Archiv für Januar 2010

Aufstand in Griechenland?

Land in der Krise
Historiker warnt vor blutigen Griechenland-Revolten

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Von Olaf Gersemann 30. Januar 2010, 18:00 Uhr

Niall Ferguson schlägt Alarm: Der bekannte Harvard-Historiker warnt eindringlich vor den Folgen einer EU-Finanzkrise, ausgelöst durch das taumelnde Griechenland. Dessen Regierung riskiere mit dem angekündigten Sparkurs einen blutigen Aufstand. Helfen könne nun nur noch Deutschland – mit viel Geld.
Foto: dpa/DPA

Krawalle: Athen gilt derzeit als Pulverfass. Hier wirft ein maskierter Demonstrant ein Molotowcocktail in einen brennennenden Laden. Auslöser war der Prozessauftakt zum Tod eines Schülers, der durch eine Polizeikugel umgekommen war.
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Zehn Jahre lang schien der Euro ein Erfolgsmodell zu sein. Zehn Jahre lang sah es so aus, als könne das paneuropäische Geld sich behaupten und sogar dem US-Dollar Konkurrenz machen. Bis zur Griechenland-Krise. Das Finanzchaos in dem Ägäis-Staat scheint all das infrage zu stellen. Der Kursverlauf des Euro zum Dollar erinnert zurzeit an den von Lehman Brothers im Herbst 2008. Zuletzt fiel er auf unter 1,39 Dollar. Doch die Gemeinschaftswährung wird nicht untergehen, sagt Harvard-Historiker Niall Ferguson. Berlin wird die Griechen freikaufen, ob die deutschen Wähler das wollen oder nicht. Die „Welt am Sonntag“ sprach mit Ferguson in Davos über die inneren Widersprüche der Währungsunion.

Welt am Sonntag: Professor Ferguson, im Juni 2009 haben Sie gesagt, wir seien an einem Punkt wie im April 1931. Damals sah es nach einer Erholung aus, doch das dicke Ende kam erst. Sie haben unrecht gehabt.

Niall Ferguson: Ich war einer der Bänkelsänger des Untergangs, das stimmt. Richtig ist aber auch: Im Juni vergangenen Jahres waren wir in der Tat noch nicht weiter als im April 1931. Ich habe den Sommer damit verbracht, mir die Risiken anzusehen, die von Osteuropa für deutsche, österreichische und andere westeuropäische Banken ausgingen. Das schien mir eine sehr gefährliche Situation zu sein. Dass die Banken davonkommen würden, war im Juni noch nicht sicher. Inzwischen lässt sich sagen: Dies ist gewiss nicht die Große Depression 2.0. In diesem Sinne haben die Konjunkturprogramme gewirkt.

Welt am Sonntag: Und in welchem Sinne nicht?

Niall Ferguson: Die Konjunkturprogramme haben eine Reihe von Ländern in Europa sehr anfällig gemacht, der hohen Defizite wegen. Ich habe immer gesagt, dass die Währungsunion fragil ist, weil es keine gemeinsame Finanzpolitik gibt. So haben Länder wie Griechenland, aber auch Portugal, Spanien oder Irland eine Finanzpolitik am Rande des Chaos betrieben. Wenn du erst einmal ein Budgetdefizit in Höhe von 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hast?

Welt am Sonntag: …wie die griechische Regierung?

Niall Ferguson: …und die Märkte sich entscheiden, deine Staatsanleihen zu verkaufen und die Zinsen damit in die Höhe zu treiben, bist du auf die Nase gefallen. Dann explodiert dein Schuldendienst und du sagst hirnverbrannte Dinge: Etwa, dass du dein Defizit von 13 auf drei Prozent herunterfahren willst innerhalb von zwei oder drei Jahren, was schlicht unmöglich ist. In den Straßen von Athen würde Blut fließen.

Welt am Sonntag: Wie sollten die stabileren Euro-Staaten damit umgehen?

Niall Ferguson: Die avisierten Ausgabenkürzungen sind nicht realistisch, eine Abwertung ist nicht möglich. Deshalb bleiben nur zwei Alternativen.

Welt am Sonntag: Die da wären?

Niall Ferguson: Es gibt dafür keinen vertraglich vorgesehenen Mechanismus, aber man könnte Griechenland theoretisch aus der Währungsunion werfen. Doch ich glaube, die deutsche politische Klasse ist so sehr auf die europäische Integration fixiert, dass das nicht passiert.

Welt am Sonntag: Sondern was?

Niall Ferguson: Die einzige Alternative ist, dass die Kernstaaten die Länder an der Peripherie subventionieren. In der Geschichte der europäischen Integration war Deutschland durchgängig der Nettozahler. Früher ging es um Landwirtschaftssubventionen, später um Sozialfonds, und nun sieht es so aus, als würden die Zahlungen eine neue Form annehmen. Ich glaube, wenn Deutschland die Errungenschaften des Euro erhalten will, muss es eine Rettungsaktion für Griechenland geben. Das wird wahrscheinlich Rettungsaktionen auch für andere Länder mit sich bringen.

Welt am Sonntag: Auch das ist in den europäischen Verträgen nicht vorgesehen. Immer wurde den Deutschen versprochen: Keine „Bail-outs“, niemals!
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Krawalle

Steine, Rauchbomben, alte Symbole

Niall Ferguson: Ja, es gibt keinen Konsens, erst recht nicht über große Rettungsaktionen zugunsten eines Landes, dessen Regierung, wie die griechische, korrupt war und Statistiken gefälscht hat. Wenn ich ein deutscher Wähler wäre, würde ich sagen: nie im Leben!

Welt am Sonntag: Weil sich dann niemand mehr zu Haushaltsdisziplin verpflichtet fühlen würde.

Niall Ferguson: Ja, das ist dasselbe Problem wie bei der Rettung von Banken, die zu groß sind, um sie pleitegehen zu lassen. Wenn man die einmal heraushaut, glaubt keiner mehr, dass man das nicht auch ein zweites Mal tun würde. Aber die europäischen Politiker haben nun einmal beim Maastrichter-Vertrag den Kopf in den Sand gesteckt. Sie dachten, wenn sie die Möglichkeit eines Staatsbankrotts ignorieren, dann gibt es ihn auch nicht.

Welt am Sonntag: Und was wird jetzt passieren?

Niall Ferguson: Es wird improvisiert werden müssen. Und ich bin gespannt, ob es rechtzeitig gelingt, einen Plan zu entwickeln.

Niall Ferguson: Fiskalkrisen kommen rasch und verlaufen nicht linear. Du stolperst vor dich hin, la-la-la, und dann plötzlich: Bam – die Märkte entscheiden, du bist Argentinien.

Überraschung im Boere-Prozeß

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Ein etwas anderes Ministerium

«Flüchtlinge an der Börse» hieß ein Artikel, in dem wir auf den Kampf der Sans papiers in Paris aufmerksam machten, die seit dem 2. Mai 2008 die Bourse du Travail 1 nahe der Place de la République besetzt hielten. Der starke Arm des Gewerkschaftsverbandes CGT hat die 1.300 Besetzer am 24. Juni 2009 brutal auf die Straße gesetzt.

Letzte Woche konnten wir nun eine andere Örtlichkeit in der Rue Baudelique des 18. Arrondissements besuchen. Dort führen die Besetzer ihr grandioses Abenteuer in noch erweitertem Umfange fort, und das angesichts eines ebenso verbreiteten wie erschreckenden Desinteresses. Diese bemerkenswerte Aktion ist zweifelsohne die bis heute bedeutendste dieser Art in Europa. Wir ermutigen alle, dort hinzufahren und die Besetzer auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen.

Nachfolgend können Sie das Interview mit Orhan Dilber lesen. Er ist türkischer Gewerkschaftsaktivist, der einige Jahre in den Kerkern der Militärjunta nach dem Putsch von 1980 zugebracht und später in Frankreich Zuflucht gefunden hat. Heute ist er Sprecher des Kollektivs der türkischen und kurdischen Sans papiers, das an der Besetzung beteiligt ist. Infolge eben dieser im Juli 2009 initiierten Besetzung ist es auch entstanden. Das Interview führte Nicholas Bell vom EBF für den französischen Regionalsender Radio Zinzine.
O.D.: Ein großes, leerstehendes Gebäudes der CPAM 2 in der Rue Baudelique heißt seitdem «Ministerium für die generelle Legalisierung der Sans papiers». Wir waren an der Besetzung beteiligt. Unser Kollektiv ist eins von den zehn Kollektiven, die dieses Ministerium bilden. Vor dieser Besetzungsaktion hatten wir keine vergleichbare Struktur für Kurden und Türken. In den 1990er Jahren gab es ein Kollektiv der türkischen Sans papiers, das damals zur St.-Bernard-Kirche gehörte, aber das war nur vorübergehend. Man muss einige Besonderheiten der Türken und Kurden im Vergleich zu den anderen Kollektiven erwähnen. Die Mehrzahl der aus der Türkei kommenden Sans papiers sprechen türkisch und nicht französisch, wie diejenigen aus den ehemaligen französischen Kolonien.

Ich selbst bin kein Sans papiers, aber meine Kameraden brauchten einen Sprecher, der auch des Französischen mächtig ist. Natürlich kommen alle halbwegs gut klar hier und gehen arbeiten, bei Debatten im Kollektiv oder bei Delegiertenwahlen wird jedoch türkisch gesprochen, unsere gemeinsame Sprache.

Zurzeit gehören 1.300 Personen zu dem türkisch-kurdischen Kollektiv. Als ich die große Bewegung sah, die hinter der Besetzung in der Rue Baudelique stand – die größte Bewegung in Frankreich – habe ich die türkischen und kurdischen Sans papiers angesprochen. Mehr als 3.000 Personen halten die 4.300 m2 dieses fünfgeschoßigen Gebäudes besetzt. Es gibt Versammlungsräume und solche für Fortbildung. Wir sind froh und stolz, dass wir zu den Gründern des Ministeriums gehören.
Wer sind die türkischen und kurdischen Sans papiers? Sind sie schon lange in Frankreich und kommen weiterhin Leute aus der Türkei hierher?

Einige sind schon mehr als zwanzig Jahre hier, Jahrzehnte lang als Sans papiers. Die meisten sind etwa zehn Jahre hier, andere noch nicht mal ein Jahr. Die meisten sind aus politischen Gründen nach Frankreich gekommen. Daher gab es früher auch noch kein Kollektiv. Die Kurden sind durch die nationale Diskriminierung zu Asylsuchenden geworden, von denen die meisten von Frankreich aufgenommen werden. Bei den Türken sind es vorwiegend politische Aktivisten, die wegen Problemen mit dem Staat politisches Asyl beantragen. Dies bekam man in den 1980er und 90er Jahren relativ leicht, was heute nicht mehr der Fall ist. Das OFPRA 3 hat vor zwei Monaten entschieden, die Türkei (neben Serbien und Armenien) den sicheren Staaten zuzurechnen. Einreisenden aus diesen Ländern wird seitdem kein Asyl mehr gewährt. Aber die meisten Asylgesuche werden schon seit einem Jahr abgewiesen.

