Archiv für Januar 2010

Wuppertal auf nach Dresden!

Mobilisierungsveranstaltung am 29.1.2009 um 19:30 Uhr im AZ Markomannen str. 3

k – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 546 / 22.1.2010
Entschlossen entgegentreten – gemeinsam blockieren!
Interview zum Stand der Mobilisierung gegen den Naziaufmarsch in Dresden

Jedes Jahr marschieren tausende Neonazis durch Dresdens Straßen. Anlass ist die Bombardierung der Stadt durch die Alliierten im Februar 1945. Ginge es nach den Nazis, soll sich deren Teilnehmerzahl zum 13. Februar 2010 ein weiteres Mal erhöhen. Doch es brodelt gewaltig: Das bundesweite antifaschistisches Bündnis No pasarán! mobilisiert gegen den Aufmarsch. In Dresden hat sich zudem das Bündnis Nazifrei! Dresden stellt sich quer gegründet. (vgl. ak 545) Zum aktuellen Stand sprachen wir mit Lena Roth vom Bündnis Nazifrei! Dresden stellt sich quer.

ak: Das Thema Dresden ist ja mittlerweile in aller Munde. Wer wird denn alles aktiv gegen Europas größten Naziaufmarsch?

Lena Roth: Für den Tag selbst rechnen wir mit mehreren tausend Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet, ebenso kommen beispielsweise auch AntifaschistInnen aus Polen, Tschechien und anderen europäischen Ländern. Der Aufruf des Bündnisses, sich den Nazis mit Massenblockaden in den Weg zu stellen, wurde von vielen bekannten Personen unterzeichnet. Da reicht die Spanne von Musikern wie Bela B. von den Ärzten bis hin zum Pfarrer Peter Zimmermann. Ebenso heterogen ist der Kreis an unterstützenden Organisationen, zum Beispiel von Jugendverbänden wie Grüne Jugend und Linksjugend [’solid], über diverse antifaschistische Gruppen, Initiativen für Zivilcourage, der Interventionstische Linke, Hochschulgruppen, DIE LINKE sowie IG Bau Jugend und vielen, vielen mehr. Die Vielfalt dieses Bündnisses ist seine Stärke.

Und was für Aktionen sind geplant? Kannst du da einen kleinen Überblick geben?

Massenblockaden! Einige werden da vielleicht an G8 und Heiligendamm denken… Klar, in Dresden wird es anders, nicht nur weil es leider Winter ist. Jedoch gab es auch schon in Dresden Blockaden, wie im Februar 2006. Daran und an viele andere erfolgreiche Blockadeaktionen der letzten Jahre wollen wir anknüpfen. Wir wollen keine Demos weit weg von den Nazis. Wir wollen auch nicht im Polizei-Wanderkessel, wie letztes Jahr, durch Dresden ziehen. Dieses Jahr werden wir mit Menschenblockaden ein Durchkommen der Nazis verhindern.

Wie ist denn die Stimmung in der Stadt? Was sagt die Lokalpresse, was sagen BürgerInnen und PolitikerInnen?

In der Lokalpresse wird stark für die von der Oberbürgermeisterin initiierte Menschenkette um die Altstadt geworben, mit der ein Zeichen gegen Extremismus und zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt gesetzt werden soll. Dennoch werden auch wir in der konservativen Zeitungslandschaft Dresdens wahrgenommen und immer mehr Menschen und Organisationen unterzeichnen den Blockadeaufruf unseres Bündnisses.

Wie sieht‘ s aus: Ist irgendwas verboten oder muss man sich auf irgendwelche

Auflagen gefasst machen?

Dieses Mal wird es keine Demonstrationen geben. Es wurden verschiedene Kundgebungen angemeldet, bisher ist nichts verboten. Wie jedoch die Versammlungsbehörde darüber entscheidet, wird wohl erst kurz vorher bekannt. Letztes Jahr wurden den Demonstrationen willkürlich Orte zugewiesen, die nicht den angemeldeten Plätzen entsprachen. Damit ist wohl auch dieses Jahr zu rechnen.

Wie läuft denn die Mobilisierung der Nazis?

