Geschichte und Praxis des Linksradikalismus

Gerhard Hanloser

Ein überblickhafter Versuch

Dies ist die Ankündigung und der Text zum Vortrag mit anschließender Diskussion mit Gerhard Hanloser veranstaltet von La Banda Vaga in der KTS am Dienstag, den 21. März 2006.

Rätekommunismus, französischer Situationismus und italienischer Operaismus: Die drei prominenten Strömungen des historischen Linksradikalismus artikulierten eine radikale Kritik des Bestehenden. Die Rätekommunisten verwarfen das autoritäre Parteikonzept der Bolschewiki in Rußland, die Situationisten formulierten eine allgemeine Kulturkritik und waren die Avantgarde der Revolte 1968 und der Operaismus propagierte den Kampf der Arbeit durch die Arbeiter und Arbeiterinnen selbst. Die drei Strömungen bleiben aber als Revolutionstheorien ihrer Zeit verhaftet. Welche Grenzen und welche aktualisierungswürdigen Motive finden sich in jeder dieser Theorien?
Thesen

1. Der Rätekommunismus entstand aus der Konfrontation mit dem bolschewistischen Revolutionsmodell von 1917. Gegen die jakobinische Machtpolitik der Bolschewiki und die staatskapitalistische Industrialisierungspolitik hielt er die Räte und die Spontanität der Proletarier als positive Bezugspunkte hoch. Das Behaupten einer bloßen Spontanität der Arbeiterklasse verkam dabei oft zum Dogma. Der Bezug auf die Räte war einer bestimmten historischen Phase des Kapitalismus verhaftet, in der die Arbeiter weitgehend Facharbeiter waren. Die Räte- und Selbstverwaltungshoffnung mündete oft in unkritischen Positionen zur Arbeit und zu der Frage der Verteilung und „Ökonomie der Zeit“ im Kommunismus.

2. Der Situationismus nahm ab den 50er Jahren viele Momente einer modernen Kritik am kapitalistischen Alltagsleben vorweg, die 68 formuliert und praktiziert wurden. Er verband den frühmarxistischen Proletariatsbegriff mit der Räte-Idee und verblieb in der Kritik des Kapitals auf der Ebene der Zirkulation und der Ware.

3. Der Operaismus gab aufgrund seiner Arbeiterfixierung eine andere Antwort auf die Kämpfe um 1968 als der Situationismus. Er hätte eine historisch flexible Formulierung des Klassenantagonismus hervorbringen können, weil er diesen auf das Begriffspaar Produktionsweise – Rebellionsweise brachte und immer die aktuelle Klassenzusammensetzung zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen machten wollte. Dennoch blieb er in einem auf die Fabrik zentrierten Blick befangen. In seinen frühen Schriften kam der Operaismus aber einer radikalen Kritik des Kapitals, auch in seiner technischen und stofflichen Gestalt (der Maschinerie), sehr nahe.
Argumente

Zu 1. Der Rätekommunismus
„Seit 1789 haben sich in jeder Revolution spontan Räte gebildet, ohne dass irgendeiner der Beteiligten je wusste, dass es dies schon einmal gegeben hat, ohne dass es auch nur einem eingefallen wäre, was sich spontan ereignete, in Gedanken zu fassen“, schrieb Hannah Arendt. Die bürgerliche Philosophin hielt vom Bolschewismus in der Sowjetunion genauso wenig wie die linkskommunistischen Revolutionäre. Letztere versuchten jedoch genau diese spontane Manifestation von Arbeitermacht in Gedanken zu fassen und zum Ausgangspunkt jeder Überlegung über die Revolution zu machen. Während des zaghaften Revolutionsversuchs 1905 wurden in Russland sogenannte Sowjets, also Räte gegründet. Die Bolschewiki nahmen im roten Oktober zusammen mit den linken Sozialrevolutionären unter der Parole „Alle Macht den Räten!“ den weiteren Verlauf der Revolution in die Hand. Überall dort, wo imperialistischer Krieg, Ausbeutung und Bourgeoisie-Herrschaft angegriffen wurden und ihre Legitimation verloren ging, bildeten sich Räte.

Doch die von Lenin angeführte Dritte Internationale wollte den Gesamtvertretungsanspruch der bolschewistischen Partei durchsetzen, Lenin schraubte die Macht der Räte zurück, diffamierte Kritiker von links als „Dummköpfe“ und wollte sie aus den Reihen der Kommunisten ausgrenzen. Die Schrift „Der ,linke Radikalismus’ – Die Kinderkrankheit im Kommunismus“ ist hierfür ein trauriges, doch interessantes Beispiel. Sie zeigt allerdings, dass es innerhalb der damaligen revolutionären Linken eine breite Front von Kritiker des Bolschewismus gab. Dass also auch die damaligen revolutionären Prozesse keinesfalls auf die Ideenwelt und die Praxis des Leninismus reduziert werden darf.

