Sevesos unbekannte Geschichte

Wildcat Nr. 56 – Juli 1991 – S. 28-31 [w56seves.htm]

Arbeiterwiderstand gegen die physische Zerstörung von Menschen und Umwelt im Italien der 70er Jahre

Sergio Bologna / Luigi Mara
[aus: Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts (Hrsg.), Arbeitsschutz und Umweltgeschichte, Köln 1990]

Die Geschichte des Widerstands der Arbeiterklasse gegen die Zerstörung des Menschen und der Umwelt in den 70er Jahren und die damit zusammenhängende Geschichte der kritischen Wissenschaft, der alternativen Medizin und Psychiatrie, in Italien lassen sich am besten an den Erfahrungen einer Betriebsgruppe in der chemischen Fabrik des Montedison-Konzerns in Castellanza – 25 Kilometer von Mailand entfernt – beschreiben.

Bezüglich des Techniker-Anteils an der Belegschaft nahm der italienische Chemie-Sektor einen Mittelplatz zwischen den mit hochqualifizierten Arbeitskräften ausgestatteten Industrien und den Industrien der Massenarbeiter ein. In den chemischen Betrieben war Ende der 60er Jahre der Einfluß der Kämpfe der Mailänder Techniker und der Arbeiter der Autoproduktion (Pirelli, Fiat) entsprechend stark. Für Castellanza spielte die Geschichte der lokalen Kommunisten, die eine »harte« Richtung vertraten, eine wichtige Rolle.

Einige militante Arbeiter waren schon während der 60er Jahre in die noch bestehende »Unfall-Kontroll-Kommission« des Betriebes eingetreten, die nur eine beratende Funktion hatte und in der drei Vertreter der Arbeiter 20 Vertretern der Betriebsleitung gegenübersaßen. Folgende Forderungen wurden von ihnen gestellt:

1. Kontrolle des Gesundheitszustandes der Arbeitnehmer;
2. Überwachung der gesetzlichen Arbeitsschutzmaßnahmen bei den kleinen Fremdfirmen, die für Montedison Arbeiten durchführten;
3. Strafanzeige, wenn diese Unternehmen die Vorschriften nicht beachteten.

Alle diese Forderungen wurden von der Betriebsleitung zurückgewiesen. Wichtig bei diesem ersten gescheiterten Vorstoß war der Versuch, ein Bündnis mit den Leiharbeitern herzustellen.

Als sich 1969 die Kräfteverhältnisse im Betrieb zugunsten der Arbeitnehmer verschoben, stellten die Vertreter des inzwischen neugewählten Betriebsrats neue Forderungen auf: Arzt- und Krankenpflegerdienst müssen an jedem Arbeitstag 24 Stunden zur Verfügung stehen, weil die Fabrik rund um die Uhr lief (vorher war der Arzt nur vier Stunden pro Tag am Ort), und die Tätigkeit des Dienstes müsse unter der ständigen Kontrolle des Betriebsrates stehen.

Ferner wurde die Forderung erhoben, daß das Krankenblatt vom Arzt dem Betroffenen und nicht, wie es üblich war, der Krankenkasse übergeben werden sollte und alle wichtigen klinisch-statistischen Daten auch dem Betriebsrat mitgeteilt werden müßten.

Bis zu diesem Zeitpunkt gingen die Forderungen meist in Richtung systemimmanenter Rationalisierung und Verbesserung.

Der Qualitätssprung kam, als der Betriebsrat selbst die Reorganisation des Arbeitsschutzes übernahm. Voraussetzung dafür war Fachwissen. Mit Unterstützung durch Wissenschaftler, Ärzte und Medizinstudenten wurde die aktuelle internationale Literatur ausgewertet und eine ganze Reihe von Informationen über die in der Produktion entstehenden Schadstoffe gesammelt und unter den Arbeitern verteilt. Zu den wichtigsten Giften wurden Informationskarten angelegt. Die erste dieser Informationskarten betraf das Quecksilber, das in der Melamin-Abteilung in großen Mengen verarbeitet wurde. Die toxikologischen Aspekte und die Symptome der Vergiftung wurden detailliert beschrieben.

Dadurch sollten die Arbeiter zur Selbst-Anamnese und zur Beurteilung der Risiken ihres Arbeitsplatzes befähigt werden. Wissenschaftliche Ausdrücke und Kenntnisse, die früher zur Sprache der Macht und der Entfremdung gehört hatten, wurden nun Selbstschutzinstrumente. Der Objektivität des Kapitals wurde die Subjektivität der Arbeiter gegenübergestellt. Den standardisierten Verträglichkeitsbegriffen, den berüchtigten MAK-Werten (Maximale Arbeitsplatzkonzentration) wurden andere Kriterien nach der Prämisse »Null-Risiko« gegenübergestellt. Das Risiko sollte nicht unter Kontrolle gehalten, sondern einfach abgeschafft werden.

Die MAK-Kriterien sahen maximale Toleranzwerte einzelner Schadstoffe vor, Stoffverbindungen wurden nicht berücksichtigt. Es gibt aber Stoffe, die nur in Kombination schädlich wirken; die Mischung von zwei Schadstoffen innerhalb ihrer jeweiligen Toleranzdosis kann eine unverträgliche Dosis schaffen. Zudem erfassen MAK-Werte nicht die individuelle Situation der Arbeiter. Damit ist nicht nur die psychophysische oder psychosomatische Verfassung gemeint, sondern vor allem die gesamte persönliche Arbeitsbiographie. Für welchen Zeitraum hatte der einzelne Arbeiter Schadstoffe eingeatmet, durch die Haut absorbiert? Wieviele Lärmstunden hatten sein Nervensystem erschüttert? Vor diesem Hintergrund erweisen sich die MAK-Kriterien als fragwürdig; jeder einzelne hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Toleranzgrenzen. Doch wer ermittelt und schreibt diese Geschichte? Oral history kann vielleicht dazu beitragen, nicht jedoch eine nur akademische oral history. Die Arbeiter von Montedison erkannten die Notwendigkeit, eine breite Untersuchung der Belegschaft mit medizinstatistischen Methoden und eine detaillierte Analyse der für jeden Arbeitsplatz existierenden Risikofaktoren anzugehen. Eine neue gesetzliche Regelung bot dazu die Möglichkeit.

1970 wurde in Italien infolge des »heißen Herbstes« das Gesetz Nr. 300 – das sogenannte »Arbeitnehmerstatut« – verabschiedet. Paragraph 9 des Gesetzes lautet: »Die Arbeitnehmer haben das Recht, über ihre Vertretungen die Durchführung der gesetzmäßigen Maßnahmen zur Verhütung der Arbeitsunfälle und der Berufskrankheiten zu überprüfen, und das Recht, die Anwendung aller Maßnahmen zu fördern, die zum Schutz ihrer physischen Integrität und Gesundheit bestimmt sind«.

In dem Montedison-Werk von Castellanza (ca. 1400 Arbeiter) schuf die Belegschaft daraufhin einen eigenen Ausschuß zur Bekämpfung des Gesundheitsrisikos, die Gruppe für Verhütung und Umwelthygiene (Gruppo di prevenzione e igiene ambientale, GPIA), die aus Arbeitern, Technikern und Angestellten der verschiedenen Abteilungen und einigen externen Experten bestand. Die Zahl der Teilnehmer schwankte zwischen 25 und 30; die Initiative war offen für alle Betroffenen und Interessierten. Träger der allgemeinen gewerkschaftspolitischen Verantwortung auf Betriebsebene war aber das Betriebsratskollektiv, das aus 117 Mitgliedern bestand. Es handelte sich um eine basisdemokratische Organisation, die sich weigerte, ein leitendes Führungskomitee zu benennen und diesem – wie es in den meisten italienischen Betrieben üblich war – ihre Machtbefugnisse zu übertragen. Diese Komitees standen unter der Kontrolle der Partei- und Gewerkschaftsbürokratien und gerieten häufig in Konflikt mit den basisdemokratischen, abteilungsnahen Vertretungen der Belegschaft.

Das Betriebsratskollektiv kontrollierte die Arbeit der GPIA. Es stützte sich auf ein Netz von abteilungsnahen Zellen, die sogenannten »homogenen Arbeitnehmergruppen« (Gruppi operai omogeni, GO), die sich aus Personen zusammensetzten, die ähnlichen Arbeitsbedingungen und damit ähnlichen Risikofaktoren unterlagen.

Die 1972/73 vorgenommene Massenuntersuchung aller Arbeiter der Montedison-Werke von Castellanza wurde nicht ohne harte Kämpfe gegen den Widerstand der Betriebsleitung durchgesetzt. Es dauerte 28 Monate, in denen mehrfach gestreikt wurde, bevor der Konzern den Forderungen der Arbeitnehmer entgegenkam. Diese Zeit wurde von der GPIA genutzt, um die Untersuchung so anzulegen, daß weder ein »neutraler« noch ein »befreundeter« Experte sie ohne die entscheidende aktive Beteiligung der Betroffenen hätte durchführen können. Die hinzugezogenen Techniker und Experten mußten dem Erhebungskatalog, der von den Betroffenen nach einer von der GPIA entwickelten Methode selbst aufgestellt wurde, folgen, und nicht umgekehrt. Ein Vertreter der GPIA erklärte auf einer Versammlung: »Der Schlüssel muß immer bei den Betroffenen bleiben«.
Das Register der Umweltdaten

Die Datenerhebung war in verschiedene aufeinanderfolgende Phasen gegliedert:

1. Besichtigung des Arbeitsplatzes durch die GPIA zusammen mit den Abteilungsdelegierten und der homogenen Arbeitergruppe (GO).

2. Die GO redigiert das Register der Umweltdaten, es enthält die genaue Beschreibung der Arbeitsphasen und des Arbeitsplatzes (der mit einer oder mit mehreren Arbeitsphasen übereinstimmen kann, weil der einzelne Arbeiter bei verschiedenen Arbeitsphasen eingesetzt werden kann).