Die JLO (Junge Landsmannschaft Ostdeutschland), die NPD und das aus dem Kameradschaftsspektrum stammende Aktionsbündnis gegen das Vergessen rufen wie jedes Jahr zu dem „Trauermarsch“ am 13. Februar auf. Letztes Jahr waren es mehr als 6.000 Nazis. Wir rechnen mit mindestens genauso vielen, denn 2010 ist der 65. Jahrestag der Bombardierungen. Nachdem die Aufmärsche von Wunsiedel und Halbe nicht mehr stattfinden können, ist Dresden der letzte Großaufmarsch mit NS-Bezug.

Und wie ist die Resonanz gegen den Aufmarsch – jetzt mal außerhalb von Dresden?

Sehr gut. Zum Einen, weil es sich sowohl bei No pasarán! als auch bei Nazifrei! um eine bundesweite Mobilisierung handelt. Zum Anderen sind bereits letztes Jahr über 8.000 AntifaschistInnen nach Dresden gekommen, um gegen die Nazis zu demonstrieren.

Wenn Leute nach Dresden fahren wollen: Womit muss man rechnen und was sollte man beachten?

Vor allem, dass es wie jedes Jahr verdammt kalt wird. Also unbedingt lange Unterhosen einpacken… Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber es stimmt. Wir werden ja alle den ganzen Tag auf den Straßen sein und dort entweder sitzen oder stehen. Dabei kann es schon richtig kalt werden. Also zieht euch warm an und bringt Heißgetränke, Isomatten mit – gut geeignet sind auch diese silber-goldenen Rettungsdecken.

In den beiden Bündnissen (No pasarán! und Nazifrei!) gibt es einen klar formulierten Aktionskonsens. Auf den gemeinsamen Blockaden wird von uns keine Eskalation ausgehen. Alles, was nicht dem Charakter einer Menschenblockade entspricht, sollte nicht in unmittelbarer Nähe zu den Blockaden stattfinden. Wir sind dabei solidarisch mit allen, die mit uns das Ziel teilen, die Nazis zu stoppen und die dem Naziaufmarsch in Sicht und Hörweite entgegentreten wollen. Innerhalb der Blockaden wird es auch keine Aufteilung nach Spektren geben. Die gesellschaftliche Breite, welche sich in dem Bündnis Nazifrei! zusammen gefunden hat, soll sich auch in den Blockaden widerspiegeln. Wir wollen keine Spaltung in „gute“ und „böse“ Protestierende oder in BürgerInnen und KapuzenträgerInnen. Das bedeutet ebenfalls für alle einen verantwortungsvollen Umgang miteinander.

Für dieses Jahr empfehlen wir allen, mit den für diesen Tag organisierten Bussen, anzureisen. So weit ich weiß, werden aus allen Bundesländern Busse nach Dresden fahren.

Schaut auch auf die Seiten von Nazifrei! Dresden stellt sich quer und von No pasarán! für weitere Infos.

Interview: mm

Die Überflüssigen eröffnen die Kulturhauptstadt!

Wir sind das FEUER!

Recht auf Stadt und Land…

Die Überflüssigen eröffnen die Kulturhauptstadt!

Wir melden uns live vom kohlschwarzen Teppich in der Zeche Zollverein.:

Verehrte Anwesende, liebe prekäre Kolleginnen und Kollegen, Taschendiebe und Schneeräumer.

Wir sind die Überflüssigen und feiern heute die Eröffnung der Kulturhauptstadt auf unsere Weise.
Wir protestieren hier im 5 Jahr von Hartz IV gegen die unwürdigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse in diesem reichen Land. Den „Ehrengästen“ aus Politik und Wirtschaft rufen wir zu: Ihr seid hier überflüssig!

Wir sind die Hartz IV-EmpfängerInnen, die in den ARGEN und Jobcentern gezielt gedemütigt werden. Wir sind die Kurzarbeiter, die großen Sorgen um ihrer Arbeitsplätze haben, wir sind die prekär Beschäftigten mit Niedriglohn und die Ein Euro Jobber!
Wir sind unbezahlten Praktikanten und „Freiwilligen“!
Wir sind die schlecht bezahlten freien Künstler und Schauspieler,die hier von der Kulturhauptstadt zuerst gegeneinander ausgespielt, und dann vernutzt und ausgebeutet werden.