In seiner 1920 veröffentlichten Schrift befasst sich Lenin mit verschiedenen linksradikalen Strömungen der weltweiten revolutionären Bewegung: zum einen mit den Anarchisten, die auch individuellen Terror befürworteten, mit den linken Sozialrevolutionären, die die armen Bauernmassen als revolutionäres Subjekt ansahen, und den westlichen Linkskommunisten und Rätekommunisten, die Parlamentarismus und Parteienherrschaft radikal ablehnten. Lenin konnte den Vorteil des Erfolgs geltend machen: immerhin war er der Führer der bislang einzigen gelungenen kommunistischen Revolution. Dieser Erfolg soll mittels eines Patentrezepts erreicht worden sein: „ohne die strengste, wahrhaft eiserne Disziplin in unserer Partei“ wäre alles nichts geworden.

Der Hinweis auf die „Disziplin“ wird in der Folge das am häufigsten bemühte Argument von Parteikommunisten sein, wenn sie den Linksradikalismus kritisieren – doch die Frage war: Disziplin wofür? Es sollte klar sein, dass Lenin als russischer Sozialdemokrat die Disziplin als notwendiges Mittel zum Aufbau einer Arbeitsdiktatur vor Augen hatte. Gemessen daran fielen die Antworten der Rätekommunisten teilweise zu sanft aus, z.B. von Hermann Gorter in seinem „Offenen Brief an den Genossen Lenin“. Gorter war neben Anton Pannekoek einer der wichtigsten Vertreter des Linkskommunismus und hatte in der Kommunikation zwischen holländischen Rätekommunisten und deutschen Linksradikalen der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) eine wichtige Scharnierposition inne.

Anfangs, so bekennt Gorter, habe er nach Lektüre der Broschüre gedacht, dass das alles schon richtig ist, was der Genosse Lenin schreibt, doch nach einigen Überlegungen ist er nun zu dem Entschluss gekommen, dass Lenins Ausgangsüberlegung einfach nicht richtig ist. Dass das, was in Russland geschehen ist, „internationale Geltung“ haben soll, wie Lenin in Erfolgseuphorie verkündete, provoziert seinen größten Einspruch. „Sie urteilen“, so formuliert Gorter bescheiden „wie ich glaube, nicht richtig über die Übereinstimmung der westeuropäischen Revolution mit der russischen“, denn in Westeuropa sind die Bauern eine verschwindende und keineswegs revolutionäre Kraft, die Arbeiter werden ganz alleine die Revolution machen müssen.

Die Politik der Linksradikalen stärkt die Ansicht, dass „auf sie alles ankommt, dass sie von fremder Hilfe anderer Klassen nicht, von Führern wenig, von sich selbst aber alles erwarten sollen.“ Auch die Spontanitätstheorie – die in Deutschland am prominentesten durch Rosa Luxemburg stark gemacht wird – will Gorter nicht verabsolutiert wissen – und damit ist er auch den heutigen Rätekommunisten, die den Spontanitätsgedanken als Dogma behandeln, überlegen. Man suche ja, so bekennt Gorter, in Holland und Deutschland die richtigen Führer, die „nicht über die Massen herrschen wollen und die sie nicht verraten, und solange wir diese nicht haben, wollen wir alles von unten auf und durch die Diktatur der Massen selbst“. Die Frage der Repräsentation der Massen in „Führerfiguren“ wird selbst vom Lenin-Kritiker Gorter bejaht. Außerdem scheint Gorter mit der Politik der Bolschewiki in einem Bauernland einverstanden zu sein.

Auch andere Links- und Rätekommunisten kritisierten meist nur die Übertragung der spezifischen bolschewistischen Politik in Rußland auf andere Länder, wobei die autoritäre Rolle der Partei, die diesen Herrschaftsanspruch formuliert, durchschaut wurde. „Tritt die Dritte Internationale (…) auf mit der Vollmacht der Zentralgewalt eines Landes, dann trägt sie den Todeskeim in sich und wird die Weltrevolution hemmen. Die Revolution ist die Angelegenheit des Proletariats als Klasse; die soziale Revolution ist keine Parteisache!“, so Franz Pfemfert, der antimilitaristische und linkskommunistische Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift Die Aktion. Paul Mattick, einer der agilsten rätekommunistischen Theoretiker, hielt so auch fest, dass Lenins negative Einstellung zum Problem der Spontaneität in der linken Opposition des Westens nur befremdend wirken konnte. Denn gerade hier hoffte man auf die Spontaneität „um dem entnervenden Einfluss der offiziellen Arbeiterbewegung die revolutionäre Frische proletarischer Selbstinitiative entgegenzusetzen“. Die Räte waren für alle Revolutionäre aber gerade der Ausdruck der Spontaneität der Klasse.

