Die selbständige Arbeit in Italien

Sergio Bologna

1.
Mit einem Anteil von 34% der gesamten Arbeitskraft, die als “selbständig” bezeichnet wird (Banca d’Italia, 2000), nimmt Italien ohne Zweifel eine einzigartige Position im europäischen Arbeitsmarkt ein.[1] Unter den ca. 7 Millionen Arbeitstätigen, die als selbständig gelten, gibt es eine Vielfalt verschiedener Arbeitsverhältnisse, die untereinander sehr differenziert sind: verschiedene ökonomische bzw. juristische Beziehungen zu den Auftraggebern, verschiedene Positionen zu den sozialstaatlichen Institutionen (Renten, Krankenversicherung usw.), verschiedene Steuersysteme usw. Diese zum Teil auch sehr breiten Unterschiede machen es schwer, von einer in sich geschlossenen Welt der „selbständigen Arbeit“ zu sprechen, man sollte eher von einer „sozialen Landschaft der nicht lohnabhängigen Arbeit“ reden, genauso wie einige französische Juristen von travail non salarié sprechen, eine Realität die sich nur negativ definieren lässt.

Es wäre aber irreführend, wenn wir die nicht lohnabhängige Form der Arbeitsbeziehung als ein regionales, nationalbedingtes Phänomen betrachteten. Wir können versuchen, im Folgenden zu erklären, warum Italien so einen Extremfall bildet aber zuerst möchte ich stark betonen, dass meiner Meinung nach die nicht lohnabhängige Form die prägende Form der kapitalistischen Arbeitsbeziehung der Zukunft sein wird. Insofern stellt Italien ein sehr interessantes Beispiel der kapitalistischen Arbeitsorganisation dar.

Die Thematisierung der Selbständigkeit der Arbeit, des Übergangs von einer nicht lohnabhängigen zur lohnabhängigen Arbeitsbeziehung und umgekehrt, die Fragestellung über das Rückwirken dieser zwei Formen sozialer Existenz auf die Seele und die Denkweise des Einzelnen, oder auf die politische Einstellung des Einzelnen usw., wurden zuerst nicht in Italien, sondern in Deutschland und Österreich in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts geprüft. Es gab nicht nur soziologische Studien, sondern auch heftige kulturpolitische Debatten, die sich vor der nationalsozialistischen Machtergreifung und gleich danach zuspitzten. Worum ging es? Warum lohnt es sich an diese Studien und Debatten anzuknüpfen? Was haben sie uns noch zu sagen?

2.

1997 wurde in Italien das Buch „Il lavoro autonomo di seconda generazione“ (Die selbständige Arbeit zweiter Generation) veröffentlicht. Es handelte sich um einen Sammelband von Beiträgen verschiedener Autoren, die das Thema der selbständigen Arbeit unter historischem, soziologischem, arbeitsrechtlichem und theoretischem Gesichtspunkt behandelt haben. Ich war, zusammen mit Andrea Fumagalli, Herausgeber und Autor dieses Bandes, in dem die Ergebnisse meiner fast zwanzigjährigen Reflexionen zum Thema „Veränderungen der Arbeitsformen beim Übergang vom Fordismus zum Postfordismus“ in zusammengefasster Form endlich veröffentlicht werden konnten. In diesem Zeitraum hatte sich auch meine private Existenz radikal geändert: nach zwanzig Jahren Professur bei verschiedenen Universitäten entlassen, musste ich mir ein neues Leben als selbständiger Berater aufbauen, „erfinden“. Damit waren meine Erwägungen zur Transformation der Arbeit nicht nur auf Betrachtungen einer mir fremden Realität, sondern auf persönlichen Erfahrungen begründet. Das Buch „Il lavoro autonomo di seconda generazione“ löste die Diskussion zur „selbständigen Arbeit“ in unserem Land aus und führte u.a. zu einer Reihe von Gesetzesentwürfen, die die selbständige Arbeit sozial- und steuerrechtlich zu regulieren versuchten. Die ganze Linke in allen ihren Schattierungen, von den „Neoliberalen“ bis zu den Neokommunisten, wurde gezwungen, das Problem zu thematisieren. In diesem Band veröffentlichte ich auch den Versuch, die Analysen der deutschen und österreichischen Soziologen der ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts kritisch zu rekonstruieren. Sollte einmal dieser Versuch auf deutsch verfügbar sein, würde ich sehr gespannt sein, mich mit deutschsprachigen Spezialisten über dieses Thema auseinander zusetzen.[2]

3.