Diese Kulturhauptstadt ist überflüssig
Wir wenden uns mit unserer Aktion gegen eine Kulturpolitik, die nur noch kapitalistische Standortpolitik ist. Während die finanzielle Unterstützung für die normale kulturelle Infrastruktur für die Theater und freie Kulturszene überall heruntergefahren wird, zerstört die Festivalisierung im Ruhrgebiet langfristig die erkämpfte kulturelle und soziale Infrastruktur.
Für eine kurzlebige Show wurden Millionen investiert, gleichzeitig sind fast alle Ruhrgebietsstädte pleite, in Essen muss mangels Kohle sogar eine Grundschule geschlossen werden. Mitten im Ankündigungsgetöse des Spektakels droht einigen Theatern das Aus – weil die Städte überschuldet sind. In Wuppertal z.B. steht das Schauspiel vor dem Aus. Über die Bühnen von Hagen, Essen und Oberhausen wird diskutiert.

Das Kulturhauptstadtspektakel verdrängt mit viel Geld die soziale Realität aus Massenarbeitslosigkeit, Niedriglohn und Kinderarmut. Das Versprechen, die sog. Kreativitätswirtschaft würde mit ihren Wachstumsraten auch die ehemaligen Nokia- und OpelarbeiterInnen von der Strasse holen, ist lächerlich. Die Erwerbslosenquote liegt im Ruhrgebiet mit über 10 % deutlich über dem Bundesdurchschnitt, und in einigen Städten wie z.B. Gelsenkirchen erreicht sie zeitweise fast 18 % . Die Armut konzentriert sich in bestimmten Stadtvierteln, schon lange gibt es Armutsquartiere, in die „die Überflüssigen“ abgeschoben werden und in denen eine verfestigte soziale Benachteiligung im Straßenbild sichtbar ist. Erschreckend ist auch die im Vergleich mit anderen Regionen auffallend geringe durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen im Ruhrgebiet.

All das kommt in den langweiligen Metropolenträumen der Kulturhauptstadt nicht vor. Die Selbstinszenierung von Maloche, Schweiss, von schlechtem Bier und Grönemeyer soll die realexistierende Klassengesellschaft und die lange Geschichte von Widerstand und Klassenkämpfen unsichtbar machen. Ausbeutung und unwürdige Lebensverhältnisse, Nazibanden in Dortmund und rassistische (Polizei) Gewalt sind in der schönen neuen Welt der Kreativitätwirtschaft nur ein hippes Bühnenbild für die Kulturevents. Wir müssen daher wieder sichtbar werden mit unseren Wünschen und Vorstellungen von einem ganz anderen Leben!
Lasst uns gemeinsam für eine soziale und kulturelle Infrastruktur kämpfen, die nicht abhängig von der Großzügigkeit und Kulturbeflissenheit von reichen Gönnern ist. Kostenloses Schulmittagessen, öffentlich finanzierte Theater, Freie Kultur und Museen, ein kostenloserr öffentlicher Nahverkehr, kostenlose Kita-Plätze bis zum gebührenfreien Studium sind keine Luxusforderungen, sondern der Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe. Schlagen wir die Angriffe der FDP-CDU-Regierung zurück, die Reste der paritätisch finanzierten Gesundheitsversorgung durch die Kopfpauschale zu zerschlagen. Verjagen wir die Hartz IV-Schnüffler und kämpfen wir für ein bedingungsloses Grundeinkommen!

Recht auf Stadt
„Uns gehört die Stadt“, diese alte Parole aller sozialen Kämpfe gilt es wieder zu beleben. Gegenwehr und Aufbau neuer solidarischer Strukturen gehören zusammen. Wir halten es mit dem Intendanten des Tanztheaters in Mexiko-City John Holloway „Wir bitten niemandem um etwas, vielmehr erschaffen wir hier und jetzt unsere kreative Aufsässigkeit, indem wir so weit wie möglich die Momente und Räume ausweiten, in denen wir sagen: Nein, wir beugen uns nicht den Anforderungen des Kapitals, wir werden etwas anderes machen, wir werden die Selbsthilfe fördern, die Kooperation, die Erschaffung gegen das Kapital. Es ist nicht leicht, es ist nicht offensichtlich, aber dies ist die Richtung, in die wir uns bewegen müssen, die wir erkunden müssen. Mit Wut, aber mit einer Wut, die andere Perspektiven eröffnet, die andere Dinge erschafft, eine Wut der Würde. (aus dem Grußwort von John Holloway)
Auf diese Wut setzen wir. Selbstorganisierung und Selbstermächtigung sind auf lange Sicht die einzige Perspektive den Zumutungen zu entfliehen und was Neues aufzubauen!
Jahr des Aufstands?

