INNSE: Die vier Arbeiter auf dem Kran

INNSE: Die vier Arbeiter auf dem Kran

www.labournet.de

Die vier Arbeiter auf dem KranIn Italien ist es in den Zeitungen auf der ersten Seite, die Tagesschau berichtet laufend darüber, ganz Italien hat es gesehen, das Bild von den vier INNSE-Arbeitern auf dem Industriekran ihrer Fabrik, im blauen Überkleid, mit gelbem Helm und finsterer Miene. „Das Symbol der Krise“ hat jemand geschrieben. Aber welcher Krise? Jener Wirtschaftskrise, von der alle glauben, dass sie in ein oder zwei Jahren vorbei sein werde? Oder eher die Krise eines Wirtschaftssystems, das gründlich gescheitert ist. Ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das auf der Ausbeutung der Lohnarbeit beruht. Ein System, das die Produktion nur solange zulässt, als sie das Kapital vermehrt.

Die INNSE hat die Ursache der gegenwärtigen Krise mit alle den Widersinnigkeiten eines zerstörerischen Wirtschaftssystems offen gelegt: Eine Fabrik mit einer hoch qualifizierten und spezialisierten Belegschaft muss einzig deshalb geschlossen werden, weil mit dem Verkauf der Maschinen das Kapital des Besitzers stärker vermehrt wird als mit der Produktion. Das Gesetz des bürgerlichen Staates, welches das Privateigentum garantiert, erlaubt dem Besitzer die Verschrottung der Maschinen und führt so zum unhaltbaren Zustand, dass der Staat mit seiner Ordnungsmacht die Vernichtung der wirtschaftlichen Grundlage seiner Einwohner schützt. Der Unternehmerstaat gewährleistet nicht nur – wie früher – die Ausbeutung der Lohnarbeit, sondern überdies die Zerstörung der Produktionsmittel der Lohnabhängigen. Das verdeutlicht, weshalb das auf der Ausbeutung der Lohnarbeit aufgebaute Wirtschaftssystem Schiffbruch erlitten hat. Als früher die Arbeiter streikten, schützte die Armee die Streikbrecher, um die Weiterführung der Produktion durchzusetzen. Heute hingegen erzwingt bei INNSE ein Heer von Polizeikräften das Ende der Produktion, die von den ArbeiterInnen gegen den Willen des Fabrikbesitzers und ohne ihn weitergeführt worden ist.

Doch nicht genug damit. Die INNSE hat – für alle, die es vergessen haben sollten – auch klargemacht, dass der Staat nicht seine Einwohner schützt, sondern vor allem das Privateigentum, das heisst das Kapital. Soweit nichts Neues, die Neuigkeit besteht darin, dass die Unternehmerklasse, wenn sie jegliches Interesse an der industriellen Produktion verloren hat, die staatlichen Institutionen dazu benützt, um den in Vergangenheit produzierten Reichtum unter sich zu verteilen. Wenn dem nicht so wäre, wie erklärt sich dann die Tatsache, dass ein industrielles Erbgut wie die INNSE zum symbolischen Preis von 700′000 Euro einem Schrotthändler und Spekulanten wie Genta verscherbelt worden ist? Einem Spekulanten, der nun sein Recht als Eigentümer geltend macht, um seinen Spekulationsgewinn zu realisieren, indem er die Maschinen Stück um Stück verkauft. Zuerst hat der Staat den Ausverkauf der INNSE organisiert, jetzt schützt er mit seinen Ordnungskräften das Privateigentum sowie die Verschrottung der Maschinen und verhindert damit die Weiterführung der Produktion. Statt fünfzig Familien zu ermöglichen, mit dieser Produktion ihr Brot zu verdienen, zwingt der Unternehmerstaat sie, von den Almosen zu leben, die „soziale Abfederung“ genannt werden.

Wenn eine herrschende Klasse einem wachsenden Anteil der Gesellschaft nicht mehr erlaubt, sich selbst zu ernähren, dann wird es Zeit sie zu stürzen. Die vier Arbeiter auf dem Industriekran der INNSE sind nicht in erster Linie das „Symbol der Krise“ als vielmehr deren Überwindung. Dennn diese Arbeiter haben gezeigt, dass man kämpfen kann, dass die Krise kein Schicksal ist, das wie eine Naturkatastrophe erduldet werden muss, sondern das Resultat eines Wirtschaftssystems, das überwunden werden muss. Die INNSE ist das Vorbild, wie der Krise begegnet werden muss: Statt weitere Lohnsenkungen, zusätzliche Erhöhungen des Arbeitsrhythmus und der Arbeitszeit, Entlassungen und Fabrikschliessungen passiv zu erdulden, müssen die Arbeiterinnen und Arbeiter ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die ArbeiterInnen der INNSE haben den Beweis erbracht, dass es möglich ist, sich aufzulehnen, auch wenn es nur wenige sind. Fünfzig ArbeiterInnen, die der Übermacht des Unternehmerstaates trotzen und diese in Ohnmacht verwandelt haben, als es vier von ihnen gelungen ist, den Belagerungsring von fünfhundert Bullen auszutricksen und den Industriekran ihrer Fabrik zu erobern.

Beim Betrachten des Bildes von den vier Arbeitern der INNSE werden sich zahlreiche andere ArbeiterInnen fragen: Warum lehnen die sich auf und wir nicht? Warum sich wie Lämmer zu Schlachtbank führen lassen, ohne wenigstens versucht haben zu kämpfen? Warum machen wir es nicht auch so wie die ArbeiterInnen der INNSE? Seit der militärischen Belagerung der INNSE sind mindestens drei weitere Beispiele von Arbeiterwiderstand bekannt geworden: Statt in die Ferien zu fahren, haben die Arbeiter der Ercole Marelli von Sesto San Giovanni bei Mailand die Fabrik besetzt. Eine weitere Betriebsbesetzung gibt es bei Manuli in Ascoli Piceno in der Region Marken. « Wir sind die INNSE der Toscana » erklären die Arbeiter der Bulleri Brevetti von Cascina bei Pisa, die rund um die Uhr die Werkstore belagern, um den Abtransport der Maschinen zu verhindern. Wie auch immer der Kampf bei INNSE enden wird, ob mit der Wiederaufnahme der Produktion oder mit der von der staatlichen Repression aufgezwungenen, endgültigen Schliessung, eines ist gewiss: Es hat sich gelohnt, all die langen Monate Widerstand zu leisten, tagelang und nächtelang auf einem Industriekran auszuharren. Denn dieser Kampf hat das Potential, um zum Ausgangspunkt eines Arbeiterkampfes zu werden, der sich immer weiter ausbreitet und schliesslich zu einem Kampf Klasse gegen Klasse wird, mit dem Ziel, dieses korrupte und bis auf die Knochen verfaulte System zu stürzen. „Giù le mani dalle Officine!” Hände weg von den Werkstätten! Hände weg von der INNSE! Möge dieser Schlachtruf der Arbeiter der Officine von Bellinzona und der INNSE zur Losung aller ArbeiterInnen und Lohnabhängigen werden! – rth

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: