La sola soluzione ­ la rivoluzione

aus Geronimo- Feur und Flamme
Das Beispiel der italienischen Autonomia
Der Begriff der »Autonomie« wie er uns heute in der Politik einer autonomen Bewegung in der BRD gegenübertritt, ist zweifellos durch die Praxis der Studenten-, Arbeiter- und Jugendrevolten im Italien der 60er und 70er Jahre beeinflußt. Die »Autonomia« erhielt ihre Bedeutung in einer von den traditionellen Arbeiterorganisationen unabhängigen, subversiv-militanten Praxis der dortigen Betriebs- und Stadtteilkämpfe ab Ende der 60er Jahre. Dabei fielen in diesem Zeitraum Teile und Ausläufer der Studentenrevolte mit militanten Arbeiterkämpfen vorwiegend in Norditalien zusammen. Die sichtbar gewordene Verknüpfung der politischen Tätigkeit von studentischen Gruppen mit weiten Teilen einer antikapitalistisch revoltierenden Arbeiterklasse übte in der Folgezeit für einige linksradikale westdeutsche APO-Gruppen eine große Faszination aus, die die italienische Entwicklung intensiv verfolgten und diskutierten.

Was passierte in Italien in den 60er Jahren?
Die Arbeiter- und Studentenrevolten trafen in Italien in den Jahren 1968/69 auf ganz andere gesellschaftliche Bedingungen als in der BRD. Italien lag mit seiner Wirtschaftsstruktur als ökonomisch schwächstes Glied der EG quasi an der europäischen Peripherie. Der Staat nahm in der internationalen Arbeitsteilung einen untergeordneten Rang ein. Darüber hinaus war das Land strukturell in zwei Teile gespalten: Der an modernste kapitalistische Produktions- und Arbeitsorganisationen orientierten ökonomischen Entwicklung in Norditalien standen in Süditalien Verhältnisse mit zum Teil feudalistischen Eigentumsstrukturen in der Landwirtschaft gegenüber.
Die Klassenkämpfe wurden gemeinsam von Gruppen aus der Studentenrevolte und vorwiegend ungelernten Fließbandarbeitern aus den norditalienischen Großfabriken getragen. Diese Klassenbewegung war bereits zu Beginn der 60er Jahre von einigen Gewerkschaftlern und linken Intellektuellen im Umkreis der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) und der Sozialistischen Partei (PSI) in einer Reihe von Analysen theoretisch vorweggenommen worden. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang inbesondere die Arbeiten und Schriften der Theoretiker Raniero Panzieri, Mario Tronti, Roberto Alquati und Toni Negri, die zunächst in der Zeit von 1961 bis 1964 in der Zeitschrift »Quaderni Rossi« und nach einer Spaltung nachfolgend in der bis 1967 existierenden Theorieschrift »Classe operaia« publizierten.
Nach dem Scheitern von Erneuerungsbestrebungen innerhalb der beiden traditionellen Organisationen der italienischen Arbeiterklasse in der zweiten Hälfte der 50er Jahre verlegten diese Intellektuellen den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die außerinstitutionelle Ebene, um von dort aus ihre Kritik an den offiziellen Apparaten der Arbeiterbewegung fortzusetzen. Ende 1959 ging Panzieri von der Parteizentrale des PSI in Rom nach Turin, »um dort die Arbeiterklasse in der Fabrik wiederzufinden« (Rieland). Die 1962 sich tagelang hinziehenden militanten Auseinandersetzungen von tausenden von FIAT-Arbeitern in Turin auf der Piazza Statuto konnte die Gruppe um Panzieri als Bestätigung für ihre zuvor getroffenen theoretischen Annahmen eines Arbeiterkampfes ohne die reformistische Vermittlung durch die Organisationen der Arbeiterbewegung nehmen: Die Straßenschlachten anläßlich der Unterzeichnung eines Tarifvertrages fanden ohne Unterstützung der Industriegewerkschaften statt, die sich zudem noch entschieden davon distanzierten. In den Kämpfen tauchte ein neuer Arbeitertyp auf, der nicht mehr die Merkmale des alten Facharbeiters aufwies. Als vor kurzem aus dem Süden eingewanderter Fließbandarbeiter ohne Qualifikation gehörten diese Demonstranten zur »Generation mit gestreiften T-Shirts«. Die Auseinandersetzungen auf der Turiner Piazza Statuto drückten erstmals auf politischer Ebene die Neuzusammensetzungsprozesse der Arbeiterklasse in den norditalienischen Großfabriken aus.

Vom Marxismus zum Operaismus
Die bereits zu Anfang der 60er Jahre sich andeutende Entwicklung führte in den theoretischen Diskussionen zu einer vollständig neuen Aufarbeitung und Kritik der innerhalb der italienischen kommunistischen Bewegung vorherrschenden Marxorthodoxie. Mit Hilfe einer Neulektüre des »Kapitals« und der »Grundrisse« von Marx wurde den traditionellen Organisationen der Arbeiterbewegung (PCI, PSI und Gewerkschaften) das Recht strittig gemacht, sich selbst als zentrales Subjekt politischer Auseinandersetzungen zu begreifen. Nicht die Vermittlungsorgane der Arbeiterbewegung wurden als bestimmend in den politischen Kämpfen angesehen, sondern die Arbeiter in den Fabriken und im Stadtteil, und zwar an den Orten des alltäglichen Klassenkampfes. Diese Theorieansätze wurden zugleich mit Untersuchungen der konkreten Zusammensetzung der Arbeiterklasse in einigen italienischen Großfabriken, so z.B. bei FIAT in Turin, verbunden. Dieser Zweig der theoretischen marxistischen Diskussion wird später der »Operaismus« genannt, der zu jener Zeit die radikalste Kritik von »links« an der herkömmlichen Aufnahme der marxistischen Theorie in den Konzepten der traditionellen Arbeiterorganisationen darstellt. Der Operaismus arbeitete in seinen Analysen die Gewaltförmigkeit der alltäglichen kapitalistischen Maschinerie in der Fabrik und im Stadtteil heraus. Dabei ging es diesem Theorieansatz nicht mehr um die von den traditionellen Arbeiterorganisationen propagierte Teilhabe an der kapitalistischen Entwicklung. Die vollständige Negation des Bestehenden wurde als unverzichtbares Primat angesehen, um schließlich zu einer sozialistischen Transformation der Gesellschaft zu gelangen. In diesem Kontext schlugen die Operaisten eine »strategische Umkehr« in der Marxrezeption vor: Wurde die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaften bislang in der Beziehung zwischen Kapital und Klasse als von den Kapitalbewegungen bestimmt betrachtet, so gehen sie davon aus, daß die Kapitalbewegungen durch die Bewegungen der Klasse bestimmt sind. Eine revolutionäre Strategie könne sich daher nur noch auf den »subjektiven Faktor« der Arbeiterklasse stützen, da die Arbeitskraft als einziges Element in der kapitalistischen Entwicklung nicht kontrollierbar sei. Daraus folgt, daß der Kapitalismus nur durch den bewußten Akt des tätigen Handelns der Arbeiterklasse überwunden werden kann.

»Die operaistische Interpretation Marxscher Schriften setzt sich von der bis dahin vorherrschenden Interpretation des Marxismus als ‚realistische‘ Auffassung der Geschichte bzw. als Philosophie ab und rückt die ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ in den Vordergrund. Ansätze, die sich auf die Entfremdungsproblematiken in den philosophisch-ökonomischen Manuskripten beziehen ­ wie z.B. die Frankfurter Schule ­, werden im allgemeinen als ‚bürgerlich existentialistisches Denken‘ (Tronti) und als ‚mystisch-magische Weltkonzeptionen‘ (Colletti), die die Relevanz des Arbeiterantagonismus nicht zu erfassen vermögen, kritisiert. Das Verdienst des ‚Frankfurtismus‘ sei es allerdings, die Wichtigkeit des subjektiven Faktors herausgearbeitet zu haben … In der Betonung der kämpferischen Subjektivität nicht des Individuums, sondern der ‚Klasse‘ liegt der Schlüssel zum Verständnis des ‚operaismo‘. Seine Revolutionsvorstellungen basieren auf der ‚Insubordination der Arbeiter‘, d.h. auf dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit: Konzeptionen, die sich auf den technologischen Fortschritt als wichtigste Voraussetzung für die (allmähliche) Entwicklung zum Sozialismus gründen, werden als ‚objektivistische Ideologien‘ (Panzieri) abgetan« (Bierbrauer).

In ihren theoretischen Arbeiten stützten sich die Operaisten nicht mehr auf den qualifizierten Facharbeiter, sondern auf den dequalifizierten und am Fließband ausgepreßten Massenarbeiter (operaio massa). Daraus formulierten sie die Forderung nach einer Arbeiterkontrolle über den kapitalistischen Arbeitsprozeß in der Fabrik als ein politisches Instrument zur Herbeiführung eines revolutionären Durchbruches. Der Theorieansatz des Operaismus verknüpfte sich in der Revolte 68/69 massenhaft mit den unmittelbaren Erfahrungen der Fließbandarbeiter in den Großfabriken. Die Klassenkampfaktionen führten auch aufgrund der besonderen sozialen Ausgangsbedingungen in Italien (Nord-Süd-Konflikt, Tradition des militanten und bewaffneten Widerstandes gegen den Faschismus, eine starke KP) zu historisch bisher nicht gekannten Formen des Kampfes in der Fabrik und im Stadtteil. Die Situation der Fließbandarbeiter war gerade in den Automobilfabriken bei FIAT (dem »Herz des italienischen Kapitalismus«) dadurch gekennzeichnet, als kleines Anhängsel einer gigantischen Maschinerie der Massenproduktion dazu gezwungen zu sein, bis zur psycho-sozialen Erschöpfung in millionenfacher Wiederholung ständig die gleichen primitiven Tätigkeiten auszuführen. Dabei verlor die Arbeit jeden Sinn als produktive Tätigkeit, und so richtete sich der ganze aufgestaute Haß der Arbeiter nicht nur allein gegen die Verfügungsgewalt der Kapitalisten über die Produktionsmittel, sondern gleich direkt gegen die Organisation der Arbeit. Zeitweise verloren die traditionellen Arbeiterorganisationen jegliche Kontrolle über die revoltierenden Fließbandarbeiter, die sich während ihrer Fabrikkämpfe autonom in überall gegründeten Basiskomitees organisierten und Delegierte mit einem imperativen Mandat in die Arbeitervollversammlungen entsendeten. Ihre Aktionen zeichneten sich durch eine große Flexibilität, Unberechenbarkeit und Militanz aus: Es fanden wilde Streiks statt, die zusammen mit einem enormen Ausmaß an gezielten Sabotageaktionen weite Teile der Produktion lahmlegen konnten. Zudem waren die Kämpfe von einem wachsenden Absentismus (Krankfeiern) in den Fabriken begleitet. Die Fabrikkämpfe weiteten sich schließlich bis zum Herbst 1969 in einem ungeahnten Ausmaß im Verlauf von Tarifauseinandersetzungen aus, auf deren Höhepunkt es zu einem landesweiten Generalstreik mit einer am 25. September 1969 mit 600.000 Metallarbeitern durchgeführten Demonstration in Turin kam.

Von der Niederlage des ‚Operaio massa‘
zum ‚Operaio sociale‘
Die autonome Arbeiterbewegung konnte in Italien jedoch in der Folge durch eine veränderte Politik der Gewerkschaften wieder in die herkömmlichen Formen der Gewerkschaftsarbeit integriert werden. Viele Basiskomitees wurden als untere Ebene in die Gewerkschaftsstrukturen übernommen. Das ist u.a. darauf zurückzuführen, daß sich mit der Ausweitung der Bewegung im »Heißen Herbst 1969« zugleich auch das Problem der Führung dieser Massenaktionen stellte, das durch die Politik der autonomen Arbeiterkerne nicht beantwortet werden konnte. Diesen offenen Raum nutzten die traditionellen Organisationen der Arbeiterbewegung für ihre Politik. Im Jahre 1970 mobilisierte die KPI unter der Parole: »Vom Kampf in den Betrieben zum Kampf für die Reformen«. Zwar gab es auch weiterhin in den norditalienischen Fabriken harte Auseinandersetzungen, die militanten Arbeiterkämpfe hatten jedoch ihren politischen Höhepunkt überschritten. Mit der von der herrschenden Klasse gesteuerten »Strategie der Spannung« wurde mit Hilfe von Geheimdienstaktionen, die der autonomen Linken in die Schuhe geschoben wurden, im Land ein reaktionäres Klima erzeugt: So wurde Ende des Jahres ’69 inmitten des Zentrums von Mailand in einer Bank eine Bombe gezündet, durch die 16 Menschen starben. Diese Strategie diente dazu, die vielfältigen politischen und sozialen Widersprüche von Teilen der italienischen Gesellschaft, wie z.B. die Arbeitslosen Süditaliens, die Kleinbauern, das Landproletariat sowie die städtischen Mittelschichten, gegen die revolutionäre Bewegung von 68/69 auszuspielen.
Trotz des »Roll backs« der Reaktion konnte die autonome Arbeiterbewegung noch Teile der Produktionsabläufe in den Großfabriken kontrollieren. Dagegen richtete sich seitens der Kapitalisten in den Folgejahren eine gezielte Strategie der Dezentralisierung der Fabrikproduktion, die die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der autonomen Arbeiterbewegung unterlief.
Im Jahre 1973 löste sich mit »Potere Operaio« die größte der linksradikalen Gruppierungen der militanten Arbeiterkämpfe aus den 60er Jahren auf, da sie mit ihren bislang praktizierten Organisations- und Aktionsformen gegen die neue Strategie des Kapitals innerhalb der Fabrik keine wirksame Antwort mehr entwickeln konnte. Bei FIAT wurde spätestens Mitte der 70er Jahre mit einer massiven Umstrukturierungswelle begonnen, gegen die sich aber innerhalb der Fabrik kein Widerstand entfaltete, da die vorbereitende Umstrukturierung außerhalb der Produktion stattfand. FIAT begann mit der beschleunigten Entwicklung von Industrierobotern, die mit einer Auslagerung sowie Diversifizierung der Produktion verbunden wurde. Durch diese Maßnahmen wurden die autonomen Arbeiter genau an der Stelle entmachtet, wo sie jahrelang stark waren ­ an ihrer Arbeitsstelle.
Der Prozeß der Dezentralisierung und Automation der Großindustrieproduktion führte einerseits zu einer drastischen Verringerung von Arbeitsplätzen im formellen Sektor, andererseits zu einer enormen Ausweitung der Produktion in Kleinstfabriken und Heimarbeitsstätten. Diese Tendenz wurde von operaistischen Theoretikern wie z.B. Negri unter den Begriff »Fabrica diffusa« gefaßt. Er versucht eine ökonomische Entwicklung im Italien der 70er Jahre zu beschreiben, die einhergeht mit einer starken Ausweitung eines »marginalen Proletariats«. Dieses fiel in seiner ökonomischen und politischen Bedeutung besonders in Italien ins Gewicht: Ende der 70er Jahre wurde das marginale Proletariat auf ca. neun Millionen Menschen geschätzt. Darunter sind hauptsächlich Jugendliche, Alte und Kranke zu verstehen, die durch die Dezentralisierung der Großindustrieproduktion aus stabilen Beschäftigungsverhältnissen gedrängt wurden und entweder ständig ungesichert beschäftigt oder arbeitslos und damit auf staatliche Unterstützung angewiesen waren. Hinzu kommen noch zehntausende von Studenten und Akademikern, die nach dem Bildungsboom in den 60er Jahren auf einen Arbeitsmarkt stießen, der in den entsprechenden Sektoren ­ z.B. in der staatlichen Bürokratie ­ schon lange an seine Grenzen gestoßen und für die Universitätsabsolventen geschlossen war.
Jener Flügel der operaistischen Theorie, der weiterhin auf eine revolutionäre Organisierung jenseits aller bestehenden Organisationen drängte, verschob seinen Ansatz vom »Operaio massa« ­ des Massenarbeiters als bestimmende soziale Figur der Klassenkämpfe in den 60er Jahren ­ hin zur sozialen Figur des »Operaio sociale«, dem gesellschaftlichen Arbeiter. In diesem theoretischen Ansatz wird der Kampf von der Fabrik (aus der Produktion) in die Gesellschaft ausgeweitet. Damit reagiert der Ansatz des »Operaio sociale« sowohl auf die Zerstreuung der Produktion in den Regionen als auch auf die Revolte der Frauen und die Bewegung der Jugendlichen.

Entstehung und Zerfall der 77er Autonomia-Bewegung
Im Jahre 1977 entwickelte sich eine zweite massenhafte Bewegung der Autonomia. Sie bezog sich jedoch in ihren Subjekten nicht mehr auf die Fabrikarbeiter, sondern auf das marginale Proletariat von Studenten, jugendlichen Arbeitslosen, prekär Beschäftigten und alten politischen Kernen der Autonomia aus den 60er Jahren. Im Unterschied zur »alten« autonomen Klassenbewegung, die auf einen Bruch zwischen der Basis der traditionellen Arbeiterorganisationen zu deren Führung abzielte, war diese Bewegung zugleich strikt antiinstitutionell und antikommunistisch gegen die Politik der PCI gerichtet. Die neue Bewegung drückte sich im Jahre 1977 in einer ungeheuren Intensität von kreativen und militanten Formen des Protests und Widerstands gegen den Staat aus. Zentren der Revolte waren die Universitäten und die norditalienischen Großstädte. Die Bewegung bestand im wesentlichen aus zwei Strömungen: Ein Zweig war die »Autonomia creativa«, sozusagen die Spontis, die gegen die herkömmlichen Formen der Machtkämpfe mit dem Staat waren und konventionelle Organisationsstrukturen sowie kontinuierliche politische Arbeit ablehnten und den Straßenkampf mehr als Happening denn als politische Aktion begriffen. Daneben existierten auch weiterhin die Gruppen der »Autonomia operaia«, die versuchten, die verschiedenen Teile der Bewegung zu organisieren, um die spontane Revolte zu einem kontinuierlichen Angriff auf das kapitalistische System umzuwandeln.
Innerhalb der »Autonomia creativa« fanden sich vor allem zwei wesentliche Ausdrucksformen: die »Circoli del proletario giovanile« und die »Indiani Metropolitani«. Erstere entwickelten sich seit 1975 als spontane und lockere Organisation von Jugendlichen in den am meisten von der ökonomischen Marginalisierung betroffenen Vororten der Großstädte. Sie propagierten die Politik der unmittelbaren Wiederaneignung des eigenen Lebens (Politica di riappropriazone), die im scharfen Widerspruch zu der von der PCI damals unterstützten Austeritätspolitik, des Programms der moralischen Strenge und des ökonomischen Verzichts, stand. Dagegen setzten die »Circoli« ihre eigene Praxis, die u.a. darin bestand, massenhaft in Supermärkten »proletarisch« einzukaufen, d.h. zu plündern, Jugendzentren als kollektiven Treffpunkt zu besetzen, die Zerstörung der eigenen sozialen Strukturen durch Heroinkonsum zu bekämpfen, indem man Heroindealer überfiel und verprügelte, sich den kostenlosen Eintritt zu Musikkonzerten zu verschaffen, sowie umsonst die öffentlichen Verkehrsmittel und Kinos zu benutzen. Über das Selbstverständnis der »Circoli« nachfolgend ein Zitat aus dem »Communiqué 1« zur Stürmung des Umbria Jazz Festivals im Sommer 1975:

»Die Waffe der Musik kann die Musik der Waffen nicht ersetzen. Umbria Jazz. Die Musik als Spektakel ist der Versuch, jedes Moment der Kollektivierung auf Frei/Zeit zu reduzieren. Zwischen den Organisatoren des Konzerts und den Massen der proletarischen Jugendlichen gibt es einen objektiven Widerspruch; das ist nicht einfach eine Frage der Leitung, es geht nicht nur darum, wer an der Musik verdient. Das Problem ist nicht, selbstverwaltete Konzerte zu machen. Das Problem ist, daß uns das Konzert die Musik als Spektakel vorsetzt, wie uns die ritualisierten Demos und Kundgebungen die Politik als Spektakel vorsetzen. Wir müssen uns in jedem Fall auf Zuschauer, auf Publikum reduzieren.
In diesen Momenten der Konzentration dagegen können Spannungen explodieren, die die Bedürfnisse und Potenzen des jugendlichen Proletariats repräsentieren« (A/traverso, Juni ’75).

Aus den Reihen dieser Autonomiaströmung wird im Dezember 1976 auch der Sturm von mehreren tausend proletarischen Jugendlichen auf die Mailänder Scala organisiert, der mit einer Plünderung von Luxusgeschäften in der Innenstadt endet.
Die »Indiani Metropolitani« wirkten hauptsächlich im Umkreis der Universitätsstädte und drückten in ihren Gesten ihre Verbundenheit mit »Naturvölkern« als radikale Negation der großstädtischen und kapitalistischen Lebensweise aus. In der Autonomiarevolte ’77 waren sie vor allem die Träger der alternativen Werte (Ökologie, alternative Ernährung, sexuelle Befreiung), die jegliche instrumentelle Vernunft ablehnten und u.a. das befreiende Potential des Haschischkonsums propagierten. Aus dem »Manifest der ‚Indiani Metropolitani‘« von Rom:

»10, 100, 1.000 Hände haben sich überall geballt, um das Kriegsbeil zu erheben! Die Zeit der Sonne und der tausend Farben ist angebrochen … Es ist die Zeit, daß das Volk der Menschen in die grünen Täler hinabsteigt, um sich die Welt zurückzuholen, die ihm gehört. Die Truppen der Bleichgesichter mit ihren blauen Jacken haben all das zerstört, was einst Leben war, sie haben mit Stahl und Beton den Atem der Natur erstickt. Sie haben eine Wüste des Todes geschaffen und haben sie ‚Fortschritt‘ genannt.
Aber das Volk der Menschen hat zurückgefunden zu sich selbst, zu seiner Kraft, seiner Freude und zu seinem Willen zu siegen, und lauter denn je schreit es mit Freude und Verzweiflung, mit Liebe und Haß: Krieg!!!« (»Lotta Continua«, 1.3.1977).

Die »Autonomia creativa« fand zu jener Zeit ihren reichhaltigen Ausdruck in hunderten von alternativen Presseorganen und über 50 linksradikalen Radiostationen, von denen »Radio Alice« in Bologna das bekannteste wurde. Es gab eine Vielfalt von Wandmalereien, Straßentheatern und Massenfestivals. Zentraler politischer Inhalt dieser Strömung ist die Politik der Freiräume, in denen die alltäglichen Bedürfnisse politisiert und in kollektiven und selbstbestimmten Formen ausgelebt werden. Insbesondere die Figur des »Stadtindianers« wird 1977 in der bundesdeutschen Spontiszene begeistert aufgenommen.