Was ich unter diesen Analysen besonders beleuchtend fand, sind die genialen Schriften von Emil Lederer zum sozialpsychischen Habitus der Gegenwart, die einerseits dem methodologischen Ansatz der histoire des mentalités, andererseits der späteren Erforschung der Moderne vorangehen.[3] Lederer schreibt gleich am Anfang jener historischen Phase, die die endgültige Behauptung/Durchsetzung der Massenproduktion durch Großbetriebe erlebt und hervorgebracht hat. Dafür brauchte man eine Arbeitskraft, die nicht mehr nach den Gewohnheiten der vorkapitalistischen Produktion erzogen war, sondern sich den neuen Arbeits- und Lebensverhältnissen anpassen ließ. Lederer beschrieb genau das umgekehrte Phänomen, das wir heute betrachten, und zwar den Übergang von einer selbständigen oder scheinselbständigen Situation zu derjenigen der geregelten Lohnabhängigkeit (er bezieht sich auf das Phänomen der Rekrutierung der neuen Arbeitskräfte bei Bauern, Kleinbesitzern, Kleinhändlern, Jobbern und vor allem Handwerkern). Er überprüft nicht nach orthodoxen industriesoziologischen Modellen die materiellen Bedingungen der Arbeitsleistung (Betriebsdisziplin, Stoppuhr, Entfremdung, Leistungsförderungssysteme usw.), sondern zieht es vor – und das finde ich hoch interessant – die Veränderungen in der inneren Seele des Einzelnen zu verstehen, die Veränderungen bei der Wahrnehmung der Zeit, als Zukunft, als Lebensperspektive, bei der Wahrnehmung des Raumes, des eigenen Wissens und Könnens usw… Der Kapitalismus braucht einen anderen Menschentyp, scheint Lederer uns sagen zu wollen. Bei jedem großen Sprung oder bei jeder großen Umwandlung in der Geschichte der Arbeitsorganisation soll ein neuer Menschentyp entstehen (diese Idee wurde in der selben Zeit in der Sowjetunion übernommen und sehr stark sowohl in der Arbeitsideologie wie in dem Erziehungssystem vertreten: das neue aus der Revolution entstandene Sozialsystem sollte einen neuen Menschen schaffen). Diesem Ansatz von Lederer habe ich versucht, wie wir später sehen werden, bei der Beschreibung der Selbständigen zweiter Generation zu folgen, indem ich eine Anthropologie statt eine Soziologie der neuen Arbeiterfigur zu skizzieren versuchte.

Der Soziologe der sich am meisten während der Weimarer Republik mit den Selbständigen beschäftigt hat ist Theodor Geiger. Auf ihn geht die Definition der Selbständigen als „Proletaroiden“ zurück und es ist sein Verdienst, die Frage der politischen Einstellung der Selbständigen thematisiert zu haben, eine Frage, die in den letzten Jahren der Weimarer Republik immer akuter wurde, als die Arbeiterbewegung sich über die soziale Zusammensetzung der nationalsozialistischen Wählerschaft Klarheit zu verschaffen suchte.[4] Mit Geiger fängt auch die ernsthafte soziologische Untersuchung der Vielfältigkeit des Phänomens der selbständigen Arbeit und die Thematisierung der sogenannten „Scheinselbständigkeit“ an. Es ist kein Zufall, dass dieses Interesse für die Selbständigen nicht bei einem orthodoxen Marxisten bzw. sozialdemokratischen Soziologen, sondern bei einem, der sich auch von den katholischen Strömungen der Gewerkschaftsbewegung beeinflussen ließ, entstand. Kommunisten und Sozialdemokraten waren in ihrer überwiegenden Mehrheit fest überzeugt, dass die Selbständigen entweder der vorkapitalistischen Welt oder der Bourgeoisie angehören und in keiner Weise als Verbündete der Arbeiterklasse ins Auge gefasst werden können, vielmehr seien sie einer der „natürlichen“ Bestandteile des Konservatismus in der Gesellschaft. Viel größeres Interesse hätten die lohnabhängige Angestellten, die white collars, bei denen sie einen Prozess von Selbstbewusstsein in Gang setzen wollten, um aus dieser sozialen Schicht Verbündete der Arbeiterklasse zu schaffen. So entstand das Vorurteil, dass die Selbständigen (auch die neuen) „innerlich konservativ“ seien, dass sie „innerlich“ fremd der politischen Wertvorstellungen der Arbeiterbewegung seien, ein Vorurteil, das heute bei der Linken zum Teil noch und wieder sehr verbreitet ist. 1930 wurden die Berichte der parlamentarischen Untersuchungskommission über die Handwerker abgegeben. Soziologen wie Tobis, Colm und andere zogen einige Konsequenzen aus diesen Erhebungen und behaupteten mit Recht, dass die kapitalistische Produktionsweise die selbständige Arbeit nicht abschafft sondern verändert und modernisiert; dasselbe hatten Wirtschaftswissenschaftler wie Joseph Alois Schumpeter schon früher erkannt.[5] Deswegen konnten sie von „neuen“ Selbständigen oder von einer neuen Generation von Selbständigen reden, vor allem von neuen Handwerkern, die zum Teil in der Fabrikarbeit als Lohnabhängige rekrutiert wurden, zum Teil in ihren Ateliers blieben, wo sie, um als subcontractors für die Grossbetriebe weiter arbeiten zu können, neu investieren und das Atelier mit neuen Technologien ausstatten mussten. Mit dem Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland und der Konsolidierung des Sowjetstaates in Russland löste sich das politische und soziologische Interesse für das Phänomen der selbständigen Arbeit auf. Der Begriff „Arbeit“ bezieht sich nur noch auf die lohnabhängigen blue und white collars. Die Selbständigen rücken in dem Begriff „Betrieb“ oder „Firma“ zurück. Sie gehören nicht mehr der Arbeitswelt an sondern der Betriebswelt.

4.

Die Idee einer „neuen Selbständigkeit“ taucht in Deutschland erst am Anfang der 80er Jahre in Bezug auf die Ideologie der „Alternativen“ wieder auf. Die „neue Selbständigen“ sind Aussteiger, Leute, die auf eine Existenz, die zu viel vom Massenkonsum bedingt und bestimmt ist, verzichten wollen, Leute die ihren Arbeitstag bzw. ihre Arbeitsleistung anders organisieren wollen, Leute die den Stress der Metropole nicht mehr ertragen können, Leute die den Kleinhandel wiederentdecken und Waren verkaufen, die umweltverträglich erzeugt worden sind. Die Selbständigkeit bekommt hier positive Konnotationen zugeschrieben, die „neuen Selbständigen“ sind nicht mehr der harte Kern des Konservatismus sondern im Gegenteil die Vorderfront eines neuen, mehr „freien“ Existenzbedürfnisses.[6] Gleichzeitig beginnt die Gewerkschaftsbewegung einen Kampf gegen die „Scheinselbständigkeit“, vor allem in der Bauindustrie, und führt eine neue Dimension in der Betrachtungsweise des Phänomens ein, und zwar die Dimension der neuen Ausbeutung, der Ausgrenzung vom Arbeitsrecht und vom Sozialstaat. Das Thema des subcontracting wird heiß diskutiert (ein Thema das wir heute in der Bewegung gegen die globalen Firmen wiederfinden). Selbständigkeit nicht als Befreiung oder als Selbstverwaltung sondern als moderne Form der Sklavenarbeit, die Scheinselbständigen als neue „Proletaroiden“, um die Definition von Geiger zu benutzen. Diese zwei entgegengesetzten Interpretationen der selbständigen Arbeit stecken den Raum unserer Analysen der nicht lohnabhängigen Arbeitsformen ab.

5.

In der deutschen Soziologie und Arbeiterbewegung ist also das Phänomen in allen seinen Dimensionen sowohl in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts präsent, wie auch in den letzten. Es geht sicher über das Ziel dieses Beitrags hinaus, sich zu fragen, warum in Italien dieses Phänomen trotz seiner außergewöhnlichen Verbreitung so spät erkannt worden ist. Näher zu unserer Diskussion scheint mir hingegen die Frage: in welchem historischen Kontext hat sich die selbständige Arbeit in Italien auf bis zu 34% der gesamten Arbeitskraft entwickeln können? Wo liegen die sozialpolitischen Voraussetzungen dieser überdurchschnittlichen Entwicklung? Darüber gibt es noch zu wenig Forschung um eine fundierte Antwort zu geben, ich kann hier aber meine Interpretation vorstellen. Ich habe in den vorigen dreißig oder sogar vierzig Jahren die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise in Italien ziemlich nahe verfolgt, vor allem in Bereichen wie der metallverarbeitenden Industrie, der Produktion von Fahrzeugen, der Chemie und der Energieversorgung. Für zwei Jahrzehnte habe ich auch die Arbeitsorganisation, die innerbetrieblichen Konflikte und die Subjektivität der Arbeiterklasse ziemlich nahe verfolgt. Meine letzten Jahre als Dozent, gerade hier in Bremen, habe ich der Untersuchung der Sozialversicherungssysteme gewidmet, die dazu geeignet sind, Sanierungsprozesse von Industrien zu begleiten. Danach, als Berater von Gewerkschaften, Unternehmen und lokalen und nationalen Regierungen, habe ich die Entstehung von Netzwerkunternehmen durch den Bereich Logistik noch viel näher verfolgen können.[7] Aufgrund dieser Erfahrungen werde ich zuerst eine allgemeine Schilderung und dann meine Interpretation des Phänomens vorstellen.

6.

Vor dieser außergewöhnlichen Entwicklung der selbständigen Arbeit gab es in Italien auf der Ebene der Arbeitsbeziehungen noch etwas anderes, was als außergewöhnlich bezeichnet werden kann, und zwar die Dauer und Intensität der innerbetrieblichen Konflikte, die sich von den großen Betrieben der Produktion von Fahrzeugen und Reifen (Fiat in Turin, Alfa Romeo und Pirelli in Mailand) auf alle Bereiche bis zum Dienstleistungs- und Transportsektor erweiterten. Man kann also von einer Phase akuter Konfliktualität sprechen, die vom Herbst 1968 bis zum Herbst 1980, also fast zwölf Jahre, gedauert hat. Härte und direkte Organisation dieser Arbeiterkämpfe durch Betriebsräte oder autonome Basisorganisationen sind in einer reichen Literatur schon rekonstruiert und analysiert worden. Die kapitalistische Gegenoffensive begann Mitte der 70er Jahren mit den großen Restrukturierungen und Sanierungsprozessen im Fahrzeugbau (Innocenti in Mailand zum Beispiel) und erstreckte sich auf alle Bereiche. Ca. 800.000 Arbeitskräfte, Fabrikarbeiter, Techniker und Angestellte, wurden davon getroffen und durch das Sozialversicherungssystem der Cassa Integrazione Guadagni (eine Art staatlicher Mitfinanzierung der Kurzarbeit und der langfristigen Arbeitslosigkeit) zunächst für kurze Zeit und dann endgültig von ihren Jobs entfernt. Vorpensionierungen und andere Zusatzmaßnahmen spielten eine wichtige Rolle als Amortisator und so wurde der Widerstand der Betroffenen in gewissen Grenzen gehalten. Aus der Masse dieser Betroffenen, die ihren Arbeitsplatz im Alter von 40/45 Jahren verloren haben, entstand eine erste schmale aber entscheidende Schicht kleiner Unternehmer, die als human capital nur ihre Arbeitskraft, ihre technischen Kenntnisse und als finance capital nur ihr Abfindungsgeld besaßen. Man könnte schon sagen, dass diese Schicht von Selbstunternehmern oder Ein-Mann-Betrieben den größten Bestandteil des humus darstellten, auf dem dann die Blüte der sogenannten industrial districts in Ländern wie Veneto, Friuli-Venezia Giulia, Emilia Romagna, Toscana, Marche aber auch der Lombardei und Piemont gewachsen ist. Ein anderer Bestandteil dieses humus stellten die Vorpensionierten dar, die ihre Rente mit gelegentlichen oft „schwarzen“ Jobs kombinierten oder eine Nebentätigkeit als Selbständige betrieben. Es war, um mit der Bezeichnung von Bögenhold zu sprechen, unser „Gründerboom“. Auf diesem humus gelang es einer Reihe genialer Kapitalisten – typisches Beispiel ist Benetton – durch eine nicht zentralistische sondern nach Netzwerken von spezialisierten subcontractors erdachten Form des Produktionsprozesses große Multinationale Konzerne zu schaffen, die höhere Profitraten als die traditionellen Grossbetriebe erzielten. Italien (und auch Japan) wurden so die Länder des neuen flexiblen Kapitalismus und erweckten das Interesse der Betriebsökonomen und Soziologen, vor allem in den Vereinigten Staaten. Auch deswegen ist die Literatur über die italienischen industrial districts sehr umfangreich; auf diese Literatur möchte ich hinweisen um besser zu verstehen was sie sind, wie sie funktionieren und in welche Richtung die italienischen industrial districts sich entwickeln.[8] Italien verdankt diesen lokalen Systemen von kleinen und mittleren Industrien sein Wirtschaftswunder der 80er und 90er Jahre und fast 50% seines Exportvolumens.

Für unser Thema ist die Umwandlung der Arbeitsorganisation von einer zentralistischen, auf dem klassischen Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital gegründeten Form zu einer dezentralen, flexiblen auf dem Verhältnis Auftraggeber-Auftragnehmer basierten Form (vom Fordismus zum Postfordismus) sehr wichtig, und gleich werden wir sehen warum. Ebenso wichtig ist die Spezifizität der italienischen Situation, man denke nur an die Masse der sozialversicherten Vorpensionierten mit selbständiger Nebentätigkeit, die eine billige und flexible Arbeitskraft darstellen (um die Dimension des Phänomens wahrzunehmen, sollte man nicht vergessen, dass mehr als 50% der Mitglieder der größten italienischen Gewerkschaftsorganisation, der CGIL, aus Rentnern besteht).