Wir begehen dieses Jahr auch den 90. Jahrestag der Märzrevolution, dieser einzigartigen Aufstandsbewegung gegen den Kapp-Putsch und für eine soziale Revolution im Ruhrgebiet und im Bergischen Land. Wir hoffen schwer, dass diese emanzipatorische Bewegung auch gleich in der Tanzrevue zur Geschichte des Ruhrgebiet vorkommt… Auch wenn die Kämpfe der Roten Ruhrarmee und die Streiks der Arbeiterschaft für eine umfassende Sozialisierung und für einen wunderbaren Rätekommunismus in der offiziellen Geschichtskultur vergessen sind, sind die Forderungen des kurzzeitig kämpfenden Proletariats äußerst aktuell.
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Wir wollen nicht im Staube kriechen vor denjenigen, die durch den Zufall ihrer Geburt sich ein Von-Oben-Herabblicken anmaßen dürfen.
Wir wollen nicht weiterhin besitzlose Proletarier sein, sondern wir verlangen Eigentumsrecht an den Produktionsmitteln.

Wir verlangen Eigentumsrecht an den von uns erzeugten Produkten.
Wir verlangen Eigentumsrecht an den Schätzen, die sich auf und unter der Erde vorfinden.
Wir verlangen das Paradies auf Erden und lassen uns nicht länger mit der Hoffnung auf ein besseres Jenseits abspeisen.
(Vollzugsrat der Arbeiter der Zeche Zollverein im März1920)

P.S. Wir sind das Feuer. Kämpft Freunde und Freundinnen. Im Gedenkjahr sind zahlreiche Veranstaltungen, historischen Spiele und Aufstände geplant. Achtet auf Ankündigungen….
http://huschhusch.blogsport.de/2009/09/18/zur-maerz-revolution/

Metropolenträume ausgeträumt
Administrator
am
9. Januar 2010
in Allgemein
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»Metropolenträume in der Provinz?«

RUHR.2010 startet und Häme wäre eine angemessene Reaktion. Viele der geplanten Projekte werden angesichts der Finanzierungsprobleme der Kulturhauptstadt und leerer kommunaler Haushaltskassen nicht realisiert werden.

»Wohnt der Grönemeyer nicht in London?«

In Bochum untersagte die Bezirksregierung eine weitere Verschuldung der Stadt, mit der der Bau des geplanten Konzerthauses finanziert werden sollte. Stattdessen soll nun ein umfassendes Sparprogramm helfen, den Haushalt soweit zu sanieren um auch am Bau eines Konzerthauses festhalten zu können. Wie üblich soll dabei besonders im sozialen Bereich an öffentlicher Infrastruktur gespart werden, was zeigt, dass im Ruhrgebiet Kritik und Protest statt Häme auf der Tagesordnung stehen müsste.

»Muss ich mich auch wandeln?«

Der „Strukturwandel“ zur Kulturhauptstadt wird genauso an der Mehrheit der BewohnerInnen des Ruhrgebiets vorbei gehen wie schon die Technologieparks der 80er und 90er Jahre. Und mehr noch: Die von der Deindustrialisierung zurückgelassenen Menschen spielen für einen „Wandel durch Kultur“ auch keine Rolle.

»Kann man im Theater mehr als klatschen?«

Die Kulturhauptstadt 2010 agiert mit einem ausgrenzenden und instrumentellen Kulturverständnis. Kultur dient in erster Linie als Werkzeug zur Wirtschaftsförderung, von der nur eine Minderheit profitieren wird. Die Entdeckung der Kreativwirtschaft als trendige Urbanisierungsmaschine, die gefördert werden muss, reduziert Kreativität auf eine Geschäftsidee.

»Ist auch Altenessen Kulturhauptstadt?«

Ein solches Verständnis von Kultur als Standortfaktor kann im Ruhrgebiet nur scheitern. Schadenfreude ist jedoch unangebracht, sondern eher Wut über die Ignoranz gegenüber einer sozialen Alltagskultur, die sich hinter dem Wortgeklingel der Kulturhauptstadt und ihrem bunten Bespaßungsprogramm versteckt.

»Schwimmen Sie im Geld oder im Stadtteilbad?«

Was aber könnte „Strukturwandel“ für das Ruhrgebiet jenseits von „Kreativwirtschaft“ und Kulturhauptstadtmarketing bedeuten? Die Suche nach möglichen Anworten sollte sich vom Zwang der unbedingten ökonomischen Verwertbarkeit lösen. Die Milliarden, mit denen das unvermeidliche Sterben des Bergbaus hinausgezögert wurde, hätten sinnvoller eingesetzt werden können.

»Bist du schon mal mit der Straßenbahn von Gelsenkirchen-Buer nach Bochum-Laer gefahren?«

Eine Basisforderung hat jedoch auch heute noch unbedingte Gültigkeit: Wenn öffentliche Gelder im Ruhrgebiet investiert werden, sollten sie den Menschen zugute kommen, die hier leben. Das bedeutet, dass kulturelle Infrastruktur in erster Linie soziale Infrastruktur sein muss. Dazu gehört die Entwicklung von Bildungsangeboten, die nicht selektieren, sondern fördern, ebenso wie die Finanzierung von Stadtteilzentren, ein schneller bezahlbarer öffentlicher Nahverkehr oder Schwimmbädern.

»Kann ich auch eine Kulturhauptstadt haben?«

Denn wer hier lebt, weiß: Das Ruhrgebiet ist keine Metropole und die Kulturhauptstadt keine Chance, sondern ein leeres Versprechen. Daher fordern wir dazu auf, sich ins Kulturhauptstadtspektakel einzumischen, sich Räume zu nehmen und mit den eigenen Wünschen zu füllen, Unsichtbares sichtbar zu machen, Fragen zu stellen und mögliche Antworten zu diskutieren

AG Kritische Kulturhauptstadt 01/10

Bilfinger-Berger baut die „JVA.KÖTTER“


In Ratingen entsteht der erste Privatknast in NRW
Die Baufirma Bilfinger und Berger hat sich auf den Neubau von Privatknästen spezialisiert. Ein offensichtlich lukratives Geschäftsmodell frei nach dem Motto „eingesperrt wird in diesem Land ja immer“. Ein krisensicheres Geschäft. Der neueste Großauftrag kommt aus dem NRW-Justizministerium. In Ratingen soll ein neuer Knast für 850 Gefangene entstehen. Warum das Land für einen Neubau, der voraussichtlich 100 Millionen kosten wird, lieber MONATLICH 1,7 Millionen und zwar 25 Jahre lang bezahlt, statt es gleich selbst zu bauen, interessiert uns wenig. Jeder Knastneubau ist für uns einer zuviel. Wenn die Knäste übervoll sind, müssen eben Leute raus gelassen werden, statt ständig neue Knäste zu bauen. Ob es wirklich notwendig ist, Schwarzfahrer und andere Eierdiebe einzusperren, das wäre eine Frage, welche sich diese Gesellschaft stellen müsste. Auch diejenigen, die mit dem Einsperren nicht grundsätzlich ein Problem haben.

Insofern ist es für uns relativ wurscht, ob jetzt der Staat oder eine Privatfirma diesen Knast baut. Uns ist beides zuwider. Anders sieht es beim laufenden „Betrieb“ dieses Knastes aus. Dieser soll von der Firma KÖTTER organisiert werden. Die Firma KÖTTER ist vielen bekannt durch ihre „Schwarzen Sheriffs“ die uns an allen möglichen Orten drangsalieren, ARGEn vor unerwünschtem Besuch abzuschotten versuchen, Obdachlose von ihren Plätzen vertreiben. Daneben ist die Firma KÖTTER ein bekannter Sklavenhändler.

Was nun diese Firma besonders dazu befähigt, z.B. die medizische und soziale Versorgung von Gefangenen besonders gut organisieren zu können, erschließt sich uns nicht. Beispiel für den Knastneubau in Ratingen, der offiziell „JVA Düsseldorf“ heißen soll, ist die JVA-Burg in Sachsen-Anhalt. Wie toll dort alles läuft, zeigt der folgende Bericht von Stefan, eines dortigen Gefangenen:
Nun bin ich hier in Burg angekommen. Nach vielen unfruchtbaren Gesprächen und Anträgen bin ich nun im Hungerstreik. Nicht weil ich etwas Utopisches fordere, sondern weil ich lediglich einfordere, was mir ohnehin zusteht.
Es geht um medizinische Versorgung zum ersten. Der Anstaltsleiter verweigert die Durchführung von medizinisch notwendigen Maßnahmen.
Zum zweiten ist die Personaldecke der Beamtenschaft so dünn, dass eine ordentliche Bearbeitung unserer Anträge unmöglich gemacht wird.
Des weiteren stellen sich ständig Kompetenzfragen, da niemand genau weiß, wer für was zuständig ist. So kommt es unter anderem auch dazu, dass man geradezu genötigt wird, einer privaten Firma (Kötter) eine Generalvollmacht für den sozialen Dienst auszustellen, da dieser ansonsten nicht tätig werden kann (falls man vielleicht einmal in’s Krankenhaus muss)! Dass man genötigt wird Geräte zu mieten, obwohl man darüber – also über eigene – bereits verfügt. Doch zurück zu dieser Generalvollmacht, die einer Entmündigung gleichkommt. Anhand dieser „Vollmacht“ hat man hier schon Gefangenen ohne ihr Wissen z.B. alte Abo’s gekündigt. Wer hat da noch Fragen?
Dann sind hier alle voran gegangenen Genehmigungen hinfällig. So bekomme ich z.B. keine Arbeitsmaterialien und werde auch sonst nicht unterstützt von der Anstalt. Und das, obwohl man weiß, dass ich später damit mein Geld verdienen will.
Ich bin jetzt fast einen Monat lang hier und habe noch nicht einmal mein Schreibzeug von der Kammer bekommen, so dass ich hier auf Antragsblätter schreiben muss. Nach Anfrage bei der Anstalt erfuhr ich, dass man es gerne sehen würde, wenn ich neues Schreibzeug beim Anstaltskaufmann neu erwerbe, wobei ich persönlich die Befürchtung habe, dass dabei das Verhältnis von Preis und Leistung eben nicht im Verhältnis steht. Im Gesamten habe ich das Gefühl, wir sollen hier durch perfide Mittel zum Konsum erzogen werden …

Selbst die verbliebenen Beamten in diesem Privatknast finden das alles wohl nicht so toll. Von 100 zwangsverpflichteten Beamten haben jedenfalls 40 erfolgreich dagegen geklagt oder sich mit Attest krankgemeldet.

Was macht nun Knäste für Privatkapitalisten so attraktiv?

Die Erfahrungen aus den USA zeigen, daß es vor allem der Bereich der Zwangsarbeit ist. In der JVA Düsseldorf stehen der Firma Kötter zukünftig 850 zur Zwangsarbeit verpflichtete Gefangene zur Verfügung. Diese werden nicht nur minimal „entlohnt“. Sie haben auch kein Streikrecht, können sich nicht mal gewerkschaftlich organisieren. Krankmeldungen sind nur über den (ebenfalls von KÖTTER bezahlten) Anstaltsarzt möglich. Auch in den staatlichen Knästen war das Bestreben möglichst viel Profit aus der Arbeit der Gefangenen zu schlagen. Trotzdem gab es auch (wenn auch viel zu wenig) Möglichkeiten zur schulischen und beruflichen Aus- oder Weiterbildung. Solche Maßnahmen kosten natürlich Geld. Für einen privaten Betreiber wäre dies einfach eine Gewinnschmälerung. Welcher Privatkapitalist wir wohl freiwillig kaum auf Gewinn verzichten. Schon garnicht die Firma KÖTTER die schon draußen durch miese Bezahlung aufgefallen ist.

Weitere Fragezeichen bestehen im Bereich der medizinischen Versorgung. Wie groß wird denn die Bereitschaft des KÖTTER-Anstaltarztes sein, den Gefangenen teure Medikamente oder Behandlungen zu verschreiben, wenn er damit seinen Arbeitgeber schädigt? Schon in den staatlichen Knästen war die medizinische Versorgung der Gefangenen bestenfalls bescheiden(siehe auch Bericht über den Prozess gegen den Knastarzt in Nürnberg). Dass sich diese Situation im Privatknast verbessern würde, halten wir für mehr als unwahrscheinlich. Es wäre illusorisch zu glauben, daß wir angesichts der Kräfteverhältnisse diesen Knastneubau in Ratingen noch verhindern könnten. Aber wir können unseren Widerwillen öffentlich sichtbar machen und diesen furchtbaren scheinbaren gesellschaftlichen Konsens, dass Knast kein Thema sei, durchbrechen.
Lasst uns gemeinsam den Widerstand gegen die JVA-KÖTTER organisieren!




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