Archiv für August 2010

Putz bei Klüh – Putzarbeit soll (noch) billiger werden

Von Christian Frings*

Als die Gewerkschaft IG BAU im Oktober letzten Jahres zum ersten flächendeckenden Streik im Reinigungsgewerbe aufrief, stand sie vor einem erheblichen Problem. In der Branche arbeiten zwar mittlerweile 860000 Menschen, und angesichts der miesen Löhne war die Forderung von 8,7 Prozent Lohnerhöhung nicht übermäßig hoch. Aber von den PutzarbeiterInnen sind höchstens zehn Prozent organisiert, und an vielen Einsatzorten können sie kaum schnell Druck ausüben – wen interessiert es schon, wenn eine Schule oder Behörde mal ein paar Tage nicht geputzt wird… Die Gewerkschaft war daher auf Belegschaften wie die FlugzeugreinigerInnen von Klüh angewiesen – denn ein Langstreckenflieger kann ohne gründliche Reinigung nicht wieder in die Luft gehen, und eine Verzögerung verursacht enorme Folgekosten. Bei Klüh haben die Beschäftigten in jahrelangen zähen Auseinandersetzungen mit der Firma bessere Bedingungen erstritten und dabei zugleich auch den Zusammenhalt in ihrer multinational zusammengesetzten Belegschaft gefestigt. Für sie war es ganz selbstverständlich, sich am Streik der IG BAU zu beteiligen, bei dem am Schluss etwa fünf Prozent rauskamen. Nun soll diese Belegschaft auf kaltem Weg zerschlagen werden. Aber sie wehrt sich.

Die Organisationsform der Reinigungsbranche: Hochkonzentrierte Zersplitterung

Die Putzarbeit in Behörden, Schulen, Krankenhäusern usw. wird mittlerweile von einigen großen Firmen or-ganisiert, die teilweise schon als Multis auftreten. Die Firma Klüh Service Management GmbH ist eine von ihnen. In Deutschland beschäftigt sie etwa 14000, weltweit über 40000 Menschen – mit besonders starker Expansion in China und Indien. Auf europäischer Ebene ist sie mit der britischen Firma Mitie Group und der französischen Sin & Stes zur Firma Service Management International (SMI) zusammengeschlossen, die weltweit Aufträge an Land zieht. Aber für die zum größten Teil in Teilzeit und auf 400-Euro-Basis Beschäftigten ist dieser Konzentrationsprozess nicht greifbar. Sie arbeiten in kleinen Betrieben oder Kolonnen, haben nur über Vorarbeiter oder Abteilungschefs Kontakt zur Firma und keinerlei Kontakt zu den KollegInnen an anderen Einsatzorten derselben Firma. Betriebsräte sind in dieser Branche ohnehin die Ausnahme, und von den wenigen, die es gibt, verhalten sich die meisten als verlängerter Arm der Personalabteilung. Insofern ist die Klüh-Flugzeugreinigung in Düsseldorf schon ein Sonderfall. Die 110 festangestellten Putzkräfte arbeiten in Vollzeit, und auch die befristet oder als Leiharbeiter Beschäftigten haben garantierte monatliche Stundenzahlen. Aber auch ihr Betriebsrat hat trotz vielfältiger Bemühungen bisher keine Kontakte zu anderen Klüh-Belegschaften herstellen können.

Putzen – der tägliche Kleinkrieg gegen Chefs und anderen Dreck

Wie in der gesamten Branche sind auch bei der Firma Klüh extreme Formen der Ausbeutung und Schikanierung an der Tagesordnung. In die Schlagzeilen geriet Klüh Ende letzten Jahres, weil Betriebsräte im Untertürkheimer Daimler-Werk zusammen mit dort eingesetzten Beschäftigten der Firma Klüh diese Verhältnisse öffentlich gemacht hatten: Mehrarbeit wurde nicht bezahlt, es wurden unzumutbare Leistungsvorgaben gemacht und dann Qualitätsmängel gerügt, KollegInnen auf sexistische und rassistische Weise beschimpft usw. Durch diese Veröffentlichungen sah sich schließlich das Management von Daimler so unter Druck gesetzt, dass es den Vertrag mit der Firma Klüh nicht verlängerte. [1] Was die Methoden angeht, ist Klüh sicher kein Einzelfall in dieser Branche – nur dass diese Methoden hier endlich einmal zum Politikum und Skandal gemacht wurden. Über ein jüngstes Beispiel, wie Klüh mit Beschäftigten umgeht, berichtete auch nur die Lokalpresse: In Baden-Baden wurde eine Putzfrau von Klüh gekündigt, weil sie während ihrer Arbeit beim DRK-Blutspendedienst einen Schluck aus einer herumstehenden Orangensaft-Flasche genommen haben soll. Wohl unter dem Eindruck der allgemeinen Skandalisierung von »Verdachtskündigungen«, die vor allem mit dem Namen »Emmely« und ihrer erfolgreichen Klage bis zum Bundesarbeitsgericht verbunden sind, kündigte das DRK daraufhin den Vertrag mit Klüh. Nun »bemüht« sich die Putzfirma Klüh angeblich doch um eine Weiterbeschäftigung, nachdem sie zunächst beim Gütetermin noch zu keinem Einlenken bereit war.[2] Den FlugzeugreinigerInnen in Düsseldorf sind diese Methoden bekannt; dort wurde auch schon – erfolglos – versucht, Beschäftigte zu entlassen, weil sie sich ein altes Brötchen im Flugzeug eingesteckt haben sollen.