7.

Die Umwandlung zur postfordistischen Form der Akkumulation ist das Terrain, auf dem sich die „Selbständigen zweiter Generation“ entwickelt haben. Ausschlaggebend ist, dass die „freie Initiative des Arbeitnehmers“ sich im Industriebereich entwickelte. Der Dienstleistungsbereich ist sowieso ein typisches Feld für die Selbständigkeit und auch in Italien konzentriert sich heute die große Masse der Selbständigen in den services. Der Bruch mit dem Fordismus geschah aber im Industriesektor und das ist außerordentlich wichtig, um die Qualität des Prozesses zu verstehen. Die Flexibilisierung war eine Lösung der inneren Konfliktualität, dem Selbständigen fehlt vor allem der institutionelle Rahmen des sozialen Konfliktes, dem Selbständigen fehlt die arbeitsvertragsgemäße Regulierung seiner Arbeitsleistungen, vor allem der Arbeitszeitregulierung, der Selbständige kann nicht streiken. Andererseits war die Selbständigkeit – und das ist wichtig um ihre Ambivalenz zu verstehen – eine Art von Überlebensstrategie nach einer sozialen Niederlage (wie früher die Emigration), eine Notlösung für eine Generation, die an eine soziale Umwandlung geglaubt hatte. Das betrifft noch mehr die späteren Generationen, die den Arbeitsmarkt das erste Mal betreten. Hier spielen vielmehr subjektive Vorstellungen und Wahrnehmungen eine große Rolle: a) ein totales Misstrauen gegenüber den öffentlichen Maßnahmen „aktiver Arbeitspolitik“ (nur 8% der c.a. 100.000 Millionen DM, die in Italien für arbeitspolitische Maßnahmen vom Staat ausgegeben werden sind der Arbeitsbeschaffung gewidmet und in diesem kleinen Budget ist die Förderung von jungen Selbständigen im Süden die am ehesten erfolgreiche Maßnahme), b) die Überzeugung, dass die „freie Initiative“ der einzige Weg ist, um überhaupt an ein Einkommen zu gelangen (in Italien gibt es keine Arbeitslosenunterstützung und keine Sozialhilfe), c) die Tendenz, erst bei dem Dienstleistungssektor einen Job zu suchen und dann beim Industriesektor, d) das Misstrauen gegenüber der Gewerkschaftsbewegung und nur am Ende, sehr begrenzt, die Anpassung an die Ideologie des „freien Unternehmens“.

8.