Als sich 1921 in Kronstadt die Bevölkerung gegen die Parteiherrschaft und für die Räte stark machte, war dies ein Beweis, wie sehr sich die bolschewistische Partei vom Anfangsimpetus der Revolution gelöst hatte. Die Rätekommunisten erkannten im Gegensatz zu den Trotzkisten, dass die Kronstädter keineswegs die bürgerliche Demokratie aufrichten wollten. Für sie war die Kronstadter Revolte ein proletarischer Ausläufer in einer Revolution, die auf einen autoritären Staatskapitalismus hinauslief. Wie für Anton Pannekoek, einen der Gründerväter des Rätekommunismus, war für Paul Mattick im rückständigen Russland im Gegensatz zum Westen keine proletarische Revolution möglich und so beschrieben die Rätekommunisten die bolschewistische Revolution auch als bürgerliche Revolution, die von einer jakobinischen Partei, den Bolschewiki, an- und durchgeführt wurde.

Die Möglichkeit einer kommunistischen Bauernrevolution wurde kategorisch ausgeschlossen, die Rätekommunisten rezipierten Marx späte Bemerkungen zu dieser Möglichkeit nicht und sahen die Bauern nur als rückständig und individualistisch an. Der Bolschewismus dagegen war in ihren Augen keineswegs Antipode zur legalistischen, korrumpierten deutschen Sozialdemokratie. Schon in der deutschen Sozialdemokratie konstatierten Rätekommunisten eine autoritäre Staatsvergötzung, besonders bei Lassalle, der sich für ein sozialistisch gewandeltes preußisches Königtum aussprach. Diesen Etatismus entdeckten sie bei den Bolschewiki wieder, alles sollte bei ihnen staatlich-dirigistisch kontrolliert sein: meinte nicht auch Lenin, dass der Sozialismus wie die deutsche Post funktionieren sollte?

Der Ideologisierung des russischen Marxismus hielten die Rätekommunisten den autonomen Klassenkampf jenseits von Gewerkschaften und Parteien entgegen. Cajo Brendel, einer der wenigen noch lebenden holländischen Rätekommunisten, brachte seine Position kurz und knapp auf den Punkt: „Wir treten also nicht als Vorhut der Arbeiter, wie es die Maoisten, die Trotzkisten tun, auf. Nach unserer Meinung ist eine derartige Handlung im Klassenkampf eine nachteilige, weil damit immer die selbstständige Bestimmung des Arbeiterkampfes verzögert wird. Man soll auch nie vergessen, dass Arbeiter nicht kämpfen, weil sie das Kapital gelesen haben, sondern weil sie ihre eigenen Interessen aus ihrer unmittelbaren Erfahrung vertreten.“ Und dieses Interesse der Arbeiterklasse war der Dreh- und Angelpunkt aller Analysen der Rätekommunisten. Arbeiter, Bauern und unterdrückte Völker wollte Lenin zusammenführen. Doch für die Rätekommunisten war dies eine unzulässige Aufweichung revolutionärer Positionen: gegenüber den Bauern blieben sie skeptisch und „Völker“ galt es nicht zu befreien, sondern lediglich die ausgebeuteten Arbeiter. Wie schon Rosa Luxemburg, die das „famose Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ scharf attackierte, weil hier der Gedanke des Klassenkampfs aufgegeben wird, hielt man von der anti-imperialistischen Hinwendung zu den unterdrückten Völkern nicht viel.

Ein Problem des Rätekommunismus war, dass er der Selbstverwaltungsideologie verhaftet war, und damit einer kapitalistischen Phase, die der formellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapitalverhältnis folgt. In dieser Phase sind die Arbeiter noch Herr über die Produktion und daraus entsteht ein Revolutionsmodell, dass die Übernahme der toten geronnenen Arbeit, der Maschinerie usw., nach Beseitigung der Profit abschöpfenden Kapitalisten nahe legt. Damit verbunden war auch ein relativer Arbeitsfetischismus, der von den späteren Kämpfen der fordistischen Fabrikarbeiter in Frage gestellt wurde. In den von der holländischen Gruppe Internationaler Kommunisten (GIK) im Jahre 1930 veröffentlichten „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“, einer Art konkreten kommunistischen Utopie, bezieht sie sich zwar zulässigerweise auf Marx, der – gegen die surrealistische oder marcusianische Sichtweise – festhielt, dass Arbeit nicht zum Spiel werden könne und es eine Art Sphärentrennung eines Reichs der Notwendigkeit (in der Arbeit so kurz, unprätentiös wie möglich und sinnvoll geplant weiter geleistet werden muss) und eines Reichs der Freiheit (in der die freie Zeit den neuen Reichtumsbegriff ausmacht) geben müsse. Die GIK landet bei einer strikt mathematischen Berechnung der gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitsleistung in Zeit für das „Reich der Notwendigkeit“ – ob dies heute in der nach-fordistischen Phase möglich ist und ob dies nach der umfassenden Kritik der modernen Gesellschaft um 1968 ff. wünschenswert ist, ist in Zweifel zu ziehen.

Zu 2. Der Situationismus
Gegen eine Politik der Trennung, gegen das Aufspalten des Lebens in verschiedene Sphären war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Situationistische Internationale (SI) in Frankreich entstanden. Ursprünglich in der Künstler-Szene beheimatet, emanzipierte sie sich von diesem Milieu, begriff auch die „Kunst“ und den „Künstler“ als ein Produkt der kapitalistischen Trennung und rezipierte Marx. Die Situationistische Internationale nahm bereits in den 50ern und frühen 60er Jahren einiges vorweg, was 1967 über die alte Welt hineinbrach: eine fundamentale Infragestellung der kapitalistischen Gesellschaft durch die Schaffung spontan revolutionärer Situationen.

Die Gruppe war stark vom marxistischen Kritiker des Alltagslebens, Henri Lefebvre, beeinflußt. Der marxistische Philosoph veröffentlichte 1946 den ersten Band seines Werkes „Kritik des Alltagslebens“, 1961 den zweiten. Guy Debord, Kopf der SI und Autor von „Die Gesellschaft des Spektakels“, unterhielt zu ihm eine Zeit lang Kontakt. Mit ihre Kritik der Ware waren die Situationisten Vorgänger der ab Anfang der 90er Jahre von Robert Kurz und der Krisis-Gruppe reformulierten Kritik der kapitalistischen Gesellschaft als Warengesellschaft. Guy Debords Schrift „Die Gesellschaft des Spektakels“ von 1967 muss durchaus in die Schriftenreihe wichtiger philosophischer Werke der radikalen Linken aufgenommen werden – an manchen Stellen ist die Schrift der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer nicht unähnlich.

Die SI beerbte den westlichen Marxismus, für den am prominentesten George Lukacs steht. Sie übten wie dieser eine Kritik des falschen Bewusstseins und machten den Begriff der Totalität stark. Bei Lukacs musste sich das Bewusstsein in der kommunistischen Partei manifestieren, die eine Gegen-Totalität zur bestehenden kapitalistischen darstellen sollte, bei der SI musste sich das „enorme Bewusstsein“ (Marx) in der SI einerseits und den Arbeiterräten andererseits ausdrücken. Die SI hielt der „toten Warenwelt“ oftmals einen radikalen Subjektivismus entgegen, eine vitalistische positive Utopie wie sie besonders in den Schriften von Raoul Vaneigem zum Ausdruck kommt. Vaneigem, der zuletzt 1990 die Streitschrift „An die Lebenden!“ veröffentlichte, wurde Anfang der 70er Jahre mit seinem „Handbuch der Lebenskunst für die junge Generation“ bekannt. Reine, unverstellte Lust, die jede Dominanz und Macht zu verhindern trachtet, wurde von ihm der toten, kapitalistischen Gesellschaft entgegen gehalten.

Für die SI war das Proletariat immer noch Hoffnung und Subjekt-Objekt der Revolution zugleich, die Initialzündung konnten aber auch nicht-lohnabhängige Gesellschaftsschichten geben. Schließlich liege der revolutionäre Funke nicht mehr in der Ausbeutung allein, sondern im Elend der sozialen Beziehungen. Studenten mochte die SI nicht besonders, die schärfste Schrift von ihnen ist „Über das Elend im Studentenmilieu (betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, psychologischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel, ihm abzuhelfen)“ – eine Schrift, die man aber auch als gelungene Selbstkritik des eigenen entfremdeten Zustands lesen kann.