Uns ist also klar geworden, dass die Situation sich verändert hat und die Legalisierung durch Arbeit anzustreben ist. Auf jeden Fall haben alle einen Job. Das System in Frankreich begünstigt jedoch geradezu die Schwarzarbeit. Frankreich nimmt niemanden aus Güte oder Großzügigkeit auf. Man lässt die Sans papiers und die Asylsuchenden frei herumziehen. In anderen Ländern gibt es für die Asylsuchenden so genannte Auffanglager, wo sie bis zum Ende des Beantragungszeitraumes bleiben. Entweder Sie können bleiben oder gehen zurück. Wenn Sie hier Asyl beantragen, sagt man Ihnen: «Wenden Sie sich an eine Präfektur, stellen Sie dort Ihren Antrag, Sie erhalten eine Aufenthaltsbewilligung (früher war sie ein Jahr gültig, jetzt noch drei Monate). Diese kann verlängert werden. Sie dürfen nicht arbeiten, können sich aber frei bewegen.» Was bedeutet das? Arbeiten Sie schwarz! Das heißt, suchen Sie ihre Landsleute der türkischen Gemeinschaft auf, die schon lange Zeit hier sind, als Vermittler für große Unternehmen arbeiten und billige Arbeitskräfte sind dank ihres Status als Illegale. Wenn die Türken und Kurden ankommen, haben sie sofort Kontakt mit diesen Netzwerken, um Arbeit zu finden. Denn sie arbeiten in Gemeinschaft und sind dennoch isoliert, denn auch ihre Kollegen, die schon zwanzig Jahre hier sind, sprechen kein Französisch.

Es ist bestimmt nicht leicht, ein solches Kollektiv zu bilden. Diese Leute sind aus politischen Gründen gekommen, aber die linken Kräfte haben viel gestritten, es gab viele Spannungen zwischen Türken und Kurden… Geht das denn gut, allgemein gesehen?

Ja, das ist ungewöhnlich. Ich machte diese Erfahrung schon in der Türkei, wo ich Gewerkschaftsaktivist war. Ich stellte fest, dass die unterschiedlichen politischen oder ideologischen Positionen verschwanden, wenn gestreikt wurde. Ein Problem, wie das Fehlen eines Papiers vereint die Leute. Hier in unserem Kollektiv gibt es die für die kurdische Sache Kämpfenden und türkische Nationalisten; die wären in der Türkei Feinde. Hier sind sie vereint angesichts eines fremdenfeindlichen Regimes, das alle gleichermaßen ablehnt, genau wie Leute aus Mali und andere. In Bezug auf ihre Herkunft macht dieses System keinen Unterschied. Hier im Ministerium sind 25 Nationalitäten von fünf Kontinenten vertreten. Die Mehrheit sind Afrikaner, aber auch Lateinamerikaner, Asiaten, Russen, Ukrainer usw. sind hier. In unserem Kollektiv gab es nie Probleme.

An der Börse (Bourse du Travail) gab es jede Woche Demonstrationen, viele Aktionen, Fortbildungen, Sprachkurse… Was geschieht jetzt in der Rue Baudelique?

Hier ist es besser als an der Börse. Die Aktivitäten sind reichhaltiger, weil wir hier dermaßen viel Platz haben. Die Besonderheit dieser Besetzung kommt daher, dass es die ist, die bisher am längsten andauert. Wenn man die Zeit an der Börse einschließt, sind es jetzt fast zwei Jahre. Man war gewohnt, einige Monate in einer Kirche zu bleiben. Diese Besetzung hier ist sehr massiv, mit ständig mehr als 3.000 Personen. Wenn man sonst von Besetzung spricht, heißt das, man besetzt und bleibt am Ort. Hier wird immerfort mobilisiert, innerhalb der Bewegung aber auch, indem man rausgeht zu den Leuten. Jeden Mittwoch wird eine Demonstration auf den großen Boulevards von Paris organisiert, und wir nehmen massiv an anderen Demonstrationen teil, zum Beispiel in Solidarität mit denen, die Privatisierungen ablehnen, oder anlässlich der Kundgebung vor dem Medef 4.

Viele Freiwillige geben Sprachkurse oder leisten sozialen Beistand beim Zugang zu medizinischer Behandlung oder bei Schritten hin zu einer Sozialversicherung… Rechtsanwälte kommen für die Frage der Legalisierung.

