die Autonomen und Linksradikalen sich neue Theoretiker suchen müssen. Die lebendige Arbeit jedenfalls und die soziale Frage, ist bei verschiedenen Autoren besser aufgehoben (im wörtlichen Sinne natürlich). Aber, Spaß beiseite… Adi Quarti

Anmerkungen:

(1) 1977 war der Höhepunkt einer riesigen Bewegung in Italien mit Universitätsbesetzungen, Straßenschlachten z.B. vor dem Mailänder Opernhaus Scala von Arbeitern, Arbeitslosen, Frauen und Angehörigen der Massenuniversitäten. Die Autonomia Operaia, deren Mitglied Negri zu diesem Zeitpunkt war, versuchte dieser Bewegung eine Richtung zu geben. Am 7. April 1979 wurden tausende dieser Bewegung inhaftiert, Negri selbst als Kopf eines Komplottes gegen den Staat angeklagt und an der Ermordung des christdemokratischen Politikers Aldo Moro durch die Roten Brigaden beteiligt gewesen zu sein. 1983 wurde er als Kandidat der Radikalen Partei ins Parlament gewählt, ging kurz darauf nach Frankreich ins Exil und war dort u.a. Hochschullehrer an der Universität Paris VIII. 1997 kehrte er nach Italien zurück um eine Amnestiedebatte um die ‘bleiernen Jahre’ in Italien zu führen.

(2) Es sollte hier nicht verschwiegen werden, daß hier ein ziemlich langer Zeitraum umschrieben wird, der woanders in Europa zu ganz anderen ‘strategischen’ Wendungen geführt hat. Die selbsternannte deutsche Sektion des Operaismus, die Zeitschrift Wildcat-Zirkular, hat nach den “Riots von Rechts” (so ihre Analyse der faschistischen Progrome in Rostock-Lichtenhagen u.a.) nacheinander die “Welt in Umwälzung” in Albanien, dann in Indonesien gesehen. Überall war ein blutiger Chauvinismus das Ergebnis. Heute steht der sogen. ‘Staats-Antifaschismus’ im Mittelpunkt ihrer harten Kritik, soziale Themen sind nur noch am Rande Gegenstand der Debatte. Das man inzwischen vom Marxismus nichts mehr wissen und stattdessen den libertären Kommunismus für sich beansprucht, wird wohl nicht mehr viele interessieren. Der Operaismus in den ‘70er Jahre in Italien versuchte durchaus die Dinge zu beschreiben, ob es ihm aber mit der Theoretisierung des ‘gesellschaftlichen Arbeiters’ gelungen ist, mag dahingestellt bleiben.

LITERATUR:

- ROBERT CASTEL, “DIE METAMORPHOSEN DER SOZIALEN FRAGE. EINE CHRONIK DER LOHNARBEIT”, UNIVERSITÄTSVERLAG KONSTANZ 2000

- PIERRE BOURDIEU, “DIE ZWEI GESICHTER DER ARBEIT, INTERDEPENDENZEN VON ZEIT- UND WIRTSCHAFTSSTRUKTUREN AM BEISPIEL EINER ETHNOLOGIE DER ALGERISCHEN ÜBERGANGSGESELLSCHAFT”, UNIVERSITÄTSVERLAG KONSTANZ 2000

- PRIMO MORONI, NANNI BALESTRINI, “DIE GOLDENE HORDE. ARBEITERAUTONOMIE, JUGENDREVOLTE UND BEWAFFNETER KAMPF IN ITALIEN”, VERLAG SCHWARZE RISSE/ ROTE STRASSE, BERLIN 1994

France greve – Deutschland schläft?

In Frankreich haben die geplanten Massenentlassungen und Werksstillegungen der multinationalen Konzerne Danone und Marks&Spencer zu Streiks, Demonstrationen und Verbraucherboykott geführt. Nach einer Großdemonstration, an der sich Gewerkschaften, die gesamte Linke und sehr viele solidarische ArbeiterInnen aus anderen Branchen beteiligt, hat das Arbeitsministerium inzwischen Änderungen im Arbeitsrecht zu Gunsten der Betroffenen vorgenommen. Es sollen in Zukunft willkürliche Entlassungen und Werkschließungen durch Verbesserung des Kündigungsschutzes und deutlich höhere Abfindungen verhindert werden. Auch in Straßburg kam es im Zusammenhang dieser Auseinandersetzungen zu Demonstrationen der dortigen Marks&Spencer-Beschäftigten.

Kurz darauf passierte das Gleiche in Belgien, als der deutsche Reifenhersteller Continental eine Werkschließung bekannt gab. Der belgische Betriebsrat beschwerte sich in einer Sendung des Fernsehsenders Arte über das Verhalten der deutschen Gewerkschaft, welche die belgische Belegschaft im Regen habe stehen lassen. In diesem Zusammenhang sind endlich verbindliche europäische Regelungen notwendig, die sich an den erkämpften französischen orientieren müssen.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: