Lob der Arbeit

aus: ak 430 vom 23.9.1999

ak – analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte und Praxis

Primo Levi:
Lob der Arbeit

Utopien führen zu Massenverbrechen, lehrt das „Schwarzbuch des Kommunismus“; die zynische Aufschrift „Arbeit macht frei“ in Auschwitz ist nur das „Echo“ der „Internationale“, präzisieren die Autoren des Manifestes gegen die Arbeit. Primo Levi, der Holocaust-Überlebende, ist vielleicht der berufenste Zeuge gegen solche Gleichsetzungen. Er differenziert die grundlegend verschiedenen Arten der Arbeit, die er aus eigener Erfahrung kennt: als de facto zum Tode verurteilter Zwangsarbeiter in Auschwitz-Monowitz, als angestellter Chemiker und als freier Schriftsteller. Sein hier dokumentiertes Lob der Arbeit sollte nicht als letzte Wahrheit verstanden werden, sondern als bedenkenswerter Kontrapunkt in der aktuellen Debatte zur Kritik der Arbeit.

Abgesehen von vereinzelten begnadeten Momenten, die das Schicksal für uns bereithalten mag, ist die Liebe zur eigenen Arbeit (leider ein Privileg weniger Menschen) die weitestgehende konkrete Annäherung an irdisches Glück: eine Wahrheit, die nicht vielen einsichtig ist. Dieses grenzenlose Gebiet der Schufterei, des boulot, des job, mit einem Wort, der täglichen Arbeit, ist weniger erforscht als die Antarktis, und infolge einer traurigen und zugleich mysteriösen Erscheinung reden ausgerechnet diejenigen am meisten und am lautesten davon, die es am wenigsten durchmessen haben. Bei offiziellen Feiern wird zur Verherrlichung der Arbeit eine hinterhältige Rhetorik bemüht, die auf der zynischen Überlegung beruht, daß eine Lobrede oder eine Medaille weniger kosten als eine Gehaltserhöhung, aber mehr einbringen. Daneben gibt es aber auch eine Rhetorik mit umgekehrten Vorzeichen, nicht zynisch, sondern von Grund auf dumm, die darauf abzielt, die Arbeit zu verleumden und schlechtzumachen, als könnte man ohne Arbeit, die eigene und die anderer, auskommen, und zwar nicht nur in Utopia, sondern hier und jetzt; als ob derjenige, der zu arbeiten versteht, von Haus aus ein Knecht wäre und andererseits jener, der nicht oder nur schlecht zu arbeiten versteht, oder nicht arbeiten will, eben dadurch ein freier Mensch wäre. Traurigerweise ist wahr, daß viele Arbeiten keine Liebe erwecken, schädlich aber ist es, mit einem Abscheu von vornherein an die Arbeit heranzugehen: wer das tut, der verurteilt sich selbst zu lebenslänglichem Haß nicht nur auf die Arbeit, sondern auch auf sich selbst und seine Umwelt. Man kann und muß dafür kämpfen, daß das Produkt der Arbeit in den Händen derer bleibt, die es geschaffen haben, und daß die Arbeit selbst keine Strafe ist. Liebe zum eigenen Tun beziehungsweise Abscheu davor sind jedoch ursprüngliche, im Inneren des einzelnen angelegte Haltungen, die viel mit seiner Geschichte und weniger, als man gemeinhin glaubt, mit den Produktionsstrukturen zu tun haben, unter denen die Arbeit vor sich geht.

aus: Primo Levi: Der Ringschlüssel; Berlin (Wagenbach) 1997. Die italienische Originalausgabe erschien 1978 unter dem Titel „La chiave a stella“ bei Einaudi (Turin)

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