Nach der Veröffentlichung unseres Buch sind einige Felduntersuchungen durchgeführt worden, die systematischer die Zusammensetzung und die Herkunft der selbständigen Arbeit erforscht haben.[9] Man kann ganz grob von zwei Komponenten sprechen: die „erste Welle“ besteht aus denjenigen, die, wie gleich geschildert, in den 70er Jahren oder Anfang der 80er selbständig geworden sind und inzwischen entweder als Unternehmer mit eigener Firma oder als free lance sich stabilisiert haben (Anfang der 90er Jahre erreichten die bei den Handelskammern registrierten Ein-Mann-Betriebe oder ditte individuali die Zahl von ca. 2 Millionen); die „zweite Welle“ besteht hauptsächlich entweder aus Menschen, die von Anfang an eine Tätigkeit als Selbständige wählen, weil es in ihren Bereichen (zum Beispiel in den Medien) so üblich ist und die Zahl der Festangestellten begrenzt ist oder aus Menschen, die die Selbständigkeit als eine Transition zur lohnabhängigen Arbeit verstehen. Die „zweite Welle“ ist nicht stabil, betrachtet die Selbständigkeit als eine Übergangslösung. Grosse Bedeutung besitzt in Italien auch die „assoziierte Form der Selbständigkeit“, Menschen die sich in Produktionsgenossenschaften organisieren. Auch die starke Verringerung der Zahl der Ein-Mann-Betriebe am Ende der 90er Jahre bedeutet nicht ein Abbremsen der Tendenz sondern eine interne Reorganisierung (zum Beispiel gründen mehrere free lances im Bereich der Unternehmens- Steuer- oder Arbeitsberatung ein assoziiertes Büro oder eine GmbH). Dazu kommt noch ein Teil des „Handwerker-Heeres“ (artigiani), der vor allem im Transportsektor (unabhängige LKW Fahrer), aber auch in vielen Industriebereichen oder in kunstnahen Bereichen (z.B. Restauratorinnen) tätig ist. Die Spezifizität der italienischen Situation soll nicht unterschätzt werden, als Beispiel sei jenes Gesetz genannt, das die Handwerkerfirmen reglementiert. Ursprünglich bestand eine Handwerkerfirma aus ein oder zwei „Meistern“ mit ein paar Gesellen, in Italien darf man heute bis hin zu über 20 Mitarbeiter haben, was der Dimension einer kleinen Firma entspricht. Steuerrechtlich und verwaltungsmäßig ist die Stellung einer Firma, die als ditta artigiana registriert ist, viel günstiger als diejenige einer GmbH. Beide können, außer dem Inhaber der Firma, bis zu 100% der Mitarbeiter als Selbständige einstellen (man braucht nur, anstatt den Mitarbeiter als Lohnabhängigen und damit als voll sozialversichert einzustellen, am Ende des Monats eine Rechnung für die gearbeiteten Stunden vorzulegen; der Firmeninhaber spart damit 20 bis 30% der Arbeitskosten als Sozialabzüge). Diese Art von Scheinselbständigen (die sogenannten collaboratori coordinati e continuativi) hat in Italien die offizielle Zahl von 900.000 erreicht und im Moment ist sie die einzige Komponente der selbständigen Arbeit, die zum Teil sozialversichert ist (Recht auf Rente mit einer Abgabe von 13%). Bei großen Firmen hingegen wird die Reduzierung der Arbeitskosten und die Flexibilisierung eher mit massiver Anwendung von non standard oder atypischen Arbeitsverträgen (Zeit-, Ausbildungs-, Teilzeitverträge usw.) verfolgt. Eine breite Untersuchung der Handelskammer in der Lombardei hat festgestellt, dass der Anteil der scheinselbständigen Arbeit im Verhältnis zur Gesamtbeschäftigung bei Firmen mit mehr als 250 Mitarbeitern 2,5% nicht übersteigt; bei Firmen mit weniger als 10 Mitarbeitern hingegen erreicht dieser Anteil durchschnittlich 90,5%, wobei 84% Frauen sind. Die große Mehrheit dieser kleinen Firmen gehört dem Dienstleistungssektor an.[10] Unsere Schlussfeststellung ist, dass in Italien die überdurchschnittliche Verbreitung der selbständigen Arbeit a) eng mit der Struktur unserer Firmenzusammensetzung verbunden ist, die hauptsächlich aus Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitern besteht.

Klassengröße von Firmen nach Zahl der Mitarbeiter (%)

9.