3. Gemeinsame Diskussion zwischen GPIA, GO und Abteilungsdelegierten einerseits und Abteilungsverantwortlichen und Technikern des Betriebslabors für industrielle Hygiene andererseits über das Programm, das alle gefährdenden Faktoren und die Quantifizierung der verschiedenen Risikofaktoren für jede Phase des Produktionszyklus und für die Zahl der Arbeitsstunden umfassen sollte.

4. Dieses gemeinsam aufgestellte Programm wird den Arbeitnehmern der einzelnen Abteilungen vorgestellt und diskutiert.

5. Direkte Erhebungen durch Betriebstechniker und/oder hinzugezogene Experten mit aktiver Beteiligung und unter Aufsicht der Arbeiter der einzelnen Abteilungen, Betriebsratsdelegierten und GPIA.

6. Zwischenbericht mit Daten und Methodenbeschreibung; im Streitfall werden die Erhebungen nach der Methode der GPIA wiederholt; wenn es nötig wird, werden Vertrauenstechniker der GPIA hinzugezogen und vom Konzern bezahlt.

7. Außerordentliche Erhebungen. Wenn Störfälle, Pannen usw. eintreten, werden sofort neue Erhebungen (Fristzeit acht Stunden, sonst wird die Anlage stillgelegt) durchgeführt; es muß berücksichtigt werden, daß Pannen und Störfälle häufig auftreten, wenn die Anlage alt ist, schlecht instandgehalten wird oder wenn zur Steigerung der Produktivität Verfahrensänderungen eingeführt wurden.

Die von der GPIA entwickelte Methode der Datenerfassung förderte ein bisher immer unterdrücktes und nie formalisiertes kollektives Wissen zutage. Ziel der Datenerfassung war es, Vorschläge zur technologischen Änderung der Anlagen bzw. des Produktionsprozesses und der Arbeitsplatzgestaltung auszuarbeiten oder zusätzliche Forderungen in bezug auf schon begonnene Änderungen aufzustellen. Parallel lief das Programm klinischer Erhebungen mit der Feststellung von pathologischen Zuständen, die reversibel erschienen. Die hygienischen und ergonomischen Maßnahmen sollten gemeinsam durchgeführt werden.

Die Ergebnisse der Arbeitsplatz- und der klinischen Erhebungen bildeten das Register der Umweltdaten (registro dei dati ambientali), das jeweils aktualisiert wurde. Jeder Betroffene bekam seine Daten ausgehändigt, eine anonymisierte Kopie davon bekam die GO; damit entstand ein kollektives Wissen und ein für alle zugängliches Informationssystem, das das Recht des einzelnen auf Datenschutz gewährleistete.
Herzleiden und Lärm

Dr. Aldo Sachero und seine Kollegen vom »Zentrum für die Verhütung der Tuberkulose« wurden von der GPIA beauftragt, eine breite klinische Erhebung in Mailand durchzuführen. Dieser Untersuchung unterzogen sich 1346 Personen (98,5 Prozent der Belegschaft). Die Erhebungsstationen wurden innerhalb des Betriebsgeländes eingerichtet, untersucht wurde der allgemeine Gesundheitszustand der Betroffenen anhand von EKG, Urin- und Blutproben. Die Untersuchungen erfolgten während der Arbeitszeit, die GPIA übernahm zusammen mit dem Betriebsrat die praktische Organisation.

Nach einiger Zeit verbot die Betriebsleitung die weitere Durchführung der Untersuchungen auf dem Fabrikgelände. In den Räumen der Camera del Lavoro von Castellanza (Gewerkschaftshaus) wurde daraufhin eine Station für die Untersuchungen eingerichtet. Trotz der nun größeren Probleme bei der Bewältigung der Abwesenheiten der Schichtarbeiter konnte die Untersuchung erfolgreich beendet werden. 180 Fälle von vermuteten Cardiopathien mußten in den Mailänder Labors nachgeprüft werden. Bei dem dritten »screening« wurden 93 Fälle von Herzkrankheiten festgestellt. In dieser letzten Phase der Erhebung weigerte sich die Betriebsleitung, die Arbeiter während der Untersuchungszeit zu bezahlen. Nur dank der Solidarität aller Arbeiter, die eine Selbsthilfekasse einrichteten, konnten auch die letzten notwendigen Untersuchungen zuende geführt werden.

Die Auswertung ergab eine deutliche statistische Korrelation zwischen Herzkrankheiten und Lärm.

Diese Ergebnisse, die von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit registriert wurden, erwiesen sich für eine ganze Reihe kleiner und mittlerer Betriebe des metallverarbeitenden Gewerbes, der Papier- und Lederverarbeitung und Färbereien in der Region von Castellanza als besonders wichtig. In diesen Unternehmen, in denen es keine gewerkschaftliche Organisation gab und die Arbeitsbedingungen häufig sehr gesundheitsgefährdend waren, entstanden ebenfalls Initiativen zur Erfassung von Risikofaktoren, zur Bekämpfung von Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz und seiner Umstrukturierung nach ergonomischen Kriterien.

Die Behörden erarbeiteten zusammen mit den Betroffenen Projekte zur Reorganisation des gesamten betrieblichen Gesundheitswesens, die zum Teil dann von den Gemeindeverwaltungen übernommen wurden.

In der ganzen Region entwickelte sich ein Netzwerk von Initiativen, die hauptsächlich von Betriebsdelegierten und Angehörigen des Gesundheitswesens getragen wurden. So wurde das Bewußtsein von den Risiken der Industrieproduktion auch außerhalb der Fabrikmauern verbreitet. Es war eine klassenbewußte ökologische Bewegung. Ausbildungskurse, Informationsmaterial und Beratung wurden von Fabrikarbeitern, Technikern und sympathisierenden Experten zugunsten der betroffenen Bevölkerung als alternative soziale Dienstleistung angeboten.

Besondere Bedeutung erlangte im Rahmen dieser Zusammenarbeit die epidemiologische Untersuchung über die Arbeiter, die mit CMME (Chlormethylmethyläther) in Berührung gekommen waren. Der Betriebsrat des Montedison-Werks in Castellanza und die GPIA hatten über Fachliteratur von der krebserregenden Wirkung dieser Substanz erfahren. Um persönliche Daten über die Betroffenen sammeln zu können, wurden ungefähr tausend Gemeindeverwaltungen angeschrieben. Nur zwei antworteten.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden dem Weltkongreß über Krebsforschung in Florenz (1973) vorgestellt. Die Ergebnisse der Massenuntersuchung zogen Veränderungen des Produktionsprozesses nach sich. So mußte das krebserregende Monomer Vinylzyanid in einem geschlossenen Kreislauf hergestellt werden.
Die Redaktionsgruppe von »Sapere«

Diese und andere Ergebnisse hätten die Arbeiter des Montedison-Werks und der anderen Betriebe der Region nicht erreichen können ohne einen ständigen Kontakt- und Informationsaustausch mit Fachleuten, die bereit waren, das Fachwissen der Arbeiter zu akzeptieren und anzuerkennen – ein in der wissenschaftlichen Zunft nicht häufiger Fall. Bevorzugte Gesprächspartner waren die Fachleute, die sich um die Redaktion der 1972 gegründeten Zeitschrift »Sapere« gesammelt hatten.

Das Projekt der neuen »Sapere« beschrieb der Herausgeber Guilio Maccacaro wie folgt: »Die Initiative konzentriert sich auf ein einziges Thema: Wissenschaft und Macht. Die behauptete Macht des Kapitals und die geforderte Macht der Arbeiterklasse. Die Wissenschaft als Multiplikator der ersten und als Befreiungsfaktor der zweiten. […] Wir müssen denen das Wort geben, die wegen der Wissenschaft sterben, und denen, die – bewußt oder unbewußt – durch die Wissenschaft sterben. Wir müssen das politische Primat des Kampfes der ersten anerkennen; nur dieser Kampf kann Vereinheitlichungsmoment der Befreiung der zweiten werden.«6

Anhand dieser Prämissen skizzierte Maccacaro Methode und Inhalte der Arbeit der Redaktionsgruppe, die aus Leuten bestand, »die schon an verschiedenen Stellen einen Beitrag zu dieser Debatte leisten; es handelt sich nicht darum, ihnen einen gemeinsamen Ort für Diskussionen zu geben, sondern eine kollektive Arbeitsweise zu schaffen, bei der Wechselwirkungen entstehen.«

Das bestehende Netzwerk von Wissenschaftlern, Dozenten, Angehörigen des Gesundheitswesens, Sozialarbeitern usw. erweiterte sich schnell, dem Ansatz der Initiative entsprechend stießen zu der Redaktionsgruppe Wirtschaftswissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Historiker, Juristen und Politologen. Als Chefredakteur holte sich Maccacaro einen Medienspezialisten, Giovanni Cesareo, der jahrelang bei der Zentralredaktion der Tageszeitung der KPI »L‘Unità« tätig war. Das Problem der Sprache, der Vermittlung war für Maccacaro entscheidend, auch wenn er ausdrücklich keine populärwissenschaftliche Zeitschrift machen wollte.

Die Mehrheit der Redaktionsmitglieder bestand aus bereits etablierten Intellektuellen. Obwohl die Zeitschrift gegen den Strom schwamm, scharfe Kritik an der öffentlichen Verwaltung, der Regierung und der Opposition (KPI und Gewerkschaft) übte, unterstützte jedes Mitglied der Redaktion diese sonst als »linksextremistisch« gebrandmarkte Einstellung. Natürlich war die Zeitschrift nicht linksextremistisch, sie war nur realistisch und gut informiert. Wenn man aber bedenkt, wie vorsichtig sich sonst auch aufrichtige Wissenschaftler ausdrücken, drängt sich der Schluß auf, daß »Sapere« das Produkt eines erstaunlichen Nonkonformismus in der italienischen Kultur war. Sie galt auch als ein Indiz für den großen Einfluß des »operaistischen« Denkens auf italienische Intellektuelle in den 70er Jahren. Es muß aber gleichzeitig berücksichtigt werden, daß damals die Reform des ganzen Systems der Krankenversicherung und des Gesundheitswesens zur Debatte stand.

Hier nur ein kurzer Überblick über die Themen, die »Sapere« in den zehn Jahren ihrer Existenz (1972-1983) behandelt hat: 1973 nach der Ölkrise wurde das Thema Energie mit der Anti-Atom-Kampagne in Zusammenhang gestellt; mehrere Sondernummern wurden dieser Problematik gewidmet. »Sapere« wurde das Organ der fundierten Opposition gegen das Atomprogramm der Regierung, das viele Befürworter auch bei kommunistischen Physikern besaß.

1974 trat neben das Thema »Kernkraftwerke« die kritische Analyse der italienischen Chemie-Industrie. Dieser Themenbereich wurden unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet: Die Erfahrungen der Arbeiter und Techniker von Castellanza, Porto Marghera und anderen großen chemischen Betrieben lieferten die Basis für eine aktuelle Dokumentation der ökologischen und gesundheitlichen Schäden, die die chemische Industrie in Italien verursacht hatte; ähnliche Dokumentationen wurden über die internationale Produktion von Pharmazeutika, über die Kampagne gegen bestimmte pharmakotherapeutische Methoden und die Organisation des betrieblichen Gesundheitswesens veröffentlicht. Diese Untersuchungen über die chemischen Industrie leisteten einen wichtigen Beitrag zur Offenlegung der Risiken dieser Industrie. Viele Berufstätige, Gewerkschafter und öffentlich Bedienstete, die später direkt oder indirekt mit der Katastrophe von Seveso konfrontiert wurden, haben die Analysen von »Sapere« bestätigt und haben ihr »alternatives Wissen« anwenden können.8
Sevesos unbekannte Geschichte

Viele Veröffentlichungen informieren über diese Öko-Katastrophe, die der von Tschernobyl vorangegangen ist.9 Dabei wird jedoch die Rolle des »Wissens der Arbeiterklasse« entweder total verschwiegen oder ungenügend analysiert.

Die Dioxin-Wolke ging von dem Reaktor der Abteilung B der Fabrik ICMESA am Samstag, dem 10. Juli 1976 gegen 12.30 Uhr, aus. Die Produktion lief noch zehn Tage weiter, bis endlich von der Betriebsleitung zugegeben wurde, daß eine sehr gefährliche Substanz aus dem Reaktor ausgetreten sei und die Gegend verseucht sein könne. Während dieser Tage gab es ein Massensterben von Tieren aller Art, und viele Menschen zeigten gesundheitliche Beeinträchtigungen. Nach den ersten Nachrichten hatten Mitglieder der GPIA von Castellanza, das etwa 50 Kilometer von Seveso entfernt liegt, versucht, mit Arbeitern der ICMESA Kontakt aufzunehmen. Die Angst der Arbeiter bildete jedoch eine Barriere gegenüber Außenwelt. Nur mit großer Mühe und Vorsicht gelang es den Leuten von Castellanza, zunächst unzusammenhängende Informationen zu sammeln und zu einem Mosaik zusammenzufügen. Das Ziel war zu erfahren, was in dem Reaktor passiert war und warum, was und mit welchen Verfahren produziert wurde, welche Substanzen kombiniert wurden und welche Störfälle bei solchen Verfahren eintreten können, damit der »sehr gefährlichen Substanz« ein Name gegeben werden kann. Nachdem die Barriere des Schweigens gebrochen war, bestand die größte Schwierigkeit in dem mangelnden Wissen der Betroffenen. Es zeichnete sich ein dramatisches Bild der Arbeitsbedingungen bei der ICMESA ab. »Wenn eine Birne der Beleuchtungsanlage unserer Abteilung kaputt war«, erzählte ein ICMESA-Arbeiter, »mußte man erstmal Dampf unter Druck austreten lassen, um die giftigen Rauchwolken, die sich ständig unter dem Dach sammelten, zu entfernen, bevor einer von uns mit einer Leiter die Birne wechseln durfte«. Die Fluktuation der Arbeiter war sehr hoch, und sie mußten ständig die Abteilungen wechseln, so daß kein »Gedächtnis« und nur wenig Wissen über den Produktionsprozeß entstehen konnte. Vor allem durften sie keine Fragen stellen. Drohungen und »schwarzer Lohn« waren die Mittel der Betriebsleitung, um die Komplizenschaft der Arbeiter zu gewinnen. Das alles geschah in einem Land und in einer Zeit mit einer beispielhaft entwickelten, betriebsnahen gewerkschaftlichen Organisation. ICMESA gehörte dem Konzern Hoffmann-La Roche. Lukas Hoffmann, einer der größten Aktionäre, war stellvertretender Vorsitzender des World Wildlife Fund (WWF). Die ICMESA war eine kleine Fabrik: 153 Arbeiter und drei leitende Angestellte, ein Drittel der Arbeiter war über 55 Jahre alt, viele hatten bereits gesundheitliche Schäden in anderen Fabriken erlitten und sahen die Einstellung bei ICMESA als letzte Chance an, ihre Rente abzusichern. Der Unfall ereignete sich an einem Samstag, als in dem Betrieb nur ein paar Leute der Instandhaltung und einige Leiharbeiter anwesend waren.

Zufällig hatte ein Mitglied der GPIA von Castellanza in einem ähnlichen »multipurpose«-Reaktor gearbeitet und konnte aus den bruchstückhaften Zeugnissen der Arbeiter von ICMESA durch gezieltes Fragen rekonstruieren, was passiert sein könnte. Dozenten und wissenschaftliche Mitarbeiter der Fakultäten für industrielle Chemie und Ingenieurwesen prüften alle Angaben nach. Das Interesse galt der Frage, ob die Betriebsleitung die vorgesehenen Abläufe des Produktionsprozesses genau eingehalten hatte. Es stellte sich heraus, daß die ICMESA bestimmte Phasen des Produktionszyklus des Trichlorphenols übersprungen hatte, um die Produktivität zu steigern. War darauf die esothermische Reaktion zurückzuführen, die Dioxin erzeugt hatte?

Während dieser mühseligen wissenschaftlichen »oral history«-Arbeit hatten die Arbeiter der ICMESA und des Montedison-Werks von Castellanza zusammen mit einem Teil der betroffenen Bevölkerung und vielen Experten des Redaktionskollektivs von »Sapere« ein »comitato tecnico-scientifico popolare« (technisch-wissenschaftliches Volkskomitee) gegründet, um fundierte Information zu vermitteln, jede Maßnahme der öffentlichen Behörden nachzuprüfen und eventuell alternative Vorschläge zu entwickeln.

Viele Ärzte und Sozialarbeiter, die mit diesem Komitee sympathisierten, leisteten in den ersten Wochen, in denen totale Konfusion herrschte, freiwillige und wichtige Basisarbeit. Diese war umso wichtiger, als die Behörden sich lediglich von den Informationen, die ICMESA veröffentlichte, leiten ließen. Erwähnenswert ist besonders die Rolle der im April 1989 an Krebs gestorbenen Journalistin Neva Agazzi Maffii, die als erste eine wissenschaftlich kritische Dokumentation über Dioxin erstellt und diese den Betroffenen sowie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Trotz dieser wertvollen Arbeit blieben alle Experten, Wissenschaftler, Ärzte und Sozialarbeiter des Volkskomitees vom staatlichen Krisenman-agement ausgeschlossen. Die Regierungsparteien, vor allem die Democrazia Cristiana, und die Behörden griffen nicht nur mit großer Verspätung ein (die Evakuierung eines Teils der Bevölkerung begann erst zwei Wochen nach der Katastrophe), sondern ihre Notmaßnahmen vergrößerten noch die Schädigung der Umwelt und der Bevölkerung.

Im Dezember 1976 erschien die Sondernummer von »Sapere« zum Thema Seveso, in der die gesamte Gegeninformation veröffentlicht und erstmals der Produktionsablauf der ICMESA detailliert beschrieben wurde.

Giulio Maccacaro bezeichnete in seinem Leitartikel die Katastrophe von Seveso als »un crimine di pace« (Friedensverbrechen). Dieser Artikel sollte eine Art politisches Testament werden, da Maccacaro einige Wochen nach dem Erscheinen starb. Die Zeitschrift setzte ihre Arbeit noch bis Anfang 1983 fort. Jedes Jahr widmete »Sapere« eine Nummer der Fortsetzung der Geschichte von Seveso, um zu dokumentieren, wie dem großen Verbrechen eine ganze Reihe von kleinen und großen Versäumnissen folgten. Die periodische Wiederaufnahme des Falls Seveso entsprach nicht nur dem Motto »Nicht vergessen!«, sondern auch der Notwendigkeit, langfristige Veränderungen des Gesundheitszustandes der Betroffenen zu dokumentieren.

Als es die Zeitschrift nicht mehr gab, wurden auch die Betriebsleitung und der Konzern nicht mehr in Verantwortung genommen.

Der Prozeß gegen die Verantwortlichen zog sich jahrelang hin und endete 1987 mit einem fast allgemeinen Freispruch. Trotz dieser Niederlage bleibt Seveso ein Meilenstein des ökologischen Bewußtseins unserer Zeit und ein Ansatzpunkt der internationalen Gesetzgebung für die öffentliche Kontrolle der Herstellung gefährlicher Produkte.
Die Veränderung der Instandhaltungsarbeiten und der Kampf gegen das Leiharbeitersystem

Der Unfall von Seveso hat die These bestätigt, daß ohne eine bewußte und autonome Organisation der Arbeiterklasse die Gefahr von gesundheitlichen und ökologischen Schäden bei der Produktion gefährlicher Stoffe größer wird und daß Selbstschutz auf seiten der Arbeiter Verhütung des Risikos für die Umwelt bedeutet. Zum Selbstschutz brauchen die Arbeiter vor allem kontinuierliche umfassende Informationen. Dies kann auch in gut organisierten Betrieben wie in Castellanza sehr schwierig werden, wenn die Firma immer größere Teile des Produktionszyklus dezentralisiert oder von verschiedenen Leiharbeiterfirmen durchführen läßt.

Wie bei anderen chemischen Betrieben in Italien stand auch bei dem Montedison-Werk von Castellanza der festen Belegschaft eine große und immer schwankende Zahl von Leiharbeitern gegenüber. Sie führten Instandhaltungs-, Reparatur- und Reinigungsarbeiten durch und wechselten häufig. Sie wurden – wie die Gruppe von Castellanza feststellte – in den Armenhäusern oder den Hauptbahnhöfen großer Städte rekrutiert. Sie erhielten keine Ausbildung, und niemand warnte sie vor den bestehenden Gefahren. Sie kamen und gingen ohne Kontakte mit der Stammbelegschaft, so daß sie nicht selten auch die Rolle der Streikbrecher spielten. Ihre gesundheitliche Gefährdung war groß. So stellte die GPIA zum Beispiel fest, daß diejenigen, die die Reinigungsarbeiten der inneren Reaktorleitungen für die Herstellung von Formaldehyd durchführen mußten, von herunterfallenden giftigen Rückständen des Verarbeitungsprozesses gefährdet wurden. Daher wurde der Betriebsleitung der Vorschlag gemacht, diese Gefahr durch eine einfache mechanische Einrichtung abzuwenden. Das zeigt die solidarische Haltung der Stammbelegschaft den Leiharbeitern gegenüber, eine Haltung, die sich in der Verteilung von Informationsmaterial über Sicherheitsprobleme fortsetzte und bis zum Streik führte. Es wurde durchgesetzt, daß diese Arbeiter in der Betriebskantine essen und die ärztliche Station in Anspruch nehmen konnten. Um den Widerstand der Betriebsleitung gegen diese Forderungen zu brechen, kauften die 117 Betriebsratsmitglieder mit Geldern der Selbsthilfekasse Essensmarken, verteilten sie unter diesen Arbeitern und bedienten sie am Tisch in der Mensa. Mehrmals wurden die Obleute der Leiharbeiterfirmen wegen der gesetzwidrigen Rekrutierungsmethoden vom Betriebsrat bei der Arbeitsjustiz oder bei dem Arbeitsinspektor angezeigt. Diese Initiativen basierten nicht allein auf menschlicher und klassenspezifischer Solidarität. Da die Arbeiten, die die Leiharbeiter ausführten, besonders risikoträchtig waren, hing von ihrer richtigen Durchführung die Sicherheit aller Arbeiter ab. Die Geschichte der chemischen Industrie ist die Geschichte von Unfällen, die sich im Laufe von Instandhaltungsarbeiten ereignet haben.

1978 spitzte sich die Auseinandersetzung mit der Betriebsleitung zu, weil eine Reduzierung der festen Belegschaft der Instandhaltungsschichten geplant war.10

Die damals gewählte Kampfform war der »umgekehrte Streik« (sciopero alla rovescia): Die feste Belegschaft übernahm gegen den Willen und die Arbeitsplanung der Betriebsleitung die Instandhaltungsarbeiten, die sie plante und durchführte.

Es sollte der letzte wichtige Kampf gegen die Ausgliederungstendenzen vor der Periode der großen Massenentlassungen sein. Entscheidend wurde die radikale Wende in der Politik der KPI und der Gewerkschaften. Seit 1976 waren die Aktionen und die Anschläge der bewaffneten Gruppen in Italien häufiger und blutiger geworden. In den Reihen der KPI und der Spitze der Gewerkschaft entwickelte sich die Bekämpfung des »roten Terrors« zur wahren Besessenheit. Die KPI-nahen Richter führten die Verhaftungskampagne von 1979, die sich hauptsächlich gegen Intellektuelle und Dozenten richtete, die der »operaistischen« Richtung angehörten. Das war jedoch nur der erste Schritt. In einem zweiten Schritt kamen KPI und Gewerkschaftsführung zu der Überzeugung, die basisdemokratische Organisationen der Arbeiter – die Betriebsräte – mit ihren »harten« Kampfformen seien Motor der sozialen und antikapitalistischen Gewalt und Rekrutierungsfeld des Terrorismus.

Aufgrund dieser Beurteilung erteilte die Gewerkschaftsführung ihre Zustimmung zu den Ausgliederungsplänen der großen Konzerne wie Fiat und Montedison und zu den Säuberungsaktionen gegen alle militanten Arbeiter. Die Entlassungslisten wurden nach gesundheitspolitischen Kriterien aufgestellt: Betroffen waren durch die Arbeit Verschlissene und Aktivisten. Eine ganze Generation von Arbeiterkadern, auch diejenigen, die sich besonders um die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen gekümmert hatten, fielen der Säuberung zum Opfer.

In den folgenden Jahren wurde das Thema Arbeitsschutz von den italienischen Gewerkschaften nicht mehr aufgegriffen. Diese Wende manifestierte sich auch in der chemischen Industrie. In Castellanza wurde der Kern der Gruppe, die die Initiative gegen das Gesundheitsrisiko und gegen die physische Zerstörung der Menschen getragen hatte, 1982 entlassen. Die Gewerkschaft unterstützte die vom Betriebsratskollektiv mit der vollen Zustimmung der Belegschaft beschlossenen Abwehrkämpfe nicht mehr und schloß die basisdemokratische Organisation der Arbeiter aus ihren Reihen aus. Trotzdem wurden die Entlassungen vom Arbeitsrichter für ungültig erklärt, und die Betroffenen durften wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Das Wechselspiel zwischen Entlassung und der vom Arbeitsrichter angeordneten Wiedereinstellung wiederholte sich mehrmals.

An die Stelle der vielen Leiharbeiterfirmen für die Instandhaltungsarbeiten trat die der roten Genossenschaftszentrale angehörende Manutencoop (Cooperativa di manutenzione, Genossenschaft für Instandhaltungsarbeiten), die einen Teil der früheren Leiharbeiter als »Assoziierte« eingliederte, um sie dann 1984, als sich die sozialpolitische Situation wieder beruhigt hatte, zu entlassen. Alle Vorteile, die die Leiharbeiter in Castellanza durch die Unterstützung der Stammbelegschaft gewonnen hatten, sind inzwischen verlorengegangen. Ende 1988 gab es im Montedison-Werk nicht weniger als 72 Leiharbeiterfirmen.

Als Folge dieser Umstrukturierung, die es in ähnlicher Form auch in anderen Betrieben gegeben hatte, nahmen in den chemischen Fabriken in den 80er Jahren die schweren Unfälle und Umweltschäden wieder zu.

Der Kampf gegen das von chemischen Anlagen ausgehende Risiko hat daher einen neuen Aufschwung genommen. Die Akteure sind dieselben geblieben, hingegen sind die Rollen anders verteilt. Anfang 1989 gab es drei große Konfliktzentren:

* Massa Carrara, hier hatte ein Montedison-Werk jahrelang Pestizide gelagert und das ganze Gebiet verseucht. Obwohl sich bei einer Volksabstimmung die große Mehrheit der Bevölkerung für eine Schließung des Betriebes ausgesprochen hatte, weigerte sich das Werk, die Produktion einzustellen.
* Das Dorf Cengio im Bormida-Tal (Piemont), in dem ein weiteres Montedison-Werk für Farbenproduktion das Fluß- und Grundwasser verseucht und einen Teil der Agrikultur zerstört hatte. Die Bevölkerung, unterstützt von ihren Gemeindeverwaltungen und der lokalen Kirche, verlangte die Schließung des Betriebes.
* Manfredonia (Apulien) an der südlichen Adriaküste; hier hatten sich in den letzten Jahren mehrere schwere Unfälle in einem chemischen Betrieb ereignet. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist gegen den Bau eines neuen Kraftwerks aktiv geworden.

In allen diesen Zentren der Auseinandersetzung stellt sich die Chemie-Gewerkschaft mit einem Teil der Arbeiter gegen die Kritiker. Die neue grüne Bewegung sieht darin eine Bestätigung ihrer These, daß die Arbeiterklasse reaktionär sei. Tatsächlich ist die momentane Spaltung zwischen Ökologie- und Arbeiterbewegung das Ergebnis der großen Säuberungskampagne Anfang der 80er Jahre.

Nachdem das Betriebsratskollektiv nicht mehr von der Gewerkschaft anerkannt ist, hat sich in Castellanza ein Koordinationskomitee der Arbeiterinnen und Arbeiter des Montedison-Werks gebildet, das die organisatorische Arbeit mit der vollen Unterstützung der Belegschaft weiterführt. Auch der Kern der GPIA ist intakt geblieben und weiter aktiv. Von seinen letzten Initiativen seien drei genannt:

1. Die Erstellung einer detaillierten Dokumentation der Arbeits- und Gefahrenbedingungen in bestimmten Abteilungen des Betriebes mit genauer Benennung der Verantwortlichen und Vorschlägen für Umstrukturierungen der Anlagen (9. Dezember 1988).
2. Die Untersuchung der Vergiftung von Trinkwasserreservoirs im Gebiet von Castellanza (13. März 1989), deren Ergebnisse als Warnung und Aufforderung zu durchgreifenden Notmaßnahmen an alle zuständigen Behörden verschickt wurden.
3. Das von den Experten in Castellanza mitkonzipierte Projekt für die Dekontaminierung des Bodens, für die Produktkonversion des Betriebes und für die Umschulung der Arbeiterschaft in Massa Carrara

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