„Ich glaube nicht an eine einzige Schaltzentrale“

Raoul Rigault 30.10.2009

Giovanni De Luna, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Turin, über die Verträglichkeit von Demokratie und Geheimniskrämerei, die „Strategie der Spannung“ und den Rechtsruck in Italien

Am 2. August 1980 um 10:25 Uhr detonierte im Wartesaal für Fahrgäste der 2.Klasse des Hauptbahnhofs von Bologna eine 23 Kilo schwere Zeitbombe, die 85 Menschen in den Tod riss und 200 weitere zum Teil schwer verletzte. Dieser Anschlag im „roten Bologna“, der Hochburg der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI) und der linksradikalen Autonomia Operaia (Arbeiterautonomie)-Bewegung von 1977/78 markierte das Ende einer Epoche und begrub den Aufbruch der Siebziger Jahre unter den Trümmern des Bahnhofsgebäudes. Wie die Kriminaltechniker später herausfanden, handelte es sich bei dem verwendeten Sprengstoff um hochexplosives Material aus militärischer Produktion. Begonnen hatte das von der 68er-Revolte geprägte Jahrzehnt am 12. Dezember 1969 um 16:37 Uhr mit einem ähnlichen Blutbad in der Mailänder Filiale der Landwirtschaftsbank in der Piazza Fontana. Dort starben 17 Menschen, 88 weitere wurden verletzt.

Genau wie bei zahlreichen weiteren Anschlägen nach demselben Strickmuster (zum Beispiel am 28.Mai 1974 auf eine Gewerkschaftskundgebung in Brescia mit 8 Toten und 94 Verwundeten oder am 4. August 1974 auf den Schnellzug Italicus mit 12 Toten und 44 Verletzten), die unter dem Begriff „Strategia della tensione“ (Strategie der Spannung) zusammengefasst wurden, stellte sich die Frage: Was wollten die Attentäter mit diesem scheinbar sinnlosen Gemetzel erreichen? Ging es darum, die rebellischste Phase der italienischen Geschichte nach dem 2.Weltkrieg – das so genannte „rote Jahrzehnt“, in dem weit reichende soziale, kulturelle und zivilrechtliche Fortschritte erkämpft wurden – mittels Terror und Einschüchterung zu beenden bzw. den Vorwand für einen rechtsradikalen Militärputsch wie 1967 in Griechenland und 1973 in Chile zu liefern?
Der zerstörte Hauptbahnhof von Bologna nach dem Anschlag vom 2. August 1980. Bild: Beppe Briguglio, Patrizia Pulga, Medardo Pedrini, Marco Vaccari / Quelle: http://www.stragi.it/

Oder verbargen sich hinter jenen Massakern andere Pläne und andere Botschaften, vielleicht sogar von Seiten der NATO-Verbündeten, denen die von Italien im Mittelmeerraum betriebene, pro-arabische Politik ein Dorn im Auge war? Für diese Theorie werden sowohl der Absturz einer zivilen Passagiermaschine des Typs DC-9 bei Ustica am 27.Juni 1980 mit 81 Toten angeführt, die offenbar von NATO-Kampfjets abgeschossen wurde, als auch Äußerungen des in Frankreich inhaftierten Terroristen Ilich Ramirez Sanchez, genannt „Carlos“, der für das Attentat in Bologna [extern] Mossad und CIA verantwortlich macht, die damit das informelle Stillhalteabkommen Italiens gegenüber PLO-Kämpfern kippen wollten.
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In Bologna herrscht auch knapp drei Jahrzehnte nach dem verheerenden Anschlag nur wenig Klarheit über die Hintergründe. Führende Vertreter der italienischen Rechten, wie der für sein repressives Vorgehen gefürchtete und gehasste, ehemalige Innenminister und spätere Staatspräsident Francesco Cossiga, sowie Spitzenvertreter der aus dem neofaschistischen MSI hervorgegangenen Alleanza Nazionale, die heute Teil der Berlusconi-Partei PdL ist, versuchten seit 2004 wiederholt, die marxistische Volksfront für die Befreiung Palästinas ([extern] PFLP), die deutschen Revolutionären Zellen (RZ) und/oder die Carlos-Gruppe („Organisation Internationalistischer Revolutionäre“) dafür verantwortlich zu machen. Versuche, die sich immer wieder als haltlos erwiesen und im übrigen den aktenkundigen Bestrebungen des notorisch rechtsradikalen Militärgeheimdienstes SISMI und des Chefs der Geheimloge P2, Licio Gelli, widersprechen, die mehrfach versuchten, falsche Fährten zu legen.

Als Haupttäter rechtskräftig verurteilt wurden drei Mitglieder der neofaschistischen Terrorgruppe Nuclei Armati Rivoluzionari (Bewaffnete Revolutionäre Kerne – NAR) Giuseppe Valerio Fioravanti, Francesca Mambro und Luigi Ciavardini. Im Gegensatz zu anderen Delikten erklärten sie sich allerdings in diesem Anklagepunkt von Anfang an für unschuldig und wiesen – nicht ohne Grund – darauf hin, dass der Anschlag in Bologna weder zur nationalrevolutionären Ausrichtung ihrer Gruppe noch zu deren typischem Vorgehen passte. Doch selbst wenn sie die unmittelbaren Täter waren, bleibt die Frage nach möglichen (und wahrscheinlichen) Hintermännern und Auftraggebern, insbesondere aus den Reihen der Loge P2, zu deren Mitgliedern auch der amtierende Ministerpräsident und Multimilliardär Silvio Berlusconi zählte.

Es waren nicht die Bomben, die die Veränderung der italienischen Gesellschaft diktierten

Über diese Fragen, Widersprüche und Hypothesen sowie die Notwendigkeit der Aufklärung und des Erinnerns sprachen wir mit dem renommierten linken Historiker Giovanni De Luna, der an der Universität Turin Zeitgeschichte lehrt und im deutschsprachigen Raum unter anderem durch seine im Jahr 2000 bei Rowohlt erschienene Mussolini-Monographie bekannt ist.

Seit dem Anschlag auf den Bahnhof von Bologna sind fast dreißig Jahren vergangen. Anderswo wäre ein solches Ereignis bereits Teil der historischen Aufarbeitung. In Italien jedoch nicht. Dort sind noch immer die Gerichte mit diesem und anderen Blutbädern, wie dem auf der Piazza della Loggia 1974 in Brescia, beschäftigt. Woran liegt das?

Giovanni De Luna: Unter anderem daran, dass für eines der letzten Gesetze, die Anfang 2008 von der Mitte-Links-Regierung Prodi verabschiedet wurden und das Staatsgeheimnis dankenswerterweise von 50 auf 15 (in Ausnahmefällen auf 30) Jahre reduzierte, noch immer die Normen fehlen, die seine konkrete Umsetzung regeln. Ohne diese Bestimmungen ist es bis heute unmöglich, die Dokumente einzusehen, die einen Geheimvermerk tragen. Es ist Aufgabe der gegenwärtigen Regierung endlich den Amtsweg dieses guten Gesetzes zu vollenden.

Wird man dann tatsächlich fündig werden?

Giovanni De Luna: Die Frage ist sozusagen systemischer Art und betrifft das Verhältnis zwischen Geheimnis und Demokratie. Wenn es stimmt, dass sich keine Demokratie eine totale Transparenz erlauben kann, dass das Geheimnis eine eigene Physiologie besitzt und der Staat seine herrschaftlichen Geheimnisse braucht, entsteht dann ein Problem, wenn diese Physiologie zur Pathologie wird. Wenn die Dimension des Unsagbaren das Ausmaß dessen, was man sagen darf, übersteigt, wenn das Verborgene – zeitlich betrachtet – bei weitem größer ist als die Transparenz, dann wird das Geheimnis für die Demokratie zu einer offenen Wunde.

In den 70er Jahren hat diese Dimension des Verbogenen die Physiologie überragt, die eine reife Demokratie auszeichnet. Ein Großteil jenes Jahrzehnts wurde nicht nur dem Urteil der Justiz entzogen, sondern auch dem der Geschichte. Deshalb ist alles, was dabei helfen kann, das Geheimnis zu lüften und das Dunkel zu durchdringen, eine Ressource für die Demokratie. Der Philosoph Norberto Bobbio hat einmal gesagt: „Je größer die Transparenz, umso größer ist auch der Grad an Demokratie.“

Was die von der Linken ausgehende politische Gewalt anbelangt, hat man ein bedeutendes Level an juristischer Aufarbeitung erreicht. Man kennt Namen und Umstände und es wurden sehr harte Strafen verhängt. Für all das, was den Stragismo (die Blutbäder unter der Zivilbevölkerung) betrifft, kann man das leider nicht sagen. Dieses Fehlen juristischer Klarheiten hat im Laufe der Jahre zu einer emotionalen Verbitterung, einer Neigung zu Groll und Rache und zu sehr unterschiedlichen, gespaltenen Erinnerungen geführt.

Hat über den Groll hinaus diese permanente Geheimniskrämerei nicht auch zu einer verzerrten Realitätswahrnehmung beigetragen? Ich beziehe mich hier auf die Idee, dass alles, was unter dem Namen „Strategie der Spannung“ firmiert, immer und überall auf ein und dieselbe Regie zurückzuführen ist.

Giovanni De Luna: Der Begriff „Strategie der Spannung“ ist eine zusammenfassende Definition, die eine Reihe von Ereignissen in einem wirkungsvollen Bild verdichtet, die jedoch längst nicht alle auf eine einzige gezielte und bewusste Machenschaft zurückzuführen sind. In Wahrheit sprechen wir von einer Menge an Taten, die sich durch drei gemeinsame Elemente auszeichnen: die Verwicklung von Staatsapparaten, ein Blutbad und die Rolle, die militante Neofaschisten dabei spielten. Daneben haben wir dann eine Konstellation von Ereignissen, bei denen diese drei Faktoren erneut auftauchen und deren Ziel es ist reaktionäre Elemente in die Innenpolitik, in die Gestaltung der Öffentlichen Ordnung einzuführen und für ein geschlossenes Vorgehen der Institutionen gegen die Bewegungen der 70er Jahre zu sorgen.

Ich glaube nicht an eine einzige Schaltzentrale. In Wirklichkeit gibt es eine zerfahrene, uneinheitliche Reaktion auf den von den Arbeiterkämpfen ausgehenden Druck, die im Wesentlichen allerdings erfolglos war. Die Putschversuche und die Massaker haben weder die italienische KP daran gehindert, Ende der 70er Jahre faktisch Teil des Regierungslagers zu werden, noch den Sozialistenchef Bettino Craxi vom Amt des Ministerpräsidenten ferngehalten (das er von August 1983 bis April 1987 innehatte; Anm.d.Red.). Auch wenn sie es versucht haben, waren es nicht die Bomben, die die Veränderung der italienischen Gesellschaft diktierten.

Kein Komplott des Kapitals, sondern eine Revolte der aufstrebenden Mittelschichten

Wer war es dann?

Giovanni De Luna: Putschismus und Stragismo können nicht als ein erschöpfendes Paradigma der Geschichte jenes Jahrzehnts betrachtet werden. Die tatsächliche Veränderung, das Erdbeben war ein Ergebnis der grundlegenden sozialen und anthropologischen Entwicklung des Landes. Während die Gesellschaft von Konflikten durchzogen war, fand eine Umstrukturierung der Grundstrukturen des Landes statt, was Ende der 70er Jahre allen klar wurde. Das Ergebnis war eine deutliche, sowohl quantitative wie qualitative Verringerung der Arbeiterklasse, eine enorme Zunahme der Dienstleistungen, des Handels sowie des tertiären Sektors und das massenhafte Auftreten einer neuen Mittelschicht.

In jenen Jahren waren 70 Prozent der neuen Formen des unternehmerischen Mittelstandes in der Lombardei beheimatet. Genau diese Klientel ging am Ende des Jahrzehnts eigene Wege und rief neue politische Subjekte wie die heute an der Regierung beteiligte, rechtspopulistische und regionalistische Lega Nord ins Leben und sorgte für den endgültigen Untergang der Ersten Republik. 1979 trat Franco Rocchettas Liga Veneta bei den Europawahlen an und ebnete allen anderen Ligen den Weg. Daneben entstand eine ganze soziale Galaxie von Mittelschichten, der die Lega bald darauf Stimme verlieh. Ich erinnere mich noch genau an die Benommenheit, mit der Turin am 14.Oktober 1980 den Marsch der (angeblich) 40.000 arbeitswilligen Angestellten erlebte, der das Ende und die verheerende Niederlage des legendären 35tägigen FIAT-Streiks bedeutete. Niemand hatte sie in einer Stadt, die vorher nur von Arbeitern und Studenten besetzt war, jemals auf der Straße gesehen.

Wollen Sie damit sagen, dass die Umsturzversuche und die rechte Terrorstrategie ein reaktionäres Nachhutgefecht gegen die Bewegungen jener Jahre war?

Giovanni De Luna: Sie waren eine unkoordinierte und rückständige Antwort darauf, die viele Opfer verursachte, auf der strategischen Ebene allerdings wenig wirkungsvoll war. Auch deshalb, weil sich die eigentliche Auseinandersetzung woanders abspielte, außerhalb des oberflächlichen Konfliktes, das heißt des linken Terrorismus der Roten Brigaden, aber auch der institutionellen Parteien und der Bewegungen. Die wahre Veränderung fand im tiefsten Innern Italiens statt, während unser Teil der Gesellschaft das gar nicht mitbekam.

Dennoch haben die Akteure der Auseinandersetzung der 70er Jahre dafür gesorgt, dass Italien einen großen Schritt nach vorn machte. Wie passen diese beiden Prozesse, die in entgegen gesetzte Richtungen gehen, zusammen?

Giovanni De Luna: Die 70er Jahre erinnern ein bisschen an die berühmte Theorie von Benedetto Croce über den Faschismus als Klammer. Das Resultat der 50er Jahre ist ein hungriges, gieriges Italien, das sich voller Ungeduld in den Konsum von Waren stürzt, die vorher unbekannt oder unerreichbar waren. Ein Italien, das auf dem Weg zu diesem Wohlstandsniveau seine bäuerlichen und regionalen Identitäten verbrannte. Pier Paolo Pasolini kritisierte das, als er das Verschwinden der Glühwürmchen beklagte. Vor dem Hintergrund dieses Italiens entwickelte sich ein starker Drang zum sozialen und politischen Konflikt, der in die Ereignisse der Jahre 1968/69 mündete. Eine Art Antwort des 20.Jahrhunderts, die diesen Veränderungen auf der politischen Ebene gerecht zu werden versuchte.

Es gab ein sehr großes Vertrauen auf die Politik und Engagement in der Politik – der Parteipolitik und der Politik der Bewegungen. Genau diese hyperpolitische Dimension der Mobilisierung endet mit der 35tägigen Besetzung der FIAT-Werke in Turin im September 1980, mit der Kurzarbeit und Massenentlassungen verhindert werden sollten. Ab diesem Moment kommt es zum Rückfluss und erleben die Mittelschichten eine Renaissance. Das gesellschaftliche Engagement geht zurück und der Rückzug in die Familie gewinnt die Oberhand. In diesem prekären Bereich spielt sich die ganze Auseinandersetzung ab

Sie glauben also nicht, dass die P2 gewonnen hat, dass es eine Kontinuitätslinie der Sieger zur Epoche des Terrors gegen die Zivilbevölkerung gibt?

Giovanni De Luna: Durchaus nicht. Die neuen sozialen Subjekte und nicht die Geheimdienste beziehungsweise die Machenschaften, die ihnen zuzuschreiben sind, haben die Dinge verändert. Gesiegt hat die Revolution der Mittelschichten, die sich durch ihren Extremismus der Mitte auszeichnen. Das ist eine Lehre der Geschichte, die auch für den Aufstieg des Faschismus gilt, der kein Komplott des Kapitals, sondern eine Revolte der aufstrebenden Mittelschichten war.

Aber auch die 40.000 Demonstranten mit Schlips und Kragen, die im Oktober 1980 durch Turin zogen und das Ende des FIAT-Streiks forderten, haben am Ende bezahlt. Wurden nicht die meisten von ihnen entlassen?

Giovanni De Luna: Ja, weil jene erste Generation noch mit einer fordistischen Dimension des 20.Jahrhunderts verbunden war, mit dem Kommandoapparat des Großbetriebes. Kurze Zeit später gab es auch in ihrem Innern einen Modellwechsel: von der Fabrikhierarchie zum System der kleinen, mehrwertsteuerpflichtigen Selbständigen in ihren Schuppen und Arbeitszimmern.

Italien gibt es zuviel Erinnerung und zu wenig Geschichte

Kommen wir noch mal zum Problem der Erinnerung zurück, über das wir am Anfang sprachen…

Giovanni De Luna: In Italien gibt es zuviel Erinnerung und zu wenig Geschichte. Wenn eine 29-Jährige glaubt, dass der Anschlag in Bologna von den Roten Brigaden begangen wurde, dann liegt das daran, dass sie über keine Geschichtskenntnisse verfügt. Dieser Mangel an Geschichte resultiert allerdings auch aus dem Fehlen fähiger Institutionen, die in der Lage sind dem Land Wahrheit und Gerechtigkeit zu liefern. Dieses Vakuum hat dazu geführt, dass die Familien der Opfer eine Stellvertreterrolle bekommen und die Aufgabe übernommen haben, für Erinnerung und Gerechtigkeit zu sorgen. Unabhängig von ihren unterschiedlichen politischen Positionen, die man inhaltlich nicht immer teilen kann, handelt es sich um einen positiven Aspekt. Es entsteht so etwas wie eine „tugendhafte Familienorientierung“, die sich vom gleichgültigen und zynischen Rückzug in die Familie unterscheidet, wie er von denjenigen praktiziert wird, die nur ihre Partikularinteressen im Kopf haben – eine in der italienischen Tradition durchaus starke Tendenz. Hier hingegen haben wir es mit einem Versuch zu tun, privates Leid und das Streben nach Gerechtigkeit als eine öffentliche Angelegenheit zu verstehen.

Aber birgt diese, in Italien häufig zu beobachtende Aushilfe für unfähige oder unwillige Institutionen nicht die Gefahr eines Rollentauschs, also dessen was die Juristen „Privatisierung der Justiz bzw. der Gerechtigkeit“ nennen? Besteht nicht die Gefahr, dass die Familienangehörigen zu Schiedsrichtern der juristischen Entscheidungen werden und es dann auch zu einer Privatisierung der Geschichtsschreibung kommt? Nicht wenige Beobachter – gerade auch im linken und linksliberalen Lager – sehen darin etwas, das über die Bereicherung der Meinungs- und Quellenvielfalt weit hinausgeht. Wird hier also nicht eine Privatperson zur Hüterin der rechtmäßigen Erinnerung?

Giovanni De Luna: Zuerst wurde von der Richterschaft verlangt, die Politik zu ersetzen, und jetzt fordert man die Familienmitglieder auf, die Geschichte zu schreiben. Aber weder die [subtext]Signora Gemma Capra noch Licia Pinelli können dieser Aufgabe gerecht werden. Die Geschichtsschreibung ist Sache der gesamten Gemeinschaft und insbesondere der Forscher, der Historiographen. Diese unangemessene Rolle wird von ihnen aufgrund des nicht vorhandenen öffentlichen Raums fähiger Institutionen übernommen, die sich hinter den privaten Erinnerungen verstecken.“

Aber sind Geschichte und Erinnerung ein und dasselbe?

Giovanni De Luna: Die Erinnerung ist immer partiell und unterliegt einer Auswahl. Festzulegen, dass der Shoah-Gedenktag nicht am 16.Oktober, sondern am 27.Januar ist, bedeutet eine sehr präzise Entscheidung zu fällen, die ein Zugeständnis an die Rassengesetze des Faschismus und die Razzia im römischen Ghetto bedeutet. Genauso ist die Wahl des 9.Mai, das heißt des Tages der Ermordung des christdemokratischen Ministerpräsidenten Aldo Moro durch die Roten Brigaden, anstelle des 12. Dezembers, als die (vermutlich von Neofaschisten mit Unterstützung italienischer Geheimdienste gelegte; Anm.d.Red.) Bombe in der Piazza Fontana in Mailand explodierte, die Antwort auf eine ganz bestimmte politische Orientierung. Es bedarf jedoch einer Rückbesinnung auf die historischen (Er-)Kenntnisse. Das Übermaß an privaten Erinnerungen, an Memoiren fördert das Vergessen und nicht das Erinnern. Den Schulen gelingt es nicht mehr geschichtliche Kenntnisse zu vermitteln…

In einem Test habe ich vor zehn Jahren danach gefragt, wie lange die Kommunistische Partei Italiens (PCI) an der Regierung war: 5, 10 oder 30 Jahre. Alle antworteten 30 Jahre, weil sie Berlusconi erzählen hörten, dass die Kommunisten immer an der Regierung gewesen seien. Das ist nicht mal Ignoranz. Das ist der Common Sense, das landläufige Denken, das die Erinnerung durchdringt. Geschichtskenntnisse sind die einzige Möglichkeit, um diesen Common Sense zu kippen. Wir stehen hier vor einem echten bildungspolitischen Notstand. Mit privatem Erinnern hat das nichts zu tun. Die Geschichte ist etwas anderes. Die hat nichts mit Identität zu tun.

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