Rätebildung und Abschaffung der Lohnarbeit und aller Institutionen, die darauf vorbereiten – das war das Programm der „Situs“. Es ging ihnen darum, vom revolutionären Generalstreik zur generalisierten Selbstverwaltung zu gelangen. Doch auch die alte Forderung der anarchistischen und Rätebewegung nach Selbstverwaltung wurde revolutionär transzendiert: „Die Selbstverwaltung der Warenentfremdung würde aus allen Menschen bloße Programmierer ihres eigenen Überlebens machen: Die Quadratur des Kreises. Folglich würde die Aufgabe der Arbeiterräte nicht die Selbstverwaltung der bestehenden Welt, sondern ihre ununterbrochene, qualitative Umwandlung sein: die konkrete Aufhebung der Ware (als gigantische Umlenkung der Produktion des Menschen durch sich selbst). Diese Aufhebung impliziert selbstverständlich die Abschaffung der Arbeit und ihre Ersetzung durch einen neuen Typ freier Tätigkeit, also die Abschaffung einer der grundsätzlichen Spaltungen der modernen Gesellschaft in eine zunehmend verdinglichte Arbeit und passiv konsumierte Freizeit.“

Zusammengefasst wurde dies im bekannten Mai-68-Spruch „Travaillez jamais“ – Arbeitet nie! Die schönste Definition, wie eine moderne Revolution in hochentwickelten Gesellschaften gelingen mag, kommt so auch von dem situationistischen Sozialrevolutionär Emile Marenssin: demnach wird’s dann revolutionär, wenn die Studenten nicht mehr zukünftige Ausbeuter sein wollen und die Arbeiter nicht mehr länger Ausgebeutete. Neuere Forschungen – wie beispielsweise die Schrift „The Imaginary Revolution“ von Michael Seidman – zeigen aber, dass auch in Frankreich, wo die 68er-Bewegung sehr weitgehend ein proletarisches Gesicht hatte, die Spaltung zwischen radikaler Revolte der Jugend auf der einen und auf Verkauf ihrer Ware Arbeitskraft und Teilhabe am Konsum fixierter Arbeiterschaft auf der anderen Seite erhalten blieb.

Diese reale Spaltung drückt sich noch in der Revolutionstheorie der SI aus. Sie kritisierte zwar die Ware, hatte aber keinen Begriff von Kapital und Kritik des Kapitals. Dies kritisierte bereits der Linkskommunist Gilles Dauvé in den 70ern treffend: Die SI „stellt sich die Gesellschaft und ihren Umsturz aus dem Zusammenhang nicht-lohnabhängiger Gesellschaftsschichten vor“. Der revolutionäre Funke liegt nicht mehr in der Ausbeutung, sondern im Elend der sozialen Beziehungen. „Die SI vermittelt (seinem Publikum) den Eindruck, dass die wesentliche Realität in den unmittelbaren Beziehungen zwischen den Subjekten liegt, und dass die revolutionäre Aktion darin besteht, auf dieser Ebene eine Radikalität zu entwickeln, insbesondere durch die Flucht aus der Lohnarbeit“.

Bei der SI ist der Proletariatsbegriff den Frühschriften von Marx entnommen und nur ansatzweise der wirklichen Untersuchung der französischen und internationalen Klassenbeziehungen entnommen. Von der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie übernahmen sie einen regelrechten Rätefetischismus. Ab Anfang der 50er Jahre propagierte SoB eine konkrete Analyse des Proletariats, ihre Methode der Untersuchung nannte sie témoignages (Zeugnis, Beweis) und zielte darauf ab, dass die Arbeiter ihre Lage selbst erforschen sollten. Diese Form der praktischen, untersuchenden Kritik wurde erst wieder mit den Fabrikuntersuchungen der Operaisten aufgenommen. Bei SoB verblieb diese Kritik jedoch noch in einem produktivistischen Rahmen, der einen Reformismus der Arbeit („Humanisierung“) predigte. Den Situationisten fiel es so auch leicht sich von SoB abzugrenzen, wobei sie aber auch das Konzept der Untersuchung verwarfen. SoB, die dem Marxismus industriesoziologische Erwägungen hinzufügten und die ersten Arbeiteruntersuchungen unternahmen, wurden lediglich dafür kritisiert, dass es ihnen nur um Arbeiterräte und nicht um verallgemeinerte Räte ging.

Aber bereits zu der Zeit, in der die SI publizierte, entstand mit dem Massenarbeiter ein Arbeitertypus, der im Gegensatz zum Facharbeiter keine Selbstverwaltungsperspektive in der Produktion verfolgte. Nicht der Bezug auf die Ausbeutungskategorie und das Klassenverhältnis ist der SI vorzuwerfen , sondern ihre historisch begrenzte Räteidee und ihr philosophischer Proletariats-Begriff, der ihrer idealistischen Kritik der spektakulären Gesellschaft nur beigefügt ist. Die Warenkritik der SI und der Bezug auf den Klassenkampf stehen sich äußerlich gegenüber und konnten auch nur so die charmante Radikalität entwickeln. Hätte die SI die wirkliche Klassenzusammensetzung und die daran gekoppelten „Subjektivitäten“ untersucht und zum Ausgangspunkt ihrer Revolutionstheorie gemacht, wäre die spezifische Poesie ihrer radikalen Kritik verloren gegangen.

Mit der Kritik der Ware und des Spektakels legte die SI aber auch eine falsche Fährte, was die Interpretation der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie anbelangt. Die Verallgemeinerung der Warenform wird einseitig im Tausch, in der Zirkulationssphäre verortet und nicht in der spezifischen Gestalt der Lohnarbeit, die als „abstrakte Arbeit“ zu bestimmen ist. Einige Fetischformen, die uns auf der Zirkulationssphäre begegnen, können im unmittelbaren Produktionsprozess aufgelöst sein. Die gleichermaßen gesellschaftliche und real ungesellschaftliche Bestimmung von Arbeit tritt zuweilen auf der Ebene der Produktion den Arbeitern selbst entgegen. Darauf sollte erst der Operaismus aufmerksam machen.

Zu 3. Der Operaismus
Dem aus Italien kommenden Operaismus, der Arbeiteruntersuchung, ging es um den Kampf gegen die Arbeit in der Arbeit durch die ArbeiterInnen selbst. Wie die in Frankreich angesiedelte ex-trotzkistische Gruppe Socialisme ou Barbarie um Lefort, Castoriadis und Mothé versuchte man sich in einer Mischung aus Industriesoziologie und Marxismus, wobei die Herrschaftsförmigkeit des ersteren und der Determinismus des letzteren überwunden werden sollten. Historisch war die Situation günstig, weil der geplante Kapitalismus der Nachkriegszeit sich als sozial pazifiziert und relativ krisenfrei wahrnahm und einige Unternehmen sich radikale Soziologen in den Betrieb holten, wie z.B. der Elektronikkonzern Olivetti. Dort stießen die marxistisch geschulten Soziologen auf einen Terror der Maschinerie und eine Renitenz der Arbeiter, die in der produktivkraftfetischistischen ML-Dogmatik nicht auftauchen durfte.

In dem Zeitschriftenprojekt „Quaderni Rossi“ veröffentlichten die Neomarxisten um Alquati und Panzieri ihre Ergebnisse und kamen auch zu theoretischen Erneuerungen der Marxschen Kritik. Die neuen Technikarbeiter sahen sich demnach konfrontiert mit den stupiden Arbeiten der fordistischen Großfabriken. Die Widersprüche des Arbeitsprozesses selbst wurden so als Ausgangspunkt der Kritik des Kapitalismus gewählt. Diese Kritik sollte nicht von außen formuliert sein, sondern als „Selbstkritik“ in Form von Arbeiterfragebögen, wobei sich an Marx’ Fragebogen für Arbeiter von 1880 orientiert wurde. Diese waren als Beschreibung, Untersuchung, Aufklärung und Radikalisierung zugleich konzipiert und waren eine praktische Alternative zum leninistischen Klasse-an-sich/Klasse-für-sich-Konzept, in dem sich immer eine Partei als großer Aufklärer dazwischen schieben muss. Die Theoretiker der Arbeiteruntersuchung reflektierten auf das Revival des Klassenkampfs in Form von wilden Streiks in Italien wie 1961 durch die Instandhaltungsarbeiter bei Fiat. 1962 kam es zu Massenarbeiterstreiks bei FIAT und Pirelli nach der Revolte auf der Piazza Statuo in Turin. Diese ging von den Fiat-Werken aus, mündete in einem großen riot und stellte die erste Arbeiterrevolte im postfaschistischen Italien dar, an der sich einige junge PCI-Mitglieder beteiligten, die erhebliche Probleme mit ihrer legalistischen Partei bekamen.

