Neapel und die übrige Welt

Der Schriftstellerin Fabrizia Ramondino zu ihrem 70. Geburtstag(31.August 2006)

Warum nicht einmal Arbeitslosigkeit und Poesie in einem Atemzug nennen… In den siebziger Jahren des nunmehr vergangenen Jahrhunderts hatte Neapel eine ganz besondere Attraktivität. Gab es dort doch eine „Bewegung von Arbeitslosen“ die mit großer Spontaneität, Phantasie, auch Radikalität für ihre Ziele kämpfte. Und zu den Zielen gehörten nicht nur „Arbeit für alle“, sondern auch ein selbstorganisiertes Leben für alle – was immer das bedeuten sollte. Hauptsache man kämpfte und träumte von einem anderen Leben. In jenen Jahren selber arbeitslos, machte ich mich nach Neapel auf, neugierig auf „Bella Napoli“ und auf jene damals legendären ‚Disoccupati organizzati“, organisierten Arbeitslosen. In einer Buchhandlung unweit der Piazza Plebiscito fand ich ein schmales Buch, in dem eine mir vollkommenen unbekannte Autorin Fabrizia Ramondino die Geschichte der Arbeitslosenbewegungen in Neapel nachzeichnete. Sie sei, so konnte man auf dem Umschlag lesen, Mitbegründerin der „Associazione Risveglio Napoli“, einem Verein, der sich für das „Wiedererwachen Neapels“ Jahre einsetzt. Später, die Utopien der ‚Arbeitslosenbewegungen von Neapel’ waren ebenso zerplatzt wie die der ‚linken Studentenbewegung’ in Deutschland, entdeckte ich irgendwann auf einer Neuerscheinung des schweizer ‚Arche-Verlags’ wieder den Namen Fabrizia Ramondino. In „Althènopis. Kosmos einer Kindheit“ – um dieses Buch handelte es sich – stieg die von mir so revolutionär-subproletarisch gehaltene Autorin tief hinab in die Erinnerung an ihre Kindheit in einer aristokratischen Familie Neapels.

Ich begann die Lektüre mit großen Vorbehalten. Der Sprung von den Straßenkämpfen der Arbeitslosen zu den Salons snobistischer Aristokraten schien mir doch etwas zu gewagt. Dann aber, Seite für Seite, hat mich die von Fabrizia Ramondino so liebevoll, auch ironisch geschilderte Familie immer mehr in ihren Bann gezogen. Im Verlauf der Lektüre führte mich die Kennerin des neapolitanischen Subproletariats immer mehr in das porös-dekadente Grenzgebiet zwischen Großbürgertum und Aristokratie. Die Welt, von der die linke Neapolitanerin aus einem zwischen Neapel, Palma de Mallorca und Frankreich herumvagabundierenden großbürgerlichen Diplomatenhaus da berichtete, war mir vollkommen unbekannt. Die neben Italienisch, Französisch, Spanisch auch gut Deutsch sprechende Autorin hielt sich als junge Studentin in den fünfziger Jahren dann auch in Deutschland auf. Bis 1983 arbeitete sie als Gymnasiallehrerin in Neapel, um sich dann ausschließlich dem Schreiben zu widmen. Es erschienen von ihr inzwischen eine Reihe von fast immer biographisch inspirierten Romanen und Erzählbänden. „Die Vögel des Narcis“ ( 1987 ), „Ein Tag und ein halber“ ( 1989 ) eine teils liebevolle, teils desillusionierte Beschreibung der zerfallenen Kultur des studentischen Aufbruchs der sechziger Jahre in Neapel. Mit „Nicht sehr verlässlich zu Hause“ ( 1992 ) kehrte die Autorin wieder zurück in das Neapel ihrer Kindheits- und Jugendjahre. „Neapel, wo einen ständig die Lust ankommt, abzureisen, Neapel, das man so schwer verlassen kann und das einen immer zwingt zurückzukommen.“

Besonders eindrucksvoll ist auch das 1999 erschienende Buch „Im Spiegel einer Insel“, in dem sie die Dramatik einer persönlichen Lebenskrise spiegelt mit der Geschichte der Insel Vetotene, die unter Mussolini ein Verbannungsort für Antifaschisten gewesen ist. Ihren Kindheitsjahren auf der Insel Mallorca zwischen 1937 bis 1943 ist das weit ausholende Epos „Blühende Mandelbäume“ gewidmet, das in deutscher Übersetzung 2004 erschien. In diesen Tagen erscheint wie immer bei Arche unter dem lapidaren Titel „Die Katze“ ein schmaler Band mit neuen Erzählungen aus Neapel, der Stadt, die sie trotz der vielen Weltreisen einfach nicht losgelassen hat. Seit 1990 lebt Fabrizia Ramondino aber nicht mehr in Neapel, sondern in der zwischen Neapel und Rom gelegenen Stadt Itri.

Fabrizia Ramondino liebt es, ihre literarischen Arbeiten mit ebenso klug ausgewählten wie poetisch verzaubernden Zitaten aus der Weltliteratur zu zieren. Mal ist es Marina Zwetajewa, dann Carlo Emilio Gadda, Charles Baudelaire, Eugenio Montale, Dante, Homer oder ihre Mutter. War sie es doch, die das Kind, das die Autorin einmal gewesen ist, anherrschte, sich von ihrem trotzigen Liegen auf dem Boden zu erheben und fort zu gehen. „Steh auf und geh“,jene aus fernen Kindheitstagen in die Erinnerung hineinfließende mütterliche Aufforderung, hat der ihr Werk im deutschen Sprachraum vorbildlich betreuende Zürcher Arche-Verlag die deutsche Ausgabe von „In viaggio“( Unterwegs sein ) genannt. In der Bibel, an die man sich bei dieser Aufforderung auch sofort erinnert, heißt es bei Matthäus, dass der von Jesus geheilte Gelähmte aufstehen und „nach Hause“ gehen solle. Kehrt nicht auch die Autorin, so weit sie sich immer reisend von ihrem Herkunftsort entfernt, letztlich doch immer wieder zurück „nach Hause“, in ihre Kindheit, ihre vertrauten Umgebungen, immer und immer wieder nach Neapel? Dieser Stadt ist Fabrizia Ramondino so eng, so magnetisch anziehend verbunden wie etwa ein Bassani mit Ferrara oder ein Svevo mit Triest. Ist es ein Zufall, dass Fabrizia Ramondino ihre Reisen immer beginnen und enden lässt in dem Gassen- und Menschengewirr Neapels mit einer Erinnerung an die politische und pädagogische Arbeit im Altstadt-Quartier San Lorenzo?