Es gibt unter uns jetzt auch Bastler. Ein Kollektiv zum Beispiel sammelt Fahrradteile, die man überall in Paris findet, und stellt neue, etwas seltsame Fahrräder her, die immerhin funktionieren und überlässt sie denen, die sie brauchen. Das sind Leute, die ihre Werkstatt verloren haben, weil die Polizei sie vertrieben hat. Die haben dann gefragt, ob sie nicht hier unterkommen können. Es gibt viel Platz. Sie haben mit ihrer Fahrradproduktion begonnen, jedoch noch nicht an einer Demonstration teilgenommen, aber sie denken das bald nachzuholen.

Filmstudenten geben Kurse zu Film und Kino, in denen sie den Sans papiers, hauptsächlich Frauen, zeigen, wie man eine Kamera handhabt oder einen Film macht. Die Möglichkeiten sind enorm. Das ist es, was die Bewegung belebt und bereichert.

Wir sind jedoch in gewisser Weise isoliert, weil, wenn wir in Paris auf die Straße gehen und die Medien davon berichten, sie nie erklären, dass wir die Kollektive sind, welche das «Ministerium» in der Rue Baudelique ins Leben gerufen haben. So ist die Presse eben, wir sind es gewohnt, manipuliert zu werden. Mit den Gewerkschaften und anderen Verbänden ist das ähnlich. Wir sind unsichtbar.

An der Börse hattet ihr große Konflikte mit der CGT. Später war es die Sektion Gebäudereinigung, die geholfen hat, die Besetzung des großen CPAM-Gebäudes in die Wege zu leiten. Ich habe gehört, dass fünf Gewerkschaften die Bewegung unterstützen. Aber ist das jetzt nicht eine recht aktive Unterstützung?

Die Unterstützungen sind schwach. Die Gewerschaft Sud Solidaires stand von Anfang an zu uns, die Sektion Gebäudereinigung der CGT und die CNT 5 sind präsent, aber das sind bei weitem nicht alle Gewerkschaften. Die CGT nimmt eine unverrückbare und klare Position ein. Sie verlangt keine generelle Legalisierung der Sans papiers. Zurzeit ist sie in eine Streikposten-Bewegung 6 involviert und fordert die Legalisierung der 5.500 am Streik beteiligten. Das ist alles.

Was ist mit dem Gebäude? Ich habe gelesen, dass die Direktion der CPAM (Krankenversicherung) euch von dort vertreiben wollte, aber innerhalb der CPAM haben die Angestellten protestiert, die fanden, dass es nicht normal sei, die Sans papiers auf die Straße zu setzen.

Sofort mit Beginn der Besetzung haben wir die Angestellten der CPAM kontaktiert und haben eine Versammlung mit Gewerkschaftsvertretern in der Rue Baudelique gemacht. Sie haben uns damit unterstützt, dass sie zusicherten, die Räumung des Ortes zu verhindern, weil sie mit den Sans papiers solidarisch seien. Das ist wie eine Garantie. Zudem haben wir bis Ende September durchgehalten und sind deshalb sicher bis März. Es gibt schon ein Urteil zur Räumung, aber es ist nicht anwendbar während der Winterpause 7.

Glaubt ihr, dass es schwierig sein wird, länger als bis Ende März zu bleiben?

Das hängt vom Kräfteverhältnis ab. Dies ist ein besonderer Ort, weil er leer war – verlassen. Hätten wir ein genutztes Gebäude besetzt, hätten wir nicht länger als einige Wochen bleiben können. Jetzt gibt es die Streikposten, die die Besetzungen ein oder zwei Wochen lang aufrechterhalten, aber dann werden sie geräumt. Unsere Besetzung ist schon besonders, weil sie uns die Möglichkeit gibt, eine Bewegung zu organisieren und noch mehr zu entwickeln. Das sind die Elemente, die unsere Bewegung immer stärker werden lassen. Die Presse und die Linke sind an so was nicht gewöhnt….

Ich habe den Eindruck, dass die großen Gewerkschaften und politischen Organisationen immer bestrebt sind, Bewegungen wie diese zu organisieren und zu beherrschen, sie zu kontrollieren, aber diesmal erkennen sie, dass die Sans papiers absolut fähig sind, sich selbst zu organisieren.

Genau so ist es. Ich stelle fest, dass die französische Linke alles für die anderen machen möchte, nur sie soll es sein, die handelt und sich für die Sans papiers aufopfert. Es geht nicht in ihre Köpfe rein, dass die Sans papiers selbst beginnen, sich zu organisieren. Deswegen werden die Kollektive nicht erwähnt, sind nicht anerkannt und unsichtbar. Der GISTI 8, die Cimade 9, die Menschenrechtsliga, die humanitären Organisationen sind dennoch da, um uns zu helfen. Die Menschenrechtsliga hielt sich anfangs fern, aber Frau Aubry 10 hat vor den Wahlen von den Sans papiers gesprochen, das gab ihnen den Anstoß.

Geht es denn mit den Legalisierungen voran? Djibril, einer der Sprecher an der Börse sagte mir, dass es dort etwa hundert Legalisierungen gab. Geht das jetzt so weiter?

Nach der Räumung der Börse hatten sich die rausgeworfenen Besetzer mehr als einen Monat lang auf dem Boulevard du Temple niedergelassen. In Verhandlungen mit der Polizeipräfektur stellte diese die wohlwollende Überprüfung von 300 Legalisierungsgesuchen in Aussicht, wenn wir die Besetzung der Straße beenden würden. Es gab aber keine 300 Legalisierungen, eher nur die Hälfte. Die Polizei meinte, dass sie sich hintergangen fühlte, denn wir hätten den Boulevard geräumt, um uns woanders niederzulassen und weiterhin die generelle Legalisierung aller Sans papiers zu fordern.

Mehr positive Bescheide gab es nicht. Unsere hartnäckigen Demonstrationen vor seiner Tür haben den Stab von Eric Besson 11 dazu gebracht, uns immerhin zweimal zu empfangen. Zunächst müssten die 300 Anträge, wie versprochen, bearbeitet sein, forderten wir. Und außerdem sollten sämtliche Präfekturen die Kollektive der Sans papiers als Verhandlungspartner bei der Bearbeitung der Gesuche anerkennen. Natürlich bestand die Regierung auf der Anwendung der Einzelfallprüfung statt einer bedingungslosen generellen Legalisierung.

Uns interessiert vor allem, das Eis zu brechen, denn die Kollektive sind immer noch nicht anerkannt. Nach so vielen Jahren der Mobilisierung muss es ein Ergebnis geben, muss die offizielle Anerkennung erreicht werden.

Gleichzeitig steht auch die Anerkennung des Problems der «isolierten Arbeiter» im Raum, denn die CGT unterstützt nur die Arbeiter an Arbeitsplätzen, wo mehrere Sans papiers sind, in den bedeutenderen Unternehmen… An der Börse und in der Rue Baudelique gibt es dagegen viele Personen, die allein oder in Mikro-Unternehmen arbeiten.

Die werden nicht als Arbeiter angesehen. Dort liegt das Problem. Der Motor unserer Bewegung, das sind die Schwarzarbeiter. Während der Hitzewelle, ich erinnere mich gut, sagte der Gesundheitsminister, dass doppelt soviel ältere Personen gestorben wären, wenn wir sie nicht versorgt hätten. Und es gab schon 15.000 Tote in zehn Tagen. Und da ist nicht nur die Betreuung der Alten, da sind auch noch die Kranken, die Kinder… Frankreich braucht uns als Arbeitskräfte. Ihr werdet subventioniert, damit Kinder gezeugt werden und damit die Bevölkerung wächst. Wie läuft das? Arbeiten und Kinder haben? Es werden doch Babysitter gebraucht…

