Militante Untersuchung

Hinter der glatten Oberfläche

„Militante Untersuchung“, Organisierung und Gewerkschaftsarbeit

„AKmU – Arbeitskreis militante Untersuchung“ hieß Anfang der 1980er Jahre eine Initiative der Karlsruher Stadtzeitung . Was damals in der bundesdeutschen Linken nur wenig Anklang fand, erlebt heute eine ungeahnte Konjunktur. „Alltagsforschung“ als Versuch, die (eigene?) prekäre Lebenssituation in den Blick zu nehmen, ist (wieder) ein interessanter Ausgangspunkt geworden.

Ein Rückblick auf die historische „militante Untersuchung“ zeigt, was in aktuellen eingreifenden Befragungen – wie die der „Untersuchungsgruppe Rhein-Main“ in Frankfurt oder im „Kleinen Postfordistischen Drama“ Berliner Künstlerinnen – bisher nur skizziert wird: Sie war Anfechtung der herrschenden Teilung zwischen Analyse und Praxis und zugleich Projekt einer kollektiven Organisierung. Möglichkeiten wie Grenzen dieser Strategie können anhand der FIAT-Untersuchung der Quaderni Rossi (1960-62) einerseits und der bundesdeutschen „Ford-Aktion“ (1960-64) andererseits diskutiert werden.

Der Mythos Fabrik wird geknackt

Es ist heute einfach, sich ein Bild von der Vergänglichkeit der „Fabrikgesellschaft“ zu machen, sie zeigt sich in entmieteten Fußgängerzonen und hoffnungslos veralteten Industriegebieten genauso wie in zerfallenden Innenstädten. 1960 jedoch gehörte der Fabrik nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft. Was immer von einer anderen Gesellschaft zu erwarten war, konnte kaum gedacht werden, ohne dass Massenproduktion und Massenkonsum eine zentrale Stellung behielten. In Italien waren die FIAT-Werke in Turin Sinnbild für die Wunder, die von der „Moderne“ erwartet wurden. Sie waren im „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit in Norditalien schnell expandiert und hatten die materiellen Bedürfnisse „ihrer“ Beschäftigten er- und übererfüllt.

Zugleich waren im Inneren der FIAT die letzten Reste autonomer ArbeiterInnenorganisierung beseitigt worden. Die umfassende Automatisierung der Produktion und die Verdrängung der Facharbeiter durch „neue“ Bandarbeiter, denen vergleichsweise hohe Löhne gezahlt wurden, hatten der kommunistischen Metallarbeitergewerkschaft FIOM das Rückgrat gebrochen. Um 1960 war FIAT ein „streikfreier“ Betrieb geworden, und in der öffentlichen Wahrnehmung wurde dies mit der generellen Abwesenheit sozialer Konflikte gleichgesetzt. LinkssozialistInnen wie KommunistInnen sahen im Wesentlichen zwei Ursachen ihrer Niederlage: die „Repression“ durch die Firma, d.h. die Beseitigung gewerkschaftlich aktiver Kader und den „Konsumismus“ der ArbeiterInnen, die sich nunmehr früher unerschwingliche dauerhafte Güter leisten konnten.

Diese Erklärungsmuster waren Ausdruck einer tiefen Krise der italienischen Linksparteien, die die leninsche Erwartung geteilt hatten, dass die Fabrikdisziplin der „Arbeiterklasse“ den notwendigen Schneid beibringe, der im Krieg gegen die Bourgeoisie benötigt würde. Und ebenso geteilt hatten sie Lenins Bewunderung für die Experimente Frederick Taylors, seine Bewegungsstudien und seine Idee der „Objektivierung“ der Kontrolle im Arbeitsprozess. Die innere Rationalität solcher „Instrumente“ wurde nicht bezweifelt, als Ziel des Kampfes wurde lediglich ihre „sozialistische Anwendung“ ausgegeben. In diesem Begriff der modernen (Sozial-)Techniken hatten „RevolutionärInnen“ und „ReformistInnen“ einen gemeinsamen Nenner: Für fordistische Arrangements konnten sich skandinavische SozialdemokratInnen ebenso begeistern wie italienische StalinistInnen. Die europäischen Linksparteien, die in den Regierungen der unmittelbaren Nachkriegszeit vertreten waren, hatten auch deshalb nach den Kämpfen gegen Faschismus und deutsche Besatzung der Wiederherstellung der Fabrikdisziplin Priorität eingeräumt. Hinter die „glatte Oberfläche“ des „FIAT-Mythos“ zu sehen, nach den verborgenen inneren Gegensätzen der Fließarbeit zu fragen, brach somit indirekt auch mit dieser Politik: in theoretischer Hinsicht mit der technikzentrierten Eliminierung dialektischen Denkens, unter praktischen Gesichtspunkten mit den Machtfantasien der Parteileitungen.

