Archiv für September 2009

Bericht von den Knastkundgebungen

[Aachen] Solidaritäts-Demo für Gefangene
Anarchie ist machbar. 26.09.2009 20:17 Themen: Repression
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+++ Solidaritäts-Demos/Kundgebungen in Aachen und Rheinbach für alle (kämpfenden) Gefangenen +++ ca. 40 Knastgegner_innen in Aachen +++ Sichtkontakt mit Gefangenen +++
Heute, am 26.9.2009, versammelten sich mehr als 40 Menschen, um den Inhaftierten der JVA Aachen und dem Gefängnis in Rheinbach ihre Solidarität zu zeigen und die aktuellen Herrschaftsverhältnisse, die für das Knastsystem verantwortlich sind, in Frage zu stellen und kritisch anzugreifen.
Aufgrund der Tatsache, dass die_der Autor_in lediglich der Demo in Aachen beiwohnte, wird hier nicht auf die Ereignisse in Rheinbach eingegangen. Alle, die dort waren, können natürlich gerne den Artikel ergänzen.

Gegen 11 Uhr begann sich der bunt gemischte Haufen aus Anarchist_innen, Menschen aus Anti-Repressions-Zusammenhängen und anderen herrschaftskritischen Personen bei strahlendem Sonnenschein auf dem Besucher_innenparkplatz der JVA Aachen zu sammeln. Die vom Lautsprecherwagen abgespielte Musik leistete ihren Beitrag zur allgemein entspannten Stimmung.
Die Auftaktkundgebung begann mit einer Rede, in der eine klare Position gegen Strafe und für eine andere Gesellschaft ohne Knäste herausgestellt wurde.
Daraufhin zogen die Knastgegner_innen in einer kleinen Demonstration, während derer mit Trillerpfeifen, Metallgegenständen und Tröten einiger Lärm gemacht wurde, der einige Gefangene ans Fenster lockte, zum Haupteingang des Gefängnisses. Auf der dort stattfindenden Zwischenkundgebung wurde ein Grußbrief des Gefangenen Thomas Meyer-Falk verlesen, der momentan in der JVA Bruchsal gefangen ist. (Nähere Informationen zu Thomas sind zu finden unter http://www.freedom-for-thomas.de/thomas/index.shtml)

Daraufhin ging die Demonstration zurück in Richtung Besucher_innenparkplatz und zog an diesem vorbei über die Krefelder Straße auf den Eulersweg. Die vorbeifahrenden Autofahrer_innen wurden mit Transparenten mit Aufschriften wie „Solidarität mit allen kämpfenden Gefangenen“ oder „Für eine Gesellschaft ohne Knäste“ auf das Anliegen der Demoteilnehmer_innen aufmerksam gemacht. Auf dem Eulersweg machte die Demonstration an einem Hintereingang der JVA halt. Der Dort gehaltene Redebeitrag kann auf der Internetseite des Anarchist Black Cross Berlin nachgelesen werden ( http://www.abc-berlin.net/solidaritaet-mit-den-gefangenen-kundgebung-vor-den-knaesten-in-aachen-und-rheinbach-und-diskussionsveranstaltung-in-koeln-am-26-september).

Die laute Musik und Bambule der Knastgegner_innen brachte auch hier die in Sichtweite befindlichen Gefangenen ans Fenster. Das Winken und die gerufenen Parolen der Leute „draußen“ wurden von den Leuten „drinnen“ mit Winken und Lichtreflexionen durch Spiegel beantwortet. Nachdem die Signale der Gefangenen aufgehört hatten (vermutlich wurden sie von den Schließer_innen aus ihren Zellen geholt), löste sich die Demonstration auf.

Ein Großteil der Teilnehmer_innen machte sich daraufhin auf den Weg nach Rheinbach, wo um 14 Uhr ebenfalls eine Solidaritätskundgebung stattfand. Wie bereits erwähnt, hat die_der Autor_in daran nicht teilgenommen und kann somit nix darüber berichten. Um Ergänzungen wird gebeten.

Alles in allem lässt sich der Tag (zumindest in Aachen) eher positiv als negativ bewerten. Denn den Gefangenen wurde gezeigt, dass sie nicht alleine sind, dass Menschen mit ihnen solidarisch sind, dass nicht alle in dieser Gesellschaft das System von Strafe und Wegsperren unterstützen.

Ein herzlicher Gruß geht hiermit an die Gefangenen, die unsere Solidaritätsaktion beantwortet haben, aber selbstverständlich auch an alle anderen, die uns entweder nicht gehört haben oder nicht antworten konnten. Hoffentlich hat Euch unsere Aktion Mut gemacht, (weiter) zu kämpfen.

Für eine Gesellschaft, in der es keine Knäste braucht!
Freiheit für alle!

mal so eben 26.09.2009 – 20:54
Warum in Aachen und Rheinbach?
Gab es einen konkreten Anlass?
Warum in Aachen und Rheinbach?!
Anarchie ist machbar. 27.09.2009 – 11:40
Zur Frage, warum die Kundgebungen in Aachen und Rheinbach stattfanden, kopiere ich hier den Aufruftext des Antiknastprojekts Köln:

Gegen die Mauern!
Am Samstag, 26.09. ist Anti-Knast-Aktionstag in NRW, genauer an den Knästen in Aachen und Rheinbach. “Autonomes Knastprojekt” aus Köln ruft dazu auf. Die beiden Knäste sind Langzeitknäste in dieser Region. Früher waren die meisten Gefangenen, die Kontakt zum AKP suchten, in Rheinbach. Von daher gab es auch viel Zusammenarbeit zwischen drinnen und draußen, einschließlich Knastkundgebungen und Öffentlichkeitsaktionen derer, die sich draußen bewegen konnten. Aber als fast alle Rheinbacher in den damaligen Neubau nach Aachen verlegt wurden, schwand diese Tradition. Die Kölner/innen bedauern, schon lange keine Knastkundgebungen mehr zustande bekommen zu haben, weil die Begeisterung vor Knästen zu demonstrieren nicht sehr groß ist. Auch, weil nicht mehr so viele Nachrichten nach draußen gelangen, die spezielle Anlässe der Mobilisierung sein könnten.

Diese lokale Schwäche kann aber ausgeglichen werden, weil sich auch Genoss/inn/en aus größerer Entfernung für diese beiden Knäste interessieren und die Kundgebungen mit angeregt haben. Es sind solche, die sich grundsätzlich gegen Knast engagieren, die aber auch zwei Genossen grüßen möchten, zu denen sie Kontakt haben bzw. die sie mit einem Zeichen der Solidarität unterstützen möchten. Es handelt sich um Gabriel Pombo da Silva und José Fernandez Delgado, zwei spanische Anarchisten, die seit Mitte 2004 in den Klauen der deutschen Justiz sind. Zuvor waren sie jeweils lange in spanischen Knästen und, weil sie dort Widerstand leisteten, schon dort, wie jetzt auch in Deutschland, unter repressiver Sonderbehandlung. Das Knastsystem in Spanien hat beide politisch radikalisiert. Als Reaktion auf den enormen Druck, der auf sie ausgeübt wurde. Aber auch als Folge der Rebellionen, bei denen in einigen spanischen Knästen eine Mehrzahl von Gefangenen zusammen handelte. Hier in Deutschland oder überhaupt in der jetzigen Zeit ist die Repression nicht geringer, doch sie schafft es, Gefangene noch besser zu vereinzeln. Aber Gabriel und José beteiligen sich auch hier an Aktionen der Verteidigung von Gefangeneninteressen und Menschenrechten, so weit es ihre Isolationsbedingungen zulassen und so weit sie von speziellen Anlässen und Zusammenschlüssen Kenntnis haben.

Quelle: ABC Berlin ( http://www.abc-berlin.net/solidaritaet-mit-den-gefangenen-kundgebung-vor-den-knaesten-in-aachen-und-rheinbach-und-diskussionsveranstaltung-in-koeln-am-26-september)

Zur Einstimmung

für die Aktivitäten zu 90 Jahre März-Revolution im Bergischen Land

Pressemitteilung

Wir erlauben uns Ihnen mitzuteilen, daß wir am 19.3.2000 zum 80. Jahrestag des Märzaufstandes in einer eigenen Feierstunde auf dem Elberfelder Ehrenfriedhof einen Kranz und Blumen für die Opfer niedergelegt haben.
Für diesen Zweck wurde- wie uns gut unterrichtetet Kreise mitteilten – der
Kranz vom Friedrich-Ebert-Denkmal stibizt und mit einer neuen Schleppe sowohl inhaltlich als auch optisch umgerüstet …

„In Erinnerung an die Opfer von Kapp, Ebert, Noske … . Für Bernhardt Lamp
und alle KämpferInnen für die soziale Revolution!
Autonome Gruppen Wuppertal“

Gleichzeitig wurde das Ebert Denkmal für diesen Trauertag mit einer schwarz-roten Fahne verhüllt.

Wer sich kritisch mit der Rolle der Sozialdemokratie auseinandersetzt wird
unserer Aktion sicherlich zustimmen. Wer Zweifel hat, ziehe ein gutes
Geschichtsbuch zu Rathe (z.B. Sebastian Haffner …) oder beantworte folgende Fragen:

Was sagt Gustav Noske?

1.) Willy wählen.
2.) Verantwortung für Deutschland. Wir sind bereit.
3.) Einer muß der Bluthund sein.

Was sagte Friedrich Ebert?

1.) Ich liebe die Demonstrationen, aber nicht die Demonstranten
2.) Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution
unvermeidlich. Ich aber will sie nicht. Ja ich hasse sie wie die Sünde.
3.) Wer hat uns verrathen? Sozialdemokraten.

(mehrfache Nennungen sind möglich)

Mit sozialistisch/anarchistischem Gruß

Kein Vergeben! Kein Vergessen!

Ihre FreundInnen der Sozialen Revolution Wuppertal 19.3.00

Zur März-Revolution

Nächstes Jahr jährt sich die sog. März-Revolution im Ruhrgebiet und im Bergisches Land zum 90. Mal. Im sog. Geschichtsunterricht wird das mitunter unter Kapp-Putsch abgehandelt.

Es gibt ein paar Überlegungen, wie man nächstes Jahr diese Aufstandsbewegung angemessen würdigen kann, Veranstaltungen, Radtouren, Schiffsfahrten und ein Historienspiel auf der Hardt in Wuppertal sind in Vorbereitung.

Kontakt über Freundeskreis Mina Knallenfalls mina-knallenfalls@web.de

Zur Einstimmung ein paar Texte zum historischen HIntergrund
Die grösste Aufstandsbewegung seit den Bauerkriegen
ein Artikel im Merian-Heft, Ruhrgebiet – 1980
Seite: 1/2

Das Ereignis, das von Historikern heute als „größte Aufstandsbewegung, die es in Deutschland seit den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts gegeben hat“, gewertet wird, flackerte auf unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, erreichte seinen Höhepunkt in der Abwehr des Kapp-Putsches und brach in den Ostertagen des Jahres 1920 zusammen. Eine gerechte Bewertung in den Geschichtsbüchern steht bis heute aus.

Ruhrkampf – bei diesem Stichwort denken die Deutschen wohl immer noch zuallererst an das Jahr 1923, an die galoppierende Inflation, an den Einmarsch französischer Truppen in das Ruhrgebiet, zur Erzwingung pünktlicher Reparationsleistungen, an passiven Widerstand und vereinzelte Sabotageakte nationalistischer Gruppen, womöglich auch an Albert Leo Schlageter, den Freikorpsmann, den die Franzosen füsilierten und die Nazis später zum Volkshelden stempelten.

Dagegen ist die Erinnerung an den Ruhrkrieg in den Wochen des März und April 1920, den Höhepunkt der Abwehrbewegung gegen den Kapp-Putsch verblaßt. Die Schulbücher, die ja eine Art Gradmesser für unseren Umgang mit der Vergangenheit sind, werten ihn überwiegend als Aufstand der Kommunisten, der nur durch den entschlossenen Einsatz der Reichswehr niedergerungen werden konnte. Hier und da mögen zudem Bilder lebendig sein, die die Auseinandersetzungen begleiteten, Bilder vom Terror der „Roten“, von Gefangenenmißhandlungen und Plünderungen, weniger vom Einsatz der Regierungstruppen und vom Gegenterror der Freikorps, obwohl dieser bei weitem die meisten Opfer forderte. Reichswehr und Sicherheitspolizei meldeten 250 Tote und 123 Vermißte. Die Zahl der gefallenen, standrechtlich oder „auf der Flucht“ erschossenen Arbeiter ist nie exakt errechnet worden.

Nach vorsichtigen Schätzungen belief sie sich auf mindestens 1000. Einen plastischen Eindruck von der Brutalität, mit der die Freikorps vorgingen, vermitteln Auszüge aus dem Brief eines studentischen Freiwilligen an das Pflegepersonal und die Kameraden eines Lazaretts, aus dem er kurz zuvor an die Front entlassen worden war:

„Gestern . . . nachmittag um ein Uhr machten wir den ersten Sturm. Wenn ich Euch alles schreiben würde, dann würdet Ihr sagen, das sind Lügen. Pardon gibt es überhaupt nicht. Selbst die Verwundeten erschießen wir noch . . . Alles, was uns in die Hände kommt, wird mit dem Gewehrkolben zuerst abgefertigt und dann noch mit einer Kugel. . . . Wer mit einer Waffe getroffen wird) der ist unser Gegner und muß daran glauben.“

Aber nicht nur das Militär, auch die Justiz tat das Ihrige, um unter den Arbeitern des Reviers Angst und Schrecken zu verbreiten. In Schnellverfahren verhängte sie Freiheitsstrafen, die sich auf fast 2000 Jahre summierten. Als Delikt genügte bereits, daß Frauen sich um die Versorgung der Verwundeten gekümmert hatten. Die militärischen Standgerichte plädierten 205mal für Tod, 50 Urteile wurden vollstreckt. Die Härte, die sich hier offenbarte, stand in eigentümlichem Kontrast zu der Milde, mit der man den Verschwörern von rechts begegnete. Gegen Kapp und seine Mitläufer gab es neben einigen Freisprüchen nicht mehr als fünf Jahre Festungshaft, ein geradezu klassisches Beispiel dafür, wie blind die Weimarer Rechtssprechung auf dem rechten Auge war.

Der Ruhrkrieg war, so sein Chronist, der Historiker George Eliasberg,“die größte Aufstandsbewegung, die es in Deutschland seit den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts gegeben hatte“. Mit ihm gelangte die revolutionäre Nachkriegskrise zu einem vorläufigen Abschluß. Vorangegangen war ihm eine lange Kette sozialer Konflikte, die in den Ballungszentren des Ruhrgebiets mit besonderer Schärfe ausgetragen wurden. Vor 1918 hatten hier die Industriellen, namentlich die Bergbauunternehmer mit harter Hand regiert, hatten auf einem schroffen „Herr-im-Hause'‘-Standpunkt beharrt, den Gewerkschaften jede Anerkennung verweigert und die Arbeiter einer rigiden innerbetrieblichen Disziplin unterworfen. Zeitgenossen sprachen in diesem Zusammenhang von „Grubenmilitarismus“. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad war vergleichsweise niedrig, die Gewerkschaften waren überdies in vier, durch ideologische und konfessionelle Gegensätze geschiedene Richtungen aufgespalten. Dem machtbewußten Unternehmertum konnten sie kaum Paroli bieten.

Nach Ausbruch der Revolution schien es zunächst, als würde ein abrupter Wandel eintreten, als würde die bedingungslose Konfrontation durch Kooperation abgelöst. Die Arbeitgeber setzten sich mit den Gewerkschaften im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft an einen Tisch, um zu einem möglichst reibungslosen Übergang von der Kriegs- in die Friedenswirtschaft zu kommen. Für die Unternehmer hatte dies den Vorteil, daß sie sich ihrer Partner als Ordnungsfaktoren gegen den „Druck der Straße“ bedienen konnten. Die Gewerkschaften spielten das Spiel mit, beschränkten sich auf .sozialpolitische Teilziele und warfen ihr Gewicht in die Waagschale, um revolutionäre Forderungen, die unter ihren Anhängern überaus lebendig waren, zu blockieren. Das zeigte sich deutlich in den Sozialisierungsbewegungen des Jahres 1919. Besonders der Bergarbeiterverband wandte sich gegen jeden Eingriff in die Produktion und die bestehenden Eigentumsverhältnisse. Er handelte dabei im Einklang mit der sozialdemokratisch geführten Reichsregierung, die durch den Einsatz von Militär Streiks zu dämpfen und zu verhindern suchte. Gegen Jahresende herrschte im Revier eine Atmosphäre oberflächlicher Ruhe, um den Preis freilich, daß in der maßlos verbitterten Arbeiterschaft ein beträchtlicher Radikalisierungsprozeß ausgelöst worden war. Sozialdemokratie und Gewerkschaften verloren in dieser Phase ebenso wie die gerade aus der Taufe gehobene Republik viel an Glaubwürdigkeit.

Nachrichten vom Einmarsch putschender Truppen in Berlin am 13. März 1920 hatten die Wirkung einer Lunte, die in ein Pulverfaß fiel. Allerorten bildeten sich Aktionsausschüsse, die den Generalstreik organisierten, zu dem die sozialdemokratischen Regierungsmitglieder und die freien Gewerkschaften aufgerufen hatten. Bei der weiteren Entwicklung im Revier kam der Haltung der Armee, dem Generalkommando in Münster und den lokalen Befehlshabern eine Schlüsselrolle zu. Als außerordentlich krisenverschärfend erwies sich, daß eine eindeutige Stellungnahme unterblieb. Der Führungsstab in Münster zog sich auf vermeintlich neutrale ordnungspolitische Aufgaben zurück. Damit betraute er allerdings Einheiten, die aus ihrer Sympathie mit den Zielen des Staatsstreichs keinen Hehl machten. Für weite Teile der Bevölkerung mußte sich daher der Eindruck aufdrängen, als stünde die Reichswehr mit den Putschisten im Bunde und treffe Anstalten, das ökonomisch so wichtige westliche Industriezentrum für die selbsternannte Regierung Kapp zu sichern.

Die grösste Aufstandsbewegung seit den Bauerkriegen
ein Artikel im Merian-Heft, Ruhrgebiet – 1980
Seite: 2/2

Das Vorgehen der Militärs vermittelte der in sich zerstrittenen Arbeiterschaft wieder so etwas wie ein gemeinsames Feindbild. Gegen die in den Truppen handgreifliche „Reaktion“ formierte sie sich zu einheitlichen Abwehraktionen, die vor etablierten Parteigrenzen – Mehrheitssozialdemokratie, Unabhängige Sozialdemokratie, Kommunisten — nicht haltmachten. Aus dem entschlossenen Widerstandswillen erwuchsen den zunächst isoliert operierenden Truppenteilen schwere Niederlagen. Die Arbeiterarmee kämpfte so erfolgreich, daß die Reichswehr sich auf Linien nördlich der Lippe zurückziehen mußte.Eine Fortsetzung dieser Anfangserfolge gelang jedoch nicht. Dazu waren die strukturellen Schwächen der Roten Ruhrarmee zu groß. Sie war geprägt von Spontaneität und Improvisation.

Eine übergeordnete Befehlsgewalt existierte nicht. Zumindest zwei Zentren (Hagen, Mülheim) mit verschiedenen taktischen und strategischen Vorstellungen konkurrierten miteinander, die Koordination war bis zum Schluß mangelhaft. Das erklärt, warum die Bewegung nach dem Scheitern Kapps am 17. und dem Abbruch des reichsweiten Generalstreiks am 23. März der sich reorganisierenden Reichswehr nicht allzuviel entgegenzusetzen hatte. Durch geschicktes Taktieren der Regierung, eine Mischung von Verhandlungen und Ultimaten, wurde sie zudem politisch endgültig auseinanderdividiert, in einen kompromißbereiten und einen bedingungslos weiterkämpfenden Teil, so daß das Militär bereits am Ende der ersten Aprilwoche wieder überall Herr der Lage war. Die Aufstandsbewegung im Revier offenbarte den Willen der sozialistisch orientierten Arbeiterschaft, die Republik und ihre Errungenschaften gegen den Staatsstreich von rechts zu verteidigen. Aber sie blieb dabei nicht stehen, sondern versuchte, gewissermaßen in einem zweiten Anlauf, die im November 1918 versäumte Revolution nachzuholen, zumindest für eine energische Demokratisierung von Heer, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft zu sorgen.

Die Ereignisse nach der Niederwerfung des Aufstandes zeigten indes, daß noch nicht einmal gemäßigte Reformen durchsetzbar waren. Für die Sozialdemokratie, die sich selbst nicht zu Unrecht als Staatspartei der Republik begriff, hatte das alles fatale Konsequenzen. Sie enttäuschte erneut die Erwartungen ihrer Wähler. Bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 verlor sie in den Städten an Rhein und Ruhr weit über die Hälfte ihrer Anhängerschaft an die radikale Konkurrenz von links – ein Rückschlag, von dem sie sich für die Dauer der Weimarer Demokratie nicht mehr erholen sollte.

Jens Flemming, in: Merianhefte Ruhrgebiet, 1980

Verdrängt, verleumdet, vergessen
wie bei uns Geschichte geschrieben wird

Wenn man bedenkt, was alles geschrieben und getan wurde, um die Erinnerungen an jene aufregenden Ereignisse, die sich im Frühjahr 1920 im Ruhrgebiet zugetragen haben, vergessen zu machen, so verwundert es kaum, dass man heute selten jemanden findet, dem zu „ Kapp-Putsch “, „ Rote Ruhrarmee “ oder „ Märzrevolution 1920 “ irgendetwas einfällt.

Bereits am 13. September 1920 lehnt die Stadt Oberhausen z.B. einen Antrag ab, die getöteten Arbeiter auf dem Ehrenfriedhof zu bestatten. (Der Ehrenfriedhof sei „….lediglich für die im Krieg gefallenen Helden bestimmt“.) So errichteten die Arbeiter, wie in fast allen Städten des Ruhrgebietes, einen eigenen Gedenkstein, der bereits am 2. April 1921 eingeweiht werden sollte. Die Ruhrwacht warnte in diesem Zusammenhang davor, dass im Anschluß an die Veranstaltung eine Demonstration stattfinden und diese als Putschversuch (!!) gewertet werden könnte. Weil es kurz zuvor zu blutigen Unruhen gekommen war, bei denen ein Arbeiter von der Sicherheitswehr erschossen wurde, war der Ausnahmezustand verhängt und alle Veranstaltungen verboten worden. Ob die Einweihung trotzdem stattgefunden hat, läßt sich nicht mehr ermitteln. Die lokalen Zeitungen berichten in der Folgezeit nicht mehr darüber. Im Gegensatz dazu beschrieb der spätere Literaturnobelpreisträger Eyvind Johnson am 6.5. 1922 den Gedenkstein:

„Oberhausens Arbeiter haben den Revolutionsopfern ein „stattliches Denkmal in Form eines gewaltigen, künstlerisch ausgeschmückten Steines über dem Massengrab gesetzt mit der Inschrift: Das Banner steht, wenn der Mann auch fällt.“

Die Nazis setzen dann alles daran, die Erinnerungen an den größten Aufstand in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung auszulöschen. „Die haben alles rausgeholt, bei den Leuten, die sie kannten, auf‘n Haufen geschmissen, nen großes Feuer gemacht und verbrannt“, erinnert sich der Bergmann Adolf Graul. Die 1933 jährlich zu Ostern stattfindenden Gedenkmärsche wurden verboten, Gedenktafeln, Inschriften, persönlichen Aufzeichnungen und Denkmäler fast überall zerstört – neue Denkmäler wurden errichtet: In Dorsten bereits im Juni 1934 für das Freikorps Lichtschlag, in Pelkum für den einzigen Toten der Brigade Epp und in Essen Steele ein zentrales Denkmal für alle Toten der Freikorps, Reichswehr, Sicherheitspolizei und Einwohnerwehren, die im Ruhrgebiet 1919/1920 gekämpft hatten.

Die Essener Stadtverwaltung legt auch nach Ende der Naziherrschaft alljährlich am „Volkstrauertag“ einen Kranz am Steeler Ehrenmal nieder, in Bottrop wurde 1960 eine Strasse nach der Marinebrigade Loewenfeld benannt und Veröffentlichungen knüpften nahtlos an die Darstellungen aus der NS Zeit an. So bleiben 1962 im Oberhausener Heimatbuch die erschossenen Arbeiter unerwähnt und die WAZ berichtet 1970:

„Vor 50 Jahren: Rote Aufständische schrecken vor bestialischem Mord nicht zurück.“

Erst Ende der 1970er Jahre verändert sich allmählich das vorherrschende Geschichtsbild. Das mit der 1968er Bewegung gestiegene Interesse an der „eigenen Geschichte“ und vor allem Erhard Lucas ´ Studie „Märzrevolution 1920″, in der auf über 1000 Seiten die Ereignisse erstmals umfassend rekonstruiert worden waren, sind Auslöser für vielfältige Aktivitäten. Geschichtswerkstätten und lokale Initiativen forschen vor Ort, suchen nach Zeitzeugen und Spuren des Aufstandes. Die Projektgruppe „60 Jahre Kapp-Putsch“ präsentiert eine Ausstellung im Duisburg-Hamborner Ratskeller. Über 300 Besucher lauschen den Erzählungen der Zeitzeugen: Mit dabei: Erhard Lucas , Frank Baier , Johannes Leschinsky . Wenig später zieht Rio Reiser mit dem Hoffmanns Comic Teater durch das Revier. In einem Zirkuszelt spielen sie die Revue „Märzstürme“.

Jenseits der Elfenbeintürme entsteht eine eigene Geschichtskultur. Jetzt werden sogar Informationstafeln an historischen Orten angebracht, so am Essener Wasserturm und am Bahnhof Wetter . 1990 erscheint ein ungewöhnlicher Reisefüher: „ Ruhrkampf 1920 – Die vergessene Revolution “, mit dem sich die Leser auf Spurensuche zu Stätten der Märzrevolution begeben können.

Und heute? Die Bücher von Erhard Lucas und Ludger Fittkau , die Romane von Hans Marchwitza , Karl Grünberg und anderen sind bestenfalls noch in Antiquariaten zu bekommen. Sind das die Folgen der „geistig-moralischen Wende“, die Helmut Kohl gefordert hat? Und das Ruhrgebiet ist im Wandel, Geschichte boomt als Event, wird aber zwischen Duisburg und Dortmund nur als technische und wirtschaftliche Evolution präsentiert. In keiner anderen Region gibt es eine ähnlich große Anzahl von Museen wie im Ruhrgebiet: Hinweise auf die Märzrevolution werden die Besucher in den unzähligen Ruhrgebietsmuseen allerdings vergeblich suchen. Die Erinnerungen wach zu halten, darum müssen wir uns schon selber kümmern.

Frank Dittmeyer, Geschichtswerkstatt Oberhausen , 2005

Märzrevolution 1920 – Kapp-Putsch
von Erhard Lucas
Seite: 1/2

Der Militärputsch vom 13. März 1920 war eine lebensgefährliche Bedrohung für die junge Weimarer Republik. Der politische Kopf der Putschisten, der rechtsradikale Politiker Woifgang Kapp, hatte ein Programm, das auf eine Kanzlerdiktatur, die Entmachtung der Parteien und den Einbau aller Verbände einschließlich der Gewerkschaften in einen autoritären Korporativstaat hinauslief. Das Unternehmen einmal in Gang gesetzt, konnten die Putschisten hoffen, daß die Dynamik von Putsch und Bürgerkrieg das Militär in die politische Schlüsselposition bringen würde. Wenn sie gesiegt hätten, wäre ein politisches System nach Art von Franco-Spanien die Folge gewesen.

Nun ist zugegeben, daß der Militärputsch von 1920 dilettantisch inszeniert war; seitdem ist auf der ganzen Welt von den Planern von Militärputschen ungeheuer viel dazugelernt worden. Aber das darf nicht dazu führen, die Bedeutung des Putsches von 1920 herunterzuspielen. Schon daß der Putsch überhaupt inszeniert werden konnte, war eine ungeheure Katastrophe für die politischen Kräfte, die die junge Weimarer Republik aufgebaut hatten. Man betrachte nur einmal den Zeitpunkt; knapp 1 1/2-Jahre nach dem Sturz des Kaiserreichs und dem Sieg der Revolution vom November 1918!

Der Militärputsch in Berlin hielt sich fünf Tage, dann brach er vor den Kräften des Widerstands zusammen. Bald darauf kehrte die geflohene Reichsregierung von Stuttgart nach Berlin zurück. In verschiedenen Regionen des Reichs jedoch gingen die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Militär und Arbeiterschaft weiter, am heftigsten im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Die Reichsregierung entsandte zwei Spitzenpolitiker, Carl Severing (SPD) und Johann Giesberts (Zentrum). In Bielefeld kam es zu Verhandlungen mit Vertretern der aufständischen Arbeiter. Diese verlangten Konsequenzen aus dem Militärputsch und gesellschaftspolitische Veränderungen, die die katastrophale Fehlentwicklung korrigieren sollten. Um diese Forderungen abzuwehren, spielten Severing und Giesbens den Militärputsch mit allen Kräften herunter; sie sprachen von einer Köpenickiade, und man weiß ja, der Hauptmann von Köpenick kann nur die Figur eines Lustspiels abgeben.

Der Generalstreik, der mit ungeheurer Wucht gegen den Militärputsch einsetzte, war der einzige politische Generalstreik in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, der diesen Namen verdient. Er ist ein Markstein in der demokratischen Tradition Deutschlands. Aber auch hier muß man sich vor Illusionen und Mythen hüten.

Vor allem eine Partei ist es, die keine historische Berechtigung hat, sich den Generalstreik von 1920 als Ruhmestitel anzuheften: die SPD. Sie tut das bis heute und beruft sich dafür auf folgenden Aufruf:

»Arbeiter, Genossen! Wendet jedes Mittel an, um die Wiederkehr der blutigen Reaktion zu vernichten. Streikt, schneidet dieser Militärdiktatur die Luft ab, kämpft mit jedem Mittel um die Erhaltung der Republik, laßt alle Spaltung beiseite! Es gibt nur ein Mittel gegen die Rückkehr Wilhelms II.: die Lahmlegung jedes Wirtschaftslebens! Proletarier, vereinigt euch!«

Dieser Text mit seiner Anlehnung an das Kommunistische Manifest war unterzeichnet von den SPD-Ministem der Reichsregierung und von Otto Wels namens des SPD-Parteivorstandes. Nun ist zunächst mehr als zweifelhaft, ob die Minister diesen Text überhaupt verfaßt und unterzeichnet haben, bevor sie sich in die Autos setzten, um vor den Putschisten aus Berlin zu fliehen. Vermutlich stammt der Text aus der Feder des Pressechefs der Reichskanzlei. Vor allem aber haben die SPD-Minister sich wiederholt öffentlich von ihm distanziert. Als sie aus Berlin zunächst nach Dresden, dann von Dresden weiter nach Stuttgart flohen, wurden sie von Generälen, die den Generalstreik bekämpften, wegen dieses Textes zur Rede gestellt. Dasselbe geschah dann telephonisch von General v. Watter in Münster, der für das rheinisch-westfälische Industriegebiet zuständig war. Jedesmal haben die SPD-Minister, voran Reichswehrminister Noske, beteuert, sie hätten mit diesem Aufruf nichts zu tun und mißbilligten den Inhalt.

Märzrevolution 1920 – Kapp-Putsch
von Erhard Lucas
Seite: 2/2

Diese Konfrontation und die weitere Erfahrung von 1920, daß ein Generalstreik, einmal in Gang gesetzt, eine radikalisierende Eigendynamik entfaltete, fuhr dann der SPD-Führung für alle Zeiten in die Knochen. Das war einer der Gründe, weshalb sie im Prozeß des Untergangs der Weimarer Republik zu keinem Zeitpunkt daran dachte, zum Generalstreik aufzurufen.

Machen wir uns klar, was das heißt: totale Arbeitsniederlegung und Stillstand aller Produktion und Zirkulation gegen putschendes Militär, das eine vorzügliche Verpflegung erhielt. Zum Kalkül der Putschisten gehörte, die Industriearbeiterschaft von den agrarischen Regionen aus notfalls auszuhungern.

Es gab Arbeiterführer, die die begrenzte Reichweite des Generalstreiks erkannten und das Kalkül der Putschisten erahnten. Hagen war eine der wenigen Großstädte, die zum Zeitpunkt des Putsches ohne militärische Besatzung waren, was General v. Watter in Münster dann schleunigst zu korrigieren versuchte. Hier forderte am Nachmittag des Putschtages ein USPD-Führer in einer Konferenz, man müsse den bewaffneten Widerstand organisieren, und er begründete dies damit, daß »ein Generalstreik auf lange Frist unmöglich ist und letzten Endes doch zum Siege der Reaktion führen muß.«
Für diese Auffassung fand er eine Mehrheit: ein Ausgangspunkt für den Aufstand im Industriegebiet. Andernorts waren die Parteifunktionäre vielfach bedenklich und zögernd.

Aber entscheidend war das Handeln der Arbeiter. Landauf, landab ertönte ein einziger Ruf nach Waffen als Antwort auf die Nachricht vom Putsch in Berlin. Waffenlager wurden ausgehoben, Bürgerwehren, Kriegervereine usw. entwaffnet, mit den ersten Waffen traten die Arbeiter dem Militär entgegen, nicht nur im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, sondern auch in Mitteldeutschland um Halle und Merseburg, in Teilen von Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg und Pommern.

Erhard Lucas

Karl Grünbergs Roman -Brennende Ruhr-

Karl Grünberg (1891 – 1972) schreibt 1948 im Nachwort zur 2. Auflage zu seinem Roman „Brennende Ruhr“:

Dieses viel umstrittene Buch bedarf bei seiner zweiten Auflage — zwanzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen — einiger Erläuterungen.

Als ich im Jahre 1927 meinen Erstlingsroman „Brennende Ruhr“ zu schreiben begann, lag mir literarischer Ehrgeiz durchaus fern. Mir kam es vor allem darauf an, revolutionshistorisches Material zu sammeln, zu fixieren und zusammen mit den daraus resultierenden Erfahrungen an diejenigen weiterzureichen, welche nach uns einmal das Banner aufnehmen werden. Daß ich die Form des Romans wählte, hatte mehrere Gründe. Vor allem hoffte ich, auf diese Weise der Zensur zu entgehen. Wenn mir das auch gelang, so wurde die Reaktion doch hellhörig. In der Folgezeit verfielen zahlreiche belletristische Werke dem Zensor. Man kann gar nicht oft genug diese Verhältnisse in der Weimarer Republik — jener Republik mit der „freiesten Verfassung der Welt“ — brandmarken, denn heute wollen viele diese Tatsachen nicht mehr wahrhaben.

Mein zweiter Grund entsprang einer Beobachtung, die man auch, heute überall anstellen kann. Rein abstrakt-politische Bücher lassen die Leser oft kalt; leicht bleiben sie ungelesen liegen. Durch eine Erzählung lassen sich die Massen aber viel eher an die politischen Probleme heranführen. Ein fesselnd geschriebenes Buch, das dem Leser gestattet, mit Romanfiguren, die ihm ähnlich sind, zu leben, zu lieben und zu leiden, kann ihn auch veranlassen, mit seinen Helden gemeinsam zu kämpfen und zu sterben . . . Auf dieser Tatsache beruht die Anwendung der „Kunst als Waffe“ im politischen Tageskampf. Daß auch die schön-geistige Literatur eine solche „Waffe“ sein kann, wird leider noch viel zu oft übersehen.

Die „Brennende Ruhr“ war wohl der erste Roman, der sich bewußt mühte, dieser Erkenntnis auf der Arbeiterseite Rechnung zu tragen. Es kam, wie vorauszusehen war. Die sogenannten „Ästheten“ waren schwer schockiert über diesen neuerlich „primitiven Beweis entarteter Kunst“. Wohl beurteilten einige namhafte Schriftsteller, wie Thomas Mann, Dr. Werner Marholz, Professor Paul Östreich und andere mehr, dieses Buch sehr positiv; die große Mehrzahl aber zog sich voll schweigender Verachtung in ihren geschändeten Elfenbeinturm zurück. Einer aber fühlte sich berufen, die Leiter hinter diesen Ästheten hochzuziehen. Mit sehr viel Druckerschwärze — eine halbe Seite des Großformats der „Frankfurter Zeitung“ wurde bemüht — machte er den Versuch, dem „literarischen Plebejer“ den Rest zu geben. Dieser unverhältnismäßig große Aufwand eines Herrn Erik Reger hat sich nicht gelohnt; die „Brennende Ruhr“ wurde von diesem Luftzug nicht ausgeblasen.

Im Jahre 1928 schrieb zum Erscheinen der „Brennenden Ruhr“ der Dichter Johannes R. Becher: „Die Ruhr brennt, dieser Ruf war, wird wieder sein!“ — Heute ist dieser Alarmruf wieder da, gellender und dringender denn je. Dieselben Monopolkapitalisten, die damals den Kapp-Putsch, das erste Vorpostengefecht des Faschismus, finanzierten, sind jetzt wieder (oder noch!) am Werke, um aus dem Brand an der Ruhr ein neues Weltumfassendes Flammenmeer zu entfachen. Allein schon diese Tatsache rechtfertigt in vollem Maße die Neuauflage eines Buches, das das „Hohelied der demokratischen Einheitsfront gegen den Faschismus singt. Diejenigen, für die es geschrieben worden war, haben es gelesen, verstanden und auch ihre Lehren daraus gezogen. Schon die Vorabdrucke in der Arbeiterpresse brachten dem Verfasser Hunderte von begeisterten Zuschriften. — „In diesem Buch ist zu viel geschichtliche Wahrheit, um nur als Roman angesprochen zu werden“, schrieb einer. Ein anderer sagte: „Ich focht damals leider auf der Seite der Kappisten mit, aber ich muß gestehen, daß die geschilderten Übergriffe der Reichswehr noch hinter der Wirklichkeit zurückbleiben!“

Da mich fast alle Einsender für einen ehemaligen Ruhrkämpfer halten, bin ich hier eine Berichtigung schuldig: Ich war weder Bergarbeiter, noch habe ich beim Kapp-Putsch an der Ruhr mitgekämpft. Auch den Schauplatz der Handlung habe ich vor der Niederschrift kaum gekannt. Eindrücke, die ich von der Bahn aus gewann, als ich durch das Industriegebiet fuhr, Beobachtungen, die ich auf arbeitsreichen Verbandstagungen in Hamborn und Essen machte, ferner das, was ich in Büchern fand . . . das war eigentlich alles, was ich über Land und Leute im „Kohlenpott“ wußte. Noch mühsamer mußte ich die militärischen und politischen Details zusammensuchen. Weil es darüber nur sehr wenige Quellen gab, war ich im wesentlichen auf das Wälzen alter Zeitungsbände angewiesen.

Als ich im Frühjahr 1943 zur Luftschutzpolizei (Feuerwehr) nach Essen eingezogen wurde, lernte ich zum erstenmal den historischen Schauplatz meines Romans gründlicher kennen. Da stand die Ruhr allerdings in des Wortes wahrster Bedeutung an allen Ecken und Enden in Flammen. Und warum? Weil das werktätige deutsche Volk infolge seiner inneren Spaltung im Jahre 1920 nicht in der Lage gewesen war, den faschistischen Brandherd gründlich auszutreten. Um dieses schicksalsschwere Versäumnis spielt mein Roman „Brennende Ruhr“. Es ist deshalb auch kein Zufall, daß er schon damals das starke Mißvergnügen der Soldschreiber der „Union der festen Hand und der eisernen Stirn“ fand.

Es trat der merkwürdige Zustand ein, daß der Autor die Schauplätze, auf denen er seiner Phantasie freien Lauf gelassen hatte, nachträglich fast genau so vorfand, wie er sie beschrieben hatte. Ich war direkt erschüttert, sogar die Stadt Swertrup an derselben Stelle, wohin sie meine Schau verlegt hatte — nämlich in Sterkrade —, wiederzufinden.

Interessant waren die Zuschriften, die damals aus den Reihen der Sozialdemokratischen Partei kamen. Dankbar zustimmende waren darunter, aber auch sehr kritische von solchen, die in dem Roman ihre Partei zu Unrecht angegriffen sahen. So teilte die Geraer Volksbuchhandlung mit, daß sie fortan alle Bücher des Greifenverlages, der solch „tendenziöse Machwerke“ herausbringt, boykottieren werde. Und August Siemsen schrieb in seinem Halbmonatsheft, „daß ihn das Buch einerseits gepackt habe, weil es aus dem starken Miterleben eines Klassenkämpfers komme, der mit dabei war“ . . . andererseits aber bedauerte er, „daß darin die Sozialdemokraten in der üblichen Weise als Verräter erscheinen“.

Erscheinen sie wirklich so? Die Hauptfigur im Roman ist ein sozialdemokratischer Werkstudent, der sich trotz allen Schwankens durchaus anständig und tapfer benimmt. Selbst nach dem bitteren Finale ist er keineswegs ein zum Kommunismus bekehrter Saulus (das ist, nebenbei bemerkt, sogar den Kritikern aufgefallen, die mir ablehnend gegenüberstanden). Aber der Leser weiß am Schluß das eine: „Wenn es wieder einmal um die Rechte und Freiheiten seines Volkes geht, dann steht auch dieser Kämpfer wieder an der Seite seiner gestrigen Kameraden!“ Genau so verhält es sich mit einer ganzen Reihe weiterer sozialdemokratischer Romanfiguren. Ich habe sie nicht aus Zweckmäßigkeitsgründen progressiv gestaltet, sondern weil es sie wirklich so gegeben hat.

Daß Gestalten wie Noske, Severing, Mehlich und andere mehr nicht dazu gehörten, ist bedauerlich, aber nicht die Schuld des Autors, der sich streng an die Historie hielt. Die verhängnisvolle Rolle, die diese Führer der SPD damals spielten, liegt heute, nach achtundzwanzig Jahren, klar und offen vor der Geschichte. Ich weiß nicht, ob August Siemsen, bei dem mein Werk so widersprechende Gefühle auslöste, heute noch lebt. Ich glaube aber, daß er heute zu einem ganz anderen Urteil käme. Und mit ihm so mancher andere, der sich damals, völlig zu Unrecht, auf den Schlips getreten fühlte.

Der Kapp-Putsch-Roman „Brennende Ruhr“ wurde in ein halbes Dutzend Fremdsprachen übersetzt. In den USA und in Schweden wurde er nur durch Zeitungsabdrucke bekannt, in der Sowjetunion aber kam es zu einem Bucherfolg, wie ich ihn mir nie erträumt hätte. Da der Roman dort in etwa 400 000 Exemplaren verbreitet und auch verfilmt wurde, gibt es unter unseren sowjetischen Besatzungstruppen nur wenige, die ihn nicht kennen.

Dennoch hat mich keine Anerkennung mit mehr Freude und Genugtuung erfüllt als jene, die ich 1933, während der schwersten Zeit meines Lebens, im KZ Sonnenburg, erhielt. Es war in einer Massenzelle, abends nach dem Einschluß. Jemand machte den Vorschlag, reihum zu erzählen, wie man zur revolutionären Bewegung gekommen sei. Und da erzählte ein junger Landtagsabgeordneter, ein früherer sozialdemokratischer Postbeamter aus Halle: „Mir gab jemand den Roman .Brennende Ruhr‘ in die Hand; da fiel es mir wie Schuppen von den Augen … und deshalb sitze ich heute hier.“

Karl Grünberg

Zur Zeit des Erscheinens dieser Auflage liegen noch Buchausgaben in polnischer, tschechischer und rumänischer Sprache vor.

Die Märzrevolution 1920 in Bochum und Wattenscheid

Selten genug erfährt mensch mehr von der Bochumer Lokalgeschichte als den “heldenhaften Kampf” eines heutigen Schützenvereins (“Maischützen”) um die Stadtrechte, der gegen Dortmund gewonnen wurde und bis heute als Fußballrivalität kultiviert wird. Der offizielle Umgang mit der Geschichte zu Zeiten des Nationalsozialismus ist hanebüchen – daher sind AntifaschistInnen in erster Linie darum bemüht, die Geschichte vom (kommunistischen) Widerstand zu rekonstruieren und zugänglich zu machen sowie die Verstrickung Bochumer Lokalgrößen in den NS offenzulegen. Ein interessantes Stück ArbeiterInnengeschichte ist beispielweise der Ruhrkampf zu Beginn der Weimarer Republik.

Am Morgen des 13. März 1920 zog die “Brigade Erhardt” mit schwarz-weiß-roten Fahnen und Hakenkreuzen am Stahlhelm durch das Brandenburger Tor bis zum Regierungsviertel, um die noch junge Weimarer Republik zu beseitigen. Angeführt wurden die Putschisten von dem konservativen Reichstagabgeordneten und Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Wolfgang Kapp, zusammen mit dem Oberbefehlshaber aller Reichswehrtruppen Nord-, Mittel- und Ostdeutschlands General von Lüttwitz. Die damalige Reichsregierung mußte fliehen. Vor ihrer Flucht hatte sie noch zum Generalstreik aufgerufen, dem ungefähr 12 Millionen BürgerInnen in ganz Deutschland folgten. Es war eines der wenigen Beispiele erfolgreichen zivilen Ungehorsams in der deutschen Geschichte. Im Ruhrgebiet begannen Freikorpstruppen strategische Positionen in den Städten (Ruhrbrücken, Bahnhöfe etc.) zu besetzen. Als um die Mittagszeit des 13.3. die Nachricht vom Putsch auch in Bochum eintraf, legten die Arbeiter des ”Bochumer Vereins”, der Zechen ”Engelsburg” und ”Präsident” sowie viele andere Betriebe die Arbeit nieder. Auf dem Moltkemarkt (heute Springerplatz) versammelten sich daraufhin ungefähr 20.000 Menschen, um gegen den Putsch zu demonstrieren. Die Demonstration bewegte sich zum Stadttheater (heute Schauspielhaus) und die ersten Arbeiter begannen sich nach der Demonstration zu bewaffnen. Die Gewehre und Munition stammten noch aus dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution. In der Nacht zum 14. März hat im Haus des SPD-Organs ”Volksblatt” ein Arbeiterrat gebildet. Er bestand aus drei SPD-, drei USPD- und drei KPD-Mitgliedern. Im damals noch selbstständigen Langendreer wurde ebenfalls ein Arbeiterrat gebildet. Mit der Bildung des Arbeiterrates begann der Aufbau von Arbeiterwehren. Mit den Arbeiterwehren verbündeten sich auch zwei der mehrheitlich sozialdemokratisch orientierten Kompanien der ansonsten reaktionären Einwohnerwehr. Sie besetzten am 14. März die Zentrale der Einwohnerwehr und fanden im Büro einen Frachtbrief, der einen Waffentransport aus Münster, als ”Milchzug” getarnt, ankündigte. Das war die Bestätigung dafür, das Teile der Einwohnerwehr und auch die Sicherheitspolizei (Sipo) mit den Putschisten sympathisierten. Der alte Hauptbahnhof (am heutigen Adenauer-Platz) wurde von Arbeitern besetzt und der sogenannte ”Milchzug” aus Münster in Empfang genommen. Und tatsächlich befanden sich in einigen Milchkannen etwa 2.050 Gewehre und Munition, die von den Arbeiterwehren gleich in Besitz genommen wurden. Jeder bekam ein Gewehr, der mindestens ein Jahr Mitglied in der Gewerkschaft oder einer der Parteien KPD, SPD oder USPD war. In den folgenden Tagen wurden die restlichen bürgerlichen Teile der Einwohnerwehr und die Sipo entwaffnet.

Auch in Wattenscheid wurden am 15. März alle Zechen bestreikt. Auch dort kam es zu einer Versammlung von SPD-, USPD- und KPD-Mitgliedern, um die Lage zu beraten. Am 16. März kam es an der Ecke Oststraße/ Hüllerstr. zu einer Schießerei, als eine Sipo-Streife zwei LKWs mit bewaffneten Arbeitern stoppen wollte. Das folgende Gefecht weitete sich daraufhin im gesamten Stadtgebiet aus. Vier Arbeiter fanden dabei den Tod, drei unbewaffnete Anwohner wurden von der Sipo erschossen. Die Kämpfe dauerten noch bis zum Abend. In Günningfeld kam es zu einer großen Protestkundgebung mit etwa 1.000 TeilnehmerInnen.

Aus den Arbeiterwehren formierte sich im gesamten Ruhrgebiet die Rote Ruhr Armee. Sie organisierte sich fast in allen Ruhrgebietsstädten. Im Norden kämpfte sie sich bis zur Lippe vor. Die Reichswehrfestung Wesel wurde am 24. März angegriffen. Im Süden drang sie bis Remscheid, im Osten bis Hamm, Ahlen und Beckum vor. Zu den ersten militärischen Siegen der Roten Ruhr Armee gehörte die Schlacht um den Bahnhof in Wetter, in dem sich die Freikorpstruppe ”Lichtschlag” verschanzt hatte. Insgesamt wurden bei dieser Schlacht 18 Freikorpsangehörige und fünf Arbeiter getötet.

Die politischen Ziele der am Aufstand und Generalstreik beteiligten Parteien waren sehr unterschiedlich: In Elberfeld forderten am 14. März USPD, SPD und KPD eine Räterepublik, in Hagen forderten USPD, KPD, SPD, das Zentrum und die DDP, die Republik vor den Putschisten zu verteidigen. Nach vier Tagen kapitulierten die Putschisten in Berlin. Die neue Reichsregierung unter dem neuen Reichskanzler Otto Bauer forderte dazu auf, die Streiks und die Kampfhandlungen zu beenden. Doch die aufständischen Arbeiter Innen stellten aufgrund ihrer Erfahrungen aus den Jahren 1918/19 den bewaffneten Kampf nicht ein. Sie bestanden auf einer Neuordnung der politischen Verhältnisse und darauf, daß den Arbeiterräten mehr Macht gegeben werden müsse. Am 23. März kam es zu Verhandlungen zwischen dem Reichs- und Staatskommissar Carl Severing (SPD) und kompromißbereiten Arbeiterräten und Gewerkschaftsvertretern. Es wurde ein Abkommen beschlossen, daß die Entwaffnung der aufständischen Arbeiter, sowie die Entwaffnung und Bestrafung der Putschisten vorsah. Den Aufständischen wurde Straffreiheit zugesichert. Es wurden Sozialisierungsmaßnahmen beschlossen und den Gewerkschaften entscheidenden Einfluß auf die Neuregelung der wirtschafts- und sozialpolitschen Gesetze eingeräumt. Viele Aufständische legten daraufhin ihre Waffen nieder, andere kämpften weiter. So kam es zu Spaltung der Aufstandsbewegung. Einen Tag vor dem Bielefelder Abkommen gab Reichswehrgeneral von Watter einen Geheimbefehl an alle Truppenführer: Die Revolution sollte mit brutalsten Mitteln zerschlagen werden, das Kriegsrecht, standrechtlichen Erschiessungen statt Haft, sowie Schießbefehl auch auf unbewaffnete Menschenansammlungen. Die Reichswehr verstärke ihre militärischen Einheiten, um den Aufstand im Ruhrgebiet niederzuschlagen. Dabei wurden auch Freikorpstruppen eingesetzt, die am Putsch beteiligt waren. Anfang April 1920 brach der Widerstand der Roten Ruhr Armee zusammen. Reichswehr und Freikorpstruppen gingen mit brutaler Härte vor: Im gesamten Ruhrgebiet sind etwa 1.000 Angehörige der Roten Ruhr Armee und der Arbeiterräte durch standrechtliche oder willkürliche Erschießungen ermordet oder im Kampf gefallen.

Am 15. April 1920 rückten Freikorpstruppen und Reichswehr in Bochum ein. In Laer rückten am 16. April Teile der Freikorpsbrigade Epp ein, um an den Arbeitern Rache zu nehmen. Sie verhaftete 25 ehemalige Mitglieder der Arbeiterwehr, obwohl sie bereits am 2. April ihre Waffen niedergelegt hatten. Nach dem Abzug der Brigade Epp am 19. April wurden etwa elf Männer von ihr verschleppt, Karl Schluck, Führer der Arbeiterwehr Laer wurde ”auf der Flucht erschossen. Zwei weitere Kämpfer wurden erschossen und verstümmelt aufgefunden. Laut damaligen Presseberichten hatte die Brigade Epp die Häuser jüdischer BürgerInnen mit Hakenkreuzen beschmiert. Heute erinnern in Bochum zwei Gedenksteine an die Zeit der Märzrevolution im Jahr 1920. Der eine in einem Park in Laer an der Ecke Wittenerstr./Dannenbaumstr., der andere auf dem Kommunalfriedhof in Werne. Die Tradition, den ”März-Gefallenen” zu gedenken ist bis heute erhalten geblieben. Alljährlich findet am Denkmal in Werne am letzten März-Wochenende eine Kranzniederlegung statt.

Auf dem Friedhof an der Blumenstr. sind sechs gefallene Rote Ruhrs Kämpfer gegen den Kapp-Putsch beerdigt. Die Schrift auf den Grabsteinen ist allerdings nicht mehr erkennbar oder sie sind verschwunden.

Literaturempfehlung:

Ludger Fittkau und Angelika Schlüter (Hg.): Ruhrkampf 1920 – Die vergessene Revolution, Essen 1990
Buchner, Dominik, Gleising, junge: Kapp-Putsch und Märzrevolution in Bochum und Wattenscheid – Die Widerlegung einer Legende, Bochum 1995




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