Demgegenüber versucht der andere Hauptstrang der 77er-Bewegung, die »Autonomia operaia organizzata«, weniger die Flucht aus dem System als vielmehr dessen bedingungslose Zerstörung zu praktizieren. Sie setzte sich aus einer Vielzahl von locker koordinierten Komitees, Zirkeln und Kollektiven zusammen, in denen auch die Reste der verschiedenen 69er-Basiskomitees aus den italienischen Fabriken mitarbeiteten, so z.B. auch viele Mitglieder von »Potere operaio«, die sich im Jahre 1973 in die Bewegung außerhalb der Fabriken aufgelöst hatten.
Im Frühjahr 1977 explodierte die neue Bewegung in einem ungeahnten Ausmaß: Ausgelöst durch die Abschaffung einiger Feiertage sowie durch ein geplantes Gesetz zur Universitätsreform, begannen Studenten in Palermo, Catania und Neapel mit Universitätsbesetzungen. Die Bewegung breitete sich schnell über ganz Italien aus. Nach einem bewaffneten faschistischen Überfall auf eine Vollversammlung der Universität in Rom am 1. Februar kam es am Tag danach zu einer Demonstration von tausenden von Studenten, die von den Bullen mit Pistolen und Maschinengewehren angegriffen wurde. Erstmals machten dabei auch Demonstranten von der Schußwaffe Gebrauch. Bei den folgenden militanten Autonomendemonstrationen kam es in Italien immer häufiger zur Anwendung von Schußwaffen seitens der Demonstranten; die »P 38« wurde zu einem Erkennungsmerkmal der Bewegung. Nach der Demonstration in Rom wurde die Universität von den Studenten besetzt. Dort kam es auch am 17. Februar zu einem Ereignis, das symbolisch den Bruch zwischen der organisierten Arbeiterklasse und der 77er-Bewegung der italienischen Autonomia demonstrierte: Bei dem Versuch des Vorsitzenden der kommunistischen Gewerkschaft, Lama, in der Universität eine Rede zu den Problemen der Studenten zu halten, wird dieser von vier- bis fünftausend StudentInnen und Jugendlichen empfangen, die sein Ebenbild als große Puppe schwenken und ihn mit Spottversen überhäufen. Zwischen dem herbeigekarrten gewerkschaftlich-kommunistischen Ordnungsdienst und den StudentInnen kam es dabei während der Rede Lamas zu Schlägereien, als dieser an die Adresse der Studenten die klassischen Angriffe der »Wohlfahrtsideologie« und des »Parasitismus auf Kosten der produktiven Arbeit« richtete, die angesichts der realen sozialen Situation der Studenten von diesen als glatter Hohn empfunden wurden. Den autonomen Studenten gelang es im Laufe einer Massenprügelei, den »superbonzo« Lama vom Universitätsgelände zu vertreiben, was von ihnen als »la Piazza Statuto dell‘operaio sociale« gefeiert wurde.
In der Folgezeit überstürzten sich die Ereignisse. Nachdem es in Bologna, in der Musterstadt einer kommunistischen Kommunalverwaltung, schon den ganzen Winter zu Hausbesetzungen, Plünderungen von Restaurants, Besetzungen von Kinos usw. gekommen war, eskalierte die Situation am 11. März. Während eines Bulleneinsatzes auf dem Unicampus wurde ein Autonomer erschossen. Daraufhin kam es zu tagelangen schweren Straßenschlachten, in deren Verlauf eine Waffenhandlung geplündert wurde. Es gelang den StudentInnen in der verwinkelten Altstadt Bolognas mit Barrikaden drei Tage lang ein bullenfreies Gebiet zu halten, bevor das Gelände mit Militäreinheiten geräumt werden konnte.