Der unmittelbare Anlass der FIAT-Untersuchung wirkt im Nachhinein recht profan. Die Turiner CGIL (1) hatte festgestellt, dass sie kaum neue Mitglieder gewann. Ein Teil der jungen SoziologInnen um die Quaderni Rossi wurde deshalb beauftragt, die Ursachen am Beispiel FIAT zu studieren. Sich an Methoden der US-amerikanischen Industriesoziologie orientierend, erarbeitete die Gruppe ein Umfrageschema zur Arbeitssituation. Die Umfrage war als Mit-Untersuchung („conricerca“) angelegt. Sie sollte die Befragten möglichst selbsttätig einbinden, weil zugleich beabsichtigt war, Potenziale für eine von den Interessen der Firmenleitung unabhängige Organisierung zu erkunden. Zwar blieb das, was als „unabhängig“ zu verstehen war, zunächst sehr vage, aber sowohl in ihrer Form wie in ihrem Zweck tendierte die Untersuchung zu einer Aufhebung der Trennung von Forschenden und „Beforschten“.

Die Ergebnisse der Umfrage waren überraschend. ArbeiterInnen wie Angestellte erlebten die inneren Strukturen des Werkes als „absurd“. Vorherrschend war der Eindruck, die Arbeit werde von einer unsichtbaren und zugleich extrem ineffektiven Bürokratie gelenkt, mit Vorgesetzten und Meistern, die nach willkürlichen Prinzipien Lohnzuschläge und Aufstiegsmöglichkeiten verteilten und dafür Sorge zu tragen hatten, „informelle“ Widerstände gegen die Fließarbeit zu brechen oder produktiv einzubinden. Diese Aussagen waren ein erster sichtbarer Riss in der Fassade der fordistischen Fabrik. Die Untersuchung bei FIAT (und später die bei Olivetti) legte die krassen Unterschiede offen, die zwischen dem Blick von „außen“ auf die Symbole der Moderne und den Erfahrungen in ihrem „Inneren“ bestanden. Dabei konstatierten die AkademikerInnen damals zu Recht, dass es keinen Automatismus im Übergang von der „passiven Revolution“ der Produktionsverhältnisse zur Revolte gegen das Fließband gab.

Im FIAT-Streik von 1962 und den Auseinandersetzungen an der Piazza Statuto wurde die Unzufriedenheit manifest, die sich in den Antworten auf die Umfrage angekündigt hatten. Seitdem spukt die „militante Untersuchung“ durch die linke Weltgeschichte. In theoretischer Hinsicht ist entscheidend, dass sich in den Unersuchungsprojekten eine Dynamik entwickeln konnte, die es ermöglichte, die Produktion von Macht anders zu begreifen, nämlich als asymmetrische Kommunikation. Diese Asymmetrie zog sich sowohl durch die Arbeitsteilung in der Fabrik selbst als auch durch die Kommunikation innerhalb der Untersuchungs- und Organisierungsprojekte. Hinter die „glatte Fassade“ der Fabrik zu blicken, hieß somit potenziell auch, das Selbstbild zu hinterfragen, das Wissenschaft und politische Organisationen entwickelt hatten – ein Prozess der Selbstreflexion, der allerdings niemals „sicher“ ist.

Wühlarbeit unterm Feldherrnhügel

Fast parallel zu den Arbeiten der Quaderni Rossi übersetzten bundesdeutsche unabhängige Marxisten die Forderung nach einer „Mit-Untersuchung“ auf ihre Weise, ihr Ausgangspunkt war dabei dem ihrer italienischen KollegInnen durchaus vergleichbar. Ford in Köln betrieb in den 1950er Jahren eine ähnliche Firmenpolitik wie FIAT in Turin: Fließarbeit, organisierte Neuzusammensetzung (und vor allem Zunahme) der Belegschaft, hohe Löhne. Der Betrieb war nicht tarifgebunden, der gewerkschaftliche Organisationsgrad lag bei fünf (ArbeiterInnen) bzw. drei Prozent (Angestellte). Die Situation bei Ford war zwar extrem, wies aber zugleich verallgemeinerbare Symptome auf: Die „neuen“ Arbeitskräfte (Junge, Ungelernte, Frauen) organisierten sich in den 1960ern nicht mehr „automatisch“ in den Gewerkschaften, die Zahlung „übertariflicher“ Löhne ließ deren Position in den Betrieben zunehmend bröckeln.