Für die Fortführung eurer Bewegung ist ein Datum in naher Zukunft bedeutend, glaube ich…

Seit der Bildung des Ministeriums haben die Sans papiers anderer Regionen gesehen, dass das funktioniert, auch wenn die Franzosen es kaum wahrgenommen haben. Also gab es Versammlungen mit Kollektiven aus anderen Städten. Wir haben beschlossen, am 9. Januar 2010 in Paris eine große Demonstration zu veranstalten, die in der Rue Baudelique beginnen wird. Wir sind selbstverständlich für die generelle Legalisierung, aber wir wissen auch sehr gut, dass das nicht auf einen Schlag zu erreichen ist. Und zum anderen, was bedeutet es, wenn man legalisiert ist? Wir werden weiterhin Arbeiter sein, ehemalige Sans papiers, aber doch Ausländer, die ausgebeutet werden. Wir werden weiterhin Probleme haben. Deshalb ist eine strukturierte Organisation von großer Bedeutung, denn auch nach der Legalisierung werden wir diese Solidarität brauchen, diese Organisation, um Arbeitsrechte auch für uns durchzusetzen, korrekte Löhne, Sicherheit am Arbeitsplatz etc.

Zugleich entwickeln wir Beziehungen zu den Gewerkschaften. Wir sind nicht mehr diese isolierten Ausländer, die mit dem Klassenkampf in Frankreich nichts zu tun haben, wir sind mitten drin. Mit der Bewegung der Sans papiers bereiten wir uns auch auf die Zukunft vor. Ich denke, dass diese Zukunft eng verbunden ist mit der Zukunft der französischen Arbeiter. Das wird immer vergessen. Die Franzosen denken, dass sie uns aus Großzügigkeit und Solidarität unterstützen. Sie betrachten sich als Helfer. Aber warum unterstützt Ihr uns denn? Aus Nächstenliebe? Nein, ihr tut es für euch. Wenn es Sans papiers gibt, die schwarz arbeiten, bedeutet das, dass die Kassen der Sozialversicherung immer leerer werden, dass nichts in die Rentenkasse kommt. Man wird sagen, dass Ihr bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten müsst, weil die Renten unbezahlbar werden, denn von den Sans papiers kommen keine Beiträge. Und zudem werden die Löhne nach unten hin angepasst. Es wird weiter privatisiert und ausgelagert werden, und dies alles ist nicht allein das Problem der Sans papiers, sondern aller Arbeiter und auch der französischen Angestellten. Die müssen sich bewegen, nicht um uns zu unterstützen, sondern um für sich selbst zu kämpfen.

1. Die französischen «Bourses du Travail» sind eine Art Beratungsstelle der Gewerkschaften, im Allgemeinen große Gebäude mit Büros für die verschiedenen Gewerkschaften, Versammlungsräumen usw.
2. C.P.A.M. Caisse Primaire d’Assurance Maladie, eine der größten französischen Krankenversicherrungen.
3. Staatliches Büro für den Schutz der Flüchtlinge und Staatenlosenungen.
4. Unternehmerverband
5. Anarchistische Gewerkschaft
6. Zurzeit streiken mehr als 5.000 Sans papiers in der Region um Paris, unterstützt von der CGT. Der Streik betrifft 1.800 Unternehmen und Zeitarbeitsfirmen.
7. In Frankreich ist jegliche Räumung von Unterkünften gesetzlich untersagt von Oktober bis März
8. Informations- und Unterstützergruppe für Immigranten
9. Ökumenischer Verein der gegenseitigen Hilfe für Migranten
10. Vorsitzende der Sozialistischen Partei
11. Minister für Einwanderung, Integration und nationale Identität

Dezember 2009
Nicholas Bell, Europäisches Bürgerforum, Postfach, CH-4004 Basel; nicholas.bell@gmx.net
www.forumcivique.org




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