Archiv für November 2009

Die Familie Krüschet im Widerstand

Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK)
IWK, Heft 1/2000, S. 29 – 33, Andreas Graf

Anders als die von der KPD bzw. der SPD abgespaltenen Kleinorganisationen verkörperte die 1919 gegründete Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) einen autonomen Strang der Arbeiterbewegung, dessen Anfänge in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Ihr Selbstverständnis war das einer wirtschaftlichen Kampforganisation und kulturradikalen Bewegung zugleich, gleichermaßen abgegrenzt gegen die KPD wie gegen die SPD. Am Ende der Weimarer Republik zählte dieser organisierte Anarchismus der großbetrieblichen Arbeiterschaft in Industrie und Bergbau, der einstmals, vor allem im Ruhrgebiet, eine regionale Massenbewegung gewesen war, nur noch 4307 eingeschriebene Mitglieder, die sich auf 157 Ortsgruppen verteilten. Neben den älteren Mitgliedern, die schon vor 1914 anarchistisch oder syndikalistisch organisiert waren und durch ihre ganze Persönlichkeit die nicht eingelösten Ziele der Bewegung verkörperten, handelte es sich dabei meist um Menschen, die Anfang der zwanziger Jahre zur FAUD gestoßen waren, ihre politische Sozialisation in der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD) erhalten hatten und aus ideellen Gründen bei der Organisation verblieben. Die quasi familial orientierte Gruppenformation der Anarchosyndikalisten verfügte mithin über eine hohe Integrationskraft: zwischengenerationell und familial abgesicherte Milieukerne stellten das personelle Gerüst, garantierten Kontinuität, waren Rekrutierungsfeld. Dieser Befund trifft auch auf die Wuppertaler FAUD- und SAJD-Gruppe zu, die zum Ende der zwanziger Jahre noch ca. 50 Mitglieder umfaßte.

Gustav (Jahrgang 1912) und Fritz (Jahrgang 1910) Krüschet wuchsen zusammen mit ihrer Schwester in einer Obdachlosensiedlung in Elberfeld auf. Ihr Vater war schon früh verstorben, und die Mutter, eine resolute Frau, mußte allein für den Lebensunterhalt der Familie sorgen. Sie entstammte einem katholischen Milieu, war aber dennoch Mitglied der Gewerkschaft, schickte ihre Kinder in die freie weltliche Schule und förderte deren Bildungsbedürfnisse, soweit dies finanziell möglich war. Über Bekannte der Mutter fanden die Brüder Zugang zur anarchosyndikalistisch dominierten Gemeinschaft proletarischer Freidenker. Dort lernten sie dann Mitglieder der SAJD kennen, deren Gruppe in den Jahren 1929 bis 1933 zum Mittelpunkt ihres Lebens wurde.

Die SAJD des Wuppertals umfaßte 1930 etwa zehn Jungarbeiter und fünf Lehrlinge im Alter von 16 bis 22 Jahren. Es gab nur drei Mädchen in der Gruppe, von denen eines nach kurzer Zeit wieder austrat. Die Mädchen waren auszubildende Näherinnen bzw. Schneiderinnen. Darunter war auch Gustavs spätere Ehefrau Hedwig („Dat Brett“), eine geborene Felsch, die über ihren älteren Bruder Willi, ein Mitglied der Vorläuferorganisation Freie Jugend Morgenröte, zur Gruppe kam. Die Jungen waren ein Dreher- und ein Anstreicherlehrling, außerdem ungelernte und Gelegenheitsarbeiter, Tapetendrucker, Anstreicher, Bauarbeiter und Werkzeugmacher. Die meisten wurden im Verlauf der Krise ab 1930 arbeitslos. Es gelang der Gruppe nie, in größerem Maße fernstehende Arbeiterjugendliche anzuziehen und zu organisieren. Sie blieb ein verschworener Haufen mit starkem Zusammenhalt nach innen und klarer Abgrenzung nach außen. Außer den Brüdern Helmut und Hans Kirschey sowie Hans Saure, die sich 1931 vom Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) getrennt hatten, gewann die SAJD keine festen Neumitglieder. Besonders die Mädchen hatten einen schweren Stand in der Gruppe. „Den meisten Mädchen war das ein zu trockener Diskutier- und Aktionsklub – und auch das Tanzengehen usw. war ja verpönt; außerdem hätten unsere Jungs da auch kein Geld für gehabt“, berichtete Hedwig Krüschet. Ein veritables Unterscheidungsmerkmal von den übrigen Jugendorganisationen war, daß man keinen „Poussierklub wie die Sozialistische Arbeiterjugend oder die Bürgerlichen“ haben wollte. Die Mädchen waren also wegen der Sache dabei und hatten ihrerseits manchmal ihre liebe Mühe, sich die Jungen „vom Leibe“ zu halten.

Die Mitglieder der SAJD waren fast täglich zusammen. In Unterbarmen an der Oberbergischen Straße bauten sie in Selbsthilfe ein „Jugendheim“, eine Hütte im Garten eines Genossen. Hier wurde nächtelang diskutiert und gesellig zusammengesessen. In der Gruppe herrschte ein vitales Bildungsbedürfnis: „Wir lasen, was uns in die Finger kam, Bakunin, Kropotkin, Rocker, Mühsam, Sinclair, Jack London, Dostojewski, auch das ‚Kapital‘ und auch ‚Brehms Tierleben‘. Wir wollten doch wissen, wie alles zusammenhängt.“ Gustav Krüschets „normaler“ Tagesablauf im Jahre 1930 verlief so: „Morgens mußte ich um sechs raus […]. Nach der Arbeit haben wir uns meistens gleich irgendwo getroffen – damals war ja immer was los: Schlägereien mit den Nazis, Diskussionen am Rathaus mit den Kakaophilosophen, Flugblätter machen oder verteilen, am Gewerkschaftshaus oder auf der Straße. Abends gingen wir immer zu den anderen Organisationen, in ihre Versammlungen, um uns da einzumischen. Oder wir waren unter uns zusammen. Ich bin damals, glaub‘ ich, selten vor zwölf ins Bett gekommen – und dann hab‘ ich oft noch bis drei gelesen.“

Mit einfachen Mitteln entfalteten die Jugendlichen eine rege Öffentlichkeitsarbeit: Flugblätter, Plakate, der Versuch einer Betriebszeitung. Ein Höhepunkt war die zweimalige Aufführung des Theaterstückes „Staatsräson“ von Erich Mühsam über die beiden ermordeten Anarchisten Sacco und Vanzetti vor mehr als 100 Zuschauern.

Den größten Raum in den Gruppenaktivitäten nahm aber der Kampf gegen die anschwellende nationalsozialistische Bewegung ein. Der zunehmende Straßenterror der Rollkommandos der Nationalsozialisten führte ab 1929 in einer Reihe von Städten zur Gründung bewaffneter anarchosyndikalistischer Selbstschutzgruppen, der sogenannten Schwarzen Scharen. Auch die Wuppertaler Anarchosyndikalisten bildeten eine Schwarze Schar. Sie verfügte über mehrere Revolver und auch einen Karabiner. Die Brüder Krüschet waren Mitglieder dieser Formation. Gustav berichtete: „Wir trugen schwarze Hemden, schwarze Hosen und Stiefel und einen Gürtel. Mancher hat mit Schuhwichse etwas nachgeholfen, wir hatten ja kein Geld. […] Mit Sprechchören und Liedern gingen wir vor unseren Demonstrationen her oder bei den anderen Demonstrationen mit. Die hatten einen Heidenrespekt vor uns – sie wußten ja nicht, wie wenige wir waren.“ Hans Schmitz brachte ihre Militanz auf den Begriff: „Wenn dich ein Nazi angegriffen hat, mußte man zurückschlagen. Man konnte doch nicht bis zum anderen Tag warten und dann in der Fabrik den Generalstreik fordern, so wie es die alten Genossen sagten.“

Die Schwarzen Scharen verkörperten einen neuen, aktivistischen Geist der Militanz der jungen Anarchosyndikalisten. In Wuppertal war die Schwarze Schar ein kleiner, aber wichtiger Teil des proletarischen Selbstschutzes, durch den über organisatorische und ideologische Grenzen hinweg Übergriffe der SA in Versammlungen und auf den Straßen der Arbeiterviertel verhindert wurden.

Anfang März 1933 konnten sich die Brüder Krüschet der Verhaftung durch die SA nur durch den raschen Umzug in den Stadtteil Barmen entziehen. In der Marienstraße in Elberfeld waren sie bei der SA als entschiedene Antifaschisten bekannt; aus ihrer Wohnung hing oft eine schwarze Fahne. Fritz hatte zudem einen SA-Mann angezeigt, der auf Passanten geschossen hatte. In der Nacht nach ihrer Flucht verwüstete die SA ihre Wohnung und entwendete die schwarze Fahne sowie 500 Mark. Nichtsdestoweniger blieben Gustav und Hedwig, die in „freier Liebe“ zusammenlebten, sowie Fritz im Kontakt zur Gruppe. Die Jugendlichen trugen mit wenigen älteren Genossen die Hauptlast des anarchosyndikalistischen Widerstandes. Dezentrale, basisverbundene Arbeit, Selbsttätigkeit und Selbständigkeit waren eingeübte Praxis. Ihr Lebenselement bildete die proletarische Solidarität, die besonders in der materiellen und ideellen Unterstützung der Familien von Verfolgten und Inhaftierten ihren Ausdruck fand; hinzu kamen lokale, regionale und überregionale Treffen, Kurierdienste, Fluchthilfe, Sammlungen für Spanien, die Verteilung der aus dem Ausland eingeschmuggelten Literatur, die Herausgabe eigener Flugblätter, das Anbringen von Losungen usw. Das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und proletarischen Solidarität war so selbstverständlich, daß Fritz Krüschet in seinem Prozeß 1938 arglos davon erzählte. Hedwig und Gustav versteckten auch für einige Tage Alfred Kirschey, den Leiter des KJVD in Wuppertal, bevor er durch die anarchosyndikalistische Fluchthilfe nach Holland gebracht werden konnte. Hedwig kümmerte sich darüber hinaus um die in Deutschland zurückbleibende hochschwangere Verlobte Willy Kirscheys, der ebenfalls fliehen mußte, und verschaffte ihr Arbeit, während später jüngere männliche Genossen die Betreuung des Kindes übernahmen.

Hedwig Krüschet arbeitete im Jahre 1937 als Näherin in einem Elberfelder Betrieb, der HJ-Uniformen produzierte. Ihr Mann war damals schon in Haft. Der Firmenleiter hatte die Absicht, den ca. 25 Arbeiterinnen das zugesagte Weihnachtsgeld zu streichen. „Für solche Fälle hatte ich doch genug über Anarchismus und Syndikalismus gelernt“, erzählte sie, „und dann sind wir in den Bummelstreik getreten. Ich hab‘ allen gesagt: ‚Jetzt tut mal nicht mehr schwätzen oder lange Klopausen machen; wir arbeiten jetzt mal ganz besonders korrekt – aber dreimal so langsam.‘“ Die Rädelsführerin wurde zum Chef zitiert, und dieser drohte ihr, sie ebenfalls, wie ihren Mann, ins Gefängnis zu schicken. Eine fristlose Kündigung scheiterte an der Solidarität der Näherinnen. Sie wurde zurückgenommen. Der Streik war im übrigen erfolgreich: das Weihnachtsgeld wurde gezahlt.

Im Dezember 1936 kam die Gestapo den Widerstandsaktivitäten auf die Spur. Innerhalb von drei Monaten wurden im Rheinland über 100 Anarchosyndikalisten verhaftet – Gustav am 6. März 1937, Fritz am 7. April 1937. Die Ermittlungen zogen sich über ein Jahr hin und wurden von der Gestapo Düsseldorf geführt, fast alle Inhaftierten wurden schwer mißhandelt. In zwei großen Prozessen im Januar und Februar 1938 verurteilte das Oberlandesgericht in Hamm insgesamt 88 Anarchosyndikalisten „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“. Von den elf verurteilten Wuppertalern waren allein neun ehemalige SAJD-Mitglieder. Gustav und Fritz Krüschet erhielten „trotz hartnäckigen Leugnens“ zwei Jahre und drei Monate Zuchthaus als Strafmaß auferlegt.