Die jenseits der Kindheit liegenden Reisen führen die Autorin kreuz und quer über den Globus. Nach China zum Beispiel, das den exotischen Hintergrund für eine lange Erinnerung an den Vater bildet, der als italienischer Konsul mehrere Jahre in Peking gelebt hat. Nach Australien begibt sie sich zusammen mit Freunden, nach Kanada aus Anlass eines Schriftstellerkongresses, nach Portugal, um sich, wie viele aus der linken westeuropäischen Szene jener Jahre an der ‚Nelkenrevolution‘ zu wärmen. Immer wieder reist Fabrizia amondino nach Frankreich, wo sie sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit eines frühen Internatsaufenthaltes begibt. Reisen führen sie auch nach Deutschland, nach Heidelberg oder nach Wuppertal, wo die Tochter im Tanzensemble der Pina Bausch engagiert ist. „Ich reiste und reise so viel, dass ich mich unablässig unterwegs fühle und mir gar nicht mehr klar ist, was der Begriff Reise überhaupt bedeutet.“

Fabrizia Ramondino ist eine bemerkenswerte Porträtistin von Nebenfiguren, die oft nur für flüchtige Momente durch ihr Leben huschen. Etwa da, wo sie uns Egle, die schönste Frau in der neapolitanischen Linken der sechziger und siebziger Jahre vorstellt oder Rachele, die kommunistische Bordellwirtin aus besten bürgerlichen Verhältnissen, Klaus, den so protestantisch rationalen Theologen aus Heidelberg, Mara, die die bürgerliche westliche Mode so bewundernde jugoslawische Mitschülerin im Lycée Jeanson-de-Sally in Paris oder Pino, den zärtlichen, gebildeten Lehrer aus Neapel, der in Stockholm einen Lehrstuhl für Dialektforschung erhält und dort so früh gestorben ist.

Mit dem Namen Fabrizia Ramondino ist aber nicht nur die Stadt Neapel verbunden, sondern auch die ( italienische ) 68er-Generation, mit deren Träumen und Verzweiflungen, deren Projekte einer Weltverbesserung ‚subito’ und ihr klägliches Scheitern. Diese aufregende, nach Neuem gierende, oft auch verzweifelt radikale Kultur experimenteller politischer Projekte existiert heute ebenso wenig mehr wie die großbürgerliche, manchmal exzentrische, stilvolle, aber oft auch verlogene Kultur der Herkunftsfamilie, der die Autorin besonders in „Alténopis“ eine so lange nachklingende Hommage gewidmet hat. In jedem ihrer Bücher versucht sich Fabrizia Ramondino dieser Vergangenheiten zu erinnern, nie verklärend, nostalgisch oder auch verbittert über Verlorenes, immer mit einem an Proust geschulten Genauigkeitswillen und einer intellektuellen Empfindsamkeit, die in den besten Passagen eine gute Benjamin-Lektüre verrät. Und mit Fabrizia Ramondino ist für die deutschen Leser auch deren Übersetzerin Maja Pflug verbunden, die mit großer Treue und Sprachgefühl jeden Text der neapolitanischen Autorin in den deutschsprachigen Kontext überträgt.

Sich auf Ivo Andric’ beziehend, hat sich Fabrizia Ramondino vor Jahren einmal vehement gegen jede lokale Einengung ihres Schreibens gewehrt:“ Wenn es einem Schriftsteller gelingt, aus seiner Region eine größere Bedeutung zu ziehen, dann ist er in seiner Kunst erfolgreich gewesen. Im gegenteiligen Fall bleibt er ein Lokalschriftsteller“. Am 31. August feiert die aus Neapel stammende lokale Weltschriftstellerin Fabrizia Ramondino einen runden Geburtstag, mit dem sie langsam auch in die Reihe der ‚älteren’, italienischen Schriftstellerinnen eintritt.

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2 Antworten auf „Neapel und die übrige Welt“


  1. 1 Administrator 10. Dezember 2009 um 23:19 Uhr

    Der folgende Stimmungsbericht stammt aus der großen linksliberalen (und dem Olivetti-Konzern gehörende) italienischen Tageszeitung „la Repubblica“ vom 14.3.2000. Einer der beiden Autoren, nämlich Paolo Griseri, schreibt ansonsten für die linke (nominell sogar „kommunistische“) Tageszeitung „il manifesto“. Er wurde hier offenbar wegen seiner guten Kontakte innerhalb der turiner Arbeiterbewegung engagiert.
    In der größten Automobilfabrik Europas ist die einzige Sorge der Arbeiter der Arbeitsplatz
    An den Werkstoren von Mirafiori:
    „Die Kürzungen machen uns Angst“
    von Paolo Griseri und Massimo Novelli

    Turin – „Just in time. Genau zur rechten Zeit.“ Bonaventura Alfano lächelt, nimmt die Zigarre aus dem Mund und hebt das Glas, um uns zuzuprosten. Es ist nichts außergewöhnliches zu bemerken im Büro der 5.FIOM-Liga (1), dem Arbeiter-Hauptquartier vor der großen Villa in Turin-Mirafiori. Aber Bonaventura, 35 Jahre bei FIAT mit Kämpfen und Politik trinkt Spumente: „Ich bin in die Fabrik eingetreten als es noch Valletta gab. Ich verlasse sie jetzt, wo die Amerikaner kommen. Just in time oder nicht ?“ Viele sind aus den Produktionslinien ausgeschieden, um die Frühverrentung in Anspruch zu nehmen. Es ist ein sonderbarer Tag. Sonderbar, gewiß. Ein alter kämpferischer Arbeiter geht in Rente und verdient sich in denselben Stunden eine Plakette („Immer zusammen in den Kämpfen für die Freiheit, die Genossen der Mechanik und der 5.FIOM-Liga“), in der – das unterstreichen die Gewerkschafter – „FIAT den padrone (2) wechselt“.

    An den Werkstoren von Mirafiori kreuzen sich beim Schichtwechsel gegensätzliche Gefühle. Die erste Reaktion: „Was wollt Ihr, daß sich ändert ? Für uns wird es immer schlechter werden.“ Eine Fabrik voller Älterer neigt dazu zu relativieren. Am Tor 2 der Karosserien kein Flugblatt. Es ist nur das Plakat eines fliegenden Händlers vorhanden, der sich, um sich Gehör zu verschaffen, mit Farbe bekleckert hat: „Ein Knoblauch-Test 5 000 Dollar !“ Wenig davon entfernt hat der globale Markt das schwarze Gesicht zweier Senegalesen: „FIAT und GM ? Bei uns verkaufen sie nur Mitsubishis und Renaults.“ Eine andere Welt. Wie jene der heroischen Zeiten als Giuseppe, der Verkäufer am Zeitungskiosk, der seit 30 Jahren seinen Verkaufsstand vor die Werkstore bringt, „l’Unità“ (3) wie Brot verkaufte: „Heute nur ein einziges Exemplar.“

    Die Arbeiter und Arbeiterinnen kommen. Zweite Schicht. Alle in Eile, wie immer. Einer sagt: „Ich bin erst seit wenigen Jahren hier (erst seit 11). Ich hoffe, daß sich sowenig wie möglich ändert.“ Die Alten, am Rande der Rente Stehenden machen den Zyniker: „Ich habe 30 Jahre Arbeit zusammen. Was sich ändern wird, interessiert mich nicht. Das ist ein Problem der Jungen“ Der Arbeiter Rocco Mandrone dagegen ist ein Arbeiter aus der New Economy: „Heute morgen haben wir zwischen den Produktionslinien über die Börse diskutiert. Welche Titel steigen, welche es sich lohnt zu verkaufen.“ Aber Lichtjahre trennen Mirafiori von dem angeblichen Enthusiamus der Ciputti-Aktionäre von Melfi (4), die in den vergangenen Monaten 100 – 200 000 Lire vom Lohn in FIAT-Aktien investiert haben. Es genügt zur Mechanik (Tor 20) umzuziehen, wo 750 Arbeiter zu Überschüssigen erklärt worden sind. Es wehen einige rote Fahnen, man improvisiert eine Kundgebung. In der ersten Schicht hat man eine Stunde lang gegen den „ungenierten Gebrauch der ‚cassa integrazione‘“ (5) gestreikt.

    Francesco D’Alessandro, der fast 32 Jahre damit verbracht hat Motoren zu produzieren, kommt zur Sache: „Es ist klar, daß wenn man beschließen würde den Opel-Motor des Astra durch unseren Torque zu ersetzen, wir garantierte Arbeit hätten.“ Und wenn das Gegenteil geschehen würde ? „Das ist unsere Angst“, fährt D’Alessandro fort. „Die Amerikaner schauen, wenn sie Arbeitsplätze streichen, niemandem ins Gesicht.“ Claudio Stacchini, Nummer 1 der FIOM in Mirafiori, ist vorsichtig: „Für einen Gewerkschafter wie mich, der seit Jahren eine Allianz gefordert hat, könnte es eine gute Nachricht sein. Jetzt ist es jedoch an der Mitte-Links-Regierung darüber zu wachen, daß der nationale Charakter einer strategischen Industrie verteidigt wird.“

    Übersetzung: Antifa-AG der Uni Hannover und Gewerkschaftsforum Hannover
    Fußnoten der ÜbersetzerInnen:

    1) Die Untergliederungen der Metallarbeitergewerkschaften in den einzelnen Stadtbezirken heißen Liga.

    2) den Chef

    3) „Die Einheit“, Anfang der 20er Jahre von Antonio Gramsci gegründet bis zur Selbstauflösung der italienischen KP im Februar 1990 die Tageszeitung des PCI mit einer Auflage von bis zu 300 000 Exemplaren und heute (mit nur noch 50 000 verkauften Exemplaren) das inhaltlich stromlinienförmige und akut von Einstellung bedrohte Blatt Linksdemokraten (DS), die aus dem rechten Mehrheitsflügel des PCI entstanden und heute die größte Regierungspartei der Mitte-“Links“-Koalition sind.

    4) In Melfi, nahe Neapel, liegt das Ende der 80er Jahre auf der grünen Wiese errichtete und modernste FIAT-Werk in Italien, dessen Arbeiter(innen) kaum über gewerkschaftliche bzw. politische Erfahrung bzw. Tradition verfügen und nicht nur für weniger Lohn, sondern auch unter noch miserableren Bedingungen arbeiten müssen als ihre Kolleg(inn)en in Norditalien.

    5) Maximal 3 Jahre dauernde Kurzarbeit Null, die mit der Hoffnung auf Wiedereinstellung verbunden wird, jedoch nach Ablauf der Zeit fast immer auch die formale Entlassung zur Folge hat. Allerdings ist die Cassa integrazione auch die einzige Form von (de facto) Arbeitslosigkeit mit finanzieller Arbeitslosenunterstützung.

  2. 2 Muente 17. Dezember 2009 um 0:04 Uhr

    AHF Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen
    in der Bundesrepublik Deutschland e.V.
    AHF-Information Nr. 079 vom 13.05.2008
    Gesellschaftlicher Protest und politische Gewalt
    in Italien und der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und 1970er-Jahren /
    Protesta sociale e violenza politica
    in Italia e nella Germania federale negli anni ’60 e ’70 del Novecento
    Tagung veranstaltet von Christoph Cornelißen, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel,
    Brunello Mantelli, Università di Torino, und
    Petra Terhoeven, Georg-August-Universität Göttingen/Deutsches Historisches Institut Rom
    Trient/Italien, 21. bis 22. Februar 2008
    Am 21. und 22. Februar 2008 fand in Trient ein von Christoph Cornelißen (Kiel), Brunello Mantelli (Turin)
    und Petra Terhoeven (Göttingen/Rom) organisierter deutsch-italienischer Kongress statt, der es sich zum Ziel
    gesetzt hatte, die Geschichte der Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre einschließlich ihrer gewaltsamen
    Formen aus länderübergreifender Perspektive in den Blick zu nehmen. Jenseits der Konstatierung oberflächlicher
    Analogien zwischen dem deutschen und italienischen Fall sollten – historisch breit kontextualisiert –
    Parallelen und Unterschiede herausgearbeitet sowie Fragen der gegenseitigen Wahrnehmung und Beeinflussung
    zum Gegenstand der historischen Analyse gemacht werden.
    Nach den Eröffnungsworten des Gastgebers Gian Enrico Rusconi (Trient) hielt Lutz Klinkhammer (Rom) ein
    ambitioniertes Einleitungsreferat, welches sich dem Vergleich der Nachkriegsentwicklung in Italien und der
    Bundesrepublik widmete. Für beide Gesellschaften relativierte Klinkhammer den Bruch von 1945 mit dem
    Hinweis auf zahlreiche „Brücken“ zwischen faschistischer Vergangenheit und Nachkriegszeit. Gemeinsam
    war beiden Ländern auch die christdemokratische Dominanz in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten
    und die starke wirtschaftliche und militärische Westbindung. Während jedoch in der Bundesrepublik früh die
    nationalsozialistische Nachfolgepartei SRP und bald auch die kommunistische KPD verboten worden waren,
    blieb das Parteienspektrum in Italien über mehr als vier Jahrzehnte von einer starken kommunistischen Partei
    einerseits und dem neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) andererseits eingerahmt.
    Dabei zeichnete sich das Vorgehen der Christdemokraten seit den Zeiten des Nachkriegsministerpräsidenten
    De Gasperi durch eine Doppelstrategie aus Verbotsdrohung und Einhegung des MSI aus, um diesen als Kraft
    gegen den kommunistischen PCI instrumentalisieren zu können. Klinkhammer machte in diesem ungleich
    größeren politischen Spannungsbogen in Italien eine wesentliche Ursache für die ungewöhnlich heftigen und
    lang andauernden sozialen Konflikte der 1960er und 1970er Jahre aus. Während der gesellschaftliche
    Veränderungsdruck der späten 60er Jahre in der Bundesrepublik ein Ventil im Machtwechsel hin zur sozialliberalen
    Koalition gefunden habe, sei südlich der Alpen auch weiterhin der politische Transformismus
    dominant geblieben. Daneben verwies Klinkhammer aber auch auf die weit schwieriger bestimmbare Bedeutung
    säkularer Trends für die Entwicklung sozialer Bewegungen in beiden Ländern.
    Anschließend eröffnete Hans Woller (München) die erste Sektion unter dem Titel „Rahmenbedingungen:
    Beschleunigte Modernisierung, sozioökonomischer Wandel und das Verhältnis zur Gewalt“, nicht ohne zuvor
    vor der Tendenz zu warnen, einseitige italienische „Anomalien“ zu konstruieren. Stattdessen solle die Nachkriegsentwicklung
    Italiens als Eingliederungsprozess in eine europäische „Normalität“ betrachtet werden.
    AHF-Information Nr. 079 vom 13.05.2008 2
    Diego Giachetti (Turin) analysierte in seinem Vortrag die Entstehung eines „Jugendproblems“ im Italien der
    1960er-Jahre: Vor dem Hintergrund der raschen Industrialisierung und Urbanisierung Italiens ab 1958 sowie
    der starken Binnenmigration habe sich eine neue gesellschaftliche Konfliktlinie zwischen den Generationen
    entwickelt, die sich einerseits politisch, andererseits aber auch jugendkulturell manifestiert habe. Die
    scheinbar unpolitischen Jugendlichen der frühen sechziger Jahre hätten bereits 1960 (vor dem Hintergrund
    der rechten Regierungsbildung unter Ministerpräsident Tambroni) eine hohe Mobilisierungsbereitschaft
    entwickelt, die von den Medien auch der traditionellen Linken rasch negativ bewertet worden sei. Von diesen
    frühen Momenten spontaner politischer Jugendgewalt schlug Giachetti einen Bogen zur späteren Eskalation,
    für welche die Straßenschlachten in Rom des Jahres 1968, aber auch das neofaschistische Massaker auf der
    Mailänder Piazza Fontana im Dezember 1969 als wesentliche Wendepunkte anzusehen seien. Anfangs
    durchaus vorhandene pazifistische Strömungen seien zunehmend marginalisiert und Gewalt schließlich als
    bewusste Strategie zur Verteidigung kollektiver Handlungsräume einkalkuliert worden. Nicht zu unterschätzen
    sei dabei die „symbolische und therapeutische Dimension“, die die Gewalt für manche Jugendliche
    entwickelt habe.
    Marco Grispigni (Brüssel) verwies in seinem Kommentar darauf, dass gerade die von Giachetti zentral
    gesetzte Generationenfrage es erlaube, produktiv zwischen einer modernisierungstheoretischen und einer
    politikzentrierten Lesart von 1968 zu vermitteln. Um die Gewalt der Bewegungen der 1960er und 1970er-
    Jahre zu erfassen, sei es notwendig, die Konflikte als Produkte einer Interaktion zu begreifen, in der die
    Staatsseite sowohl in der Bundesrepublik als auch in Italien mit extremer Härte reagiert habe, wobei die
    „dramatische Besonderheit“ der Mailänder Bombe auf der Piazza Fontana gleichwohl hervorzuheben sei.
    Gleichzeitig müsse die massenhafte Gewalt der sozialen Bewegungen auf ihre subkulturelle Färbung hin
    untersucht werden und im Anschluss an Pizzorno als identitätsstiftender Akt begriffen werden.
    Die Sektion II „Protestgruppen und Gewaltformen“ begann mit einem Beitrag von Dietmar Süß (Jena), der
    hervorhob, dass ein Großteil der deutschen 68er eben nicht den Weg der Radikalisierung und Gewalt
    beschritten habe. Zwar habe die Gewaltfrage spätestens seit dem Tod Benno Ohnesorgs am 2.6.1967 im SDS
    eine zentrale Rolle gespielt, wobei Praktiken gezielter Regelverletzung dazu dienen sollten, das „autoritärfaschistische“
    Gesicht des Staates zu enthüllen. Als sich der SDS im Frühjahr 1970 auflöste, habe sich die
    Mehrheit seiner Anhängerschaft aber nicht den so genannten K-Gruppen oder gar terroristischen
    Gruppierungen angeschlossen, sondern sich vielmehr auf den „Langen Marsch durch die Institutionen“
    begeben, wobei die Gewaltfrage eine Art unsichtbarer Trennlinie zwischen den Strömungen gewesen sei. Ein
    großer Teil dieser politisierten Generation sei schließlich in die SPD eingetreten und habe dort sowohl für
    parteiinterne als auch für gesamtgesellschaftliche Reformen gekämpft. Dieser Generationenwechsel habe die
    Partei in der Folge auch inhaltlich erheblich geprägt.
    Brunello Mantelli (Turin) verwies in diesem Zusammenhang auf einen Phasenwechsel der gegenseitigen
    Wahrnehmung und Beeinflussung zwischen der italienischen und der deutschen Studentenbewegung: Auf
    eine Phase des „Germania docet“, in welcher der SDS eine Vorbildfunktion gerade für die Aktivisten an
    norditalienischen Universitäten wie Trient oder Turin gehabt habe, sei eine Phase des „Italia docet“ gefolgt, in
    welcher die breite Zusammenarbeit von Studenten und Arbeitern im „heißen Herbst“ 1969 ein Modell für
    große Teile der deutschen Studentenbewegung dargestellt habe. Zudem machte Mantelli deutlich, dass es in
    Italien kein Pendant zu den Jusos gegeben habe, da die kommunistische Jugendorganisation nie einen
    derartigen Resonanzraum für die Anliegen der sozialen Bewegungen dargestellt habe. Genauso wenig kam es
    aus der italienischen linksalternativen Szene heraus zu einer so erfolgreichen Parteigründung wie den
    deutschen „Grünen“.
    Fabrizio Fiume (Mailand) untersuchte in seinem Vortrag die Ideologie zweier zentraler Gruppen der Neuen
    Linken in Italien – Lotta Continua und Potere Operaio – zu Beginn der 1970er-Jahre. Fiume vertrat dabei die
    AHF-Information Nr. 079 vom 13.05.2008 3
    These, dass ab 1970 das Konzept eines prinzipiell schon in der Gegenwart möglichen bewaffneten Kampfes
    der Massen in der Rhetorik der beiden Gruppen zunehmend die utopische Idee einer Revolution in mehr
    oder minder ferner Zukunft abgelöst habe. Dabei sei zunehmend nicht mehr auf Vorbilder aus der Dritten
    Welt rekurriert worden, sondern auf den Konflikt in Nordirland. Während allerdings Potere Operaio auf eine
    direkte Übertragung der nordirischen Verhältnisse gesetzt habe und dementsprechend auch die frühen
    Aktionen der Roten Brigaden (BR) und der von Giangiacomo Feltrinelli ins Leben gerufenen Gruppi di
    Azione Partigiana (GAP) positiv bewertete, habe Lotta Continua lediglich eine Art „virtueller Simulation“
    durchgeführt, die vor allem der Identitätsfindung der Mitglieder gedient habe. Die größere Distanz zur
    Gewalt und die stärker politisch als militärisch ausgerichtete Gegenwartsanalyse, die vielfach in modernen
    und journalistisch ambitionierten Formen artikuliert worden sei, erkläre den erfolgreichen „Marsch durch
    die Institutionen“, den viele ehemalige Mitglieder dieser Organisation in der Folge angetreten hätten.
    Anschließend hielten Christoph Cornelißen (Kiel) und Franco Milanesi (Turin) zwei Vorträge zu den
    „Hochburgen des studentischen Protests in Deutschland und in Italien“. Cornelißen verwies zu Beginn seines
    Vortrags auf die Bedeutung der kulturgeschichtlichen Wende in der Forschung zu 1968: Einerseits habe diese
    zu einer Entzauberung tradierter Mythen beigetragen, andererseits aber drohe ´68 bei einer Überbetonung
    der säkularen Trends auf eine Katalysatorfunktion reduziert zu werden. Anschließend ging Cornelißen auf
    drei wesentliche Aspekte von 1968 in der Bundesrepublik ein: Den rasanten Strukturwandel der deutschen
    Universitäten in den 1960er Jahren als Möglichkeitsbedingung von 1968, die Topographie als bisher noch
    stark vernachlässigten Faktor im Verhältnis von meist großstädtischen Hochburgen und oft provinziellen
    „Nebenburgen“ des studentischen Protests sowie den studentischen Protestdiskurs und die Reaktionsmuster
    von Staat und Öffentlichkeit.
    Milanesi kritisierte in seinem Vortrag zunächst die einseitige Konzentration auf die Frage nach der
    Kontinuität zwischen „1968“ und den „bleiernen“ 70er Jahren, die vieles von der Komplexität der Bewegung
    verdecke. Anschließend benannte er die Reformdefizite des italienischen Hochschulsystems in den 1960er
    Jahren als wesentliche Voraussetzung von 1968. Der Studentenprotest in Italien, zusammengesetzt aus einer
    linkskatholischen und einer in sich heterogenen marxistischen Strömung, sei zu einem frühen Zeitpunkt
    hochgradig politisiert gewesen. Mehrheitlich habe man sich als Teil des Proletariats gesehen und keine
    Reform, sondern eine Revolution im Sinne einer fortschreitenden Erosion der existierenden Machtverhältnisse
    angestrebt. Gleichwohl hob auch Milanesi den Quantensprung von 1968/69 hervor, den er vor allem auf
    symbolischer Ebene verortet: Ab jetzt traten die bislang „namenlosen“ Opfer der Auseinandersetzungen
    zwischen Staatsmacht und Protestbewegungen aus der Anonymität heraus. Vor dem Hintergrund der revolutionären
    Ziele habe sich in der Studentenschaft während und nach dem „Heißen Herbst“ ein strategischer
    Konflikt um die Ein- bzw. Unterordnung der Bewegung unter die Arbeiterschaft oder die Entwicklung
    eigener Kämpfe im Bildungsbereich entwickelt.
    Der Soziologe Enzo Rutigliano (Trient) steuerte einen Beitrag zur Sonderstellung der Studentenproteste an
    der sozialwissenschaftlichen Reformuniversität Trient bei, welche sich aus der engen Verbindung mit dem
    deutschen SDS und der Pariser Studentenbewegung ergeben habe. Folge dieser Verbindungen sei der
    dezidiert antiautoritäre Charakter der Trentiner Bewegung gewesen, die der feministischen, der ökologischen
    sowie der Homosexuellen-Bewegung Italiens entscheidende Impulse verliehen habe. Rutigliano entwarf ein
    stark autobiographisch gefärbtes Bild von der Situation an der soziologischen Fakultät, deren Präsident
    Francesco Alberoni für emanzipatorische Reformen offen gewesen sei. Wiederholt auch verwies Rutigliano
    auf die Schlüsselrolle des deutschen Schriftstellers Peter Schneider in Trient. Nach 1969 sei die Bewegung
    jedoch zunehmend marxistisch-leninistisch hegemonialisiert worden, was schließlich zur Spaltung und zum
    Ende des progressiven Experiments an der Fakultät geführt habe.
    AHF-Information Nr. 079 vom 13.05.2008 4
    Alfons Kenkmann (Leipzig) ging in seinem Kommentar auf mögliche Dimensionen eines deutschitalienischen
    Vergleichs ein. Zunächst nannte er die Bildungskrise und den entsprechenden Reformbedarf in
    beiden Ländern, wobei die Bundesrepublik in den 1960er-Jahren hinsichtlich einiger wichtiger Indikatoren
    wie Abiturquote, Bildungsausgaben und Zugangsbeschränkungen noch hinter Italien rangiert habe. Zweitens
    rekurrierte Kenkmann auf das Verhältnis von Arbeitern und Studenten, welches nur in Italien zu einer
    dauerhaften Verbindung wurde. Eine weitere Ebene betrifft die in der bisherigen Forschung zu wenig berücksichtigte
    Topographie des Studentenprotests, aber auch die Frage nach dessen Verankerung in einem
    konfessionell geprägten Milieu. Als letzten Punkt ging Kenkmann auf die verbreitete Furcht vor einer
    Refaschisierung der politischen Systeme ein, die allerdings auch im Sinne einer Selbsterhöhung studentischen
    Handelns funktionalisiert werden konnte.
    Der Kommentar Simone Neri Serneris (Siena) wandte sich gegen eine Dichotomisierung kultureller und
    politischer Faktoren in der Analyse von 1968. Hinsichtlich der Ursachen der Gewalteskalation in Italien
    betonte Neri Serneri noch einmal, dass die Haltung, Politik sei nicht als Aushandlungsprozess, sondern als
    Kampf zu verstehen, nicht alleine von der sozialen Bewegung ausgegangen, sondern ihr auch vom
    italienischen Staat aufoktroyiert worden sei. Außerdem sei es wichtig, die große Vielfalt der Positionen zur
    Gewaltfrage in der Neuen Linken Italiens im Einzelnen zu analysieren und nicht fälschlich zu homogenisieren.
    Marco Scavino (Turin) dekonstruierte in seinem Vortrag die Vorstellung von den Arbeiterkämpfen der Jahre
    1968/69 als plötzlichem Wendepunkt. Dem „heißen Herbst“ von 1969 sei vielmehr ein wenig idyllisches
    Jahrzehnt vorausgegangen, in dem sich vor dem Hintergrund einer rasanten sozioökonomischen Modernisierung
    eine spezifische Konfliktkonstellation entwickelt habe: Eine vom Nachkriegsboom geprägte, häufig
    durch Binnenmigration aus traditionellen Bindungen gelöste junge Arbeitergeneration habe nicht nur gegen
    den Fabrikalltag, sondern auch gegen gewerkschaftliche Hierarchien aufbegehrt. Zugleich seien links vom
    PCI Netzwerke von Dissidentengruppen und -Zeitschriften entstanden. Für die Vehemenz und rasche
    Ausbreitung der Arbeitermilitanz 1969 sei schließlich der Kontakt vor allem zur Mailänder und Turiner
    Studentenbewegung ausschlaggebend gewesen. Der letztlich erfolgreiche Versuch der Gewerkschaften, die
    Kontrolle über die Arbeiterkämpfe wiederzuerlangen und die Revolutionshoffnungen der extremen Linken
    abzublocken, habe seinen Preis gehabt: In den Fabriken habe man der Basis mit ihren radikalen Forderungen
    und Aktionsformen relativ große Spielräume eingeräumt, was zu der permanenten Konflikt- und Krisensituation
    der 70er Jahre erheblich beigetragen habe.
    Der Kommentar von Winfried Süß (Potsdam) stellte die italienischen Arbeiterproteste in einen europäischen
    Kontext. Zunächst konstatierte Süß, dass das italienische ’68 mit seiner hohen Konfliktbereitschaft unter den
    Arbeitern gerade im Vergleich mit den übrigen romanischen Ländern keineswegs ein Sonderfall gewesen sei:
    entsprechend gelte es, das dominante Bild eines studentischen ’68 um seine proletarische Dimension zu
    erweitern. Den etwa 7,5 Millionen Streikenden während des „heißen Herbstes“ in Italien standen in der
    Bundesrepublik allerdings gerade einmal 140.000 Arbeiter gegenüber, die sich im September 1969 an der
    kurzen Welle basisbestimmter Montanstreiks beteiligten. Gleichwohl, so Süß, habe diese Streikbewegung die
    Gewerkschaftsstrategie der nächsten Jahre nachhaltig beeinflusst. Zur Erklärung der prinzipiell unterschiedlichen
    Rolle der Arbeiterschaft in der italienischen und deutschen Protestbewegung verwies Süß auf die
    Ergebnisse Marica Tolomellis: Anders als in Italien habe man nördlich der Alpen die Arbeitsbeziehungen
    eben nicht grundsätzlich konflikthaft, sondern im Rahmen einer weitgehend verrechtlichten Sozialpartnerschaft
    gedeutet, so dass sich in den Fabriken kaum jemand von den studentischen Revolutionsträumen
    anstecken ließ.
    Der Soziologe Davide la Valle (Trient) stellte anschließend die Frage, ob 1968 eher als Ende eines alten oder
    als Auftakt eines neuen Zyklus zu verstehen sei. Er interpretierte die Ereignisse als Scharnier zwischen
    AHF-Information Nr. 079 vom 13.05.2008 5
    traditioneller, in Italien ganz besonders rückständiger Industriegesellschaft und einer postindustriellen Welt,
    die sich durch ungleich höhere Komplexität und Fluidität auszeichne.
    In der Sektion III mit dem Titel „Terroristische Gewalt in Italien und Deutschland“ blieb der Beitrag von Aldo
    Sabino Giannuli (Bari) durch den krankheitsbedingten Ausfall von Wolfgang Kraushaar (Hamburg) leider
    ohne deutsches Pendant, was – wie Petra Terhoeven anmerkte – die Gefahr einer einseitigen Konzentration
    auf die Disfunktionalitäten des italienischen Systems barg. Giannuli ordnete in seinem differenzierten Beitrag
    die so genannte „Strategie der Spannung“ zunächst in den internationalen Kontext der umkämpften
    Entspannung zwischen den Supermächten zwischen 1960 und 1975 ein. Anschließend machte er deutlich,
    wie eine militant-antikommunistische „NATO-Partei“ innerhalb des italienischen Staatsapparats die extreme
    Rechte gegen PCI und soziale Bewegungen instrumentalisiert habe und wie diese Auseinandersetzung von
    den verschiedenen Teilen des politischen Spektrums entsprechend der eigenen politischen Strategie unterschiedlich
    gedeutet worden sei: von den Exponenten der „NATO-Partei“ als Konflikt zwischen Kommunismus
    und Antikommunismus, vom PCI als Auseinandersetzung von Faschismus und Antifaschismus, von den
    Exponenten der Neuen Linken als Konflikt zwischen revolutionärer Bewegung und kapitalistischem System.
    Brunello Mantelli unterstrich in seinem Kommentar, dass Giannulis Interpretation der „Strategie der
    Spannung“ insofern innovativ sei, als sie nicht wie üblich eine Parallelgeschichte der Massaker konstruiere,
    sondern diese in eine allgemeine Politikgeschichte Italiens im internationalen Kontext der Nachkriegszeit
    integriere. Zudem verwies er darauf, dass die grundsätzlichen Unterschiede zwischen solchen Akteuren
    innerhalb der Protestbewegung, die Massenmilitanz praktizierten, und solchen, die Untergrundorganisationen
    aufbauten, im Begriff des bewaffneten Kampfes zu verschwimmen drohten. Abschließend unterstrich
    Mantelli, dass soziale Komponenten wie die Marginalisierung gerade der großstädtischen Jugend wichtige, im
    bisherigen Verlauf der Tagung unterbelichtete Erklärungsfaktoren für die Gewaltförmigkeit des sozialen
    Protests in Italien darstellten.
    In der Sektion IV „Sozialprotest und Gewalt in der deutschen und italienischen Öffentlichkeit“ wurden
    abschließend Fragen des Vergleichs, aber auch der Wahrnehmung und Beeinflussung in den Mittelpunkt
    gerückt. Petra Terhoeven (Göttingen/Rom) interpretierte die Terrorakte der RAF als destruktiven Kern eines
    Kommunikationsprozesses, dessen transnationale Dimension bislang weitgehend vernachlässigt worden sei.
    Spätestens seit 1974 habe der deutsche Linksterrorismus und die Frage seiner adäquaten Bekämpfung auch
    international große Aufmerksamkeit erregt, wobei die Auslandswahrnehmung durch bestimmte Deutungsmuster
    bzw. Perzeptionsfilter vorstrukturiert gewesen sei, die sich nur zum Teil mit den deutschen deckten.
    Gerade in solchen Ländern mit traumatischen Besatzungserfahrungen im Zweiten Weltkrieg schien sich die
    Frage nach Bruch oder Kontinuität der Bundesrepublik zum „Dritten Reich“ angesichts der terroristischen
    Herausforderung neu zu stellen. Dazu kam die breit geteilte Annahme einer Vorreiterfunktion Westdeutschlands
    für zukünftige gesamteuropäische Entwicklungen. Alle Akteure agierten auch vor dem Hintergrund
    spezifischer innenpolitischer Auseinandersetzungen, innerhalb derer die Vorgänge im Nachbarland instrumentalisiert
    zu werden drohten. Terhoeven illustrierte diese Befunde anhand der bemerkenswert heftigen
    Reaktionen, die die so genannte „Todesnacht von Stammheim“ 1977 in Italien auslöste, wobei sie besonders
    die Bedeutung deutscher Mittlerfiguren hervorhob.
    Gian Enrico Rusconis Kommentar bezeichnete das Jahr 1977 als außerordentlich traurigen Moment der
    deutsch-italienischen Beziehungsgeschichte, wofür er vor allem das Versagen der italienischen, aber auch
    einiger deutscher Intellektueller verantwortlich machte. Für die zeitgenössische italienische Debatte hob er
    die Bedeutung des historischen Vergleichs mit der Weimarer Republik hervor, an die sich im betreffenden
    Zeitraum nicht wenige Beobachter angesichts der politischen Instabilität und der allgegenwärtigen Gewalt auf
    italienischen Straßen erinnert fühlten.
    AHF-Information Nr. 079 vom 13.05.2008 6
    Marica Tolomelli (Bologna) verglich in ihrem Beitrag die Reaktionsmuster der jeweiligen nationalen Öffentlichkeiten
    auf die Entführung Hanns-Martin Schleyers 1977 und die Verschleppung Aldo Moros ein halbes
    Jahr später. Trotz des beiderseits der Alpen verbreiteten Gefühls einer existenziellen Krise der jeweils
    bestehenden Ordnung seien doch auch wesentliche Unterschiede feststellbar: Während etwa in der Bundesrepublik
    die außerparlamentarische Linke in ihrer (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit der RAF
    weitgehend isoliert vom Rest der Gesellschaft gewesen sei, habe der Konflikt zwischen Roten Brigaden und
    Staat in Italien auch die Arbeiterbewegung direkt berührt. In Deutschland habe gewissermaßen eine stille
    Übereinkunft zwischen Institutionen und Bevölkerung bestanden, dass letztere keinen Einfluss auf den
    Verlauf der Auseinandersetzung nehmen solle. In Italien hingegen sei die Bevölkerung unter anderem von
    Seiten der Gewerkschaften zur Unterstützung der Institutionen aufgefordert worden, was zu einer breiten
    Mobilisierung gegen die BR geführt habe, die das normale Leben zeitweise fast zum Erliegen gebracht habe.
    Den Veranstaltern ist es gelungen, einen ausgesprochen anregenden und produktiven Austausch zwischen
    italienischen und deutschen Wissenschaftler/innen über den gesellschaftlichen Protest der 1960er- und
    1970er-Jahre zu initiieren. Gerade ihre Entscheidung, auf die Formulierung gleichlautender Fragen für die
    jeweils vortragenden Wissenschaftler/innen aus den beiden Ländern zu verzichten, erwies sich als gewinnbringend,
    da so die Vielfalt der Perspektiven, Fragestellungen und Methoden deutlich wurde, mit denen man
    sich den gesellschaftlichen Konflikten dieser Jahre in beiden Ländern bislang genähert hat.
    Im Verlauf der Konferenz kristallisierten sich einige Aspekte heraus, die gewissermaßen als Basis für einen
    produktiven vergleichenden Blick auf die sozialen Bewegungen der beiden Länder gelten können: Spektakuläre
    Höhepunkte des Sozialprotests wie ’68 müssen in längere Zyklen vielfältiger Bewegungsdynamiken vor
    dem Hintergrund säkularer Modernisierungstendenzen und ihrer Widersprüche eingeordnet werden, wobei
    kulturelle und politische Lesarten kombiniert werden sollten. In Bezug auf ’68 sollte dabei keine Verengung
    auf studentische Trägerschichten des Protests erfolgen, sondern auch andere jugendliche und proletarische
    Akteursgruppen einbezogen werden. Statt von der weitgehenden Homogenität der Bewegung und der
    relativen Kontinuität ihrer Entwicklung auszugehen, sollten eher Heterogenität und Diskontinuitäten akzentuiert
    werden.
    Um die Unterschiedlichkeit von ’68 in Italien und der Bundesrepublik zu erklären, müssen sowohl strukturelle
    Differenzen des juridischen, politischen und ökonomischen Systems als auch Unterschiede im Bereich des
    kollektiven Imaginären einbezogen werden. Die Konjunkturen gegenseitiger Beeinflussung und Bezugnahme
    der Bewegungen in den beiden Ländern gliederten sich in verschiedene Phasen und folgten oft einer unterschwelligen
    Logik, welche nur durch detaillierte Analyse zutage zu fördern ist. Es wäre dringend zu wünschen,
    dass die zahlreichen Anregungen und Impulse dieser Veranstaltung Interessierten in beiden Ländern
    in Form eines Tagungsbandes zugänglich gemacht werden könnten.
    Mathias Heigl, München
    (mathiasheigl@yahoo.com)
    AHF-Information Nr. 079 vom 13.05.2008 7
    Kontakt:
    Karin Krieg
    Fondazione Bruno Kessler
    Studi storici italo-germanici
    Italienisch-Deutsches Historisches Institut
    via Santa Croce, 77
    I-38100 Trento
    Tel.: +39-0461-210265
    Fax: +39-0461-210246
    E-Mail: krieg@fbk.eu
    Copyright
    Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2008.
    Kein Teil dieser Publikation darf ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung der AHF in irgendeiner Form
    reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
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    Empfohlene Zitierweise / recommended citation style:
    AHF-Information. 2008, Nr.079
    URL: http://www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2008/079-08.pdf

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