Archiv für November 2009

Sevesos unbekannte Geschichte

Wildcat Nr. 56 – Juli 1991 – S. 28-31 [w56seves.htm]

Arbeiterwiderstand gegen die physische Zerstörung von Menschen und Umwelt im Italien der 70er Jahre

Sergio Bologna / Luigi Mara
[aus: Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts (Hrsg.), Arbeitsschutz und Umweltgeschichte, Köln 1990]

Die Geschichte des Widerstands der Arbeiterklasse gegen die Zerstörung des Menschen und der Umwelt in den 70er Jahren und die damit zusammenhängende Geschichte der kritischen Wissenschaft, der alternativen Medizin und Psychiatrie, in Italien lassen sich am besten an den Erfahrungen einer Betriebsgruppe in der chemischen Fabrik des Montedison-Konzerns in Castellanza – 25 Kilometer von Mailand entfernt – beschreiben.

Bezüglich des Techniker-Anteils an der Belegschaft nahm der italienische Chemie-Sektor einen Mittelplatz zwischen den mit hochqualifizierten Arbeitskräften ausgestatteten Industrien und den Industrien der Massenarbeiter ein. In den chemischen Betrieben war Ende der 60er Jahre der Einfluß der Kämpfe der Mailänder Techniker und der Arbeiter der Autoproduktion (Pirelli, Fiat) entsprechend stark. Für Castellanza spielte die Geschichte der lokalen Kommunisten, die eine »harte« Richtung vertraten, eine wichtige Rolle.

Einige militante Arbeiter waren schon während der 60er Jahre in die noch bestehende »Unfall-Kontroll-Kommission« des Betriebes eingetreten, die nur eine beratende Funktion hatte und in der drei Vertreter der Arbeiter 20 Vertretern der Betriebsleitung gegenübersaßen. Folgende Forderungen wurden von ihnen gestellt:

1. Kontrolle des Gesundheitszustandes der Arbeitnehmer;
2. Überwachung der gesetzlichen Arbeitsschutzmaßnahmen bei den kleinen Fremdfirmen, die für Montedison Arbeiten durchführten;
3. Strafanzeige, wenn diese Unternehmen die Vorschriften nicht beachteten.

Alle diese Forderungen wurden von der Betriebsleitung zurückgewiesen. Wichtig bei diesem ersten gescheiterten Vorstoß war der Versuch, ein Bündnis mit den Leiharbeitern herzustellen.

Als sich 1969 die Kräfteverhältnisse im Betrieb zugunsten der Arbeitnehmer verschoben, stellten die Vertreter des inzwischen neugewählten Betriebsrats neue Forderungen auf: Arzt- und Krankenpflegerdienst müssen an jedem Arbeitstag 24 Stunden zur Verfügung stehen, weil die Fabrik rund um die Uhr lief (vorher war der Arzt nur vier Stunden pro Tag am Ort), und die Tätigkeit des Dienstes müsse unter der ständigen Kontrolle des Betriebsrates stehen.

Ferner wurde die Forderung erhoben, daß das Krankenblatt vom Arzt dem Betroffenen und nicht, wie es üblich war, der Krankenkasse übergeben werden sollte und alle wichtigen klinisch-statistischen Daten auch dem Betriebsrat mitgeteilt werden müßten.

Bis zu diesem Zeitpunkt gingen die Forderungen meist in Richtung systemimmanenter Rationalisierung und Verbesserung.

Der Qualitätssprung kam, als der Betriebsrat selbst die Reorganisation des Arbeitsschutzes übernahm. Voraussetzung dafür war Fachwissen. Mit Unterstützung durch Wissenschaftler, Ärzte und Medizinstudenten wurde die aktuelle internationale Literatur ausgewertet und eine ganze Reihe von Informationen über die in der Produktion entstehenden Schadstoffe gesammelt und unter den Arbeitern verteilt. Zu den wichtigsten Giften wurden Informationskarten angelegt. Die erste dieser Informationskarten betraf das Quecksilber, das in der Melamin-Abteilung in großen Mengen verarbeitet wurde. Die toxikologischen Aspekte und die Symptome der Vergiftung wurden detailliert beschrieben.

Dadurch sollten die Arbeiter zur Selbst-Anamnese und zur Beurteilung der Risiken ihres Arbeitsplatzes befähigt werden. Wissenschaftliche Ausdrücke und Kenntnisse, die früher zur Sprache der Macht und der Entfremdung gehört hatten, wurden nun Selbstschutzinstrumente. Der Objektivität des Kapitals wurde die Subjektivität der Arbeiter gegenübergestellt. Den standardisierten Verträglichkeitsbegriffen, den berüchtigten MAK-Werten (Maximale Arbeitsplatzkonzentration) wurden andere Kriterien nach der Prämisse »Null-Risiko« gegenübergestellt. Das Risiko sollte nicht unter Kontrolle gehalten, sondern einfach abgeschafft werden.

Die MAK-Kriterien sahen maximale Toleranzwerte einzelner Schadstoffe vor, Stoffverbindungen wurden nicht berücksichtigt. Es gibt aber Stoffe, die nur in Kombination schädlich wirken; die Mischung von zwei Schadstoffen innerhalb ihrer jeweiligen Toleranzdosis kann eine unverträgliche Dosis schaffen. Zudem erfassen MAK-Werte nicht die individuelle Situation der Arbeiter. Damit ist nicht nur die psychophysische oder psychosomatische Verfassung gemeint, sondern vor allem die gesamte persönliche Arbeitsbiographie. Für welchen Zeitraum hatte der einzelne Arbeiter Schadstoffe eingeatmet, durch die Haut absorbiert? Wieviele Lärmstunden hatten sein Nervensystem erschüttert? Vor diesem Hintergrund erweisen sich die MAK-Kriterien als fragwürdig; jeder einzelne hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Toleranzgrenzen. Doch wer ermittelt und schreibt diese Geschichte? Oral history kann vielleicht dazu beitragen, nicht jedoch eine nur akademische oral history. Die Arbeiter von Montedison erkannten die Notwendigkeit, eine breite Untersuchung der Belegschaft mit medizinstatistischen Methoden und eine detaillierte Analyse der für jeden Arbeitsplatz existierenden Risikofaktoren anzugehen. Eine neue gesetzliche Regelung bot dazu die Möglichkeit.

1970 wurde in Italien infolge des »heißen Herbstes« das Gesetz Nr. 300 – das sogenannte »Arbeitnehmerstatut« – verabschiedet. Paragraph 9 des Gesetzes lautet: »Die Arbeitnehmer haben das Recht, über ihre Vertretungen die Durchführung der gesetzmäßigen Maßnahmen zur Verhütung der Arbeitsunfälle und der Berufskrankheiten zu überprüfen, und das Recht, die Anwendung aller Maßnahmen zu fördern, die zum Schutz ihrer physischen Integrität und Gesundheit bestimmt sind«.

In dem Montedison-Werk von Castellanza (ca. 1400 Arbeiter) schuf die Belegschaft daraufhin einen eigenen Ausschuß zur Bekämpfung des Gesundheitsrisikos, die Gruppe für Verhütung und Umwelthygiene (Gruppo di prevenzione e igiene ambientale, GPIA), die aus Arbeitern, Technikern und Angestellten der verschiedenen Abteilungen und einigen externen Experten bestand. Die Zahl der Teilnehmer schwankte zwischen 25 und 30; die Initiative war offen für alle Betroffenen und Interessierten. Träger der allgemeinen gewerkschaftspolitischen Verantwortung auf Betriebsebene war aber das Betriebsratskollektiv, das aus 117 Mitgliedern bestand. Es handelte sich um eine basisdemokratische Organisation, die sich weigerte, ein leitendes Führungskomitee zu benennen und diesem – wie es in den meisten italienischen Betrieben üblich war – ihre Machtbefugnisse zu übertragen. Diese Komitees standen unter der Kontrolle der Partei- und Gewerkschaftsbürokratien und gerieten häufig in Konflikt mit den basisdemokratischen, abteilungsnahen Vertretungen der Belegschaft.

Das Betriebsratskollektiv kontrollierte die Arbeit der GPIA. Es stützte sich auf ein Netz von abteilungsnahen Zellen, die sogenannten »homogenen Arbeitnehmergruppen« (Gruppi operai omogeni, GO), die sich aus Personen zusammensetzten, die ähnlichen Arbeitsbedingungen und damit ähnlichen Risikofaktoren unterlagen.

Die 1972/73 vorgenommene Massenuntersuchung aller Arbeiter der Montedison-Werke von Castellanza wurde nicht ohne harte Kämpfe gegen den Widerstand der Betriebsleitung durchgesetzt. Es dauerte 28 Monate, in denen mehrfach gestreikt wurde, bevor der Konzern den Forderungen der Arbeitnehmer entgegenkam. Diese Zeit wurde von der GPIA genutzt, um die Untersuchung so anzulegen, daß weder ein »neutraler« noch ein »befreundeter« Experte sie ohne die entscheidende aktive Beteiligung der Betroffenen hätte durchführen können. Die hinzugezogenen Techniker und Experten mußten dem Erhebungskatalog, der von den Betroffenen nach einer von der GPIA entwickelten Methode selbst aufgestellt wurde, folgen, und nicht umgekehrt. Ein Vertreter der GPIA erklärte auf einer Versammlung: »Der Schlüssel muß immer bei den Betroffenen bleiben«.
Das Register der Umweltdaten

Die Datenerhebung war in verschiedene aufeinanderfolgende Phasen gegliedert:

1. Besichtigung des Arbeitsplatzes durch die GPIA zusammen mit den Abteilungsdelegierten und der homogenen Arbeitergruppe (GO).

2. Die GO redigiert das Register der Umweltdaten, es enthält die genaue Beschreibung der Arbeitsphasen und des Arbeitsplatzes (der mit einer oder mit mehreren Arbeitsphasen übereinstimmen kann, weil der einzelne Arbeiter bei verschiedenen Arbeitsphasen eingesetzt werden kann).

3. Gemeinsame Diskussion zwischen GPIA, GO und Abteilungsdelegierten einerseits und Abteilungsverantwortlichen und Technikern des Betriebslabors für industrielle Hygiene andererseits über das Programm, das alle gefährdenden Faktoren und die Quantifizierung der verschiedenen Risikofaktoren für jede Phase des Produktionszyklus und für die Zahl der Arbeitsstunden umfassen sollte.

4. Dieses gemeinsam aufgestellte Programm wird den Arbeitnehmern der einzelnen Abteilungen vorgestellt und diskutiert.

5. Direkte Erhebungen durch Betriebstechniker und/oder hinzugezogene Experten mit aktiver Beteiligung und unter Aufsicht der Arbeiter der einzelnen Abteilungen, Betriebsratsdelegierten und GPIA.

6. Zwischenbericht mit Daten und Methodenbeschreibung; im Streitfall werden die Erhebungen nach der Methode der GPIA wiederholt; wenn es nötig wird, werden Vertrauenstechniker der GPIA hinzugezogen und vom Konzern bezahlt.

7. Außerordentliche Erhebungen. Wenn Störfälle, Pannen usw. eintreten, werden sofort neue Erhebungen (Fristzeit acht Stunden, sonst wird die Anlage stillgelegt) durchgeführt; es muß berücksichtigt werden, daß Pannen und Störfälle häufig auftreten, wenn die Anlage alt ist, schlecht instandgehalten wird oder wenn zur Steigerung der Produktivität Verfahrensänderungen eingeführt wurden.

Die von der GPIA entwickelte Methode der Datenerfassung förderte ein bisher immer unterdrücktes und nie formalisiertes kollektives Wissen zutage. Ziel der Datenerfassung war es, Vorschläge zur technologischen Änderung der Anlagen bzw. des Produktionsprozesses und der Arbeitsplatzgestaltung auszuarbeiten oder zusätzliche Forderungen in bezug auf schon begonnene Änderungen aufzustellen. Parallel lief das Programm klinischer Erhebungen mit der Feststellung von pathologischen Zuständen, die reversibel erschienen. Die hygienischen und ergonomischen Maßnahmen sollten gemeinsam durchgeführt werden.

Die Ergebnisse der Arbeitsplatz- und der klinischen Erhebungen bildeten das Register der Umweltdaten (registro dei dati ambientali), das jeweils aktualisiert wurde. Jeder Betroffene bekam seine Daten ausgehändigt, eine anonymisierte Kopie davon bekam die GO; damit entstand ein kollektives Wissen und ein für alle zugängliches Informationssystem, das das Recht des einzelnen auf Datenschutz gewährleistete.
Herzleiden und Lärm

Dr. Aldo Sachero und seine Kollegen vom »Zentrum für die Verhütung der Tuberkulose« wurden von der GPIA beauftragt, eine breite klinische Erhebung in Mailand durchzuführen. Dieser Untersuchung unterzogen sich 1346 Personen (98,5 Prozent der Belegschaft). Die Erhebungsstationen wurden innerhalb des Betriebsgeländes eingerichtet, untersucht wurde der allgemeine Gesundheitszustand der Betroffenen anhand von EKG, Urin- und Blutproben. Die Untersuchungen erfolgten während der Arbeitszeit, die GPIA übernahm zusammen mit dem Betriebsrat die praktische Organisation.

Nach einiger Zeit verbot die Betriebsleitung die weitere Durchführung der Untersuchungen auf dem Fabrikgelände. In den Räumen der Camera del Lavoro von Castellanza (Gewerkschaftshaus) wurde daraufhin eine Station für die Untersuchungen eingerichtet. Trotz der nun größeren Probleme bei der Bewältigung der Abwesenheiten der Schichtarbeiter konnte die Untersuchung erfolgreich beendet werden. 180 Fälle von vermuteten Cardiopathien mußten in den Mailänder Labors nachgeprüft werden. Bei dem dritten »screening« wurden 93 Fälle von Herzkrankheiten festgestellt. In dieser letzten Phase der Erhebung weigerte sich die Betriebsleitung, die Arbeiter während der Untersuchungszeit zu bezahlen. Nur dank der Solidarität aller Arbeiter, die eine Selbsthilfekasse einrichteten, konnten auch die letzten notwendigen Untersuchungen zuende geführt werden.

Die Auswertung ergab eine deutliche statistische Korrelation zwischen Herzkrankheiten und Lärm.

Diese Ergebnisse, die von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit registriert wurden, erwiesen sich für eine ganze Reihe kleiner und mittlerer Betriebe des metallverarbeitenden Gewerbes, der Papier- und Lederverarbeitung und Färbereien in der Region von Castellanza als besonders wichtig. In diesen Unternehmen, in denen es keine gewerkschaftliche Organisation gab und die Arbeitsbedingungen häufig sehr gesundheitsgefährdend waren, entstanden ebenfalls Initiativen zur Erfassung von Risikofaktoren, zur Bekämpfung von Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz und seiner Umstrukturierung nach ergonomischen Kriterien.

Die Behörden erarbeiteten zusammen mit den Betroffenen Projekte zur Reorganisation des gesamten betrieblichen Gesundheitswesens, die zum Teil dann von den Gemeindeverwaltungen übernommen wurden.

In der ganzen Region entwickelte sich ein Netzwerk von Initiativen, die hauptsächlich von Betriebsdelegierten und Angehörigen des Gesundheitswesens getragen wurden. So wurde das Bewußtsein von den Risiken der Industrieproduktion auch außerhalb der Fabrikmauern verbreitet. Es war eine klassenbewußte ökologische Bewegung. Ausbildungskurse, Informationsmaterial und Beratung wurden von Fabrikarbeitern, Technikern und sympathisierenden Experten zugunsten der betroffenen Bevölkerung als alternative soziale Dienstleistung angeboten.

Besondere Bedeutung erlangte im Rahmen dieser Zusammenarbeit die epidemiologische Untersuchung über die Arbeiter, die mit CMME (Chlormethylmethyläther) in Berührung gekommen waren. Der Betriebsrat des Montedison-Werks in Castellanza und die GPIA hatten über Fachliteratur von der krebserregenden Wirkung dieser Substanz erfahren. Um persönliche Daten über die Betroffenen sammeln zu können, wurden ungefähr tausend Gemeindeverwaltungen angeschrieben. Nur zwei antworteten.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden dem Weltkongreß über Krebsforschung in Florenz (1973) vorgestellt. Die Ergebnisse der Massenuntersuchung zogen Veränderungen des Produktionsprozesses nach sich. So mußte das krebserregende Monomer Vinylzyanid in einem geschlossenen Kreislauf hergestellt werden.
Die Redaktionsgruppe von »Sapere«

Diese und andere Ergebnisse hätten die Arbeiter des Montedison-Werks und der anderen Betriebe der Region nicht erreichen können ohne einen ständigen Kontakt- und Informationsaustausch mit Fachleuten, die bereit waren, das Fachwissen der Arbeiter zu akzeptieren und anzuerkennen – ein in der wissenschaftlichen Zunft nicht häufiger Fall. Bevorzugte Gesprächspartner waren die Fachleute, die sich um die Redaktion der 1972 gegründeten Zeitschrift »Sapere« gesammelt hatten.

Das Projekt der neuen »Sapere« beschrieb der Herausgeber Guilio Maccacaro wie folgt: »Die Initiative konzentriert sich auf ein einziges Thema: Wissenschaft und Macht. Die behauptete Macht des Kapitals und die geforderte Macht der Arbeiterklasse. Die Wissenschaft als Multiplikator der ersten und als Befreiungsfaktor der zweiten. […] Wir müssen denen das Wort geben, die wegen der Wissenschaft sterben, und denen, die – bewußt oder unbewußt – durch die Wissenschaft sterben. Wir müssen das politische Primat des Kampfes der ersten anerkennen; nur dieser Kampf kann Vereinheitlichungsmoment der Befreiung der zweiten werden.«6

Anhand dieser Prämissen skizzierte Maccacaro Methode und Inhalte der Arbeit der Redaktionsgruppe, die aus Leuten bestand, »die schon an verschiedenen Stellen einen Beitrag zu dieser Debatte leisten; es handelt sich nicht darum, ihnen einen gemeinsamen Ort für Diskussionen zu geben, sondern eine kollektive Arbeitsweise zu schaffen, bei der Wechselwirkungen entstehen.«

Das bestehende Netzwerk von Wissenschaftlern, Dozenten, Angehörigen des Gesundheitswesens, Sozialarbeitern usw. erweiterte sich schnell, dem Ansatz der Initiative entsprechend stießen zu der Redaktionsgruppe Wirtschaftswissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Historiker, Juristen und Politologen. Als Chefredakteur holte sich Maccacaro einen Medienspezialisten, Giovanni Cesareo, der jahrelang bei der Zentralredaktion der Tageszeitung der KPI »L‘Unità« tätig war. Das Problem der Sprache, der Vermittlung war für Maccacaro entscheidend, auch wenn er ausdrücklich keine populärwissenschaftliche Zeitschrift machen wollte.

Die Mehrheit der Redaktionsmitglieder bestand aus bereits etablierten Intellektuellen. Obwohl die Zeitschrift gegen den Strom schwamm, scharfe Kritik an der öffentlichen Verwaltung, der Regierung und der Opposition (KPI und Gewerkschaft) übte, unterstützte jedes Mitglied der Redaktion diese sonst als »linksextremistisch« gebrandmarkte Einstellung. Natürlich war die Zeitschrift nicht linksextremistisch, sie war nur realistisch und gut informiert. Wenn man aber bedenkt, wie vorsichtig sich sonst auch aufrichtige Wissenschaftler ausdrücken, drängt sich der Schluß auf, daß »Sapere« das Produkt eines erstaunlichen Nonkonformismus in der italienischen Kultur war. Sie galt auch als ein Indiz für den großen Einfluß des »operaistischen« Denkens auf italienische Intellektuelle in den 70er Jahren. Es muß aber gleichzeitig berücksichtigt werden, daß damals die Reform des ganzen Systems der Krankenversicherung und des Gesundheitswesens zur Debatte stand.

Hier nur ein kurzer Überblick über die Themen, die »Sapere« in den zehn Jahren ihrer Existenz (1972-1983) behandelt hat: 1973 nach der Ölkrise wurde das Thema Energie mit der Anti-Atom-Kampagne in Zusammenhang gestellt; mehrere Sondernummern wurden dieser Problematik gewidmet. »Sapere« wurde das Organ der fundierten Opposition gegen das Atomprogramm der Regierung, das viele Befürworter auch bei kommunistischen Physikern besaß.

1974 trat neben das Thema »Kernkraftwerke« die kritische Analyse der italienischen Chemie-Industrie. Dieser Themenbereich wurden unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet: Die Erfahrungen der Arbeiter und Techniker von Castellanza, Porto Marghera und anderen großen chemischen Betrieben lieferten die Basis für eine aktuelle Dokumentation der ökologischen und gesundheitlichen Schäden, die die chemische Industrie in Italien verursacht hatte; ähnliche Dokumentationen wurden über die internationale Produktion von Pharmazeutika, über die Kampagne gegen bestimmte pharmakotherapeutische Methoden und die Organisation des betrieblichen Gesundheitswesens veröffentlicht. Diese Untersuchungen über die chemischen Industrie leisteten einen wichtigen Beitrag zur Offenlegung der Risiken dieser Industrie. Viele Berufstätige, Gewerkschafter und öffentlich Bedienstete, die später direkt oder indirekt mit der Katastrophe von Seveso konfrontiert wurden, haben die Analysen von »Sapere« bestätigt und haben ihr »alternatives Wissen« anwenden können.8
Sevesos unbekannte Geschichte

Viele Veröffentlichungen informieren über diese Öko-Katastrophe, die der von Tschernobyl vorangegangen ist.9 Dabei wird jedoch die Rolle des »Wissens der Arbeiterklasse« entweder total verschwiegen oder ungenügend analysiert.

Die Dioxin-Wolke ging von dem Reaktor der Abteilung B der Fabrik ICMESA am Samstag, dem 10. Juli 1976 gegen 12.30 Uhr, aus. Die Produktion lief noch zehn Tage weiter, bis endlich von der Betriebsleitung zugegeben wurde, daß eine sehr gefährliche Substanz aus dem Reaktor ausgetreten sei und die Gegend verseucht sein könne. Während dieser Tage gab es ein Massensterben von Tieren aller Art, und viele Menschen zeigten gesundheitliche Beeinträchtigungen. Nach den ersten Nachrichten hatten Mitglieder der GPIA von Castellanza, das etwa 50 Kilometer von Seveso entfernt liegt, versucht, mit Arbeitern der ICMESA Kontakt aufzunehmen. Die Angst der Arbeiter bildete jedoch eine Barriere gegenüber Außenwelt. Nur mit großer Mühe und Vorsicht gelang es den Leuten von Castellanza, zunächst unzusammenhängende Informationen zu sammeln und zu einem Mosaik zusammenzufügen. Das Ziel war zu erfahren, was in dem Reaktor passiert war und warum, was und mit welchen Verfahren produziert wurde, welche Substanzen kombiniert wurden und welche Störfälle bei solchen Verfahren eintreten können, damit der »sehr gefährlichen Substanz« ein Name gegeben werden kann. Nachdem die Barriere des Schweigens gebrochen war, bestand die größte Schwierigkeit in dem mangelnden Wissen der Betroffenen. Es zeichnete sich ein dramatisches Bild der Arbeitsbedingungen bei der ICMESA ab. »Wenn eine Birne der Beleuchtungsanlage unserer Abteilung kaputt war«, erzählte ein ICMESA-Arbeiter, »mußte man erstmal Dampf unter Druck austreten lassen, um die giftigen Rauchwolken, die sich ständig unter dem Dach sammelten, zu entfernen, bevor einer von uns mit einer Leiter die Birne wechseln durfte«. Die Fluktuation der Arbeiter war sehr hoch, und sie mußten ständig die Abteilungen wechseln, so daß kein »Gedächtnis« und nur wenig Wissen über den Produktionsprozeß entstehen konnte. Vor allem durften sie keine Fragen stellen. Drohungen und »schwarzer Lohn« waren die Mittel der Betriebsleitung, um die Komplizenschaft der Arbeiter zu gewinnen. Das alles geschah in einem Land und in einer Zeit mit einer beispielhaft entwickelten, betriebsnahen gewerkschaftlichen Organisation. ICMESA gehörte dem Konzern Hoffmann-La Roche. Lukas Hoffmann, einer der größten Aktionäre, war stellvertretender Vorsitzender des World Wildlife Fund (WWF). Die ICMESA war eine kleine Fabrik: 153 Arbeiter und drei leitende Angestellte, ein Drittel der Arbeiter war über 55 Jahre alt, viele hatten bereits gesundheitliche Schäden in anderen Fabriken erlitten und sahen die Einstellung bei ICMESA als letzte Chance an, ihre Rente abzusichern. Der Unfall ereignete sich an einem Samstag, als in dem Betrieb nur ein paar Leute der Instandhaltung und einige Leiharbeiter anwesend waren.

Zufällig hatte ein Mitglied der GPIA von Castellanza in einem ähnlichen »multipurpose«-Reaktor gearbeitet und konnte aus den bruchstückhaften Zeugnissen der Arbeiter von ICMESA durch gezieltes Fragen rekonstruieren, was passiert sein könnte. Dozenten und wissenschaftliche Mitarbeiter der Fakultäten für industrielle Chemie und Ingenieurwesen prüften alle Angaben nach. Das Interesse galt der Frage, ob die Betriebsleitung die vorgesehenen Abläufe des Produktionsprozesses genau eingehalten hatte. Es stellte sich heraus, daß die ICMESA bestimmte Phasen des Produktionszyklus des Trichlorphenols übersprungen hatte, um die Produktivität zu steigern. War darauf die esothermische Reaktion zurückzuführen, die Dioxin erzeugt hatte?

Während dieser mühseligen wissenschaftlichen »oral history«-Arbeit hatten die Arbeiter der ICMESA und des Montedison-Werks von Castellanza zusammen mit einem Teil der betroffenen Bevölkerung und vielen Experten des Redaktionskollektivs von »Sapere« ein »comitato tecnico-scientifico popolare« (technisch-wissenschaftliches Volkskomitee) gegründet, um fundierte Information zu vermitteln, jede Maßnahme der öffentlichen Behörden nachzuprüfen und eventuell alternative Vorschläge zu entwickeln.

Viele Ärzte und Sozialarbeiter, die mit diesem Komitee sympathisierten, leisteten in den ersten Wochen, in denen totale Konfusion herrschte, freiwillige und wichtige Basisarbeit. Diese war umso wichtiger, als die Behörden sich lediglich von den Informationen, die ICMESA veröffentlichte, leiten ließen. Erwähnenswert ist besonders die Rolle der im April 1989 an Krebs gestorbenen Journalistin Neva Agazzi Maffii, die als erste eine wissenschaftlich kritische Dokumentation über Dioxin erstellt und diese den Betroffenen sowie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Trotz dieser wertvollen Arbeit blieben alle Experten, Wissenschaftler, Ärzte und Sozialarbeiter des Volkskomitees vom staatlichen Krisenman-agement ausgeschlossen. Die Regierungsparteien, vor allem die Democrazia Cristiana, und die Behörden griffen nicht nur mit großer Verspätung ein (die Evakuierung eines Teils der Bevölkerung begann erst zwei Wochen nach der Katastrophe), sondern ihre Notmaßnahmen vergrößerten noch die Schädigung der Umwelt und der Bevölkerung.

Im Dezember 1976 erschien die Sondernummer von »Sapere« zum Thema Seveso, in der die gesamte Gegeninformation veröffentlicht und erstmals der Produktionsablauf der ICMESA detailliert beschrieben wurde.

Giulio Maccacaro bezeichnete in seinem Leitartikel die Katastrophe von Seveso als »un crimine di pace« (Friedensverbrechen). Dieser Artikel sollte eine Art politisches Testament werden, da Maccacaro einige Wochen nach dem Erscheinen starb. Die Zeitschrift setzte ihre Arbeit noch bis Anfang 1983 fort. Jedes Jahr widmete »Sapere« eine Nummer der Fortsetzung der Geschichte von Seveso, um zu dokumentieren, wie dem großen Verbrechen eine ganze Reihe von kleinen und großen Versäumnissen folgten. Die periodische Wiederaufnahme des Falls Seveso entsprach nicht nur dem Motto »Nicht vergessen!«, sondern auch der Notwendigkeit, langfristige Veränderungen des Gesundheitszustandes der Betroffenen zu dokumentieren.

Als es die Zeitschrift nicht mehr gab, wurden auch die Betriebsleitung und der Konzern nicht mehr in Verantwortung genommen.

Der Prozeß gegen die Verantwortlichen zog sich jahrelang hin und endete 1987 mit einem fast allgemeinen Freispruch. Trotz dieser Niederlage bleibt Seveso ein Meilenstein des ökologischen Bewußtseins unserer Zeit und ein Ansatzpunkt der internationalen Gesetzgebung für die öffentliche Kontrolle der Herstellung gefährlicher Produkte.
Die Veränderung der Instandhaltungsarbeiten und der Kampf gegen das Leiharbeitersystem

Der Unfall von Seveso hat die These bestätigt, daß ohne eine bewußte und autonome Organisation der Arbeiterklasse die Gefahr von gesundheitlichen und ökologischen Schäden bei der Produktion gefährlicher Stoffe größer wird und daß Selbstschutz auf seiten der Arbeiter Verhütung des Risikos für die Umwelt bedeutet. Zum Selbstschutz brauchen die Arbeiter vor allem kontinuierliche umfassende Informationen. Dies kann auch in gut organisierten Betrieben wie in Castellanza sehr schwierig werden, wenn die Firma immer größere Teile des Produktionszyklus dezentralisiert oder von verschiedenen Leiharbeiterfirmen durchführen läßt.

Wie bei anderen chemischen Betrieben in Italien stand auch bei dem Montedison-Werk von Castellanza der festen Belegschaft eine große und immer schwankende Zahl von Leiharbeitern gegenüber. Sie führten Instandhaltungs-, Reparatur- und Reinigungsarbeiten durch und wechselten häufig. Sie wurden – wie die Gruppe von Castellanza feststellte – in den Armenhäusern oder den Hauptbahnhöfen großer Städte rekrutiert. Sie erhielten keine Ausbildung, und niemand warnte sie vor den bestehenden Gefahren. Sie kamen und gingen ohne Kontakte mit der Stammbelegschaft, so daß sie nicht selten auch die Rolle der Streikbrecher spielten. Ihre gesundheitliche Gefährdung war groß. So stellte die GPIA zum Beispiel fest, daß diejenigen, die die Reinigungsarbeiten der inneren Reaktorleitungen für die Herstellung von Formaldehyd durchführen mußten, von herunterfallenden giftigen Rückständen des Verarbeitungsprozesses gefährdet wurden. Daher wurde der Betriebsleitung der Vorschlag gemacht, diese Gefahr durch eine einfache mechanische Einrichtung abzuwenden. Das zeigt die solidarische Haltung der Stammbelegschaft den Leiharbeitern gegenüber, eine Haltung, die sich in der Verteilung von Informationsmaterial über Sicherheitsprobleme fortsetzte und bis zum Streik führte. Es wurde durchgesetzt, daß diese Arbeiter in der Betriebskantine essen und die ärztliche Station in Anspruch nehmen konnten. Um den Widerstand der Betriebsleitung gegen diese Forderungen zu brechen, kauften die 117 Betriebsratsmitglieder mit Geldern der Selbsthilfekasse Essensmarken, verteilten sie unter diesen Arbeitern und bedienten sie am Tisch in der Mensa. Mehrmals wurden die Obleute der Leiharbeiterfirmen wegen der gesetzwidrigen Rekrutierungsmethoden vom Betriebsrat bei der Arbeitsjustiz oder bei dem Arbeitsinspektor angezeigt. Diese Initiativen basierten nicht allein auf menschlicher und klassenspezifischer Solidarität. Da die Arbeiten, die die Leiharbeiter ausführten, besonders risikoträchtig waren, hing von ihrer richtigen Durchführung die Sicherheit aller Arbeiter ab. Die Geschichte der chemischen Industrie ist die Geschichte von Unfällen, die sich im Laufe von Instandhaltungsarbeiten ereignet haben.

1978 spitzte sich die Auseinandersetzung mit der Betriebsleitung zu, weil eine Reduzierung der festen Belegschaft der Instandhaltungsschichten geplant war.10

Die damals gewählte Kampfform war der »umgekehrte Streik« (sciopero alla rovescia): Die feste Belegschaft übernahm gegen den Willen und die Arbeitsplanung der Betriebsleitung die Instandhaltungsarbeiten, die sie plante und durchführte.

Es sollte der letzte wichtige Kampf gegen die Ausgliederungstendenzen vor der Periode der großen Massenentlassungen sein. Entscheidend wurde die radikale Wende in der Politik der KPI und der Gewerkschaften. Seit 1976 waren die Aktionen und die Anschläge der bewaffneten Gruppen in Italien häufiger und blutiger geworden. In den Reihen der KPI und der Spitze der Gewerkschaft entwickelte sich die Bekämpfung des »roten Terrors« zur wahren Besessenheit. Die KPI-nahen Richter führten die Verhaftungskampagne von 1979, die sich hauptsächlich gegen Intellektuelle und Dozenten richtete, die der »operaistischen« Richtung angehörten. Das war jedoch nur der erste Schritt. In einem zweiten Schritt kamen KPI und Gewerkschaftsführung zu der Überzeugung, die basisdemokratische Organisationen der Arbeiter – die Betriebsräte – mit ihren »harten« Kampfformen seien Motor der sozialen und antikapitalistischen Gewalt und Rekrutierungsfeld des Terrorismus.

Aufgrund dieser Beurteilung erteilte die Gewerkschaftsführung ihre Zustimmung zu den Ausgliederungsplänen der großen Konzerne wie Fiat und Montedison und zu den Säuberungsaktionen gegen alle militanten Arbeiter. Die Entlassungslisten wurden nach gesundheitspolitischen Kriterien aufgestellt: Betroffen waren durch die Arbeit Verschlissene und Aktivisten. Eine ganze Generation von Arbeiterkadern, auch diejenigen, die sich besonders um die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen gekümmert hatten, fielen der Säuberung zum Opfer.

In den folgenden Jahren wurde das Thema Arbeitsschutz von den italienischen Gewerkschaften nicht mehr aufgegriffen. Diese Wende manifestierte sich auch in der chemischen Industrie. In Castellanza wurde der Kern der Gruppe, die die Initiative gegen das Gesundheitsrisiko und gegen die physische Zerstörung der Menschen getragen hatte, 1982 entlassen. Die Gewerkschaft unterstützte die vom Betriebsratskollektiv mit der vollen Zustimmung der Belegschaft beschlossenen Abwehrkämpfe nicht mehr und schloß die basisdemokratische Organisation der Arbeiter aus ihren Reihen aus. Trotzdem wurden die Entlassungen vom Arbeitsrichter für ungültig erklärt, und die Betroffenen durften wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Das Wechselspiel zwischen Entlassung und der vom Arbeitsrichter angeordneten Wiedereinstellung wiederholte sich mehrmals.

An die Stelle der vielen Leiharbeiterfirmen für die Instandhaltungsarbeiten trat die der roten Genossenschaftszentrale angehörende Manutencoop (Cooperativa di manutenzione, Genossenschaft für Instandhaltungsarbeiten), die einen Teil der früheren Leiharbeiter als »Assoziierte« eingliederte, um sie dann 1984, als sich die sozialpolitische Situation wieder beruhigt hatte, zu entlassen. Alle Vorteile, die die Leiharbeiter in Castellanza durch die Unterstützung der Stammbelegschaft gewonnen hatten, sind inzwischen verlorengegangen. Ende 1988 gab es im Montedison-Werk nicht weniger als 72 Leiharbeiterfirmen.

Als Folge dieser Umstrukturierung, die es in ähnlicher Form auch in anderen Betrieben gegeben hatte, nahmen in den chemischen Fabriken in den 80er Jahren die schweren Unfälle und Umweltschäden wieder zu.

Der Kampf gegen das von chemischen Anlagen ausgehende Risiko hat daher einen neuen Aufschwung genommen. Die Akteure sind dieselben geblieben, hingegen sind die Rollen anders verteilt. Anfang 1989 gab es drei große Konfliktzentren:

* Massa Carrara, hier hatte ein Montedison-Werk jahrelang Pestizide gelagert und das ganze Gebiet verseucht. Obwohl sich bei einer Volksabstimmung die große Mehrheit der Bevölkerung für eine Schließung des Betriebes ausgesprochen hatte, weigerte sich das Werk, die Produktion einzustellen.
* Das Dorf Cengio im Bormida-Tal (Piemont), in dem ein weiteres Montedison-Werk für Farbenproduktion das Fluß- und Grundwasser verseucht und einen Teil der Agrikultur zerstört hatte. Die Bevölkerung, unterstützt von ihren Gemeindeverwaltungen und der lokalen Kirche, verlangte die Schließung des Betriebes.
* Manfredonia (Apulien) an der südlichen Adriaküste; hier hatten sich in den letzten Jahren mehrere schwere Unfälle in einem chemischen Betrieb ereignet. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist gegen den Bau eines neuen Kraftwerks aktiv geworden.

In allen diesen Zentren der Auseinandersetzung stellt sich die Chemie-Gewerkschaft mit einem Teil der Arbeiter gegen die Kritiker. Die neue grüne Bewegung sieht darin eine Bestätigung ihrer These, daß die Arbeiterklasse reaktionär sei. Tatsächlich ist die momentane Spaltung zwischen Ökologie- und Arbeiterbewegung das Ergebnis der großen Säuberungskampagne Anfang der 80er Jahre.

Nachdem das Betriebsratskollektiv nicht mehr von der Gewerkschaft anerkannt ist, hat sich in Castellanza ein Koordinationskomitee der Arbeiterinnen und Arbeiter des Montedison-Werks gebildet, das die organisatorische Arbeit mit der vollen Unterstützung der Belegschaft weiterführt. Auch der Kern der GPIA ist intakt geblieben und weiter aktiv. Von seinen letzten Initiativen seien drei genannt:

1. Die Erstellung einer detaillierten Dokumentation der Arbeits- und Gefahrenbedingungen in bestimmten Abteilungen des Betriebes mit genauer Benennung der Verantwortlichen und Vorschlägen für Umstrukturierungen der Anlagen (9. Dezember 1988).
2. Die Untersuchung der Vergiftung von Trinkwasserreservoirs im Gebiet von Castellanza (13. März 1989), deren Ergebnisse als Warnung und Aufforderung zu durchgreifenden Notmaßnahmen an alle zuständigen Behörden verschickt wurden.
3. Das von den Experten in Castellanza mitkonzipierte Projekt für die Dekontaminierung des Bodens, für die Produktkonversion des Betriebes und für die Umschulung der Arbeiterschaft in Massa Carrara

Streik in der Behinderten-Fabrik

Wildcat Nr. 46 – Winter 1988/89 – S. 42-47 [w46rehaz.htm]

Baby-Öl in der Schwarzwaldklinik

Vom 14.Juni bis zum 25. August wurde diesen Sommer [1988] im Reha-Zentrum Bad Honnef (in der Nähe von Bonn) gestreikt. Obwohl in diesem Heim unter privater Regie nur 180 Leute beschäftigt sind, hat der Streik weitreichende Bedeutung. In der »freien Wohlfahrtspflege« arbeiten über eine halbe Million Menschen, die meisten unter ähnlich miesen oder noch schlechteren Bedingungen wie hier: niedrige Löhne, Schichtarbeit, Überstunden, ungesichert gegen die Willkür der privaten Träger… Die Dezentralisierung der Verwahrung und Ausbeutung von Behinderten, Psychiatrisierten oder Alten soll den Widerstand gegen die Internierung erschweren und die Durchsetzung von miesen Arbeitsbedingungen erleichtern. Der Streik blieb auf das Reha-Zentrum beschränkt, aber er wurde in vielen anderen Einrichtungen wahrgenommen und könnte eine Signalwirkung haben. Die Verwalter des gesamten Sektors erkannten diese Brisanz und versuchten, die Durchsetzung der Streikziele zu verhindern. Darin lag der eigentliche Grund für die wochenlange Unnachgiebigkeit des Heim-Trägers. Außerdem hat dieser Streik gezeigt, wie sich in einer Kampfsituation die Interessen der GesundheitsarbeiterInnen und der Internierten verbinden können – während sie im täglichen Arbeitsablauf häufig gegeneinander stehen. Mit der Wiederaufnahme der Arbeit zeigen sich jetzt auch die Grenzen… Die weitere Entwicklung in diesem Heim wird nicht zuletzt davon abhängen, ob sich die Kämpfe in dem gesamten Sektor ausbreiten. Dazu wollen wir mit diesem Bericht beitragen.
Dezentralisierung und private Elendskonzerne

Für den gesamten Bereich der Aussonderung und Verwahrung ist in NRW der Landschaftsverband Rheinland (LVR) zuständig. Nachdem es in den 70er Jahren in seinen Großklapsen Widerstand von Insassen und Beschäftigten gab, und die Zustände zum öffentlichen Skandal wurden, ging er zur Dezentralisierung über. In vielen verstreuten Kleinheimen, die von privaten Trägern betrieben werden, ist das Elend weniger sicht- und angreifbar; die Insassen und GesundheitsarbeiterInnen sind besser kontrollierbar.

Der LVR handelt als überörtlicher Träger der Sozialhilfe mit den einzelnen privaten Einrichtungen die Pflegesätze aus. Durch diese Verhandlungen schafft er die Rahmenbedingungen für den profitablen Betrieb solcher Einrichtungen. Indem er sie zu Kostensenkungen drängt, bestimmt er – indirekt und hinter scheinbaren Marktgesetzen verborgen – die Bedingungen für Ausgesonderte wie für GesundheitsarbeiterInnen. Beim Streik im Reha-Zentrum übten LVR und DPWV (Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband) offensichtlich auf die Stiftung Druck aus, keinen Tarifvertrag abzuschließen.

Durchgesetzt wird die allgemeine Strategie in einem Wust von Verbänden, Stiftungen, Trägern – in dem sich der private Profit ungehindert entfalten kann. Die staatlich verordnete Kostendämpfung und die steigenden Privatprofite in der Behindertenverwahrung widersprechen sich nur scheinbar: gerade durch die Orientierung am Profit sorgen die privaten Träger dafür, daß die Ausbeutung vorangetrieben wird und die Verwahrung insgesamt billiger und reibungsloser abläuft. Weil die Träger in diesem Sinne für die Gesamtstrategie funktionieren, nimmt es der LVR auch in Kauf, daß sie öfters Sozialgelder mit durchsichtigen Betrügereien in ihren Taschen verschwinden lassen.

Die Cornelius-Helferich-Stiftung, die das Reha-Zentrum betreibt, ist ein typisches Beispiel für solche privaten Elendskonzerne: eine Mischung aus Abzocken von Sozialgeldern, Behindertenausbeutung, Immobilienmaklerei und anderen privaten Firmen. Die »Helferich-Grundstücks- und Vermögensverwaltungs-GmbH« vermietet z.B. der eigenen Stiftung Häuser. Durch das Betreiben von Heimen wird deren Bausubstanz erhalten und aufgewertet – aus den Geldern der Pflegesätze oder direkt durch die Arbeit der BewohnerInnen. Helferich-eigene Privatfirmen verkaufen Sperrmüllmöbel an die eigenen Heime – und rechnen das wiederum beim Sozialhilfeträger teuer ab.
Die Behinderten-Fabrik

Im Reha-Zentrum Bad Honnef leben und arbeiten 330 Menschen. 150 von dieser Gesamtbelegschaft sind BewohnerInnen, 158 sind GesundheitsarbeiterInnen und 19 gehören zum Wirtschaftspersonal. Das Heim ist eine reine Verwahranstalt für »Geistig Behinderte« mit einigen Pflegestationen für Schwerbehinderte. Die meisten BewohnerInnen waren vorher in Klapsen untergebracht und werden den Rest ihres Lebens in diesem Heim verbringen müssen. Seit der Eröffnung 1979 mußten die meisten von ihnen arbeiten: Industrieaufträge, Waldarbeiten, hauseigene Schreinerei und Weberei oder als Haushandwerker. Heute arbeiten 100 von ihnen, also fast alle, die irgendwie arbeitsfähig sind. Dafür bekommen sie in den Arbeitstherapien zwischen 20 und 80 Mark im Monat, je nachdem wie sie auf dem Beurteilungsbogen (nach Leistung, Pünktlichkeit, Sozialverhalten usw.) eingestuft werden. In den Beschäftigungstherapien, den Vorstufen zur Arbeitstherapie, die von den BewohnerInnen genauso als Arbeit angesehen werden, gibt es überhaupt keinen Lohn.

Früher mußten sie 30 Stunden pro Woche arbeiten. Seit etwa 11/2 Jahren wurde ihre Arbeitszeit schrittweise auf 41 Stunden verlängert. Die ArbeiterInnen hatten sich darüber massiv beschwert, aber der Heimleiter schaffte immer mehr Industrieaufträge ran. Sie reagierten mit Wut und Verweigerung gegenüber der Produktion. Die Arbeitstherapeuten schickten einzelne auf die Stationen zurück, um einen geregelten Arbeitsablauf überhaupt noch aufrechterhalten zu können. Um das Produktionssoll zu erfüllen, waren sie zunehmend gezwungen, offen repressive Vorarbeiterfunktionen zu übernehmen, und andererseits selbst mitzuarbeiten. Andere Sachen wie Sport oder Betreuung fielen weg. Die Wut bekamen auch die PflegerInnen auf den Wohngruppen zu spüren, sie mußten mit kaputten und unzufriedenen ArbeiterInnen klarkommen und griffen häufiger als früher zu Dämpfungsmitteln. Für einige der GesundheitsarbeiterInnen stand diese Situation in krassem Widerspruch zu ihrem Berufsbild und ihren Idealen von »Therapie« oder »Rehabilitation«.
Penaten-Baby-Öl bringt das Faß zum Überlaufen …

Die Unzufriedenheit über die miesen Arbeitsbedingungen war schon lange groß: untertarifliche Bezahlung, extreme Hierarchien, Arbeitsintensivierung und Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Während vorher für eine bestimmte Schicht eingestellt wurde, gibt es seit einigen Jahren für Neueingestellte nur noch Verträge ohne Schichtfestlegung. Manche mußten ständig einspringen und hatten innerhalb einer Woche vier verschiedene Schichten. Viele schmissen den Job bald wieder hin oder feierten häufig krank – vor allem »im Sommer, bei gutem Wetter«, wie uns Streikposten berichteten.

Um zusätzliche Leistungen des BAT (Zusatzurlaub, Zuschläge, usw.) zu bekommen und die Arbeitszeiten und -inhalte sowie einen Rationalisierungsschutz festzuschreiben, versuchten die Beschäftigten schon seit 11/2 Jahren, einen Tarifvertrag abzuschließen. Den GesundheitsarbeiterInnen ging es hauptsächlich darum, die Arbeitszeit und den Streß in den Arbeitstherapien wieder zurückzuschrauben. Die ArbeiterInnen im Wirtschaftsbereich forderten wegen aufgekommener Privatisierungsgerüchte vor allem Rationalisierungsschutz. Heimleitung und Stiftung zeigten jedoch keinerlei Verhandlungsbereitschaft. Im Gegenteil: sie verschärften die Ausbeutung der Gesamtbelegschaft weiter. Anfang des Jahres nahm die Heimleitung 20 zusätzliche schwerbehinderte BewohnerInnen auf, bei nur 2 Neueinstellungen. Sie kündigte weitere Arbeitszeit-Flexibilisierungen wie z.B. »Geteilte Dienste« an. Ein riesiger Industrieauftrag der Firma Penaten verschärfte die Situation in der Arbeitstherapie. Immer mehr GesundheitsarbeiterInnen mußten selbst Baby-Werbesets verpacken, um das Produktionssoll zu erfüllen: »Da hätten wir ja gleich in die Fabrik gehen können!« Mit der Ankündigung von weiteren Neuaufnahmen ohne Neueinstellungen war das Maß schließlich voll. Als nach einer Demo am Sitz der Stiftung in Kassel und kürzeren Warnstreiks immer noch keine Verhandlungsbereitschaft zu erkennen war, entschloss sich die Belegschaft zum Streik.

Schon vor dem Streik waren regelmäßig Betriebsversammlungen durchgeführt worden. Fast alle Beschäftigten (162) waren in die ÖTV eingetreten. Bei der Urabstimmung sprachen sich 95,6% für Streik aus. Die Streikenden hatten sich von Anfang an auf eine längere Auseinandersetzung eingestellt, und waren entschlossen, durchzuhalten. Mit der tatsächlichen Länge des Streiks hatte allerdings niemand gerechnet. Sie bestreikten Verwaltung, Arbeitstherapie, Küche und Wäscherei. Der Penaten-Auftrag wurde damit gekippt, und die Stiftung mußte täglich ca. 10.000 Mark für die Belieferung mit Wäsche und Essen von außen zahlen. Durch diese Streikform wollten sie die Stiftung materiell treffen, ohne den BewohnerInnen zu schaden. Für diese wurde ein »Notdienst« organisiert: statt Maloche tägliche Ausflüge und Freizeitprogramm.
Selbstorganisation des Kampfs …

Der Streik wurde von Anfang an von der ÖTV unterstützt. Sie mietete ein Streikbüro, zahlte 100% Streikgeld, und der Vorstand sicherte Unterstützung bis zum Erfolg zu. Die Streikleitung bestand aber eher pro forma. Entscheidungen und Organisation des Streiks lagen bei den Arbeitsgruppen der GesundheitsarbeiterInnen. Im Streikbüro fanden jeden Abend Besprechungen statt; täglich wurde eine Streikzeitung hergestellt. Ein Gewerkschaftssekretär betonte diese Selbstorganisation: damit könnten sie innerhalb der Gewerkschaft zeigen, daß man auch anders streiken kann, daß eine Belegschaft ihren Streik selbst in die Hand nimmt.

AktivistInnen stellten es von der anderen Seite aus dar: Die Gewerkschaft war überrascht, wieviel Selbständigkeit und Druck von unten kam. Auf Eigenmächtigkeiten der ÖTV oder Versuche, ihnen bestimmte Entscheidungen überzustülpen, reagierten sie sehr empfindlich. Aber sie machen einen deutlichen Unterschied zwischen den örtlichen Funktionären, die bereit waren, die Streikleitung in die Hände der GesundheitsarbeiterInnen zu legen, und dem Hauptvorstand. Dem ging es bei dem Streik um seine eigenen Interessen: die Gewerkschaft will sich im Gesundheits- und Sozialen Bereich profilieren, sie muß nach dem miesen Tarifabschluß von diesem Jahr wieder an Ansehen gewinnen usw. Einige betrachten es als ein Tauschverhältnis – die Gewerkschaft benutzt den Streik für ihre eigenen Interessen, gibt aber auch brauchbare Unterstützung.
… mit den Behinderten …

Zur Selbstorganisation gehörte auch, daß die GesundheitsarbeiterInnen das Heim mehr oder weniger in Eigenregie führten. Tagelang war überhaupt keine Heimleitung anwesend, nachdem sich der Heimleiter und sein erster Ersatzmann krankgemeldet hatten bzw. einfach verschwunden waren. Sie sahen das als praktischen Schritt zur Überwindung der Hierarchie: beweisen, daß es auch ohne geht.

In den ersten Tagen des Streiks soll es zu schwierigen Situationen und Spannungen wegen des plötzlich fehlenden gewohnten Tagesablaufs gekommen sein. Aber nach kurzer Zeit waren die IndustriearbeiterInnen im Heim begeistert, daß sie nicht mehr arbeiten mußten und stattdessen jede Menge unternommen wurde. Von beiden Seiten wurde immer wieder betont, daß die Stimmung im Heim noch nie so gut war. Durch den Streik sind Interessen von Heiminsassen und GesundheitsarbeiterInnen zusammengekommen, für die sonst meist getrennt und gegeneinander gekämpft wird. Entweder die Insassen wehren sich gegen Unterdrückung und Arbeitszwang, und damit auch gegen die GesundheitsarbeiterInnen. Oder letztere versuchen sich die Arbeit leichter zu machen, was oft so geschieht, daß sie sich ihrer Macht über die Insassen bedienen (Ruhigstellen, Einsperren usw.). In diesem Streik, der sich gegen die Stiftung und die auftraggebenden Firmen richtete, wurde diese Spaltung praktisch überwunden.

Daß die Industrieproduktion in diesem Heim einen derartig breiten Raum eingenommen hat, ist wohl eine der Ursachen dafür, daß hier im »Gesundheitsbereich« ein so langer Streik mit gemeinsamen Interessen möglich war. Beide Gruppen hatten das Interesse, die Industrieproduktion, in der sie alle arbeiten mußten, zurückzudrängen.

Das gleichzeitige Organisieren von Streik und Freizeitprogramm führte jedoch bei vielen AktivistInnen zu einer enormen Arbeitsüberlastung. Als nach sechs Wochen immer noch kein Verhandlungserfolg absehbar war, fragten sich Einzelne, ob der Streik so überhaupt wirksam sein könnte. Reicht der materielle Druck aus, wenn Stiftung und Verbände beruhigt sein können, daß die Versorgung der BewohnerInnen optimal gewährleistet ist? Es war die Rede von »Streikmüdigkeit«, Krankmeldungen wurden häufiger. Daher wurde beschlossen, das Freizeitprogramm zu verringern und stattdessen verstärkt in die Öffentlichkeit zu gehen. Gemeinsam mit den BewohnerInnen wurden Demonstrationen bei verschiedenen zuständigen Stellen organisiert.
… oder Selbstorganisation der Ausbeutung?

Entzündet hatte sich der Streik auch an dem übermäßigen Produktionsstreß, mit dem die Heimleitung sogar die GesundheitsarbeiterInnen zur Industriearbeit gezwungen hat. Zunächst wurde die Arbeitstherapie aufgrund dieser »Übertreibungen« kritisiert. Durch den Streik selbst und die Erfahrung der (kurzfristigen) Abschaffung der Behindertenausbeutung entstand aber Raum für eine weitergehende Kritik an der Arbeitstherapie, wie sie sonst in derartigen Einrichtungen schwer möglich ist. Warum sollen Leute, die wahrscheinlich den Rest ihres Lebens im Heim verbringen werden, ausgerechnet Arbeiten lernen? Verbergen sich hinter den sogenannten »Therapiezielen« nicht bloß die Profitinteressen des Heims und der Firmen? Dient die »Therapie« nicht nur dazu, die Arbeitsmoral in einer Gesellschaft der Ausbeutung aufrechtzuerhalten, und im Heim die Behinderten ruhig zu halten? Die allgemeine Tendenz ging aber nicht in die Richtung, die Arbeitstherapie abzuschaffen, sondern sie zu reformieren. Dabei wurde auch über die Frage des lächerlichen Lohns, der Leistungs- und Beurteilungskriterien sowie die Problematik, daß hier noch nicht einmal die Arbeitsstättenverordnung gilt, diskutiert. Im Streik standen sich also zwei Momente gegenüber: auf der einen Seite blockierten die GesundheitsarbeiterInnen praktisch zusammen mit den Behinderten die Arbeit, auf der anderen Seite übernahmen sie die Verantwortung für eine »bessere« Arbeit und Verwahrung der Behinderten. Schon während des Streiks bildete sich eine Arbeitsgruppe zur Neukonzeption der Arbeitstherapie, in der keine BewohnerInnen vertreten waren. Diese Gruppe lehnte für die Zukunft Industrieaufträge und Wirtschaftlichkeitsprinzipien nicht generell ab, sie sollen aber an den »Therapiezielen« ausgerichtet werden. So forderten sie nach dem Streik von der Heimleitung, für mehr Auswahlmöglichkeiten bei den Industrieaufträgen zu sorgen.

Aus der Arbeitstherapie-Konzeptgruppe hat sich nach dem Streik eine größere Gruppe aus allen Bereichen gebildet, die ein neues Konzept für das gesamte Heim erstellen will. Die Treffen sind durch die verschiedenen Schichten erschwert. In der Arbeitszeit wären sie wohl kaum durchsetzbar, und es gab auch Bedenken dagegen, da dann die Heimleitung wieder mehr Eingreifmöglichkeiten hätte. Sie wollen nun möglichst schnell ein neues Konzept vorlegen, um der Heimleitung zuvorzukommen. Sie haben dabei die Hoffnung, das momentane Machtvakuum in der Hierarchie nutzen zu können, um eigene Vorstellungen von guter Behindertenversorgung verwirklichen zu können. Eigenständige Durchsetzungsmöglichkeiten werden aber nicht diskutiert.
Tarifvertrag durchgesetzt … nun ist auch der Heimleiter dafür

Von dem offiziellen Streikziel »Tarifvertrag« hatten sich die Streikenden trotz der Hartnäckigkeit der Stiftung nicht abbringen lassen. Helferich hatte nach über einem Monat Streik den materiellen Forderungen nachgegeben. Allerdings wollte er sie nur einzelvertraglich zugestehen. Dieses Angebot lehnte die Streikversammlung einstimmig ab. Es war klar, daß die Zugeständnisse bei der hohen Fluktuation bald wieder rückgängig gemacht worden wären. Mit dem jetzt geltenden Tarifvertrag nach BAT konnten die geforderten Zuschläge und Arbeitszeitregelungen (keine geteilten Dienste, Zusatzurlaub bei Wechselschicht, usw.) festgeschrieben werden. Außergewöhnlich ist dabei im übrigen, daß der Tarifvertrag ganz in der weiblichen Form abgefasst ist – es gibt nur »Arbeitnehmerinnen«.

Durch die tarifliche Festlegung des Arbeitsbeginns konnte die Arbeitszeit der BewohnerInnen wieder um 21/2 Stunden pro Woche gesenkt werden. Was jetzt in den einzelnen Arbeitstherapien läuft, hängt von den jeweiligen Gruppenleitern ab. In einer, die von einem Streikbrecher geführt wird, müssen die BewohnerInnen schon wieder den ganzen Tag Industrieaufträge machen. In einer anderen, in der es zur Zeit keinen Gruppenleiter gibt, haben die BetreuerInnen beschlossen, nur noch vormittags Aufträge zu machen und die Nachmittage für »kreative Beschäftigung«, Alphabetisierung, Sport und Fahrten (z.B. zur Besichtigung von Arbeitstherapien in anderen Einrichtungen) freizuhalten. Zur Zeit versucht die Heimleitung nicht, das zu verhindern, da sie sowieso noch nicht so viele Aufträge rangeschafft hat.

Der Streik war auch eine Auflehnung gegen die Hierarchie im Heim und die diktatorische Führung des Heimleiters. Die gesamte Hierachie bis zu den Abteilungsleitern beteiligte sich dann am Streik. Nach dem Streik wurde beschlossen, die Abteilungsleiterkonferenz, zu der niemand anders Zugang hatte, abzuschaffen. Stattdessen finden jetzt Gruppenleiterversammlungen statt, an denen jedeR teilnehmen kann. Dies ist allerdings nirgends festgeschrieben, und die Praxis sieht von Gruppe zu Gruppe verschieden aus.

Der Heimleiter war zuerst empört über die neuen Verhältnisse. Seine Mauschelbemühungen mit Einzelnen scheiterten. Als geschulter Sozialtechnokrat hat er aber schnell gelernt, daß er den Elan aus dem Streik auch für seine Ziele benutzen kann. Da er während des Streiks nicht anwesend war (Urlaub, Krankenschein), konnte er nun so tun, als hätte er schon immer auf der Seite der Streikenden gestanden. Er begrüßt den Tarifvertrag und versucht in dem damit wiederhergestellten Arbeitsfrieden die weitergehenden Forderungen nach Abschaffung der Hierarchie für sich zu benutzen und umzudrehen: Mitbestimmung als Mitverantwortung. In den bisherigen Gruppenleiterversammlungen haben sich diese Probleme schon gezeigt. Tatsächlich wird hier nichts entschieden, sondern der Heimleiter schiebt die Verantwortung auf die GesundheitsarbeiterInnen ab: wenn Probleme angesprochen werden, spielt er den Ball zurück und fordert sie zu kreativen Lösungen auf.

Außerdem wird dieses offene Gremium zu einem Ort, wo die Leitung Konflikte unter den ArbeiterInnen besser mitkriegen – und sie dann benutzen kann. Mit dem Ende des Streiks fehlt ein Ort, an dem die KollegInnen unter sich solche Fragen klären, gemeinsam Forderungen entwickeln und Durchsetzungsmöglichkeiten diskutieren können. Die Selbständigkeit in der Führung des Streiks hat keine darüberhinausgehende Selbstorganisation hervorgebracht.

Durch den Kampf sind Zusammenhänge entstanden, und die Streikenden haben öfters betont, daß das das Wichtigste dabei wäre: sich im Streik ganz anders kennenzulernen, die Isolation in Abteilungen (Wohngruppen und Therapien) zu durchbrechen, und dadurch eine ungewohnte Stärke zu bekommen. Versuche, diese Zusammenhänge nach dem Streik durch einen regelmäßigen Stammtisch aufrechtzuerhalten, haben sich jedoch mehr oder weniger verlaufen. Ein Ansatz für gemeinsame Diskussionen scheint noch am ehesten die Reha-Zeitung zu sein, eine Fortführung der Streikzeitung. Sie sorgt dafür, daß Informationen nicht wie früher in einer Abteilung bleiben, sondern durch’s ganze Haus gehen. Zum Beispiel konnten hier alle einen Mauschelversuch des Heimleiters mit einer Einzelnen im Wortlaut nachlesen.

Ob der Heimleiter mit seinen Demokratiespielchen durchkommt, oder ob es gelingt, weitere Kampfansätze zu entwickeln, hängt nicht nur von den Auseinandersetzungen in dieser einzelnen Anstalt ab. Auf der Ebene eines Betriebes können Konflikte immer wieder eingebunden und kanalisiert werden. Seine Bedeutung hat dieser Streik daher in erster Linie im Zusammenhang des gesamten Gesundheitssektors, der kurz vorm Explodieren ist.

Wir, einige Leute, die seit längerem in oder gegen Kranken-Anstalten gearbeitet haben, als GesundheitsarbeiterInnen oder in Initiativen zusammen mit Insassen, sind öfters nach Honnef gefahren und haben mit den Streikenden diskutiert. Zum erstenmal haben wir dort einen konkreten Ansatzpunkt gesehen, wie sich Kämpfe der beiden Gruppen verbinden können. Gleichzeitig hat sich dabei gezeigt, daß die Gegensätze in so einem isolierten Kampf nicht überwunden werden können. Aber eins haben alle gesehen: der Kampf ist die beste Therapie … auch für die Therapeuten.

»Es gibt nichts Asozialeres, als im sozialen Bereich zu arbeiten!«
Ausspruch einer Streikenden.

Beschwerdezentren – 10 Jahre gegen die Psychiatrie

Teil 1 Wildcat Nr. 45 – Sommer 1988 – S. 58-64

Um die Psychiatrie ist es still geworden. Vor 10 Jahren versetzte die Aufdeckung von zahlreichen Todesfällen und grausamen Verhältnissen hinter den Anstaltsmauern die liberale Öffentlichkeit in Empörung. In vielen Gruppen wurden nicht nur diese »Skandale«, sondern die Funktion der Psychiatrie überhaupt diskutiert. Es sah so aus, als könnte eine stärkere Bewegung gegen die psychiatrische Aussonderung entstehen.

Heute ist davon nicht mehr viel übriggeblieben. Die meisten BeschwerdeZentren haben sich wieder aufgelöst; die letzten isolierten Grüppchen sind kaum noch in der Lage, gegen die fortbestehende alte und die verstreute neue Psychiatrie wirksam vorzugehen. Eine Diskussion um die Psychiatrie findet nicht mehr statt, vor allem keine politische. Selbst in der radikalen Linken stößt unsere prinzipielle Ablehnung der Psychiatrie häufig auf Unverständnis. Die Modernisierung der letzten Jahre hat hier ihre Wirkung gehabt. Nachdem die Verantwortlichen durch die breite Empörung über die mittelalterlichen Zustände unter Druck geraten sind, haben sie angefangen, die schlimmsten »Mißstände« in den Anstalten zu beseitigen und mit dem Aufbau von neuen Einrichtungen ihren Einflußbereich noch zu vergrößern. Diese »Alternativen« (Ambulanzen, Tageskliniken, Beratungsstellen usw.) können weit besser als die finsteren Anstaltsgemäuer als Hilfsangebote verkauft werden. Die psychiatrische Gewalt ist weniger sichtbar – die Akzeptanz wieder gestiegen. Wir müssen rückblickend feststellen, daß wir mit unseren Aktionen dem Psychiatriesystem den Tritt gegeben haben, der ihm als Anstoß für die Modernisierung und Ausweitung noch gefehlt hat …

Wir wollen hier zunächst den Kampf des Kölner Beschwerdezentrums gegen die Psychiatrie, die Stärken und Schwächen in den einzelnen Phasen, darstellen. In der nächsten Ausgabe werden wir nochmal begründen, warum die Psychiatrie als Teil des Repressionsapparates nicht reformiert, sondern abgeschafft gehört.

Vom Sozialarbeiterprojekt zur Selbsthilfe

Ende der 60er Jahre gründeten Sozialarbeiter und Studenten den SSK als »Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Köln«. Sie wollten damit Lebensmöglichkeiten für die vielen obdachlosen Jugendlichen schaffen, denen nur die Straße blieb, wenn sie der Heimverwahrung entgehen wollten. Schon bald kam es zu Auseinandersetzungen mit der Stadt Köln, die die weitere Finanzierung des Projekts von der Einhaltung von Auflagen und politischer Zurückhaltung abhängig machte. Der SSK beschloß daraufhin, auf die Gelder zu verzichten, und benannte sich um in »Sozialistische Selbsthilfe Köln«. Ehemalige SozialarbeiterInnen und »Betreute« leben seitdem gemeinsam in teils gemieteten, teils besetzten Häusern und verdienen ihren Lebensunterhalt durch eine eigene Firma (Umzüge, Entrümpelungen, Gebrauchtmöbelverkauf, Kohleausfahren). Die wöchentliche Auszahlung ist für alle gleich. Arbeitsverteilung, finanzielle Probleme (die in letzter Zeit wieder drängender werden) und politisches Vorgehen werden auf den täglichen Sitzungen, bei denen (zumindest vom Anspruch her) jede/r gleichviel zu sagen hat, gemeinsam beschlossen.

Neben der Heimkampagne war der Kampf gegen die Sanierung schon bald ein wichtiger Bestandteil der SSK-Politik: Unterstützung von MieterInnen gegen drohende Vertreibung und Hausbesetzungen, die für weitere SSK-Gruppen oder andere Wohnungssuchende, z.B. ausländische Familien, gemacht wurden. (Diese Tradition von Hausbesetzungen trägt sicher mit dazu bei, daß Besetzungen in Köln heute noch eher möglich sind als in anderen Städten).
BeschwerdeZentren

Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Menschen zum SSK, denen die Flucht aus den Klapsen gelungen war. Sie berichteten, wie sie in diesen Krankenhäusern mit Dämpfungsmitteln, Fesseln und Schlägen fertiggemacht worden waren, und auch von zahlreichen Todesfällen durch die psychiatrische Behandlung. All dies war damals draußen weitgehend unbekannt. Um auch andere Leute am Kampf gegen die Psychiatrie zu beteiligen, gründete der SSK 1977 auf einer Veranstaltung das erste BeschwerdeZentrum, eine »Initiative gegen Verbrechen in Landeskrankenhäusern«. Das BZ machte es sich zur Aufgabe, Anstaltsinsassen bei der Durchsetzung ihrer Menschenrechte zu unterstützen und die Verhältnisse hinter den Mauern an die Öffentlichkeit zu bringen.

Der Kontakt nach drinnen wird durch regelmäßige Fahrten in die rheinischen Klapsen, durch Besuche von Insassen und Flugblattaktionen aufrechterhalten. Es sind immer wieder dieselben Beschwerden: Zwangsunterbringung, Zwangsbehandlung mit Psychogiften, Schikanen und Mißhandlungen durch das Personal und Zwangsarbeit für Pfenniglöhne. Rechtsanwälte unterstützen Psychiatrisierte bei der Durchsetzung ihrer Minimalrechte. Oft versagt aber der Rechtsweg, denn die meisten Unterdrückungsmaßnahmen in der Klapse sind völlig legal. Für die Internierten ist es sehr schwer, sich zu wehren. Mit ihren Dämpfungsmitteln haben die Psychiater eine wirksame Waffe in der Hand, mit der sie Widerstand schnell »ruhigstellen« können. Um Forderungen der Menschen in den Klapsen zu unterstützen, haben die BZs immer wieder mit Aktionen von außen Druck gemacht: Demos, Besetzungen von Stationen und Büros, Störung von Elendsverwaltern und Sitzungen im LVR (=Landschaftsverband Rheinland, Träger der Klapsen) usw.

Viele, die sich an das BZ wenden, wollen vor allem eins: raus aus der Klapse. Sie können das kaum alleine schaffen, weil sie z.B. keine Wohnung mehr haben, oder weil sie nicht offiziell entlassen werden und keine guten Freunde haben, bei denen sie nach einer Flucht längere Zeit illegal und ohne Geld untertauchen können. Der SSK ist so für viele zur ersten greifbaren Möglichkeit geworden, dem Kreislauf von Klapse und Straße zu entkommen. Hier finden sie erstmal Wohnung, ein (wenn auch minimales) Einkommen, relative Sicherheit vor Behörden und Bullen, und sind nicht mehr allein – auch wenn manche mit diesem Gemeinschaftsleben nicht klarkommen, andere Lebensvorstellungen haben und nach einiger Zeit wieder abhauen.

Bis Anfang der 80er Jahre hatten sich auch in vielen anderen Städten BeschwerdeZentren gegründet. Nur wenige in NRW wurden jedoch von Selbsthilfegruppen, ähnlich dem SSK, getragen. Die übrigen BZs standen immer wieder vor dem Problem, daß sie zwar bei der Flucht helfen und den Psychiatrie-Flüchtlingen vielleicht noch für kurze Zeit Unterkunft in einer Wohngemeinschaft geben konnten – aber eben keine längerfristigen Lebensmöglichkeiten. Es war in diesen eher studentischen Gruppen auch viel weniger möglich, einen gemeinsamen Kampf mit den Psychiatrisierten zu führen. Das Verhältnis Helfer/Opfer konnte in diesen Initiativen nie in dem Maße aufgehoben werden wie im Zusammenleben und -arbeiten des SSK. Diese verschiedene Zusammensetzung der Gruppen wirkte sich auch auf die Politik aus: Die Kritik an der Psychiatrie und die Aktionsformen waren beim SSK-BeschwerdeZentrum meist radikaler als bei den studentischen Gruppen, die mehr über »Alternativen« diskutierten (und zum Teil schon ihre eigene Berufskarriere in der schönen neuen Müslipsychiatrie vorbereiteten).

Im Laufe der Jahre hat es im BZ verschiedene Schwerpunkte gegeben: Aufdeckung von »Skandalen«, Prozesse gegen Psychiater, Unterstützung von Menschen in den Klapsen und Agitation gegen Psychopharmaka. Wir stellen diese Punkte hier der Übersichtlichkeit halber getrennt dar. Es sind jedoch keine abgeschlossenen, voneinander getrennten Phasen gewesen: auch heute wird noch ab und zu eine Station oder ein Büro besetzt, um bestimmte Vorfälle bekannt zu machen, und die Unterstützung von Insassen und Psychiatrisierten war von Anfang an eine der wichtigsten Aufgaben. Der Kampf des BZ lebte gerade davon, daß wir in den Anstalten immer wieder Leute getroffen haben, die sich unter härtesten Bedingungen mit unglaublichem Mut und Entschlossenheit gegen ihre Unterdrücker gewehrt haben – und das dann von außen weiter machten, wenn ihnen die Flucht zum SSK geglückt war.
»Menschen wie Vieh gehalten«
Die Skandalpolitik …

Die ersten Jahre des BZ waren bestimmt von den »großen Skandalen«. 1977-79 erfuhren wir immer wieder von Todesfällen in den Klapsen und brachten sie mit möglichst pressewirksamen Aktionen an die Öffentlichkeit. In Brauweiler waren Insassen mit Psychopharmaka vergiftet worden; in Düren von Pflegern totgeschlagen, in Zellen verbrannt, durch Psychogifte in den Selbstmord getrieben worden; in Bonn waren mehrere Menschen auf Alten- und Behindertenstationen elend verreckt. Auf diese »Mißstände« und die Leichen sprang die Presse gut an. Nach der Stationsbesetzung, mit der die Bonner Todesfälle bekanntgemacht wurden, erschienen bundesweit mehr als 150 Zeitungsartikel. Eine kleine Gruppe konnte so über die Mobilisierung der liberalen Empörung spektakuläre Erfolge erreichen: Das LKH Brauweiler und verschiedene Stationen in anderen LKHs mußten geschlossen werden, Klinikleitungen flogen aus ihren Sesseln, die Verantwortlichen feinen Herren kamen auf öffentlichen Veranstaltungen gegenüber Irren und abgerissenen Gestalten ins Stottern und wußten nicht mehr, wie sie sich rechtfertigen sollten. Ihre Versuche, diese lästige Gruppe mit Hilfe der Justiz mundtot zu machen, scheiterten zunächst kläglich. Den Strafantrag wegen der Bonner Stationsbesetzung zogen sie mitten im Prozeß zurück, weil ihnen die Einlassungen und Beweisanträge der Angeklagten zu gefährlich wurden, weil sie dadurch weitere Skandale befürchten mußten. In einem jahrelangen Rechtsstreit um ein Flugblatt zur Schließung von Brauweiler gingen sie ebenfalls baden. Dort wurde die Schließung als raffinierte Vertuschungsaktion beschrieben: »Die feinen Herren vom Kennedyufer in Köln haben den Skandal gemacht, um die Katastrophe zu vermeiden. Der Skandal ist, daß Menschen wie Vieh gehalten werden können, mit Dämpfungsmitteln vollgestopft. Wer bei diesem Drogenmißbrauch stirbt, wird sang- und klanglos unter die Erde geschafft. Die Katastrophe wäre, wenn die ganze Wahrheit ans Tageslicht käme. Brauweiler ist nicht ein einzelner Mißstand, denn in keinem LKH ist es anders als dort. Dieser Mißstand hat System. Dabei sterben ständig in den LKHs Menschen auf zwielichtige Art und Weise, aber die »Aufsicht« des LVR nimmt diese Toten hin.« Der Versuch des LVR, diese Äußerungen verbieten zu lassen, wurde schließlich 1983, 5 Jahre später, vom OLG Köln zunichte gemacht (das Urteil hat uns allerdings auch nicht mehr viel genützt …).
… und ihre Grenzen

Im BZ wurde die Psychiatrie schon bald als politische Frage diskutiert: Die Verhältnisse sind krank, nicht die Menschen; es geht nicht darum, gegen einzelne Mißstände anzurennen, es geht nicht um bessere oder schlechtere Behandlungsmethoden, es geht gegen das Psychiatriesystem als Repressions- und Aussonderungsapparat; die Psychiatrie gehört abgeschafft. (Genaueres dazu in der nächsten Wildcat). Es war aber höchstens in Ansätzen möglich, diese grundsätzlichere Diskussion zu verbreitern. Häufiger stießen die Abschaffungsforderungen am Ende der Flugblätter auf Unverständnis. Zartbesaitete Sozialarbeiter und Psychoklempner haben sich immer wieder über diese Forderungen, die drastische Sprache und die »undifferenzierte« Kritik aufgeregt. Trotzdem waren die Erfolge der Anfangszeit dadurch möglich, daß die Aufdeckung und Anprangerung von Skandalen gerade auch von solchen liberalen Kritikern und Reformern unterstützt wurde. Und darin liegt genau die Grenze dieser Politik. Auf der einen Seite erschöpft sich die Empörung über Skandale, wenn sie einmal bekannt sind und sich die Sensationsmeldungen nicht mehr ständig steigern. Wenn wir später mit Presse-Erklärungen zu Vorfällen in der Klapse ankamen, fragten uns die Redakteure enttäuscht, ob denn diesmal keiner daran gestorben wäre – und schrieben nichts mehr darüber. Auf der anderen Seite haben die Betreiber der Psychiatrie die Flucht nach vorn ergriffen. Nachdem die Verhältnisse hinter den Mauern nicht mehr zu vertuschen waren, fingen sie selbst an, von »System« zu reden, um ihre Unschuld zu beweisen, und das Elend öffentlich zu machen, um so mehr Geld für den Ausbau ihres Machtapparats zu bekommen. Zum Beispiel Klaus Dörner, einer der Wortführer der Sozialpsychiatrie: Als der SSK 1979 auf einer Psychiatertagung die Ermordung von zwei Insassen im LKH Düren zur Sprache brachte, konterte er mit der Bemerkung »Ich könnte Sie den ganzen Abend und noch eine Nacht lang unterhalten, an wie vielen Todesfällen ich beteiligt war.« Er gehört auch zu denjenigen, die in den letzten Jahren gerne Vergangenheitsbewältigung betreiben. In Veranstaltungen zur Psychiatrie im Faschismus beklagen sie die damalige planmäßige Vernichtung der Irren, geben zerknirscht zu, daß sie in dieser Tradition stehen und eine schwere Hypothek zu tragen haben, bekennen sich zur Gewalt, die sie in ihren Anstalten ausüben (garniert mit einigem Psychogefasel über die Gewaltbereitschaft gegenüber unlösbaren Problemen, die in uns allen steckt) – und benutzen das alles als Argument, die Politiker aufzufordern, ihnen noch mehr gemeindenahe Psychiatrie zur Verfügung zu stellen. Letztes Jahr gingen die Klinikchefs von Baden-Württemberg an die Öffentlichkeit. Sie selbst beschreiben jetzt das Elend in ihren Anstalten, die Verwahrung, das Abspritzen und Fesseln. Während die rheinischen Psychiater in den ersten Auseinandersetzungen mit dem SSK noch versuchten, Fesselung als medizinisch notwendige Maßnahme darzustellen, haben diese Psychiater jetzt erkannt, daß die Veröffentlichung der Gewalt ein Weg sein kann, um mehr Geld für Personal und die weitere Zementierung des Anstaltssystems in neuem Beton zu bekommen.

In den ersten Jahren haben wir vielleicht selbst zu oft auf solche internen Erklärungen wie Personalmangel, fehlende Kontrolle usw. zurückgegriffen. Da wir immer wieder mit dem LVR (Landschaftsverband Rheinland) als Träger aller rheinischen Anstalten konfrontiert waren, haben wir uns näher mit dieser merkwürdigen Institution beschäftigt und festgestellt, daß dieses Relikt der preußischen Provinzialverwaltung noch nicht mal den hier gängigen demokratischen Spielregeln entspricht, daß es noch besser als andere Bereiche gegen eine öffentliche Kontrolle abgesichert ist. Die Forderung nach Abschaffung des LVR ist jedoch nichts anderes als die Forderung nach einer besseren, »demokratisch kontrollierten« Psychiatrie – und das hatten wir eigentlich nicht gemeint. Ebenso problematisch sind sicher Forderungen nach »Sofortmaßnahmen« oder »Durchsetzung der Menschenrechte in der Psychiatrie«. Der Hintergrund war zum einen die Hektik der sich überschlagenden Skandale: um die erfolgversprechende Mobilisierung der Öffentlichkeit weiter zu treiben, waren immanente und moralische Argumentationen sicher besser geeignet als allgemeine Ausführungen übers System (die zwar auch oft genug gemacht, aber eben nicht weiter beachtet wurden). Außerdem mußten wir unsere Aktionen des öfteren vor Gericht verteidigen, und auch dort waren konkrete Beweise für Mißhandlungen und konkrete Ziele notwendig, um den LVR zu einem Rückzieher zu zwingen oder wenigstens die Einstellung des Verfahrens gegen uns zu erreichen.

Zum anderen waren die Aktionen gegen die Psychiatrie auch auf unserer Seite von Empörung und Wut getragen; Empörung bei denjenigen, die draußen zum ersten Mal von der Gewalt hinter den Mauern erfuhren und der Wut vieler Insassen, die sich von drinnen oder – nach gelungener Flucht – von draußen beteiligten. Es wurde viel über konkrete Vorfälle, über den Alltag in der Klapse und über die Funktion von bestimmten Maßnahmen und Institutionen diskutiert – um erstmal zu kapieren, wie dieses System im kleinen funktioniert. In dieser Phase kam die Stärke des Kampfs allerdings weniger aus der Analyse des Systems als aus der Wut auf ganz konkrete Unterdrücker und Unterdrückungsmaßnahmen. Die Aktionen wurden oft sehr schnell und spontan geplant und durchgeführt, mit wesentlich größerer Überzeugung als heute: mit der Hoffnung, jetzt endlich mal zurückschlagen und gegen die Macht der Ärzte und Bürokraten wirklich etwas erreichen zu können. Von heute aus betrachtet haben die Erfolge des BZ letztlich mit dazu beigetragen, die Modernisierung und Ausweitung der Psychiatrie in Gang zu setzen. Daß es gelingen konnte, den Ruf der Halbgötter in Weiß so zu ruinieren und die Schließung ganzer Anstalten zu erzwingen, führte aber damals zu der Hoffnung (oder Illusion), auf diesem Weg die Psychiatrie zurückdrängen zu können. Von diesem Elan ist nicht mehr viel zu spüren, wenn heute Stationsbesetzungen geplant werden. Nicht-aufgeben-wollen statt Aufbruchsstimmung: da wird erstmal lange nach einem Termin gesucht, an dem man diese lästige Pflicht zwischen allen anderen Notwendigkeiten erfüllen kann …
»Die wahren Schuldigen«

Da die Psychiatrie wie jedes System nur über die Menschen funktioniert, die dort arbeiten und mitspielen, wurden sie vom BZ immer für ihr Handeln verantwortlich gemacht. Ärzte und Pfleger, die sich besonders durch Gewaltmaßnahmen hervortaten, wurden in Flugblättern namentlich angegriffen und angezeigt. Es gab immer auch Mitarbeiter, die die Arbeit des BZ unterstützt haben, indem sie Informationen rausgaben oder den Kontakt zu Insassen ermöglichten. In Einzelfällen haben wir wiederum Mitarbeiter unterstützt, die vom LVR fertiggemacht wurden, weil sie sich für Insassen eingesetzt oder mit uns zusammengearbeitet hatten. Ein gemeinsamer Kampf war jedoch aufgrund der unterschiedlichen Ziele – Reformieren oder Abschaffen – kaum möglich.

Die ersten Anzeigen wurden gegen besonders brutale Pfleger geschrieben, die Insassen zusammengeschlagen hatten. Schon bald kam dann die Diskussion auf, daß wir damit immer nur die kleinen Unterdrücker am letzten Ende der Hierarchie treffen, die selbst unter miesesten Bedingungen arbeiten (was sie aber nicht aus der Verantwortung entläßt), während die Ärzte und Schreibtischtäter, die sich an den Anstalten eine goldene Nase verdienen, unbehelligt bleiben. Es wurde daraufhin versucht, auch diese »wahren Schuldigen« vor Gericht zu bringen und zur Rechenschaft zu ziehen.

Es ist schon ein ziemlich absurdes Unterfangen, ausgerechnet die Justiz gegen die Psychiatrie zuhilfe zu rufen. Kein Wunder, daß das BZ in diesen Fällen ständig die Funktion der Staatsanwaltschaft übernehmen und die Ermittlungen selbst führen mußte. Die Justiz stellte die Verfahren immer wieder ein und gab den Verantwortlichen reichlich Gelegenheit, Akten und Beweismittel verschwinden zu lassen oder Zeugen unter Druck zu setzen. Schließlich ist es bei einigen Prügelpflegern sowie den Ärzten und dem Klinikchef von Brauweiler gelungen, sie auf die Anklagebank zu bringen. Und sie wurden sogar verurteilt. Daß der Chefpsychiater Stockhausen 1981 für Todesfälle in seiner Klinik 2 Jahre (auf Bewährung) bekam, war schon außergewöhnlich. Die Urteile im Brauweiler-Prozeß hatten Signalwirkung und konnten in der Folgezeit von vielen Insassen benutzt werden. Vorher waren Psychiater selbstverständlich davon ausgegangen, daß das Strafrecht für sie nicht gilt, wenn sie Insassen mißhandeln, vergiften oder zu Tode behandeln. Nachdem nun ihre Kollegen verurteilt worden waren, wurden manche Ärzte vorsichtiger: wenn Insassen ihnen damit drohten, sich ans BZ zu wenden und Anzeigen zu machen, ließen sie öfters von Zwangsmaßnahmen ab. Und mehr als die Eindämmung der schlimmsten Körperverletzungen, die nicht mehr durch Gesetze gedeckt sind, ist mit der Justiz gegen die Psychiatrie auch nicht zu erreichen. Es werden zwar immer noch Anzeigen als Druckmittel geschrieben und ab und zu der Justiz mit Aktionen klargemacht, daß sie solche Anzeigen nicht einfach in der Schublade verschwinden lassen kann. Nach den großen Ärzteprozessen war aber auch klar, daß sich ein solcher Aufwand für uns kein zweites Mal lohnt.
Wehrt Euch – Entwaffnet die Psychiater!

Meistens wenden sich Einzelne aus den LKHs oder Heimen ans BZ. Nur selten ist es gelungen, den Widerstand zu verbreitern, so daß sich mehr Menschen aus der Klapse an Aktionen zu bestimmten Forderungen beteiligen und die Unruhe in die Stationen und Therapien hineintragen. Dies war z.B. der Fall bei verschiedenen besonders üblen Stationen (vor allem Knaststationen) oder bei Aktionen gegen die Ausbeutung in der sogenannten Arbeitstherapie (Anlaß war, daß von den Pfenniglöhnen nun auch noch das Urlaubs- und Krankengeld gestrichen werden sollte). Es läßt sich im Nachhinein schwer sagen, ob wir mehr Augenmerk auf die Organisierung des Widerstands von drinnen hätten richten sollen, ob das BZ hier über der Mobilisierung der Öffentlichkeit wichtige Chancen übersehen hat.

Nachdem es mit der »Skandalmobilisierung« vorbei war, wurde diese Frage neu diskutiert. Der Widerstand von drinnen, in den Anstalten, Heimen und gemeindenahen Einrichtungen, wird nun von den meisten als die einzig mögliche Perspektive im Kampf gegen die Psychiatrisierung gesehen. Hauptangriffspunkt muß dabei die brutalste Waffe der Psychiater sein: die Psychopharmaka. Es muß darum gehen, eine breite Verweigerung zu organisieren: gegen die ärztliche Behandlung des Leidens an gesellschaftlichen Verhältnissen und die Ruhigstellung von Widerstand durch die chemische Zwangsjacke.

Solange sich nur Einzelne wehren, gerät das BeschwerdeZentrum immer wieder in die Gefahr, Sozialarbeit und Stellvertreterpolitik zu betreiben. Schon öfters wurden Menschen, die den Psychiatern zu unbequem waren, regelrecht zum SSK abgeschoben – auch wenn sie dort gar nicht hin wollten. Die Sozialarbeiter versuchen auf diesem Weg, ihre Aufgabe, den Entlassenen eine Wohnung zu besorgen und den Behördenkram zu erledigen, auf den SSK abzuwälzen. Und wenn das BZ nicht mehr in der Lage ist, wirklich Druck zu machen, kann es in absurde Verhandlungssituationen geraten. So wurde schon um die Dämpfungsmittel-Dosis wie auf dem Basar gefeilscht: der Gefangene will gar keine Psychopharmaka, der Arzt will ihn völlig volldröhnen, das BZ mischt sich ein – und nach längeren Verhandlungen kommt schließlich eine mittlere Dosis heraus.

Um den Widerstand gegen die Vergiftung mit Psychodrogen (zunächst in den Klapsen) zu verbreitern, haben wir von der Patientenfront die Idee der Nicht-Einverständnis-Erklärung übernommen: die Insassen übergeben dem Arzt eine Erklärung, daß sie mit der Medikamentenbehandlung nicht einverstanden sind und weisen ihn darin darauf hin, daß er sich der Körperverletzung strafbar macht, wenn er ihnen gegen ihren schriftlich erklärten Willen Psychopharmaka gibt. Diese Erklärungen sind zusammen mit Informationen über die Psychogifte häufig in den Klapsen verteilt worden. Viele haben sie unterschrieben und hatten damit auch Erfolg: Ihnen wurden keine Psychopharmaka mehr verabreicht und manche wurden sogar plötzlich entlassen, weil den Psychiatern diese Verweigerer zu unbequem wurden, weil sie eine Verbreiterung des Widerstands gegen die Dämpfungsmittel befürchteten. Zu einem breiteren Medikamentenstreik ist es im Rheinland jedoch noch nicht gekommen.

Diese Kampagne hat aber auch die Schwäche des BZ gezeigt. Ohne eine breite Mobilisierung im Rücken ist es für eine so kleine Gruppe schwer, den Widerstand drinnen wirksam zu unterstützen oder überhaupt in die Klapsen reinzukommen. Die Besuchs-, Haus-, Stations-, Geländeverbote und Hausfriedensbruchanzeigen können wir inzwischen kaum noch zählen. Oft wurden gerade die Nicht-Einverständnis-Erklärungen als Grund für die Anzeigen und Verbote genannt. Überall dort, wo sich Widerstand regt, versuchen sie, den Kontakt nach draußen zu verhindern – um die Internierten dann um so besser fertigmachen zu können. Manche mußten drinnen ihren Widerstand bald wieder aufgeben: weil sie isoliert dastanden und wir nicht mehr in der Lage waren, von außen wirklich Druck zu machen. Die Hausfriedensbruchprozesse sind oft genug Kabarettstücke und enden mit Einstellung oder sogar Freispruch; manche generellen Geländeverbote wurden vom Gericht für unzulässig erklärt. Trotzdem ist es ihnen damit gelungen, die Abschottung wieder dichter zu machen, uns mit nervenden Prozessen beschäftigt zu halten und die Gefangenen wieder mehr zu isolieren. Wenn mal wieder ein Streifenwagen reicht, um uns vom Gelände zu scheuchen, können wir nur davon träumen, mit 3000 Leuten wiederzukommen und die Mauern einzureißen …
Kampf den Psychodrogen – in den Anstalten, Stadtteilen und Fabriken

Die Modernisierung und Differenzierung der Psychiatrie hat den Widerstand dagegen noch in anderer Hinsicht schwieriger gemacht. Wir sind heute nicht mehr nur mit den alten Großanstalten konfrontiert, sondern mit einem unübersichtlichen Spinnennetz von zusätzlichen Einrichtungen. Die Psychiater haben heute mehr Möglichkeiten als früher, die Ruhe in ihren Anstalten durch Abschiebung von Einzelnen in andere Einrichtungen aufrechtzuerhalten. Dem BZ fehlt heute nicht nur der Schutz der liberalen Öffentlichkeit, sondern noch mehr der Widerstand drinnen. Es scheint ruhiger geworden zu sein in den Großanstalten. In manchen LKHs besucht das BZ nur noch die Leute, die es dort seit Jahren kennt, es kommen keine weiteren mehr hinzu. Manche, die sich entschlossen gewehrt haben, wurden in Nacht- und Nebel-Aktionen in Kleinstheime verfrachtet. Diese Abschiebeheime sind noch besser abgeschottet als die Großanstalten. Während man sich in einem LKH-Gelände trotz Hausverbot noch ganz gut bewegen kann, ist es fast unmöglich, Leute in den »Waldesruh-« und »Abendfrieden«-Heimen zu besuchen – man fällt in dieser Friedhofsruhe schon auf, wenn man sich nur auf 100 Meter einem solchen Heim nähert. Außerdem ist es bei der Vereinzelung und den Entfernungen kaum noch möglich, überall die Kontakte zu halten und auch noch Unterstützung zu organisieren.

Die moderne Psychiatrie wird vor allem im Vorfeld von Abschiebeanstalten und -heimen aufgebaut; sie tastet sich immer weiter in die verschiedenen Lebensbereiche vor. Die Psychodrogen sind allgegenwärtig: in unzähligen Arztpraxen und Einrichtungen werden sie verteilt, in Fabriken, Büros, Schulen und Wohnknästen tonnenweise geschluckt. In dieser verstreuten »Alternativpsychiatrie« haben wir noch wenig Erfahrungen gemacht. Es war sicher ein Fehler, diesen Bereich so lange außer Acht zu lassen und sich nur weiter auf die alten Klapsen zu konzentrieren – was jetzt geändert werden soll. Allerdings wird es sicher sehr schwierig sein, dort Widerstand zu organisieren, nicht nur wegen der verstreuten Lage, sondern auch wegen der Situation in den Einrichtungen. Von »Freiwilligen Patienten«, die auf die Hilfe ihres Psychiaters schwören, über unsichtbaren Zwang bis hin zur direkten Gewalt und Zwangseinweisungen gegen die rebellischsten Irren – einheitliche Interessen und gemeinsames Vorgehen sind da noch weniger gegeben als auf einer LKH-Station.

Trotzdem ist es gerade hier notwendig, die Diskussion um die Funktion der Psychiatrie wieder aufzunehmen und der massenhaften Ruhigstellung etwas entgegenzusetzen. Die Psychiatrie stellt sich als Hilfe dar: sie macht unerträgliche Lebensverhältnisse erträglich, indem sie alle Probleme unter einem Nebel von Psychodrogen verschwinden läßt. Sie verschweigt dabei, daß sie damit die Betroffenen nicht nur körperlich ruiniert, sondern ihnen den Willen und die Kraft nimmt, sich gegen die Verhältnisse zu wehren. Und das gilt nicht nur für die Psychopharmaka, sondern genauso für die psychiatrischen Diagnosen, mit denen Menschen eingeredet wird, daß sie nun in erster Linie gegen die eigene Krankheit, gegen sich selbst kämpfen müssen. Auch wenn der Ruf der Psychiatrie heute sicher nicht mehr der beste ist: der Mythos von den Geisteskrankheiten, die ärztliche Behandlung erfordern, und der hilfreichen Wirkung der Medikamente ist noch weit verbreitet – und macht einige Gegenpropaganda nötig.

Eine breitere Verweigerung der Psychiatrisierung hängt aber nicht allein vom Willen und Wirbeln der übriggebliebenen Anti-Psychiatrie-KämpferInnen ab. Wie weit ein Kampf gegen Repression Erfolg haben kann, steht immer im Zusammenhang mit anderen Bewegungen, mit der Stärke des Klassenkampfs. Die Bewegung gegen die Psychiatrie in Italien, die in den 70er Jahren zum bewunderten Vorbild wurde, wird von den Reformern hier gerne als Modell mißverstanden. Sie schauen sich an, wie die Einrichtungen dort organisiert sind, um Ähnliches aufzubauen und als fortschrittlich zu verkaufen. Das Fortschrittliche an dieser Bewegung ist aber nicht das Ergebnis, sind nicht die heutigen Einrichtungen, sondern es war der Kampf selbst, der als antiinstitutioneller Kampf geführt wurde und letztlich die Abschaffung der Psychiatrie zum Ziel hatte. Nicht zufällig entstand diese Bewegung in einer Zeit des starken Klassenkampfs in Italien, in der in den Fabriken und Stadtteilen gekämpft wurde. Mit dem Niedergang des Klassenkampfs blieb auch die Anti-Psychiatrie-Bewegung stecken und erstarrte in neuen Institutionen, wurde zur flächendeckenden Erneuerung des Gesundheitsüberwachungssystems.

Damit sind viele Fragen aufgeworfen über die Psychiatriereform in der BRD, die Funktion der Psychiatrie überhaupt, ihre Behandlungsmethoden (vor allem Pharmaterror), wie die Psychiatriereform auf effizientere und ganze gesellschaftliche Bereiche erfassende Art den Arbeitszwang neu durchsetzt, sowie die Diskussion des Krankheitsbegriffs überhaupt … In diese Richtung geht der Teil 2 in der nächsten Nummer.
Beschwerdezentren – 10 Jahre gegen die Psychatrie
Teil 2
Ob Anstalt oder Wissenschaft – die Psychiatrie gehört abgeschafft!

In der letzten Nummer der wildcat haben wir die Politik und Erfahrungen des Psychiatrie-Beschwerdezentrums dargestellt. Ergebnis dieser Kämpfe sind heute Reformen. Das Ziel war und ist es jedoch, die Psychiatrie zurückzudrängen und letztlich abzuschaffen. Die Forderung nach Abschaffung der Psychiatrie ist häufig auf Unverständnis gestoßen und war auch in Anti-Psychiatrie-Gruppen umstritten. Obwohl mittlerweile weithin bekannt ist, mit welchen Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie behandelt wird, ist der Mythos von den Geisteskrankheiten, die medizinische Hilfe erfordern, immer noch verbreitet. Die alltägliche Erfahrung, auf Ärzte und medizinische Einrichtungen zurückgreifen zu müssen, verhindert häufig eine radikalere Kritik und Infragestellung von Psychiatrie und Medizin. Die Forderung nach Abschaffung der Psychiatrie kling(k)t genauso utopisch wie die Behauptung, daß es die Tendenz des Klassenkampfs ist, die Arbeit abzuschaffen. Diese Parallele ist unserer Ansicht nach kein Zufall: hinter jeder noch so reformerischen Rechtfertigung der Psychiatrie steckt letztlich die Auffassung, die Aufrechterhaltung des Arbeitszwangs sei eine Naturnotwendigkeit.
Psychiatrie und Arbeitszwang

Die Psychiatrie war von Anfang an Teil des Repressionsapparates, mit dem der Zwang zur Arbeit durchgesetzt wird. Die meisten deutschen Klapsen wurden zwischen 1860 und 1910 gebaut. Infolge der Industrialisierung sammelten sich Massen von Armen in den Städten. Um sie unter Kontrolle zu halten und die Industriearbeit durchzusetzen, wurde ein Teil von ihnen in Arbeits-, Zucht-, Korrektionshäusern und Irrenanstalten eingesperrt. Ziel war dabei die möglichst billige Unterbringung, die Ausbeutung des Restes von Arbeitsfähigkeit und vor allem Abschreckung. Das Elend und die Unterdrückung hinter den Mauern gilt als Warnung an die MalocherInnen draußen: wer Arbeit und Armut nicht stillschweigend erträgt, kommt in Knast oder Klapse und muß dort noch Schlimmeres ertragen.

An diesem Prinzip hat sich nichts geändert. Schon kleinen Kindern wird mit der Klapse gedroht, wenn sie nicht »artig« sind. Das sind keine leeren Drohungen. Kinder, die sich gegen die Schule wehren, landen schnell in der Jugendpsychiatrie.

Schon manche Auseinandersetzung mit dem Chef bei der Arbeit hat über Betriebsarzt oder Bullen zu einer Zwangseinweisung geführt.

Wer alleine bei einer Behörde Krach schlägt, muß ebenfalls damit rechnen, sich in der Klapse wiederzufinden. Dazu muß man noch nichtmal einen Schreibtisch abräumen oder sonstwie handgreiflich werden. So heißt es in dem Einweisungsbericht einer Frau, die nach einem Besuch beim Sozialamt verschleppt wurde: »Frau W. wurde von uns lautstark, in unsachlicher Weise diskutierend angetroffen. Es handelt sich bei ihr um eine abnorme Persönlichkeit mit hysterisch-querulatorischen Zügen. Die Einweisung ist unabweislich. Außerhalb einer geschlossenen Abteilung ist mit Wiederholungen ihrer Fehlverhaltensweisen zu rechnen.«

Wenn ein Vermieter »unordentliche« Mieter raussetzen will, was auf dem Weg der Räumungsklage nicht gelingen könnte, dann holt er sich eben das Gesundheitsamt: Zwangseinweisung wegen Verwahrlosung (ist rechtlich eigentlich kein Einweisungsgrund, passiert aber ständig).

Und auch für viele Familienstreitigkeiten ist die Klapse die ideale Lösung: wenn die Erben schon zu Lebzeiten an Omas Häuschen ranwollen, dann wird sie eben entmündigt und weggesperrt. Wer eine lästige Ehefrau loswerden will, findet bestimmt einen Psychiater, der sie für verrückt erklärt. Wenn Eltern es nicht mehr schaffen, ihre Punkerkinder ans Lernen und Arbeiten zu bringen, dann wird ihnen die Klapse schon dabei helfen (Einweisungsgrund z.B.: »Dissoziales Verhalten und Gefährdung durch Drogenmißbrauch«).

Wer nie in einer Klapse war, hat meist das Klischeebild vom Irrenhaus im Kopf: lauter völlig abgedrehte Leute, die nur wirres Zeug erzählen, rumklinken, gefährlich sind … Wer dagegen mit Insassen redet, wird sich wahrscheinlich wundern, wie »normal« dort die meisten sind (und bald kapieren, daß die roboterartigen Bewegungen, der trübe Blick oder die Wutausbrüche nichts anderes sind als eine Folge von Käfighaltung und chemischer Zwangsjacke). Der Klapse gingen die alltäglichen Probleme des MalocherInnenlebens voraus: keine Kohle, Haß auf Arbeit, aus Arbeit und Wohnung rausgeflogen, kaputte Ehe usw. Reiche Leute triffst du dagegen fast nie in der Klapse. Die können ihre Verrücktheiten austoben, wie sie wollen, ohne dafür weggesperrt zu werden. In schwachen Minuten geben Klapsenpsychiater übrigens manchmal selbst zu, daß sie ja die Hälfte der Verrückten entlassen könnten, wenn sie nur Wohnungen hätten. Der Mythos vom Irrenhaus als Ort des »unheimlichen Wahnsinns« wird als Abschreckung gebraucht. Der Zwang zur Normalität, zum reibungslosen Funktionieren als MalocherIn, wirkt hier diffuser und geht noch weiter als beim Knast. Für Haftstrafen gibt es klare Regeln und Gesetze, bei was wir uns erwischen lassen dürfen, und bei was nicht. Ins Irrenhaus können sie dich dagegen schon wegen kleinster Auffälligkeiten und Störungen von Ruhe und Ordnung stecken. Die meisten wissen noch weniger, was sie dort erwartet, der Entlassungszeitpunkt ist ungewiß und ein amtlich anerkannter Verrückter hat wesentlich mehr Schwierigkeiten als ein Ex-Gefangener.
Therapieziel: Arbeitsfähig und -willig

So wie die psychiatrische Aussonderung die Funktion hat, die Arbeitswilligkeit draußen aufrechtzuerhalten, wird auch drinnen »therapiert»: die Zwangsarbeit heißt heute vornehm Arbeitstherapie. In den rheinischen Irrenanstalten arbeiten 40% der Insassen. Sie machen Auftragsarbeiten für Industriebetriebe oder halten mit Hausarbeit den Anstaltsbetrieb aufrecht.

Im Faschismus war die Arbeitsfähigkeit das Selektionskriterium: »Unheilbar und nicht mehr arbeitsfähig im Sinne produktiver Arbeitsleistung« – diese Diagnose wurde für viele Irre zum Todesurteil. Heute wird die Arbeitsfähigkeit häufig zum Entlassungskriterium gemacht. Wer entlassen werden will, muß sich diese Gnade durch Maloche für Pfennigbeträge verdienen. Die Insassen werden außerdem mit dem Entzug von anstaltsinternen Vergünstigungen zur Arbeit gezwungen. Wer sich weigert, sich dermaßen ausbeuten zu lassen, bekommt zur Strafe mehr Medikamente, Ausgangssperre, Besuchsverbot oder wird auf schlimmere Stationen verlegt. Außerdem machen viele die Arbeit »freiwillig«, weil sie die einzige Möglichkeit ist, dem öden Stationsalltag zu entfliehen und wenigstens ein paar Mark zu verdienen.

Dämpfungsmittel und Arbeit – das sind die wichtigsten Behandlungsmethoden der Psychiater für die angeblich Kranken. Behandlungsziel: die Zurichtung zum willigen Malocher. Dazu heißt es in einem internen Papier des LVR (Landschaftsverband Rheinland, Träger der rheinischen Klapsen) von 1985:

»Der steigenden Beachtung und Anerkennung der Arbeitstherapie hat der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung Rechnung getragen durch das Einsetzen einer Expertenkommission, die mit den ‚Leitlinien zur Arbeitstherapie in psychiatrischen Krankenhäusern‘ ein Grundsatzpapier herausgegeben hat. Darin wird festgestellt:

‚Arbeitstherapie ist ein wesentliches Element stationärer psychiatrischer Behandlung. Arbeitstherapie trägt dazu bei, die Krankheit zu erkennen, zu heilen, zu lindern oder eine Verschlimmerung zu verhüten.‘

Die Behandlungen in dem psychiatrischen Krankenhaus sollen den psychisch Kranken instandsetzen, ein möglichst störungsfreies und wenig beeinträchtigtes Leben als integriertes, akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft wieder aufzunehmen.

Indem die Arbeitstherapie möglichst realitätsgetreue Arbeitssituationen darstellt, gibt sie dem Patienten die Gelegenheit, mit den Erfordernissen der Arbeitswelt unter dem Schutz und Betreuung des Therapeuten vertraut zu werden, seine krankheits- bzw. behinderungsbedingten Fähigkeiten wie auch Einschränkungen im Arbeitsbereich einzuschätzen, eine subjektiv und objektiv realistische Selbstwahrnehmung und Berufsperspektive zu entwickeln, wie auch die Teilnahme am Arbeitsleben zu üben. Ein sehr wichtiges therapeutisches Element ist dabei die Entlohnung. Beim Patienten wird dadurch der gesellschaftlich vorgegebene Zusammenhang zwischen Erfüllen von Normen des Arbeitslebens und finanzieller Vergütung verdeutlicht.« (Hervorhebungen von uns)

Eine Krankheit, die durch Arbeit »erkannt und geheilt« werden kann?? Deutlicher können sie wohl nicht sagen, was sie unter »psychischen Krankheiten« verstehen: die bestimmten Formen der Arbeitsunwilligkeit! Die bewußte oder (meist) unbewußte Rebellion gegen den herrschenden Arbeitszwang soll in der Klapse als »Krankheit« wegtherapiert werden. Dabei gehen die »möglichst realitätsgetreuen Arbeitssituationen« noch um einiges über die Realität der Arbeit draußen hinaus. Für Insassen gilt kein Arbeitsrecht, sie arbeiten für Pfenniglöhne (max. 150 Mark/Monat), und sie sind in unvergleichbar stärkerem Ausmaß von ihrem Ausbeuter, der Anstalt abhängig. Die Bestrafungsmöglichkeiten bei schlechter Arbeit oder Arbeitsverweigerung betreffen nicht nur Arbeitsplatz und Einkommen, sondern das gesamte Leben der Internierten. Diese verschärfte Zwangslage ist tatsächlich dazu geeignet, »Einschränkungen im Arbeitsbereich einzuschätzen« und die gewünschte »realistische Selbstwahrnehmung« zu entwickeln: Daß du als ArbeiterIn nichts zu melden hast, keine Ansprüche stellen darfst, besser die Klappe hältst und alle Zumutungen stillschweigend malochend erträgst, weil sonst schlimme Strafen drohen. Und der »Zusammenhang zwischen dem Erfüllen von Normen des Arbeitslebens und finanzieller Vergütung«? Für wenig Geld viel arbeiten müssen, diese Erkenntnis ist das Therapieziel. Wer wegen Krach mit dem Chef in die Klapse verfrachtet wurde und dann lange genug dieser Therapie unterworfen war, der wird danach erstmal froh sein, wieder in einem normalen Ausbeutungsverhältnis draußen zu stecken – und sich nicht mehr so schnell über irgendetwas beschweren.
Frohes Schaffen in der therapeutischen Alternativklitsche

Eine gängige Kritik an der Arbeitstherapie bezieht sich auf die Art der Arbeiten, besonders auf die stumpfsinnigen Industrieaufträge. Hier sind die klassischen Strafarbeiten zu finden: Tüten und Pappe kleben, Wäscheklammern und Kugelschreiber zusammenbauen, Knöpfe, Nadeln und andere Kleinteile in Dosen einzählen usw. Die Kritik, dies wäre nicht »therapeutisch«, ist zwar öffentlichkeitswirksam, geht aber an der Sache vorbei. Denn diese Arbeit ist tatsächlich therapeutisch, Anpassungstherapie im eben beschriebenen Sinn. Und welches andere Therapieziel sollten sie mit Arbeit verfolgen?

Die Psychiatrie geht allerdings auf die öffentliche Kritik ein und benutzt sie, um ihre Arbeitstherapie zu effektivieren. Zunehmend werden auch »alternative« Arbeitsfelder erschlossen: biodynamischer Anbau, Biobäckereien, Fahrradwerkstätten usw. Die Arbeitstherapie, die Einpassung in den Arbeitszwang wird durch diesen Bezug auf die grün-alternative Utopie einer arbeitsintensiven Gesellschaft wieder akzeptabel, da es schließlich um den Zwang zu »sinnvoller und ökologischer« Arbeit geht. Und Dörner begründet ausführlich, warum die »agrarische und handwerkliche Kultur des Arbeitens den Besonderheiten psychisch kranker Menschen eher entspricht«. Denn: »Die Normierung durch die Stechuhr ist sein innerer Tod.« (Gesund ist demnach, wer die Stechuhr aushält!) Die DGSP (Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie) als Lobby der Reformpsychiater propagiert die Ausbeutung von Irren in Alternativklitschen seit Jahren und mit Erfolg. Unter ihrer tatkräftigen Hilfe sind bereits einige aufgebaut worden (s. Broschüren des Arbeitskreis Firmen in der DGSP). Auf diese Weise wird zusammen mit Behindertenwerkstätten u.ä. ein besonderer Ausbeutungssektor ausgebaut, in dem die Spaltung vom Rest der Klasse festgeschrieben werden soll. Kämpfe in diesem Sektor sind dadurch erschwert, daß den ArbeiterInnen ständig klargemacht wird, daß sie als »Kranke« für diesen Arbeitsplatz und den miesen Lohn noch dankbar sein müssen. Diese besonderen Betriebe »sind unerläßlich für Menschen, die zwar arbeitsfähig sind, deren Verletzlichkeit aber so stark ausgeprägt ist, daß sie zum gegebenen Zeitpunkt für den freien Arbeitsmarkt nicht in Betracht kommen.« (Dörner)

Innerhalb der Anstalten kann die Alternativarbeit besonders gut funktionieren, weil sie zusammen mit der fortbestehenden alten Arbeitstherapie, der Industrie- und Hausarbeit, ein Stufensystem bildet. Der individuelle Aufstieg kann so noch besser in den Therapieplan eingebaut werden: Wer in der Biobäckerei nicht spurt, wer die alternative Selbstkontrolle noch nicht verinnerlicht hat und sich z.B. zusätzliche Pausen nimmt (Kriterium auf dem Beurteilungsbogen), der wird eben wieder abgeschoben in den Keller, Tüten kleben …
Moderne Psychiatrie heute: Die lautlose Vergiftung im psychiatrischen Spinnennetz

Die öffentliche Kritik gab den Anstoß, die Modernisierung und Ausweitung der Psychiatrie, wie sie schon seit Mitte der 70er Jahre (Psychiatrie-Enquete der Bundesregierung) geplant war, in Gang zu setzen. Die breite Kritik richtete sich vor allem gegen die mittelalterlichen Zustände und barbarischen Methoden in den alten Großanstalten, nicht gegen das Psychiatriesystem an sich. Ein guter Anlaß für die Psychiater, Geld für »Alternativeinrichtungen« locker zu machen und ihren Einflußbereich noch zu vergrößern. Dabei kommt ihnen die inhaltliche Kritik an der klassischen Psychiatrie entgegen, die nicht den Herrschaftscharakter von Psychiatrie und Medizin als solchen bloßlegt, sondern das Außerachtlassen einzelner Faktoren bemäkelt. Wenn gesagt wird, daß Gesellschaft oder Arbeit krank machen, greifen sie das inzwischen auf. Unter Berufung auf diese Kritik versuchen sie, die gesamte Gesellschaft psychiatrisch zu erfassen oder Betriebsräte zu Hilfspsychiatern zu machen (s. Kasten). Die Sozialpsychiater träumen schon seit langem von einem Netz von Ambulanzen, Tages- und Nachtkliniken, Kleinstheimen, Beratungsstellen und psychiatrisch-alternativen Ausbeutungsklitschen. Um aufzuzeigen, in welche Richtung die Entwicklung der gemeindenahen Psychiatrie führen würde, wurde von radikalen Kritikern das Bild eines totalen psychiatrischen Überwachungsstaates gezeichnet. Diese Horrorvision war sicher übertrieben. Es wird nicht hinter jedem von uns ein Blockpsychiater als moderner Blockwart mit der Spritze herlaufen. Gerade in den letzten Jahren wird häufiger wieder zur offenen Methode des Bullenknüppels gegriffen. Sozialtechnologie ist schließlich teuer. Dennoch läßt sich eine Ausweitung der Psychiatrie feststellen: mehr Leute kommen in irgendeiner Form mit ihr in Berührung, der Psychopharmakaverbrauch steigt. Schon Schulkinder werden mit Psychopharmaka ruhiggestellt und lernfähig gemacht. Danach können sie gleich weiter schlucken, um die Maloche oder das Hausfrauendasein zu ertragen. In den Tageskliniken, Ambulanzen und Arztpraxen werden sie gut versorgt – die Dealer sitzen überall.

Die offizielle Propaganda behauptet einen Rückgang der psychiatrischen Aussonderung: angeblich gibt es weniger Zwangseinweisungen und Anstaltsinsassen. Dies sind jedoch plumpe Taschenspielertricks mit Zahlen und geschicktere Verschleierungen. Im Rheinland wurden z.B. die Zahlen der Anstaltsinsassen dadurch verkleinert, daß die früheren »Behindertenbereiche« in den Klapsen in »Heilpädagogische Heime« umbenannt und verwaltungstechnisch ausgegliedert wurden. Dieselben Insassen sitzen in denselben Gebäuden – zählen aber nicht mehr mit. Außerdem werden »chronische Fälle« aus den Großanstalten in kleine Heime abgeschoben. Sie werden dort genauso oder noch schlimmer mit Medikamenten vollgepumpt – aber sie haben weniger Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, z.B. Kontakt zu Gruppen draußen aufzunehmen. (In beiden Fällen ist die Unterbringung wegen der niedrigeren Pflegesätze billiger.) Die Zwangseinweisungen wurden dadurch reduziert, daß Eingewiesenen häufiger Formulare vorgelegt werden, in denen sie sich mit ihrer freiwilligen Aufnahme einverstanden erklären – selbstverständlich unter der Drohung, daß sie andernfalls zwangseingewiesen werden.

Die neuen Psychiatrien sind keine »Alternative« für die Anstaltsinsassen. Die Leute, die in den sogenannten Alternativeinrichtungen behandelt werden, stehen meistens von ihrer sozialen Stellung und Lebensbedingungen her besser da als die Insassen der LKHs (Landeskrankenhäuser). Ohne dieses »Angebot« hätten sie ihre Probleme wahrscheinlich auch ohne Psychiater gelöst. Die scheinbare Zwanglosigkeit der netten Therapeuten in der Müslipsychiatrie bricht schnell zusammen, wenn die »Klienten« zu laut und lästig werden und sich nicht an die therapeutischen Anweisungen halten wollen. Tageskliniken und Ambulanzen arbeiten oft eng mit den Klapsen zusammen und betreiben Zwangseinweisungen. Viele, die solche »Hilfe« in Anspruch genommen haben, fanden sich plötzlich in der Klapse wieder oder wurden mit der drohenden Einweisung dazu genötigt, sich jede Woche mit einer Depotspritze vollknallen zu lassen.

Anfang der 80er Jahre hatte sich die DGSP die Forderung nach Abschaffung der Großkrankenhäuser auf die Fahnen geschrieben. Die Wortführer von damals sind heute selbst Chefs solcher Anstalten – und haben es von daher nicht mehr so eilig mit der Abschaffung. Diese persönlichen Karrieren sind jedoch nicht der Grund für den Fortbestand der alten Anstalten. Das Psychiatriesystem braucht die finsteren Gemäuer und Gitter im Hinterland der Reformeinrichtungen (wenn auch nicht mehr in demselben Ausmaß wie früher): als Drohknüppel, um die »freiwilligen Patienten« zum Abholen ihrer gemeindenahen Depotspritze zu nötigen. Wenn hie und da eine Anstalt verkleinert oder geschlossen wird, ist das keine Reduzierung der Psychiatrie, sondern eine Umstellung und Verbilligung: mit demselben Aufwand an Geld und Personal, mit dem hunderttausend Menschen in Anstalten gefangengehalten werden, können gemeindenah Millionen mit der chemischen Zwangsjacke ruhiggestellt werden.

Psychopharmaka sind Mittel der präventiven Aufstandsbekämpfung. Diese Gifte zerstören den ganzen Körper und können tödlich sein. Daß sie die angeblichen Krankheiten nicht heilen können, geben die Hersteller selbst zu. Die Firma Tropon schreibt z.B. über ihre Psychogifte: »Die psychiatrischen Erkrankungen sind mit ihrer Hilfe wenn schon nicht heilbar, so aber doch lenkbarer geworden.« Das ist genau der Sinn der Sache: Menschen lenkbar, gefügig und willenlos zu machen. Statt gemeinsam gegen diejenigen vorzugehen, die dich zu dem beschissenen Leben hier zwingen und daran verdienen, rennst du vereinzelt zum Psychiater und läßt dich volldröhnen, läßt dir vielleicht noch einreden, du seist krank und müßtest jetzt zuallererst gegen deine eigene Krankheit kämpfen. Das ist die perfekte Art, Ruhe, Ordnung und Arbeit durchzusetzen: sie greifen nicht mehr gegen die Ausgebeuteten und Unterdrückten durch, sondern in sie ein.

(Ausführliche Informationen zu Funktion und Auswirkungen von Neuroleptika sind nachzulesen in: P.Lehmann, Der chemische Knebel, Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen, Antipsychiatrie-Verlag, Berlin 1986).
Wer krank ist, braucht Hilfe – ein alter Mythos

Die Psychiater haben schon immer versucht, ihre Foltermethoden als medizinische Hilfe auszugeben. Bei den klassischen Methoden wie Insulin-, Cardiazol- und Elektroschocks oder hirnchirurgischen Verstümmelungen konnte ihnen das noch nicht so recht gelingen. Diese Methoden waren zu offensichtlich barbarisch und zerstörerisch für die »Patienten«. Seit der Entwicklung der Psychopharmaka sind sie einen großen Schritt weiter gekommen. Die Gewalt der chemischen Zwangsjacke ist weit weniger sichtbar.

Psychopharmaka sind jedoch letzten Endes nicht weniger zerstörerisch als die klassischen psychiatrischen Methoden. Und schon die direkt spürbaren Auswirkungen (Bewegungsstörungen, Sprachstörungen, Lähmungen, Speichelfluß usw.) sind dermaßen unerträglich, daß ständig »Patienten« die Einnahme von Psychogiften verweigern. Um derartig qualvolle Behandlungsmethoden legitimieren zu können, braucht es schon starke Argumente. Es müssen doch sehr schlimme Krankheiten sein, gegen die so drastisch vorgegangen wird. Und so wurden die Geisteskrankheiten erfunden …

Psychiater und Erbbiologen sind nun schon seit Generationen auf der Suche nach den erblichen und organischen Ursachen für Ausklinken, Rebellion und Verzweiflung. Sie haben Hirne aufgepumpt, vermessen und zerschnippelt und unzählige andere grausame Menschenversuche gemacht. Immer wieder wurden neue Erkenntnisse angekündigt – gefunden haben sie fast nichts. Kein Psychiater ist in der Lage, die behaupteten »Geisteskrankheiten« zu erklären. Dies hat sie aber nicht daran gehindert, ein Begriffsgebäude aufzubauen, das zumindest beeindruckend wirkt. Für jeden, der nicht ruhig und angepasst funktioniert, für jede Art von Rebellion, ist das entsprechende Etikett dabei:

* Du verzweifelst an den Verhältnissen? Endogene Depression!
* Du kannst trotz allem noch lachen? Endogene Manie!
* Oder etwa mal zu fröhlich, mal zu traurig? Manisch-depressiv, zyklothyme Schizophrenie!
* Nicht lesen und schreiben gelernt? Debilität, Oligophrenie, Hebephrenie!
* Angst vor Strahlen, Bullen, Lauschern im Telefon, oder der Sanierungsmafia, die dein Haus abreissen will? Paranoide Schizophrenie!
* Aber vielleicht gehörst du auch zu einem anderen schizophrenen Formenkreis oder hast nur ein Borderline-Syndrom …

Für Psychiater ist auch die bewußte Rebellion krankhaft. Daß das Leiden an den Verhältnissen oft genug zu einem ungezielten und selbstzerstörerischen Ausklinken führt, macht es ihnen leichter, ihre Ideologie von den »psychischen Krankheiten« zu verbreiten. Es ist unsere eigene Unfähigkeit gegenüber den Verhältnissen, die uns ihre Ideologien übernehmen läßt. Einerseits für uns selbst, denn eine ärztliche Diagnose kann auch eine willkommene Fluchtmöglichkeit aus scheinbar unlösbaren Problemen sein: jetzt ist erstmal Beschäftigung mit der Krankheit angesagt; wer krank ist braucht Hilfe und darf die Verantwortung für sein Leben an die professionellen Helfer abgeben, die als einzige Bescheid wissen. Und auch gegenüber anderen: Fast jeder hat wohl schonmal hilflos vor der Situation gestanden, daß jemand mit seinem Leben hier nicht mehr fertig wird, durch nichts aus der Verzweiflung rauszuholen ist, sich umbringen will oder nicht mehr nachvollziehbare Wahrnehmungen und Gedanken äußert – und war dann vielleicht froh, das Problem als »Krankheit« an die Weißkittel delegieren zu können.

Dies ist kein moralischer Vorwurf. Die Macht der Psychiater wird nicht dadurch eingeschränkt werden, daß wir nur alle mehr persönlichen Einsatz und Hilfsbereitschaft für ausgeklinkte Freunde, Verwandte oder Nachbarn aufbringen. Auch das BeschwerdeZentrum war oft genug gezwungen, professionelle Helfer in Anspruch zu nehmen, weil die Probleme von Einzelnen im SSK nicht zu bewältigen waren. Auch wir haben dann nach den etwas erträglicheren Alternativ-Einrichtungen oder den etwas ansprechbareren Sozialpsychiatern, die nicht gleich mit der schlimmsten chemischen Keule zuschlagen, gesucht. Gerade diese netten neuen Psychiater verstärken jedoch eine gefährliche Tendenz. Ihre hierarchische Funktion verschwindet hinter diesem Gebrauchswert, den sie für uns haben. Fast in jeder Diskussion um den Kampf gegen die Psychiatrie bekommen wir als Einwand auf die Forderung nach Abschaffung zu hören: »Was macht ihr denn mit den Leuten …?«, »Aber es gibt doch Fälle …« usw. Im Grunde sind diese Einwände genauso unsinnig, wie das Argument, ich könne nicht für die Abschaffung des Kapitals kämpfen, weil unter seiner Regie doch der größte Teil meiner Lebensmittel produziert wird. Aber gerade was Medizin oder Psychiatrie angeht, wirkt die Gebrauchswertseite übermächtig – »Jeder braucht doch mal einen Doc!« Die Medizin als Teil der Herrschaft über uns wird nicht in Frage gestellt, weil sie alltäglich als existentielle Lebensbedingung erscheint. Die heute weitverbreitete Selbstverständlichkeit, mit der Leute ihre Probleme an professionelle Therapien weitergeben, trägt zur Rechtfertigung der reformierten Psychiatrie bei. Die fließenden Übergänge von der alternativen Therapiebewegung zur alternativen Psychiatrie verschleiern den Zwangscharakter der Institution.

Die Funktion der Psychiatrie als Kontroll- und Unterdrückungsmittel liegt schon darin, daß sie wie die gesamte Medizin uns als besondere Institution gegenübertritt, daß wir uns professionellen »Helfern« ausliefern müssen, um von den Segnungen des »wissenschaftlichen Fortschritts« ein bißchen abzubekommen. Und erst durch diese Auslieferung an die Institutionen und Profis werden wir zu reinen »Patienten« und »Kranken« gemacht. Die Sozialpsychiater der DGSP schlagen nicht mehr so mit dem Diagnose-Knüppel der klassischen Psychiatrie zu. Gerade durch die Weiterentwicklung zur Sozialpsychiatrie schaffen sie ein besser abgestuftes Instrumentarium um den klassischen Zweck der Psychiatrie geschickter durchzusetzen. Sie stellen daher ihre eigene Professionalität und Rolle als Irrenverwalter nie in Frage.

Der Gewerkschaftsfunktionär als Betriebspsychiater?
Letztes Jahr erschien als Heft 23 der Schriftenreihe Arbeitssicherheit der IG Metall eine Broschüre »Psychisch Kranke im Arbeitsleben«. Nur Sozialpsychiatern konnte es gelingen, zu einer solchen Zusammenarbeit mit der IGM zu kommen. Zwischen Appellen zum menschlichen Umgang mit psychisch Kranken und Feststellungen, daß Solidarität und Widerstand die seelische Gesundheit stärken, werden hier Betriebsräten psychiatrische Ideologie und Zwangsmaßnahmen nahe gebracht.

Wie erkennt ein Betriebsrat eine drohende psychische Erkrankung? An der fehlenden Arbeitsproduktivität!

»Warnzeichen sind

* allgemein: Wenn jemand aus dem Rahmen fällt, also seine sonstigen täglichen Gewohnheiten ändert.

Typische Merkmale können sein:

* häufige Abwesenheit, bei jemand, der sonst pünktlich ist
* massive Arbeitsstörungen (jemand bringt eine Arbeit nicht mehr zu Ende, hat den ganzen Schreibtisch voll unerledigter Dinge und verliert den Überblick). …
* unkontrolliertes, indiszipliniertes Verhalten«

Der psychisch kranke Mensch versteht es auch nicht, warum der gewerkschaftliche Weg, die Ausbeutung zu akzeptieren und bescheidene Bitten an den Ausbeuter zu richten, der einzig richtige ist: »Die meisten psychisch Kranken berichten aus ihrer Arbeitsvergangenheit eine Serie von Beispielen, wie sie ausgenutzt wurden und selbst dazu beitrugen, auf Kosten der Mitarbeiter/innen mehr zu leisten, für sie einzuspringen, unmenschliche Bedingungen auszuhalten, die es überall gibt. Der gesunde robuste Mensch stellt dagegen seine angemessenen Forderungen, oder wendet sich an seinen Vorgesetzten oder an den Betriebsrat.«

Und was tut der Betriebsrat, wenn er einen solchen psychisch kranken Menschen enttarnt hat? Er soll sich »nicht scheuen, ärztliche oder therapeutische Hilfe zu holen«, z.B. »Betriebsärzte, Angehörige der Betriebskrankenkassen, betriebliche Sozialarbeiter/innen oder die psychosoziale Beratungsstelle am Ort«. Und wenn sich der »Kranke« einfach weigert, sich therapeutisch wieder ans produktive Arbeiten bringen zu lassen, soll sich der Betriebsrat schließlich auch nicht mehr scheuen, den Notarzt zu rufen und die Zwangseinweisung in die Klapse zu betreiben! (»6. Schritt: Wenn alles nicht fruchtet…«)

Bei einer solchen Ausbildung zum Hilfspsychiater ist es nicht mehr weiter verwunderlich, wenn Psychopharmaka als »Basistherapie« und »Vorbeugung« verharmlost werden. »Allgemein gesagt verschaffen Neuroleptika jemandem ein ‚dickes Fell‘.«

Aus der Krankheit eine Waffe machen

Wer die (unbewußte) Rebellion zur Krankheit erklärt, individualisiert das Leiden an den Verhältnissen weiter und verschleiert die Ursachen. Mit der Diagnose macht er dem Betroffenen klar: »Es ist nur dein Problem, deine Krankheit. Du allein mußt damit fertig werden, aber dazu bist du zu schwach – nur ein Arzt kann dir dabei helfen.« Es braucht dann nicht mehr weiter gefragt zu werden, ob die »Kranken« in Armut und Existenzangst leben mußten, unter welchen Bedingungen sie arbeiten mußten, ob sie aus der Wohnung vertrieben oder von Behörden verfolgt wurden – und warum sie keine anderen Möglichkeiten gesehen haben, sich dagegen zu wehren. Ob wir für ein besseres Leben kämpfen oder vor der unerträglichen Realität in eine eigene Gedankenwelt flüchten, ob wir kaputt machen, was uns kaputt macht, oder uns selbst – das hängt ja in erster Linie davon ab, ob wir Möglichkeiten haben, uns mit anderen gemeinsam zu wehren. Wir haben schon öfters mitbekommen, daß die verrückten Verhaltensweisen und Gedanken von geflohenen Insassen mit der Zeit verschwanden, ohne Ärzte oder Medikamente, wenn sie im SSK die Erfahrung machen konnten, daß die Macht von Bürokraten und Weißkitteln ihre Grenze hat, wenn man ihnen nicht alleine gegenübersteht, sondern gemeinsam vorgeht. In diesem Sinne ist die Forderung nach Abschaffung der Psychiatrie nicht irgendeine utopische Vorstellung, sondern der reale Inhalt von Kämpfen der Irren selbst. Diese Kämpfe können nur erfolgreich sein, wenn es uns in allen Bereichen gelingt, unsere Interessen wieder in die eigene Hand zu nehmen. Dann werden nicht nur weniger Menschen den unerträglichen Verhältnissen durch Ausklinken und Pillen entfliehen, sondern die Psychiater werden auch weniger leichtes Spiel haben, Einzelne für verrückt zu erklären und auszusondern. Um bei den obigen Beispielen zu bleiben: Statt zu Zwangseinweisungen hätten die Auseinandersetzungen auf dem Sozialamt und mit dem Chef ja auch dazu führen können, daß alle Sozialhilfeempfänger zusammen dem Sachbearbeiter Druck machen, und daß die ganze Abteilung streikt …




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