Der Rest ist schnell erzählt. Gustav Krüschet stand nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus zunächst unter Gestapoaufsicht und wurde Ende 1942 in das Strafbataillon 999 eingezogen. Er war zunächst in Südfrankreich stationiert und kam von dort aus nach Albanien, wo er 1944 in Gefangenschaft geriet. Ihm war es gelungen, sein Gerichtsurteil heimlich mitzuführen. Damit konnte er sich bei der albanischen Widerstandsbewegung ausweisen. Fritz Krüschet kam nach Ablauf seiner Zuchthausstrafe in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Im Herbst 1944 gehörte er zu den rund 770 Häftlingen, die in die SS-Sonderformation Dirlewanger gepreßt wurden. Schon beim ersten Fronteinsatz konnten etwa 500 Mann, unter ihnen Fritz, zu den sowjetischen Truppen überlaufen. Von den sowjetischen Stellen wurden sie aber – eine schmerzhafte Erfahrung für Fritz – nicht als Widerstandskämpfer, sondern als Kriegsgefangene behandelt. Bis Mitte 1947 wurden nur die ehemaligen KZ-Häftlinge entlassen, die wegen Krankheit oder Invalidität als arbeitsunfähig galten. Dazu gehörte Fritz Krüschet. Er kam schon im September 1945 nach Deutschland zurück.

Fritz wurde nun wie andere Wuppertaler Anarchosyndikalisten auch kurzfristig Mitglied der KPD. „Die besten gingen zur K[ommunistischen] P[artei] […] trotz Zweifel u[nd] Bedenken“, stellte August Benner 1946 fest. Das war freilich für alle nur eine vorübergehende Episode. Der Rahmen, der durch die Prinzipien „Freiheit und demokratischer Sozialismus“ und „Niemals wieder Faschismus oder Parteidiktatur“ gesteckt war, ließ keinen Raum für ein dauerndes Engagement dieser Art. „[…] wir haben gelernt, relativ freie demokratische Systeme zu schätzen und Diktaturen jeder Art auf das leidenschaftlichste zu hassen.“ Von jeher literarisch-kulturell interessiert, arbeiteten die Krüschet-Brüder mit Freunden in Arbeitsgemeinschaften der Volkshochschule über Probleme des Sozialismus, außerdem interessierten sie sich für Genossenschaftswesen und kommunale Belange. Sie vertraten die Ansicht, daß ein einfaches Wiederanknüpfen an die Vorkriegstraditionen des Anarchosyndikalismus nicht möglich sei. Damit war einer Wiederbelebung der alten FAUD eine Absage erteilt. Realismus und Pragmatik, nicht Dogmatik, weder ideologische noch organisatorische, seien am Platze; gefordert wurde vielmehr praktische Mitarbeit am vorrangig materiellen Wiederaufbau, freilich begleitet durch eine grundlegende Erneuerung der sozialen und geistigen gesellschaftlichen Grundlagen. Ein Einstiegstor und eine Heimstatt bildeten sie mit der organisatorischen und kommunikativen Plattform einer Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Auf die politische Entwicklung in Nachkriegsdeutschland konnte diese kleine Gruppe dadurch aber keinen wirklichen Einfluß nehmen. Für die jenseits von sozialdemokratischem Reformismus und stalinistischem Kommunismus bestehende sozialrevolutionäre Strömung der Arbeiterbewegung, die sie repräsentierte, fand sich in Deutschland keine Basis mehr.

Das in der Jugendgruppe internalisierte Gefühl der Verpflichtung zur aktiven Teilnahme am öffentlichen Leben und zur Mitgestaltung des Politischen als eines vom Persönlichen untrennbaren Lebens- und Erfahrungsbereichs charakterisierte die erwachsenen Krüschets ebenso wie eine im Grunde ungeachtet aller Resignation schließlich doch noch verbleibende optimistische Grundhaltung. Das Frohe und Kindliche, das immer in ihnen war, das Grundgute und unbegrenzt Optimistische ihres Wesens waren durch Haft, Verfolgung und Tortur nicht gebrochen. Gustav und Fritz Krüschet bewahrten in ihrem Alltagsleben die Haltung eines entschiedenen Freidenkertums, einer dezidierten Ablehnung jeglichen Dogmatismus, einen freiheitlichen Erziehungsstil und eine ausgeprägte persönliche Bescheidenheit. Sie kannten keine Rollen, keine Berechnung, keine Verstellung. Ihr Idealismus war nicht Pflicht, sondern Natur.

zum Fiatbuch von Revelli

Wildcat Nr. 57 – Oktober/November 1991 – S. 20-22 [w57bolog.htm]

Das Wildcat-Kollektiv bringt im Herbst (entgegen der ursprünglichen Planung) als TheKla 15 ein Buch über die Geschichte der Arbeiterkämpfe bei FIAT heraus. Es beginnt mit den Erfahrungen der Süditaliener, die Ende der 50er und Anfang der 60er in den Norden gehen, beschreibt, wie sie zu den Protagonisten des »Heißen Herbstes« 1969 werden, wie sie in der ersten Hälfte der 70er Jahre die riesige Fabrik praktisch in der Hand haben. Dann kommt der Gegenangriff des Unternehmers: immer mehr Technologie wird aufgefahren, Ende 1979 werden zum ersten Mal ArbeiterInnen gekündigt, schließlich kündigt FIAT im September 1980 knapp 15 000 Entlassungen an. Die Arbeiter organisieren Demos, besetzen die Tore, streiken. Aber nach 35 Tagen organisieren die Kapos eine Demo durch Turin, die als »Marsch der 40 000« in die Geschichte eingehen sollte. Sie fordern das Ende des Streiks, das »Recht auf Arbeit«. Am Tag darauf unterschreibt die Gewerkschaft das Abkommen, das »Kurzarbeit zu null Stunden« für 23 000 ArbeiterInnen vorsieht. Damit geht ein ganzer Kampfzyklus zu Ende. Im letzten Kapitel (das 1988 geschrieben wurde) erfahren wir einiges über die 80er Jahre: wie die letzten Avantgarden mit hohen Abfindungen aus der Fabrik gedrängt werden, wie die Technologie Arbeiterforderungen »befriedigt« und gleichzeitig angreift.

Wir bringen das Buch raus, weil es uns helfen kann, die Klassenkämpfe von heute (und morgen) besser zu verstehen: weil es auch die inneren Grenzen des letzten Kampfzyklus aufzeigt. Es ist zu einfach und politisch tödlich, ein Idealbild der tollen Kämpfe in den 60ern und 70ern zu malen und deren Niederlage vollständig auf »die Repression«, den »technologischen Gegenangriff« usw. zu schieben. In dem Buch finden wir viele Hinweise darauf, daß die Kämpfe schon vorher an ihre inneren Grenzen gestoßen waren, daß Widersprüche in der Klasse deutlich geworden waren usw. Hier konnte das Kapital ansetzen.

Sergio Bologna hat in der Nr. 1-2/1990 der Zeitschrift »Movimento Operaio e Socialista« das in Italien erschienene Buch gelobt und es gleichzeitig verrissen. Seine Rezension drucken wir im folgenden stark gekürzt ab. Er hat natürlich Recht: es ist politisch ein Skandal, daß ein Genosse von Primo Maggio sich heute hinstellt und so tut, als hätte er da nie mitgemacht und als hätte es den Notstand in Italien nie gegeben. Und genau so hat er Recht mit seiner Kritik des Turiner Intellektuellenlasters, sich für den Nabel der Welt zu halten. Aber für uns sind beide Macken des Buchs eine Art Glücksfall: Wir erfahren viel mehr über die inneren Probleme im Klassenkampf, und wir erleben im Brennpunkt FIAT die wesentlichen Etappen und Erfahrungen in den Klassenkämpfen im Italien der 60er und 70er Jahre.

Noch kurz zur Erklärung: Primo Maggio war eine Zeitschrift, bei der sowohl der Autor des Buchs als auch Sergio Bologna mitgemacht haben, die sich seit Ende der 60er Jahre sehr intensiv und umfassend mit der italienischen Klassengeschichte von unten befaßt hat. Mit »Notstand« meint Sergio die vielen tausend politischen Gefangenen und die Notverordnungen in Italien nach den Verhaftungswellen seit dem 7. April 1979.
Zum Buch »Lavorare in Fiat« von Marco Revelli

Ich werde mich nicht damit aufhalten, den Schreibstil zu loben, mit dem es gelungen ist, aus jahrelanger geduldiger und bescheidener Arbeit ein aktuelles Instant-Buch zu machen. Noch will ich mich groß auslassen über den geschickten Wechsel zwischen lebendigen Zeugnissen, Zahlen und prozentualen Vergleichen (die kommunikative Potenz der Zahlen!) und analytischen Beobachtungen. Ich möchte lieber den Wert einiger analytischer Abschnitte hervorheben und aus ihnen den Kern des historischen Urteils herausschälen.

Erstens: Zentral ist bei FIAT ein savoyisch-militärisches Modell, die Disziplin, die hierarchische Ordnung, das Kommando. Ein Ancien Regime, das gekrümmte Rücken, aber auch Sansculotten hervorbringt. Ein militärisches Modell, das nicht in der Lage ist, das Neue im subjektiven Verhalten der Menschen gegenüber der bestehenden Ordnung aufzunehmen und zu beherrschen.

Zweitens: Mit flexibler Automatisierung und Robotisierung wird dasselbe Modell nochmal vorgeschlagen als Synthese zweier hierarchischer Gesellschaftsformen, nämlich der savoyischen und der japanischen. Übergang von der Amerikanisierung zur Japanisierung, vom rein ausführenden Arbeiter des Fordismus zum »sich einbringenden« Arbeitnehmer der Qualitätszirkel.

Drittens: Nach dem »Heißen Herbst« errichtet die Arbeiterklasse »eine Stadt ganz für sich mit eigenen Rechten und mit eigenen Vorstellungen von Ehre und Würde«. Sie weigert sich, in die Stadt der bestehenden Rechte einzutreten und sich mit deren Regeln abzufinden, womöglich einige Ergänzungen einzubringen. Dieses historische Urteil, auf das Revelli bei seiner immer gründlicheren Beschreibung der Arbeitercommunity oft zurückkommt, scheint mir sehr wichtig zu sein als Gegengewicht zur verrückten Vorstellung der »individuellen Rechte«, die sich heutzutage in der Gewerkschaft breitmacht. Demgegenüber basierte die Demokratievorstellung der gesamten Tradition der Arbeiterbewegung immer auf dem Begriff von »gesellschaftlichem Kollektiv« und der Vorstellung der Assoziation.

Viertens: Die in den harten (50er) Jahren geformten Gewerkschaftskader verstehen den egalitären Lohndruck nicht. Daß der Egalitarismus der Gewerkschaftskultur immer fremd war, haben schon viele Leute offengelegt, aber Marco Revelli hebt richtigerweise hervor, wie unempfänglich die Gewerkschaft für den Lohndruck tout court ist und setzt das in Verbindung zu ihrem Unverständnis für die neuen »existentiellen« Dimensionen der Befreiung durch den Kampf: der Lohn gesehen als Wahlmöglichkeit zwischen Mehrarbeit und Arbeit, nicht mehr als »gerechte« Entlohnung für Leistung oder Qualifikation.

Fünftens: Die Entwicklung dieser neuen existentiellen Dimension und dieser neuen Sicht des Lohns in der Destrukturierung (Auflösung der Struktur) der »Fabrikzeit«, in der Befreiung der Zeit (»So erscheint zum ersten Mal eine hauchdünne, zerstückelte, informelle freie Zeit der Fabrik»). Natürlich ist das ein individueller Prozeß, der sich sogar gerade in der Zeit akzentuiert, in der Revelli den Rückzug der Arbeiter von Mirafiori aus der »öffentlichen Sphäre« feststellt, und der seinen höchsten Ausdruck in den Verhaltensweisen der Jugendlichen von ’77 finden sollte; aber dieser Prozeß wurde nur möglich durch einen geschlossenen kollektiven Weg und durch die Legitimation der neuen individuellen Verhaltensregeln (Absentismus) von seiten der Arbeitercommunity.

Sechstens: Die Konstituierung eines neuen Gesellschaftsvertrags 1975 mit der Anerkenntnis, daß die Komplexität der Situation eine Veränderung in der Unternehmensphilosophie erforderte im größeren Rahmen der Veränderung der Spielregeln auf nationaler Ebene, einer Ausweitung der Leistungen des Sozialstaats. Revelli arbeitet die Erneuerer-Rolle von Agnelli an der Spitze des Unternehmerverbandes und das plötzliche Nachlassen des Drucks auf die Arbeitskraft in der Fabrik heraus. Es beginnt ein Zwischenspiel von »Respekt für die Menschheit« seitens der FIAT-Gruppe, das im Widerspruch zur gesamten Tradition und der späteren Entwicklung steht und in der Einstellung von 10 000 Jugendlichen aus der 77er-Bewegung gipfelt – unter ihnen viele Frauen.

Die Analyse der Subjektivität und der kollektiven Verhaltensweisen der Generation der Neu-Eingestellten stellt den besten Teil des Buches dar. Die 77er Bewegung war immer ein »geheimnisvolles Objekt« für unsere Kultur, ihre Subjekte empfanden wir als »Aliens«. Revelli ist der erste, der dieser Generation gerecht wird, was vielleicht dadurch erleichtert wird, daß er ihre Bewegungen in einer Umgebung – der Großfabrik – verfolgt, die der Form nach für sie feindlicher und fremder ist. (»Wenn auch in der unzusammenhängenden Ausdrucksweise der Ideen, für die es noch keine Worte gibt, drückten die Neueingestellten die substantielle Weigerung aus, diese Reduzierung des eigenen Lebens und der eigenen Zeit auf eine Ware zu akzeptieren, die am Anfang des Arbeiterkampfs selbst gestanden hat. Und sie stellten implizit die viel weitergehende Forderung nach einem Sinn der eigenen produktiven Tätigkeit, und nach Autonomie.«)

Ein gutes Viertel des Buchs ist der Niederlage und ihrem Preis gewidmet. Auch, ich würde sogar sagen: vor allem, auf diesen Seiten gelingt es Marco Revelli, den Sinn einer kollektiven Geschichte, einer einstimmigen Geschichte wiederzugeben; wahrscheinlich ist es wiederum sein Schreibstil, der ihm das erleichtert, in Wirklichkeit glaube ich handelt es sich tatsächlich um ein anderes »historisches Gespür« dessen, der die Subjektivität erforscht und dem es paradoxerweise gelingt, aus den individuellen Geschichten ein gesellschaftliches Mosaik zusammenzusetzen. In diesem Sinn bricht Revelli mit einer langen Tradition der Turiner Arbeitergeschichte als »Geschichte der Parteimitglieder«, als Glieder einer organisierten Kette, in der immer alles auf die Parteiform, auf eine höhere institutionelle Ebene, auf eine politische oder gewerkschaftliche Synthese verschoben wurde. Endlich finden wir hier die Community, das Kollektiv; nicht die Partei, sondern die soziale Gruppe. Hier sehen wir, daß der Post-Kommunismus, von dem heute im Gefolge der Krise der Regimes im Osten so viel die Rede ist, schon von denjenigen breit praktiziert wurde, die in den 70er Jahren den Mut hatten, sich mit dem Neuen zu messen. Hier sehen wir, daß es möglich ist, Kultur und Politik hervorzubringen – im vollen Sinn historisches Subjekt zu sein – außerhalb der Denkmuster, die uns die institutionelle Linke überliefert hat.

Das Buch von Revelli hat aber auch schwerwiegende Grenzen. Vor allem die eines gewissen Provinzialismus. Auf Seite 27 steht eine bezeichnende Aussage: »Die Idee vom »Nabel der Welt« [zieht sich] wieder aus Turin zurück und wartet darauf, sich von neuem wer weiß wo zu materialisieren.« Operaisten-Ehrenwort, mir scheint in der jüngeren Geschichte der Klassenbeziehungen Turin nicht gerade der Nabel der Welt zu sein und nicht einmal der Ort, an dem die innovativsten gesellschaftlichen Veränderungen im Autozyklus stattgefunden hätten. Die »Basiskomitees« sind wohl oder übel bei Pirelli Bicocca entstanden, und die ersten Initiativen zur Umstrukturierung, mit einem ähnlichen Gebrauch der Kurzarbeit wie bei FIAT im September 1980, wurden von Innocenti in Lambrate unternommen. Die Autoindustrie und folglich auch die Kultur des Konflikts in ihr hat immer internationale Dimensionen gehabt. Wenn die neuen Technologien ’76/77 zu FIAT kommen und niemand merkt’s, so kommen sie in denselben Jahren auch in die deutschen Fabriken und die IG Metall macht daraus eins der Themen für die neuen Tarifverhandlungen auf Betriebsebene, wobei sie die Normen der Mitbestimmung [im Original deutsch; d.Ü.] benutzt… Wie kann man von einer Arbeitergemeinschaft sprechen, und diese gleichzeitig von einem Universum, von einer gegliederten, reichen Bevölkerung, alles in allem von einem Gewebe von Kommunikation und gegenseitigem Austausch voller Resonanzen abstrahieren? Ist die Polarisierung des Verhältnisses Arbeiter-Kapital innerhalb von Mirafiori, die Abwesenheit der Stadt – sei es als Ausweitungsperspektive für den Arbeiterkampf oder als aktive, solidarische Beteiligung von gesellschaftlichen Schichten, die keine Arbeiter sind – tatsächlich eine historische Grenze dieser Erfahrung (warum wird sie dann nicht stärker problematisiert?) oder ist sie eine Grenze des Historikers?

Dieser Provinzialismus kann bis zum Jahre 1980 noch toleriert werden, da er die Geschichte von FIAT zwar verarmt aber nicht beschädigt, doch er verdunkelt die uns näher liegende Periode. Revelli erwähnt nebenbei den Prozeß gegen die Geschäftsleitung von FIAT, aber nicht die politischen Ursprünge dieses Prozesses, die auf die Opposition der Alfa Romeo-Arbeiter zurückgehen… Die Geschichte hat sich bei Alfa Romeo (das seit 1987 zu FIAT gehört) ganz anders entwickelt, deshalb möchte ich hier anmerken, daß der Klassenkonflikt im Automobilsektor in Italien nicht nur im »Mittelpunkt der Welt« gedeiht, und daß die Idee von Turin als »Hauptstadt« eher ein Laster und eine schlechte Gewohnheit der Turiner Intellektuellen als eine Realität ist. Im Gegenteil wäre zu fragen, ob ein grundlegendes Element der Arbeitercommunity bei

FIAT in den 70er Jahren nicht gerade der hohe Grad an Kommunikation und Zirkulation von Kulturen und Verhaltensweisen war, und ob die Art, wie Revelli die Herausbildung dieser Community darstellt, der Wirklichkeit entspricht oder nicht vielmehr die Übertreibung einiger ihrer Mechanismen ist. Sein »Fabrikismus« hat einige überzeugende und einige weniger überzeugende Seiten.

Diese Umstände nicht zu erwähnen ist aber nicht die einzige Auslassung von Gewicht: sehr viel schlimmer erscheint mir, daß das Phänomen des Notstands vollständig ignoriert wird. Der Notstand war keine Bagatelle; er hat die Zweite Republik begründet; für die Kultur der italienischen Linken ist er eine schwer auszulöschende Schande gewesen, ein gewaltsamer Rückfall in den Stalinismus. Der Notstand hat (außer daß er einige Pfeiler individueller Rechte zerstört hat) auch die demokratische Sensibilität unserer Kultur schwer beschädigt und die öffentliche Moral verzerrt. Die Intoleranz und die Pogromstimmung, beide so fremd für die Tradition des italienischen Volkes, sind zum ersten Mal mit dem Notstand aufgekommen und sind ein schwerwiegendes, schändliches Vermächtnis und gleichzeitig Vorbote weiterer Intoleranz. Die Haltung, den Notstand als notwendiges Heilmittel und das was er zerstört hat als zerstörenswert zu betrachten, ist heute weit verbreitet. Das vom Notstand erzeugte Klima hat die Qualität des Angriffs von FIAT im Herbst ’80 ermöglicht, die Qualität der gewerkschaftlichen Kapitulation und die damit zusammenhängenden Flegeleien der Reaktion in den 80er Jahren. Sollte das Marco Revelli entgangen sein? Von jener Zeit und jenen Ereignissen zu reden, ohne den Notstand zu erwähnen, ist wie die Figuren eines Bildes zu entwerfen und dann die Farben zu vergessen.

A propos, wenn man einen Blick auf die Bibliographie des Buches wirft, so ist nicht zu übersehen, daß Revelli kein einziges Mal (stimmt nicht, einmal tut er’s! d.Ü.) eine Zeitschrift erwähnt, an der er selbst einflußreich mitarbeitete – und dabei oft mit der Redaktion über seine Arbeit unter den FIAT-Arbeitern diskutierte – und aus der Materialien stammen, die er im Text verwendet; eine Zeitschrift, die zur Arbeitersubjektivität Sachen sagte und machte, die wir für wichtig hielten. Auch für Marco Revelli. Ist es Unachtsamkeit oder Weißwäscherei? [im Original deutsch; d. Ü.]

Sergio Bologna, Januar 1990




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