Flughafen Düsseldorf – Putzen im Minutentakt

Flughäfen sind im Grunde moderne Fabriken, und sie sind moderne Formen von Arbeiterkonzentrationen, die den dort Arbeitenden ein enormes Störpotenzial in die Hand geben. Damit die Maschinen im Minutentakt landen und starten können, muss eine Vielzahl von Arbeitergruppen taktgenau zusammenarbeiten. In den letzten Jahren fällt auf, wie der anhaltende Boom der Fliegerei auch zu einer zunehmenden Konfliktualität an den Flughäfen führt. Aber noch wird das Ausspielen der möglichen Arbeitermacht durch die rasanten Umstrukturierungen, Auslagerungen und Firmenzersplitterungen ausgebremst. Denn der Boom des Fliegens ist vor allem einer der Billigflieger, die nur mit weiteren Kostensenkungen und Druck auf die ArbeiterInnen profitabel sein können.

Ein wesentlicher Faktor der Profite ist die Umschlagzeit des fixen Kapitals, in diesem Fall der ununterbrochene Einsatz der Flugzeuge. Um die Standzeiten auf ein Minimum zu drücken, müssen die Flieger in wenigen Minuten gereinigt, betankt, mit Catering versorgt, gewartet werden usw. Da kommt es zu einem ziemlichen Gerangel in den ohnehin schon eng gebauten Maschinen – und im Nacken ständig die Crew, die ihren Flugplan einhalten will. Dabei sind Verspätungen im Flugverkehr an der Tagesordnung, so dass sich die Reinigungsarbeit nicht perfekt planen lässt. Dann stehen auf einmal sechs Flugzeuge gleichzeitig auf dem Rollfeld, die innerhalb von zehn Minuten geputzt werden sollen, obwohl nur zwei eingeplant waren. Der ganze Druck wird letztlich auf die Beschäftigten abgewälzt, die sehen sollen, wie sie damit zurechtkommen.

Um die extremen saisonalen Schwankungen im Flugverkehr besser abzufangen, arbeiten die Putz- und Cateringfirmen, aber auch Gepäckabfertigung und Security – ein Geschäft, in das Firmen wie Klüh zunehmend mit einsteigen – mit Arbeitszeitkonten, Arbeit auf Abruf und LeiharbeiterInnen ohne garantierte monatliche Stundenzahlen. Für die Beschäftigten bedeutet das die völlige Unplanbarkeit der eigenen Zeit, ständig herumkommandiert zu werden, Schichtplanänderungen von heute auf morgen – und das alles ohne einen garantierten Monatslohn. Das Besondere bei der Flugzeugreinigung Klüh in Düsseldorf besteht unter anderem darin, dass sich die ArbeiterInnen solche Bedingungen – die selbst von der Gewerkschaft schon als »branchenüblich« hingenommen werden – nicht bieten lassen. Darin besteht in den Augen der Firma ihre »Unbotmäßigkeit«, für die sie jetzt mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes bzw. dem Verzicht auf ihre bisher verteidigten Bedingungen bestraft werden sollen.

Jahrelange Konflikte – beachtliche Erfolge

2004 wollte Klüh am Düsseldorfer Flughafen Jahresarbeitszeitkonten mit einem Spielraum von 120 Plus- oder Minus-Stunden einführen. Zunächst ging die Mehrheit des Betriebsrats auf den Vorschlag der Firma ein, und auch die zuständige Gewerkschaft IG BAU hatte keine Einwände, da dies schließlich überall »so üblich« sei. Aber zwei Betriebsräte widersprachen und forderten, die ArbeiterInnen auf Betriebsversammlungen selbst darüber abstimmen zu lassen – auch dies eine bei Klüh öfter praktizierte Form der betrieblichen Demokratie, die keineswegs selbstverständlich ist. Nachdem sich eine klare Mehrheit gegen die Arbeitszeitkonten ausgesprochen hatte, lehnte auch der Betriebsrat ab. Bis heute wurde diese Flexibilisierung verhindert. Überstunden werden monatlich ausbezahlt, und wem seine freie Zeit wichtiger als das zusätzliche Geld ist, der kann auch nicht unter Druck gesetzt werden wie in anderen Betrieben.

