zum Fiatbuch von Revelli

Wildcat Nr. 57 – Oktober/November 1991 – S. 20-22 [w57bolog.htm]

Das Wildcat-Kollektiv bringt im Herbst (entgegen der ursprünglichen Planung) als TheKla 15 ein Buch über die Geschichte der Arbeiterkämpfe bei FIAT heraus. Es beginnt mit den Erfahrungen der Süditaliener, die Ende der 50er und Anfang der 60er in den Norden gehen, beschreibt, wie sie zu den Protagonisten des »Heißen Herbstes« 1969 werden, wie sie in der ersten Hälfte der 70er Jahre die riesige Fabrik praktisch in der Hand haben. Dann kommt der Gegenangriff des Unternehmers: immer mehr Technologie wird aufgefahren, Ende 1979 werden zum ersten Mal ArbeiterInnen gekündigt, schließlich kündigt FIAT im September 1980 knapp 15 000 Entlassungen an. Die Arbeiter organisieren Demos, besetzen die Tore, streiken. Aber nach 35 Tagen organisieren die Kapos eine Demo durch Turin, die als »Marsch der 40 000« in die Geschichte eingehen sollte. Sie fordern das Ende des Streiks, das »Recht auf Arbeit«. Am Tag darauf unterschreibt die Gewerkschaft das Abkommen, das »Kurzarbeit zu null Stunden« für 23 000 ArbeiterInnen vorsieht. Damit geht ein ganzer Kampfzyklus zu Ende. Im letzten Kapitel (das 1988 geschrieben wurde) erfahren wir einiges über die 80er Jahre: wie die letzten Avantgarden mit hohen Abfindungen aus der Fabrik gedrängt werden, wie die Technologie Arbeiterforderungen »befriedigt« und gleichzeitig angreift.

Wir bringen das Buch raus, weil es uns helfen kann, die Klassenkämpfe von heute (und morgen) besser zu verstehen: weil es auch die inneren Grenzen des letzten Kampfzyklus aufzeigt. Es ist zu einfach und politisch tödlich, ein Idealbild der tollen Kämpfe in den 60ern und 70ern zu malen und deren Niederlage vollständig auf »die Repression«, den »technologischen Gegenangriff« usw. zu schieben. In dem Buch finden wir viele Hinweise darauf, daß die Kämpfe schon vorher an ihre inneren Grenzen gestoßen waren, daß Widersprüche in der Klasse deutlich geworden waren usw. Hier konnte das Kapital ansetzen.

Sergio Bologna hat in der Nr. 1-2/1990 der Zeitschrift »Movimento Operaio e Socialista« das in Italien erschienene Buch gelobt und es gleichzeitig verrissen. Seine Rezension drucken wir im folgenden stark gekürzt ab. Er hat natürlich Recht: es ist politisch ein Skandal, daß ein Genosse von Primo Maggio sich heute hinstellt und so tut, als hätte er da nie mitgemacht und als hätte es den Notstand in Italien nie gegeben. Und genau so hat er Recht mit seiner Kritik des Turiner Intellektuellenlasters, sich für den Nabel der Welt zu halten. Aber für uns sind beide Macken des Buchs eine Art Glücksfall: Wir erfahren viel mehr über die inneren Probleme im Klassenkampf, und wir erleben im Brennpunkt FIAT die wesentlichen Etappen und Erfahrungen in den Klassenkämpfen im Italien der 60er und 70er Jahre.

Noch kurz zur Erklärung: Primo Maggio war eine Zeitschrift, bei der sowohl der Autor des Buchs als auch Sergio Bologna mitgemacht haben, die sich seit Ende der 60er Jahre sehr intensiv und umfassend mit der italienischen Klassengeschichte von unten befaßt hat. Mit »Notstand« meint Sergio die vielen tausend politischen Gefangenen und die Notverordnungen in Italien nach den Verhaftungswellen seit dem 7. April 1979.
Zum Buch »Lavorare in Fiat« von Marco Revelli

Ich werde mich nicht damit aufhalten, den Schreibstil zu loben, mit dem es gelungen ist, aus jahrelanger geduldiger und bescheidener Arbeit ein aktuelles Instant-Buch zu machen. Noch will ich mich groß auslassen über den geschickten Wechsel zwischen lebendigen Zeugnissen, Zahlen und prozentualen Vergleichen (die kommunikative Potenz der Zahlen!) und analytischen Beobachtungen. Ich möchte lieber den Wert einiger analytischer Abschnitte hervorheben und aus ihnen den Kern des historischen Urteils herausschälen.

Erstens: Zentral ist bei FIAT ein savoyisch-militärisches Modell, die Disziplin, die hierarchische Ordnung, das Kommando. Ein Ancien Regime, das gekrümmte Rücken, aber auch Sansculotten hervorbringt. Ein militärisches Modell, das nicht in der Lage ist, das Neue im subjektiven Verhalten der Menschen gegenüber der bestehenden Ordnung aufzunehmen und zu beherrschen.

Zweitens: Mit flexibler Automatisierung und Robotisierung wird dasselbe Modell nochmal vorgeschlagen als Synthese zweier hierarchischer Gesellschaftsformen, nämlich der savoyischen und der japanischen. Übergang von der Amerikanisierung zur Japanisierung, vom rein ausführenden Arbeiter des Fordismus zum »sich einbringenden« Arbeitnehmer der Qualitätszirkel.

Drittens: Nach dem »Heißen Herbst« errichtet die Arbeiterklasse »eine Stadt ganz für sich mit eigenen Rechten und mit eigenen Vorstellungen von Ehre und Würde«. Sie weigert sich, in die Stadt der bestehenden Rechte einzutreten und sich mit deren Regeln abzufinden, womöglich einige Ergänzungen einzubringen. Dieses historische Urteil, auf das Revelli bei seiner immer gründlicheren Beschreibung der Arbeitercommunity oft zurückkommt, scheint mir sehr wichtig zu sein als Gegengewicht zur verrückten Vorstellung der »individuellen Rechte«, die sich heutzutage in der Gewerkschaft breitmacht. Demgegenüber basierte die Demokratievorstellung der gesamten Tradition der Arbeiterbewegung immer auf dem Begriff von »gesellschaftlichem Kollektiv« und der Vorstellung der Assoziation.

Viertens: Die in den harten (50er) Jahren geformten Gewerkschaftskader verstehen den egalitären Lohndruck nicht. Daß der Egalitarismus der Gewerkschaftskultur immer fremd war, haben schon viele Leute offengelegt, aber Marco Revelli hebt richtigerweise hervor, wie unempfänglich die Gewerkschaft für den Lohndruck tout court ist und setzt das in Verbindung zu ihrem Unverständnis für die neuen »existentiellen« Dimensionen der Befreiung durch den Kampf: der Lohn gesehen als Wahlmöglichkeit zwischen Mehrarbeit und Arbeit, nicht mehr als »gerechte« Entlohnung für Leistung oder Qualifikation.

Fünftens: Die Entwicklung dieser neuen existentiellen Dimension und dieser neuen Sicht des Lohns in der Destrukturierung (Auflösung der Struktur) der »Fabrikzeit«, in der Befreiung der Zeit (»So erscheint zum ersten Mal eine hauchdünne, zerstückelte, informelle freie Zeit der Fabrik»). Natürlich ist das ein individueller Prozeß, der sich sogar gerade in der Zeit akzentuiert, in der Revelli den Rückzug der Arbeiter von Mirafiori aus der »öffentlichen Sphäre« feststellt, und der seinen höchsten Ausdruck in den Verhaltensweisen der Jugendlichen von ’77 finden sollte; aber dieser Prozeß wurde nur möglich durch einen geschlossenen kollektiven Weg und durch die Legitimation der neuen individuellen Verhaltensregeln (Absentismus) von seiten der Arbeitercommunity.

Sechstens: Die Konstituierung eines neuen Gesellschaftsvertrags 1975 mit der Anerkenntnis, daß die Komplexität der Situation eine Veränderung in der Unternehmensphilosophie erforderte im größeren Rahmen der Veränderung der Spielregeln auf nationaler Ebene, einer Ausweitung der Leistungen des Sozialstaats. Revelli arbeitet die Erneuerer-Rolle von Agnelli an der Spitze des Unternehmerverbandes und das plötzliche Nachlassen des Drucks auf die Arbeitskraft in der Fabrik heraus. Es beginnt ein Zwischenspiel von »Respekt für die Menschheit« seitens der FIAT-Gruppe, das im Widerspruch zur gesamten Tradition und der späteren Entwicklung steht und in der Einstellung von 10 000 Jugendlichen aus der 77er-Bewegung gipfelt – unter ihnen viele Frauen.

Die Analyse der Subjektivität und der kollektiven Verhaltensweisen der Generation der Neu-Eingestellten stellt den besten Teil des Buches dar. Die 77er Bewegung war immer ein »geheimnisvolles Objekt« für unsere Kultur, ihre Subjekte empfanden wir als »Aliens«. Revelli ist der erste, der dieser Generation gerecht wird, was vielleicht dadurch erleichtert wird, daß er ihre Bewegungen in einer Umgebung – der Großfabrik – verfolgt, die der Form nach für sie feindlicher und fremder ist. (»Wenn auch in der unzusammenhängenden Ausdrucksweise der Ideen, für die es noch keine Worte gibt, drückten die Neueingestellten die substantielle Weigerung aus, diese Reduzierung des eigenen Lebens und der eigenen Zeit auf eine Ware zu akzeptieren, die am Anfang des Arbeiterkampfs selbst gestanden hat. Und sie stellten implizit die viel weitergehende Forderung nach einem Sinn der eigenen produktiven Tätigkeit, und nach Autonomie.«)

Ein gutes Viertel des Buchs ist der Niederlage und ihrem Preis gewidmet. Auch, ich würde sogar sagen: vor allem, auf diesen Seiten gelingt es Marco Revelli, den Sinn einer kollektiven Geschichte, einer einstimmigen Geschichte wiederzugeben; wahrscheinlich ist es wiederum sein Schreibstil, der ihm das erleichtert, in Wirklichkeit glaube ich handelt es sich tatsächlich um ein anderes »historisches Gespür« dessen, der die Subjektivität erforscht und dem es paradoxerweise gelingt, aus den individuellen Geschichten ein gesellschaftliches Mosaik zusammenzusetzen. In diesem Sinn bricht Revelli mit einer langen Tradition der Turiner Arbeitergeschichte als »Geschichte der Parteimitglieder«, als Glieder einer organisierten Kette, in der immer alles auf die Parteiform, auf eine höhere institutionelle Ebene, auf eine politische oder gewerkschaftliche Synthese verschoben wurde. Endlich finden wir hier die Community, das Kollektiv; nicht die Partei, sondern die soziale Gruppe. Hier sehen wir, daß der Post-Kommunismus, von dem heute im Gefolge der Krise der Regimes im Osten so viel die Rede ist, schon von denjenigen breit praktiziert wurde, die in den 70er Jahren den Mut hatten, sich mit dem Neuen zu messen. Hier sehen wir, daß es möglich ist, Kultur und Politik hervorzubringen – im vollen Sinn historisches Subjekt zu sein – außerhalb der Denkmuster, die uns die institutionelle Linke überliefert hat.

Das Buch von Revelli hat aber auch schwerwiegende Grenzen. Vor allem die eines gewissen Provinzialismus. Auf Seite 27 steht eine bezeichnende Aussage: »Die Idee vom »Nabel der Welt« [zieht sich] wieder aus Turin zurück und wartet darauf, sich von neuem wer weiß wo zu materialisieren.« Operaisten-Ehrenwort, mir scheint in der jüngeren Geschichte der Klassenbeziehungen Turin nicht gerade der Nabel der Welt zu sein und nicht einmal der Ort, an dem die innovativsten gesellschaftlichen Veränderungen im Autozyklus stattgefunden hätten. Die »Basiskomitees« sind wohl oder übel bei Pirelli Bicocca entstanden, und die ersten Initiativen zur Umstrukturierung, mit einem ähnlichen Gebrauch der Kurzarbeit wie bei FIAT im September 1980, wurden von Innocenti in Lambrate unternommen. Die Autoindustrie und folglich auch die Kultur des Konflikts in ihr hat immer internationale Dimensionen gehabt. Wenn die neuen Technologien ’76/77 zu FIAT kommen und niemand merkt’s, so kommen sie in denselben Jahren auch in die deutschen Fabriken und die IG Metall macht daraus eins der Themen für die neuen Tarifverhandlungen auf Betriebsebene, wobei sie die Normen der Mitbestimmung [im Original deutsch; d.Ü.] benutzt… Wie kann man von einer Arbeitergemeinschaft sprechen, und diese gleichzeitig von einem Universum, von einer gegliederten, reichen Bevölkerung, alles in allem von einem Gewebe von Kommunikation und gegenseitigem Austausch voller Resonanzen abstrahieren? Ist die Polarisierung des Verhältnisses Arbeiter-Kapital innerhalb von Mirafiori, die Abwesenheit der Stadt – sei es als Ausweitungsperspektive für den Arbeiterkampf oder als aktive, solidarische Beteiligung von gesellschaftlichen Schichten, die keine Arbeiter sind – tatsächlich eine historische Grenze dieser Erfahrung (warum wird sie dann nicht stärker problematisiert?) oder ist sie eine Grenze des Historikers?

Dieser Provinzialismus kann bis zum Jahre 1980 noch toleriert werden, da er die Geschichte von FIAT zwar verarmt aber nicht beschädigt, doch er verdunkelt die uns näher liegende Periode. Revelli erwähnt nebenbei den Prozeß gegen die Geschäftsleitung von FIAT, aber nicht die politischen Ursprünge dieses Prozesses, die auf die Opposition der Alfa Romeo-Arbeiter zurückgehen… Die Geschichte hat sich bei Alfa Romeo (das seit 1987 zu FIAT gehört) ganz anders entwickelt, deshalb möchte ich hier anmerken, daß der Klassenkonflikt im Automobilsektor in Italien nicht nur im »Mittelpunkt der Welt« gedeiht, und daß die Idee von Turin als »Hauptstadt« eher ein Laster und eine schlechte Gewohnheit der Turiner Intellektuellen als eine Realität ist. Im Gegenteil wäre zu fragen, ob ein grundlegendes Element der Arbeitercommunity bei

FIAT in den 70er Jahren nicht gerade der hohe Grad an Kommunikation und Zirkulation von Kulturen und Verhaltensweisen war, und ob die Art, wie Revelli die Herausbildung dieser Community darstellt, der Wirklichkeit entspricht oder nicht vielmehr die Übertreibung einiger ihrer Mechanismen ist. Sein »Fabrikismus« hat einige überzeugende und einige weniger überzeugende Seiten.

Diese Umstände nicht zu erwähnen ist aber nicht die einzige Auslassung von Gewicht: sehr viel schlimmer erscheint mir, daß das Phänomen des Notstands vollständig ignoriert wird. Der Notstand war keine Bagatelle; er hat die Zweite Republik begründet; für die Kultur der italienischen Linken ist er eine schwer auszulöschende Schande gewesen, ein gewaltsamer Rückfall in den Stalinismus. Der Notstand hat (außer daß er einige Pfeiler individueller Rechte zerstört hat) auch die demokratische Sensibilität unserer Kultur schwer beschädigt und die öffentliche Moral verzerrt. Die Intoleranz und die Pogromstimmung, beide so fremd für die Tradition des italienischen Volkes, sind zum ersten Mal mit dem Notstand aufgekommen und sind ein schwerwiegendes, schändliches Vermächtnis und gleichzeitig Vorbote weiterer Intoleranz. Die Haltung, den Notstand als notwendiges Heilmittel und das was er zerstört hat als zerstörenswert zu betrachten, ist heute weit verbreitet. Das vom Notstand erzeugte Klima hat die Qualität des Angriffs von FIAT im Herbst ’80 ermöglicht, die Qualität der gewerkschaftlichen Kapitulation und die damit zusammenhängenden Flegeleien der Reaktion in den 80er Jahren. Sollte das Marco Revelli entgangen sein? Von jener Zeit und jenen Ereignissen zu reden, ohne den Notstand zu erwähnen, ist wie die Figuren eines Bildes zu entwerfen und dann die Farben zu vergessen.

A propos, wenn man einen Blick auf die Bibliographie des Buches wirft, so ist nicht zu übersehen, daß Revelli kein einziges Mal (stimmt nicht, einmal tut er’s! d.Ü.) eine Zeitschrift erwähnt, an der er selbst einflußreich mitarbeitete – und dabei oft mit der Redaktion über seine Arbeit unter den FIAT-Arbeitern diskutierte – und aus der Materialien stammen, die er im Text verwendet; eine Zeitschrift, die zur Arbeitersubjektivität Sachen sagte und machte, die wir für wichtig hielten. Auch für Marco Revelli. Ist es Unachtsamkeit oder Weißwäscherei? [im Original deutsch; d. Ü.]

Sergio Bologna, Januar 1990

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1 Antwort auf „zum Fiatbuch von Revelli“


  1. 1 Münte 28. November 2009 um 15:19 Uhr

    TALIEN
    Tiger des Zorns

    Die Roten Brigaden haben eine neue Strategie: Sie wollen die sozialen Spannungen, vor allem in den Betrieben, ausnützen und die Gewerkschaften stärker unterwandern.

    Das Eingeständnis kam von höchster Seite. „Im Kampf gegen die Roten Brigaden“, bekannte Italiens Innenminister Virginio Rognoni kleinlaut, „hat der Staat in letzter Zeit eine Niederlage einstecken müssen.“

    Es war eine Niederlage auf breiter Front. Zwischen Ende April und Mitte Juni gelangen den „Brigate Rosse“ (BR) vier Entführungen. Nie zuvor konnten die Terroristen gleichzeitig so viele Opfer in ihren „Volksgefängnissen“ verhören, nie zuvor die Öffentlichkeit so stark unter Druck setzen. Damit bewiesen sie, daß die Aussagen reuiger Ex-Terroristen und die darauffolgenden Massenverhaftungen sie keineswegs schachmatt gesetzt haben.

    Vor allem die letzte der vier BR-Aktionen kann Minister Rognoni nur schwer verwinden — die Ermordung Roberto Pecis, des Bruders eines Ex-Terroristen, dessen Aussagen Dutzende von Ultras ins Gefängnis brachten.

    Mit der Sippenhaft wollten die Entführer aussagewillige Ex-Brigadisten (BR-Jargon: „Läuse“) einschüchtern -damit sie nicht mehr mit den Justizbehörden zusammenarbeiteten.

    War die Erschießung Roberto Pecis, Anfang August, für die Roten Brigaden gleichsam ein „Mord in eigener Sache“, so überraschten sie bei den anderen drei Entführungen mit einer neuen Strategie, die „viel raffinierter ist als frühere Strategien“ (Rognoni).

    Jahrelang hatten nämlich die Roten Brigaden den „Angriff auf das Herz des Staates“ gepredigt und sich insbesondere Symbolfiguren der verhaßten staatlichen Institutionen als Opfer ausgesucht: Richter, Politiker, Polizisten.

    Doch damit gerieten die Terroristen immer mehr in die politische Isolation.

    Jetzt, so scheint es, haben sich die sogenannten populistischen Kräfte durchgesetzt, die innerhalb der Terror-Organisation schon lange auf Kurs-Änderung dringen. Ihrem Programm gemäß sollen die Terroristen vor allem dort handeln, wo soziale Konflikte schwelen. Sie wollen, so ein römischer Justizbeamter, „auf dem Tiger des Proletarier-Zorns reiten“.

    So kämpfte die „bewaffnete Partei“, wie die BR auch genannt werden, etwa im Namen von Arbeitslosen oder Erdbeben-Geschädigten für Ziele, die ohnehin von vielen befürwortet werden. Fernziel der „bewaffneten Partei“ ist, als Gesprächspartnerin in der politischen Auseinandersetzung anerkannt zu werden.

    Deutlich wurde dies Ende April nach der Entführung des christdemokratischen Politikers Ciro Cirillo, verantwortlich für das Bauwesen in der Regionalregierung von Kampanien. Als Preis für Cirillos Freilassung verlangten die Roten Brigaden eine Soforthilfe zugunsten der Armen von Neapel: Wohnungen für 3500 Obdachlose, die seit dem großen Erdbeben in Wohnwagen auf dem Messegelände hausen, und finanzielle Unterstützung für die in Neapel amtlich registrierten Arbeitslosen.

    Beide Forderungen hatten schon lange vor Cirillos Entführung viele Neapolitaner erhoben. Doch erst nach der S.106 Terroristen-Drohung zeigten die Behörden Eile. Mitte Juli zeichnete sich ab, daß beide Wünsche größtenteils erfüllt würden. Folge: Am 24. Juli entließen die Terroristen nach dreimonatiger Gefangenschaft ihren Gefangenen -wenngleich nur „auf Bewährung“.

    An einem anderen Kidnapping-Opfer hingegen, dem Manager Giuseppe Taliercio, wollten die Ultras ein Exempel statuieren. Taliercio war Werksdirektor eines Zweigbetriebes des Chemie-Konzerns Montedison in Porto Marghera (Mestre), wo überdurchschnittlich viele Beschäftigte bleibende Gesundheitsschäden davontragen.

    Die Roten Brigaden warfen ihm vor, er sei mitverantwortlich für „Tausende von Toten und Schwerkranken, die sich ihre Leiden durch miserable Arbeitsbedingungen zugezogen haben, für Massenentlassungen und neue Stufen der Ausbeutung“. Am 6. Juli, nach langem „Prozeß“, wurde Taliercio „wegen 30jähriger antiproletarischer Aktivität“ erschossen.

    Informationen über den Montedison-Mann hatten die Brigadisten zweifellos aus erster Hand, von ihren Gesinnungsgenossen aus der Fabrik, erhalten.

    Der Verdacht, daß die Gewerkschaften von linken Umstürzlern unterwandert seien, wurde im vierten Entführungsfall, dem des (später freigelassenen) Alfa-Romeo-Ingenieurs Renzo Sandrucci, beinahe zur Gewißheit. Denn die Terroristen spielten das Protokoll über Sandruccis „Verhör“ der Presse zu. Es zeigt, daß die selbsternannten Volksrichter über interne Vorgänge und Streitpunkte bei Alfa Romeo genauestens Bescheid wissen.

    In die Sprache der Brigadisten fließt Gewerkschaftsjargon ein. Der prominente Sozialist Enzo Mattina vom Arbeitnehmerverband UIL folgerte daraus, „daß Sandruccis Ankläger sicherlich ein Gewerkschafter ist“. Die Terroristen hätten sich eben „nicht nur in der Fabrik, sondern auch in der Gewerkschaft eingenistet“.

    Terrorismus in den Fabriken — das war nichts Neues. Immer mal wieder tauchten in norditalienischen Großbetrieben Flugblätter der „Brigate Rosse“ auf. Aber: Die Gewerkschaften hatten bisher jeden Verdacht der Unterwanderung oder Duldung von Terroristen entrüstet zurückgewiesen. Ein Mailänder Funktionär: „Wir nähren doch keine Schlange am Busen.“

    Deshalb rief Mattinas Eingeständnis nun Proteste bei anderen Gewerkschaftern hervor. Pierre Carniti, Sekretär der christdemokratisch orientierten Gewerkschaft Cisl, fragte empört, wo Mattina denn die Beweise für seine Thesen habe. Unter Arbeiterführern keimt Zwietracht: Sie verdächtigen einander, den Ultras gegenüber blind zu sein.

    Das Verhältnis zu den Terroristen ist seither Hauptthema in der italienischen Gewerkschaftsdiskussion. Viele Funktionäre stimmen, hinter vorgehaltener Hand, der von Mattina vorgebrachten Selbstkritik zu: „Wir waren früher extrem ideologisch. So weigerten wir uns jahrelang, über Produktivität zu reden, weil sie uns als Gipfel der Ausbeutung erschien. Heute verkünden die Roten Brigaden unsere radikalen Parolen von einst. Das ist auch unsere Schuld.“

    Italienische Terrorismus-Experten sind überzeugt, daß sich die BR im Zuge ihrer neuen Strategie noch stärker bemühen, die Gewerkschaften zu unterwandern. Und in einigen Großbetrieben könnte ihnen dies sogar gelingen. Sie kämpfen kompromißlos gegen Entlassungen und Kurzarbeit, gegen Überstunden und technologische Erneuerungen, weil dadurch die Ausbeutung noch schlimmer werde.

    Die Roten Brigaden haben bereits angekündigt, wo sie ihre nächsten Aktionen starten wollen: bei den Turiner Fiat-Werken. Dort stehen im Herbst schwierige Tarifverhandlungen und womöglich Streiks bevor.

    „Die Fiat-Werke sind hierzulande das Symbol für Fabrik schlechthin. Daher können die BR auf dieses Aktionsfeld nicht verzichten“, sagt der Richter Maurizio Laudi, der sich in etlichen Turiner Prozessen mit den Roten Brigaden beschäftigt.

    Laudi: „Ich habe Angst vor dem Herbst.“

    DER SPIEGEL 35 / 1981

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