Der neue italienische Linksradikalismus brach mit einigen italienisch-kommunistischen Gewissheiten: mit der Akzeptanz der in Jalta festgelegten Nachkriegsordnung, mit dem Sozialpazifismus der PCI, mit der Gramscianischen Vorstellung, Fließband-Fordismus wäre etwas sozialistisch anwendbares, mit dem orthodoxen Glauben, Technik sei neutral und der Sozialismus eine Planwirtschaft. Der Gramsci, der sich zu »Amerikanismus und Fordismus« Gedanken macht, ist nämlich ein Reform-Lenin. Der Fordismus, also die wissenschaftliche Betriebsführung und Verkürzung der Arbeitsabläufe, sei ein Übergang innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise »vom alten ökonomischen Individualismus zur programmierten Ökonomie«. Ähnlich wie Lenin, der den Fordismus als Arbeitswissenschaft zur Hebung der Produktivität begrüßte, kommt Gramsci zu positiven Einschätzungen des »Amerikanismus/Fordismus«: Die Fordmethode sei ’rational’, muß also verallgemeinert werden, aber dafür sei ein langer Prozeß der Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen und individuellen Verhaltensweisen und Sitten und Gewohnheiten nötig. Um dies herzustellen propagiert Gramsci unter anderem monogames Verhalten: »Man muß darauf bestehen, daß die aufklärerisch-libertinistische Anschauung der verderblichste und ’regressivste’ Faktor auf sexuellem Gebiet ist.«

Anknüpfen konnte der Operaismus an eine breite Unzufriedenheit der kommunistischen Jugend mit diesen Vorstellungen, aber auch an Vorstellungen unter den älteren Arbeitern, bei denen sich die Erinnerung an das Ausbremsen der autonomen Partisanenbewegung und eine ungebrochene Arbeitermilitanz in den Betrieben gehalten hatte.

Mario Tronti versuchte den Marxismus wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen und wurde mit seiner Behauptung, dass die Arbeiter das Kapital antreiben und der Klassenkampf das primäre ist zum Philosoph des Operaimus. Cacciari und Bologna, die Historiker der operaistischen Bewegung, stellten heraus, dass zum alten klassischen Facharbeiter auch das reformistische Bewußtssein und ein arbeitsfetischistischer Rätegedanke gehörte, währenddessen der neue Massenarbeiter, der fordistische „Fabrikaffe“ vollends in der Arbeit entfremdet sei. Zur Kritik des überhistorischen Rätegedankens ist diese Überlegung richtig, doch sie wurde ihrerseits überspannt, zu schematisch angewendet und war Periodisierungsbedürfnissen geschuldet. Bei dem Massenarbeiter liege kein Produzentenstolz vor, sondern der Wille zum Kampf gegen die Arbeit: Sabotage, Absentismus, wilde Streiks müssen demnach als aktuelle und ernst zu nehmende Formen des Klassenkampfs beschrieben werden.

Die ersten beiden Zeitschriftenprojekten der operaistischen Linken, Quaderni Rossi und Classe Operaia, untersuchten die Situation in den großen Fabriken Turins, Mailands und des Veneto. Später sollten die FIAT-Werke zum wichtigsten Bezugspunkt der revolutionären Linken in Italien werden, wo im Mai 1969 spontane und sehr militante Kämpfe ausbrachen und Versuche von Fabrikinterventionismus nach sich zogen. 1969 gründete sich die neo-leninistische operaistische Partei potere operaio, um der Arbeiterautonomie auf die Sprünge zu helfen. Sie propagierte offen den Kampf um mehr Lohn als ein Zusammenfallen von ökonomischem und politischem Kampf, der die Mehrwertproduktion in die Krise treiben würde. Eine Kritik des Lohnfetischs, die sich noch im alten Operaismus findet, ist hier suspendiert. Den operaistischen Aktivisten gelang es aber einen Großteil der studentischen 68er-Bewegung für die Kämpfe der Arbeiter im „Heißen Herbst“ 69 zu begeistern, vor deren Werkstoren man sich in der großen Kampfzeit der italienischen Arbeiterklasse von 1969 bis 1973 wiederfand. Nanni Balestrini lieferte den Roman und die Poesie zu den Kämpfen bei Fiat: „Wir wollen alles“.

Die kopernikanischen Wenden im Marxismus, für die der Operaismus sorgte, war die einfache Bestimmung, dass das Klassenverhältnis dem Kapitalverhältnis vorausgeht. Das führte bereits Marx in dem Kapitel über die „ursprüngliche Akkumulation“ aus, doch vom Operaismus wurde dies in aller Deutlichkeit ins Bewußtsein gehoben: keine kapitalistische Produktionsweise mit ihrer spezifischen Ausbeutungsordnung ohne die durchgesetzte und auf Dauer gestellte Klassenscheidung. Wiederentdeckt wurde auch der subjektive Faktor – Arbeiterklasse war nicht mehr abgeleitete Größe, sondern agierende Größe. Doch dieser Subjektivismus wurde nicht idealistisch oder vitalistisch gesetzt, sondern an die Klassenzusammensetzung rückgekoppelt. Das macht die Schwäche wie die Stärke des Operaismus aus: eine etwas dröge, arbeiterzentrierte Schlagseite auf der einen Seite, auf der anderen war die Arbeiterklasse keine nebulöse, sondern eine konkrete Erscheinung, die man befragen und mit der man etwas organisieren konnte. Die Fragebögen boten hierfür ein geeignetes Mittel.

Im Gegensatz zum Situationismus wurde auch nicht so sehr die Zirkulationssphäre ins Kreuzfeuer der Kritik genommen, sondern die Produktion. Daraus ergibt sich auch eine Kritik des Kapitals: die lebendige Arbeit und ihre Subjektivität findet sich konfrontiert mit dem toten Kapital – der Maschinerie. Diese ist nicht neutral, sondern ist Fleisch vom Fleische des Kapitals. Doch was von den frühen Operaisten wie Panzieri noch in Untersuchungen zur politischen Ökonomie der Technologie ideologiekritisch unter die Lupe genommen wurde, diente Antonio Negri und anderen in den 70er Jahren nur noch als militaristische Mobilisierungsideologie. Kritisierte der frühe Operaismus noch den Lohnfetisch, so trieb der mittlere und späte Operaismus den Lohnfetisch auf die Spitze, indem exorbitante Lohnforderungen als Revolutionsstrategie ausgegeben wurden. Auch in den Operaismus zogen Momente der Lebensphilosophie und des Militanzfetischs ein. Es gebe keine Vermittlung mehr, bloß Kampf: „Zwischen der produktiven Arbeiterklasse und dem toten Kapital existiert keine dialektische Dynamik mehr…“ Deswegen propagierte Negri zeitgleich mit der Entdeckung des gesellschaftlichen Arbeiters den Angriff auf den Staat und das Ende des Wertgesetzes.

Die affirmative Wendung Negris kommt am ehesten in dem Begriff der „autovalorizzazione“ zum tragen, die „Selbstverwertung“…ein nebulöser Begriff, der den Begriff der Selbstverwaltung unter Arbeiterkontrolle, der 68 zirkulierte, ablöste. Anfang der 80er Jahre schien er ideologisch die linke Selbstverwaltungsideologie revolutionstheoretisch zu überhöhen, schließlich lobten auch Prominente wie Negri die Alternative, die selbstbestimmten Kooperativen, die „alternativen Bedürfnisse“ usw. und schließlich auch die Entwicklung der Grünen in Deutschland. Die Autonomie wurde längst zu einer Art rabiater Lebensphilosophie auf der Suche nach Anschluss. Die reine Negation der 70er (bewaffneter Kampf) war in merkwürdiger Weise immer begleitet von der Suche nach dem absolut Positiven, nach einer ontologischen Fundierung des Positiven, das neuerdings durch den Postoperaismus mit Spinoza in der Produktivität der Multitude erblickt werden sollte.

Dabei wäre es verkehrt, den versteckten, „sublimierten Leninismus“ in diesen Konzepten nicht wahrzunehmen. Der Prophet erschafft spinozistisch das (Anti-)Volk, in Form der Multitude, nicht mehr der Kader die Arbeiterklasse – im Kern ist es das gleiche. Der Post-Operaismus hat unkritisch die Bewegungsformen eines Teils der Klasse nach dem Zerschlagen der Kämpfe bei FIAT – also nach dem Ende des Kampfs der Massenarbeiter – nachgezeichnet (neue Selbständigkeit, gesellschaftliche zersplitterte Fabrik), hat seinen Horizont auf die am weitesten entwickelten Arbeiter-Figuren eingeschränkt und vertritt einen Produktionsintelligenz-Kommunismus, der natürlich voller Ausschlüsse ist. „Die Armen“ kommen nur paternalistisch als Objekt einer Art Befreiungstheologie vor. Es fehlt nicht nur die Idee des Negativen, wie Holloway betont, also die Ideologiekritik und die Kritik der falschen Formen, sondern auch eine konkrete Untersuchung dessen, was die Bedingung der Möglichkeit von Kommunismus heute darstellt – also eine konkrete Untersuchung der Ausbeutungsbedingungen, wie sie der alte Operaismus unternommen hat.
Gerhard Hanloser 2005

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