Wenn wir endlich zur eigentlichen Frage dieses Seminars kommen und zwar „Was hat die selbständige Form der Arbeit mit der Intensivierung der Arbeit zu tun?“, und „Kann man von einer spezifischen Arbeitssucht der Selbständigen reden?“, ist meine Antwort ganz klar: das Hauptziel des Übergangs von einer lohnabhängigen zu einer selbständigen Arbeitsbeziehung vom Gesichtspunkt der Akkumulation ist die Verlängerung des sozialen Arbeitstages. Die Arbeitszeit bei der lohnabhängigen Arbeitsbeziehung ist vertraglich geregelt, bei der unabhängigen hingegen undefiniert. Bei der ersten gibt es eine Trennung zwischen der Zeit des Privaten und der Zeit der Arbeit, schon deswegen, weil diese Zeiten räumlich getrennt sind (momentan lassen wir die Telearbeit beiseite); bei der zweiten sind hingegen durch die domestication der Arbeit die Sphäre des Privaten und die Sphäre der Arbeitsleistung nicht getrennt und die Zeitspanne der Arbeitsleistung ist theoretisch unbegrenzt. Der Komponente der selbständigen Arbeit, die sich noch in einer relativ reglementierten Arbeitsbeziehung befindet, ist diejenige der „Scheinselbständigen“. Die Organisation und Einteilung der Arbeitszeit bleibt ihnen noch extern vorgegeben. Bei der „reinen“ selbständigen Arbeit hingegen fehlt diese Form externer Regulierung. Die Verlängerung der Arbeitszeit und die damit verbundene Gefahr der Arbeitssucht hat natürlich mit der Unsicherheit der Arbeitsbeziehung beim Selbständigen zu tun. Jeder Auftrag kann der letzte sein. Wenn man zu dieser Unsicherheit bezüglich weiterer Aufträge die Enteignung von sozialstaatlichen Rechten (Kranken- u. Altersversicherung) hinzufügt, wird die Zukunftsperspektive eine zunehmend angsterregende sein. Der Selbständige kann sich nie krankschreiben und dieser Zwang zur Gesundheit macht die Angst von einem Unfall oder im allgemeinen von jedem die Arbeitsleistung störenden Faktor zu einer der stärksten Tendenzen zur Arbeitssucht. Viel hängt von der Struktur des Auftrags und der Entlohnung ab. Bei der Tagesentlohnung oder bei Entlohnung à forfeit wird normalerweise die Arbeitsleistung immer ungenauer definiert, vor allem bei intellektuellen Aufgaben. Der Prozess der Maximierung der Arbeitsleistung besteht nicht in der genauen Beschreibung derselben, in der Fragmentierung der einzelnen Bewegungen, wie bei der tayloristischen Methode, sondern in Gegenteil: umso undefinierter die Aufgabe, umso größer die Möglichkeit, dass der Auftragnehmer sein Arbeitsaufkommen selbst zeitlich kalkuliert; er soll seine Kräfte einschätzen, ohne zu wissen welchen Schwierigkeiten er begegnen wird, zum Beispiel beim Beschaffen von Informationen, ohne zu wissen, ob überhaupt die eingeschätzte Zeit der der Entlohnung entspricht oder nicht. Selbständige machen nur kreative Arbeit, nur einmalige Produkte, Standardisierung ist ihnen fremd. Der Markt der standardisierten Produkte gehört den größeren Firmen (z. B. Beratungsfirmen wie Andersen, KPMG, MacKinsey). Bei nicht-standardisierten Produkten ist die Einschätzung der Zeit immer ein Problem. Die Unsicherheit führt den Selbständigen mit einer relativ starken Marktposition dazu, seine Einkommensperspektive bei jedem Auftrag zu maximieren zu versuchen ohne Rücksicht auf die dazu notwendige Arbeitszeitaufwendung; der Selbständige mit einer schwachen Marktposition hat nur die Perspektive, sein Einkommen im besten Fall zu behalten durch eine relative Verlängerung der Arbeitszeit oder durch eine bessere Arbeitsleistung (z.B. Zusatz-Services). Der „Schwache“ verlängert die Arbeitszeit aufgrund von Zwang, der „Starke“ aus eigenem Trieb und ist deshalb stärker von Arbeitssucht bedroht. Er kann nicht zurücktreten, sich momentan zurückziehen, sein Platz wird sofort von einem Anderen besetzt. Er ist gezwungen, wenn er weniger arbeiten will, auf seinen Job zu verzichten, weil dieser Job immer mit extremem Druck verbunden ist. Schließlich ist auch die Form der Entlohnung eine Ursache der Arbeitssucht. Der Selbständige hat bestimmte Investitionen zu tätigen in fixes und humanes (permanente Weiterbildung) Kapital. Man nehme zum Beispiel einen Handwerker, der tätig ist in einem technologisch sehr entwickelten und vom Risiko schneller Obsolesenz (Entwertung) der Anlagen gekennzeichneten Bereich. Eine verspätete oder ausfallende Einnahme kann für seinen Kleinbetrieb die Zerstörung bedeuten. Die permanente Unsicherheit der Entlohnung der geleisteten Arbeit, zusammen mit der Vorauszahlung der Steuer, macht den finanziellen Bedarf sehr hoch, um eine Reserve zu haben. Arbeitssucht im fernen Osten kann vielleicht eine Frage der lohnarbeitenden Schichten, Fabrikarbeiter und Firmenangestellten, sein. Im Westen ist die Arbeitssucht der Selbständigen eine typische Erscheinung der middle class – auch um den Konsumstandard zu erhalten, auf den man nicht verzichten will. So bin ich mit der amerikanischen Soziologin Schor völlig einverstanden, dass die Reduzierung der Arbeitszeit bzw. die Selbstreduzierung der Arbeitszeit bei Selbständigen eine Frage des Verzichts auf einen gewissen Konsum- Standard bzw. auf Konsumgewohnheiten ist.

Dieses sind nur einige Hinweise. Um sie tiefer zu untersuchen sollte man systematische Untersuchungen bei einzelnen Individuen machen. Was sich abspielt in der Seele und in der emotionalen Struktur der selbstständigen Arbeitssüchtigen ist im großen und ganzen noch weit unbekannt.