In dieser Situation erklärte die IG Metall Ford Köln zu einem „Schwerpunktbetrieb“. Aus der Zusammenarbeit mit einigen Soziologen aus dem von der SPD verstoßenen SDS erarbeitete man ein Organizing-Konzept, dessen erster Schritt eine Umfrage unter ausgewählten Beschäftigten war. Die Befragten kritisierten vor allem die die psychische und physische Belastung durch die Bandarbeit, und die Forderung nach einer „Bandpause“ wurde im Anschluss wichtigster Punkt einer Kampagne, durch die in wenigen Jahren einige tausend Mitglieder gewonnen wurden. 1963 trat Ford überraschend dem Arbeitgeberverband bei. Die Tarifverträge wurden anerkannt, die Arbeitsbedingungen „normalisiert“, und der Organisationsgrad näherte sich langsam den Durchschnittswerten der Metallindustrie an. Damit stellte sich die Frage, was aus den spezifischen „Ford-Forderungen“ werden würde. Die IG Metall orientierte sich damals noch eindeutig an einer „Kompensation“ der Arbeitsbelastungen durch höhere Löhne, was die Forderung nach der „Bandpause“ zweitrangig erscheinen ließ. Als schließlich 1964 im Betrieb ein Streik für die „qualitativen“ Forderungen vorbereitet wurde, zogen örtliche wie zentrale IG Metall die Notbremse: Die „Ford-Aktion“ wurde de facto abgeblasen. Erst in den migrantisch geprägten Kämpfen von 1973 wurde ihr Faden wieder aufgenommen.

Es wäre zu einfach, die Grenzen gewerkschaftlichen Eingreifens, die sich sowohl in Turin als auch in Köln zeigten, lediglich als Konflikte zwischen AktivistInnen und Apparat zu schildern. Mit-Untersuchung und (Selbst-)Organisation waren sowohl Formen der Beteiligung wie auch der Einbindung. Insbesondere die „Ford-Aktion“ zielte vor allem auf eine Erneuerung gewerkschaftlicher Repräsentanz. Elemente der Selbstorganisation waren in ihr äußerst schwach. Die Organisationsidee orientierte sich an der Bilderwelt Antonio Gramscis, so weit sie unmittelbar aus der Erfahrung der Massenschlachten des Ersten Weltkrieges entstanden war. Man zielte auf die Eroberung der „vorgelagerten Gräben“, die den „Sturm“ auf die zentralen Machtpositionen vorbereiten würde. In solchen Bildern war kein Platz für die Prozesse, die sich der Kontrolle der „Feldherren“ entziehen würden. Bereits 1964 wurde die Strategie der „aktivierenden“ Umfrage konsequenterweise durch die Einweg-Kommunikation einer Infas-Befragung (über die „Streikbereitschaft“) ersetzt.

Aber auch die TurinerInnen waren keineswegs frei von post-militaristischen Vorstellungen. Trotz allen innovativen Einsichten über Sozialtechniken galten die entstehenden „autonomen“ Organisationsformen als prinzipiell antagonistisch und daher als „nützlich“. Ihre inneren Widersprüche und blinden Flecke blieben weitgehend ausgeklammert. Der Operaismus ist das Gespenst des Leninismus nie wirklich losgeworden. Auch deshalb konnte die sozialtechnische Umstrukturierung der Produktion später nur eindimensional als repressiver Schlag gegen das kurze Aufblühen der „Arbeiterautonomie“ am Ausgang der 1960er Jahre verstanden werden. (2)

Das Gespenst des Leninismus

Schließlich stellte sich die aus der fordistischen Mythologie übernommene Vorstellung von der Fabrik als zentralem Ort der Verwertung schon während der FIAT-Untersuchung als unpraktisch heraus. Dimensionen des Alltags außerhalb dieser bizarren, abgeschlossenen Welt wurden nur unsystematisch begriffen. Der Massenarbeiter trug fortan immer den Stempel der Fabrik, und letztendlich ergriff er die Flucht. Die neue Frauenbewegung machte den Vorstellungen von einem überhistorischen Subjekt der Befreiungskämpfe endgültig den Garaus. So bleibt von der „militanten Untersuchung“ vor allem die Erweiterung der Perspektive, der Zweifel am vorgeblich universellen Siegeszug der kapitalistischen Gesellschaft, der Blick hinter die Kulissen der schönen, neuen Welt: An diesem Punkt ist sie unserer Zeit und unseren Problemen sehr nahe.

Peter Birke

Erschienen in: ak – Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 497 / 19.8.2005

Anmerkungen:

1) Größte italienische Richtungsgewerkschaft; stark an der KPI orientiert.

2) Das gilt insbesondere für die Rezeption des Operaismus in Deutschland, etwa bei Karl Heinz Roth/Elisabeth Behrens: Die andere Arbeiterbewegung, München 1974.

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