Am 12. März kam es in Rom zu einer Demonstration von über 50.000 Menschen gegen die Verurteilung eines Anarchisten. Diese Demonstration eskalierte in eine der größten Straßenschlachten, die die italienische Hauptstadt jemals erlebt hatte. Dabei praktizierten Gruppen aus dem Strang der »Autonomia operaia organizzata« das von ihnen zuvor propagierte »neue Niveau der Auseinandersetzung«, die bewaffnete Aktion. Während der Demonstration wurden zwei Waffengeschäfte geplündert, unzählige Geschäfte, Cafés und Hotels verwüstet, hunderte von Autos und viele Busse umgestürzt und verbrannt. Büros und Zeitungen der regierenden Christdemokratischen Partei (DC) wurden mit Benzinbomben angegriffen. Der Ablauf dieser Demonstration markierte jedoch einen Wendepunkt in der weiteren Entwicklung der italienischen Autonomia. Viele DemonstrationsteilnehmerInnen fühlten sich durch die Dimension der Militanz überrumpelt und funktionalisiert, dies umso mehr, als der Großteil von ihnen dem militärischen Auftreten der Polizei und deren Racheaktionen nach Ende der Demonstration relativ unvorbereitet und hilflos gegenüberstand.
Die Entwicklung spitzte sich schließlich am 14. Mai bei einer Demonstration in Mailand zu. Gruppen von mit Knarren bewaffneten Jugendlichen griffen die Bullen an und töteten einen. Die Ereignisse führen zu einer verschärften Isolation der organisierten »Autonomia operaia« innerhalb der italienischen Linken. Mit einer zunehmenden Entsolidarisierung und einer massiven staatlichen Repression ging zugleich ein Zerfall des kreativen Strangs der Autonomia einher, der sich, durch staatliche Zugeständnisse begünstigt, in die Drogensubkultur der Großstädte, auf das Land oder in die Radikale Partei (in etwa vergleichbar mit den Grünen) zurückzog. Unter maßgeblicher Mithilfe der PCI, die in ihren Zeitungen die Namen von »Rädelsführern« der Autonomia abdruckte, wurden bis zum Sommer 1977 über 300 Autonome vom italienischen Staat in den Knast gesteckt, »Radio Alice« in Bologna wurde verboten und dessen Sendeeinrichtungen beschlagnahmt. Die staatliche Repression richtete sich gezielt gegen die Strukturen der Bewegung, wie z.B. Buchläden, Verlage, Zeitungsredaktionen usw. Vorwand aller Maßnahmen war die Konstruktion einer »subversiven Vereinigung«, die ein Komplott gegen den italienischen Staat vorbereitet haben sollte.
Weite Teile der Aktivisten aus dem Umfeld der »Autonomia operaia« versuchten, den Zerfall der Bewegung durch eine Steigerung der klandestinen Massengewalt (»Guerilla diffusa«) aufzuhalten und sahen nur noch in der militärischen Konfrontation mit dem Staatsapparat die Möglichkeit zur Entfaltung eines revolutionären Prozesses. »Ganze Vollversammlungen gehen in den Untergrund.« Diese Linie konnte jedoch die schwindende soziale Verankerung der politischen Bewegungen nicht mehr ersetzen. Am 7. April 1979 kam es schließlich zu hunderten von Verhaftungen (darunter auch Negri) gegen die »Autonomia operaia«. Von den 4.000 politischen Gefangenen des Jahres 1981 in Italien gehörten weit über 1.000 dieser Gruppierung an. Die Ereignisse vom 7. April 1979 wurden so zu einer strategischen Niederlage der italienischen »Autonomia operaia«, von der sie sich in den 80er Jahren nicht wieder erholt hat.
Dessen ungeachtet spielte und spielt die Rezeption des operaistischen Theorieansatzes für die bundesdeutsche autonome Linke in ihrem eigenen Selbstverständnis eine große Rolle. Bis zum Ende der 70er Jahre wurden so gut wie alle wichtigen Schriften aus dieser marxistischen Strömung ins Deutsche übersetzt. Die Schwierigkeiten der Vermittlung dieses Ansatzes in eine politische Praxis von linksradikalen Gruppierungen in der BRD werden in den nachfolgenden Kapiteln immer wieder von neuem gestreift.

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1 Antwort auf „La sola soluzione ­ la rivoluzione“


  1. 1 Heute gesehen (26.07.) « Theorie als Praxis Pingback am 26. Juli 2009 um 9:59 Uhr
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