[1] Der Bericht des Studienzentrums des Verbandes der Industrie (Confindustria) Previsioni macroeconomiche e tendenze dell’industria, vom Juni 2001, setzt den Anteil der selbständigen Arbeit zur Gesamtbeschäftigung auf 27,9% fest; es werden dabei aber die Formen der „assoziierten selbständigen Arbeit“ nicht mitberücksichtigt. Die umfangreichste Bestandsaufnahme der selbständigen Arbeit in der Epoche des endgültigen Sieg des Kapitalismus nach dem Fall der Berliner Mauer und der sozialistischen europäischen Staaten bleiben noch die Akten der Tagung von Nijmegen, Autonomy and independent work? Experiences with restructuring industrial oganization in West and East, 30. November-1. Dezember 1992. Eine neue Bestandaufnahme, 10 Jahre später, wäre sehr wünschenswert.

[2] Sergio Bologna, Per un’antropologia del lavoratore autonomo, in ll lavoro autonomo di seconda generazione. Scenari del postfordismo in Italia, hsgg. von S. Bologna und A. Fumagalli, Feltrinelli Verlag, Mailand 1997, SS. 81-132; in demselben Band habe ich auch meine Dieci tesi per la definizione di uno statuto del lavoro autonomo veröffentlicht; eine Zusammenfassung dieser Thesen ist in einem dem ‚Leitbild Unternehmer’ gewidmeten Heft N. 2/2000 der österreichischen Zeitschrift “Kurswechsel”, erschienen.

[3] Die Gesellschaft der Unselbständigen. Zum sozialpsychischen Habitus der Gegenwart, in Emil Lederer, Kapitalismus, Klassenstruktur und Probleme der Demokratie in Deutschland 1910-1940. Ausgewählte Aufsätze hsgg. von J. Kocka, Göttingen 1979, SS. 14-32.

[4] Theodor Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage, Facsimile der ersten Ausgabe, Stuttgart 1987, ders. Statistische Analyse der wirtschaftlich Selbständigen., in „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“, (ASS) Band 69, 1933, SS. 407-439 und Soziale Gliederung der deutschen Arbeitnehmer, in dem selben Band, SS. 151-188.

[5] Für die Ergebnisse der Untersuchung und die Schriften von Tobis, Colm und andere siehe mein Per un’antropologia usw. zit. – Von Schumpeter fand ich sehr interessant den Aufsatz Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu, in ASS, Band 57, 1927.

[6] Dieter Bögenhold, Der Gründerboom. Realität und Mythos der ‚neuen Selbständigen’, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 1987; ders. mit Dorothea Schmidt (Hrsg.), Eine neue Gründerzeit? Die Wiederentdeckung kleiner Unternehmen, Amsterdam 1999.

[7] Trasporti e logistica come fattori di competitività di una regione, in dem Band Neoregionalismo hrsgg. von Paolo Perulli, Bollati Boringhieri Editore, Turin 1998.

[8] Sebastiano Brusco, Sergio Paba, Per una storia dei distretti industriali italiani dal secondo dopoguerra agli anni Novanta, in Storia del capitalismo italiano dal dopoguerra ad oggi, hsgg. von Fabrizio Barca, Donzelli editore, Rom 1997; Giacomo Beccattini, Distretti industriali e Made in Italy. Le basi socioculturali del nostro sviluppo economico, Bollati Boringhieri Editore, Turin 1998; Percorsi locali di internazionalizzazione. Competenze e autorganizzazione nei distretti industriali del Nord est, hsgg. von Enzo Rullani u. Giancarlo Corò, Franco Angeli Editore, Mailand 1998; Gianfranco Viesti, Come nascono i distretti industriali, Editori Laterza, Bari 2000.

[9] Paolo Barbieri, Liberi di rischiare. Vecchi e nuovi lavoratori autonomi, in “Stato e Mercato”, N. 56, August 1999; siehe auch die Artikel von Magatti, Barbieri, Corvo, Tursi, Bologna, Contini, Rosti, Biagi im Heft N. 46, Juli/August 1998, von “Impresa e Stato”, Zeitschrift der Handelskammer von Mailand, zum Thema “lavoro autonomo e sviluppo economico” (selbständige Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung). Nach vielem Zögern und inneren Widerstand hat endlich die linke Gewerkschaft CGIL in ihrer theoretischen Zeitschrift „Quaderni di Rassegna sindacale“, Januar – März 2001, aber rst vor dem Sommer erschienen, die Problematik der postfordistischen Arbeitsformen wahrgenommen. Sie in diesem Heft: Enzo Rullani, „Il nuovo lavoro dell‘ economia postfordista“, S. 47-74.

[10] Unioncamere – Istituto di ricerca sociale della Lombardia, Nuove forme del lavoro in Lombardia, hsgg. v. Renata Semenza u. Manuela Samek Lodovici, Franco Angeli editore, Milano 2001.

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  1. 1 Heute gesehen (26.07.) « Theorie als Praxis Pingback am 26. Juli 2009 um 9:57 Uhr
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