Besonders stolz sind die KollegInnen auf ihr 4-2-4-1-Modell der jährlichen Arbeitszeitverteilung. Wurde früher acht Tage oder mehr am Stück gearbeitet – je nach betrieblicher Anordnung und mit kurzfristiger Ankündigung, so setzten sie einen festen Rhythmus von vier Arbeitstagen, zwei Freitagen, vier Arbeitstagen und wieder einem freien Tag durch, der ihr persönliches Leben planbar macht und die Willkür der Chefs einschränkt. Beliebtes Bestrafungs- oder Belohnungsmittel war z.B. die Vergabe der mit 75 Prozent Zuschlag bezahlten Sonntagsschichten. Das konnte sogar gegen den Betriebsrat ausgespielt werden, denn wenn der eine gerechtere Verteilung anmahnte, konnten die Chefs diejenigen, die dadurch weniger Sonntagsschichten bekamen, gegen den Betriebsrat aufstacheln. Mit dem festen und auf ein Jahr festgelegten Schichtrhythmus können solche Konflikte gar nicht erst aufkommen. Um aber die Möglichkeiten einer selbstbestimmten Flexibilität nicht einzuschränken, wurde per Betriebsvereinbarung festgeschrieben, dass die Beschäftigten auch kurzfristig ein oder zwei Tage Urlaub nehmen können.

Um zu verhindern, dass damit der gesamte Flexibilisierungsdruck auf Teilzeitbeschäftigte und Leiharbeiter abgewälzt wird, wurden auch für sie feste Stundenzahlen (120 Monatsstunden für Leiharbeiter) und Ankündigungszeiträume vereinbart. 2008 gelang es dann auch, die maximale Zahl der LeiharbeiterInnen auf 50 zu begrenzen, wodurch die Firma gezwungen werden konnte, einige LeiharbeiterInnen zu übernehmen.

Vor dem Hintergrund all dieser Beispiele wundert einen auch die für hiesige Verhältnisse fast unglaubliche Geschichte nicht mehr, dass die Frauen zum 8. März diesen Jahres, dem internationalen Frauentag, bezahlte Freistellungen für ihre Aktionen während der Arbeitszeit durchsetzten.

Eine rebellische Belegschaft, ein unbestechlicher Betriebsrat

Immer wieder hat die Geschäftsleitung in den letzten Jahren versucht, den Betriebsrat auf ihre Seite zu ziehen. Dem Betriebsratsvorsitzenden, der aus der Türkei stammt, wurden Angebote gemacht wie eine Freistellung, auf die kein rechtlicher Anspruch besteht. »Nein Danke«, sagte der, und verlangte seinen Schichtplan. Als die wiederholten Angebote, die prägend für die deutsche Betriebsratskultur sind, nicht fruchteten, hat man es mit Druck versucht: Es hagelte Abmahnungen und sogar Kündigungen gegen Betriebsratsmitglieder – die in schöner Regelmäßigkeit in endlosen Arbeitsgerichtsprozessen wieder fallengelassen werden mussten. Statt den Betriebsrat gefügig zu machen, wurde dieser in den letzten Jahren noch stärker und geschlossener. Nach den Betriebsratswahlen von 2002 befand sich die Fraktion der konsequenten Interessensvertreter mit vier von neun Sitzen noch in der Minderheit. Bei den Wahlen von 2006 kam sie auf fünf von sieben Sitzen und 2010 schließlich auf sieben von sieben Sitzen (122 von 140 abgegebenen Stimmen). Versuche der rassistischen Spaltung – vor allem zwischen den ArbeiterInnen aus der Türkei (etwa die Hälfte) und den aus afrikanischen Ländern stammenden (etwa ein Drittel) – gingen nicht auf. Von den sieben Betriebsratsmitgliedern kommen vier aus der Türkei und drei aus Afrika, und sie wehren sich gemeinsam gegen den Druck der Unternehmensleitung. Unterrepräsentiert sind allerdings die Frauen, die drei Viertel der Belegschaft ausmachen, aber mit nur zwei Sitzen im Betriebsratsgremium vertreten sind.

Gemeinsames Spiel von Air Berlin und Klüh

Wer diesen ganzen Hintergrund kennt, durchschaut leicht das abgekartete Spiel von Klüh und Air Berlin, die mit ca. 70 Prozent der zu putzenden Flugzeuge Hauptkunde der Klüh Flugzeugreinigung in Düsseldorf ist. Da die Air Berlin, mittlerweile zweitgrößte Airline in Deutschland, selber mit allen Mitteln versucht, Gewerkschaften aus dem Betrieb zu halten und Betriebsräte erst gar nicht entstehen zu lassen, dürfte sie Verständnis für die Sorgen von Klüh gehabt haben. Ende 2009 kündigte sie an, die Kosten für diesen Auftrag müssten um 20 Prozent gesenkt werden. Klüh reagierte darauf, indem sie sich nicht mehr an der Ausschreibung beteiligte. Auch Vorschläge des Betriebsrats zu möglichen Kosteneinsparungen änderten nichts an dieser Haltung. Es ist klar, dass Klüh nicht generell seine Geschäftsbeziehungen zur Air Berlin einstellen will – am Frankfurter Flughafen putzt sie, mit einer wesentlich gefügigeren Belegschaft, nach wie vor deren Maschinen.

Dass es sich um eine gezielt eingefädelte Strategie handelt, deutet noch ein anderes Detail an: Für die Verhandlungen mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft hat Klüh den Düsseldorfer Rechtsanwalt Helmut Naujoks eingeschaltet. Naujoks ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern gilt als einer der aggressivsten und rüdesten Anwälte, wenn es darum geht, Betriebsräte loszuwerden. In seinem Buch »Kündigung von ›Unkündbaren‹« und auf »Fachseminaren« erklärt er Unternehmern, mit welchen Schikanen sie missliebige Betriebsräte loswerden können – Methoden, die von Günter Wallraff in seinem Buch »Aus der schönen neuen Welt« angeprangert wurden. Aber Naujoks mit seiner repräsentativen Kanzlei an der Düsseldorfer Nobeladresse Cecilienallee ist nicht billig; wer ihn beauftragt, lässt es sich was kosten, ein besonderes Problem zu lösen, z.B. einen unliebsamen und unbestechlichen Betriebsrat loszuwerden.

Kämpferische Belegschaft, zögerliche Gewerkschaft

Mit einer Reihe von Aktionen haben die Putzkräfte versucht, öffentliche Aufmerksamkeit und Solidarität zu bekommen. Aber bisher teilen sie das Schicksal vieler kleiner Konflikte im Kontext von Krise und weiterer Prekarisierung. Presse und Fernsehen zeigen sich desinteressiert und wollen lieber über den kommenden Aufschwung berichten, die Linke ist mit sich selbst beschäftigt und diskutiert über die große Parteifrage oder lamentiert darüber, dass die Krise zu keinen Kämpfen führt, und die Gewerkschaften versuchen solche Konflikte möglichst schnell und reibungslos über die Bühne zu bringen, machen den ArbeiterInnen fragwürdige Sozialpläne schmackhaft – und für die Restwut, die bleibt, gibt’s mal ab und zu einen Protesttag mit der großmäuligen Behauptung, man werde nicht für ihre Krise bezahlen. Vor Ort geht es aber nur um die geräuschlose Ausgestaltung dieses Bezahlens, das als unabänderliches Naturgesetz schon längst verinnerlicht ist.

Trotz Protestversammlungen am Flughafentor, trotz so pfiffiger Aktionen wie 24-stündigen Betriebsversammlungen, gelang es den KollegInnen nicht einmal, in die Lokalpresse zu kommen. Vielleicht bremst hier auch das lokale Image des Firmeninhabers Josef Klüh, der den Düsseldorfern besser als langjähriger Präsident ihres geliebten Eishockey-Clubs DEG bekannt ist, denn als erfolgreicher Ausbeuter im Putzsektor. Innerhalb der türkischstämmigen oder migrantischen Arbeiterszene der Region kursieren Informationen über Konflikte wie bei Klüh, aber sie bleiben in dieser proletarischen »Parallelgesellschaft« gefangen. Zu dieser hat auch die deutsche Linke kaum Kontakte, oder allenfalls über die institutionalisierten gewerkschaftlichen Vertreter dieser Schicht, die es im völlig unreflektierten Interesse ihres eigenen störungsfreien Betriebsablaufs vermeiden, etwas hochzuspielen, was für sie ganz normaler Kapitalismus ist – Tagesgeschäft, das wegen der schwindenden eigenen Ressourcen mit möglichst geringem Aufwand zu erledigen ist. Selbst wenn der Kampf dieser Belegschaft um ihren Zusammenhalt und ihre Bedingungen vielleicht letzten Endes nicht gewonnen wird, gehört er doch zu den vielen Geschichten aus dem heutigen Klassenkampf in der Krise, die hartnäckig ignoriert werden. Dabei könnten sie anderen Mut zum Kämpfen machen und ein anderes Bild der bundesdeutschen Klassenrealität zeigen.

* Christian Frings lebt und arbeitet in Köln

Unter www.labournet.de/branchen/dienstleistung/rg/klueh_soli.pdf pdf-Datei findet man ein Flugblatt des Betriebsrates mit den Adressen für Solidaritätserklärungen und Proteste.

Erschienen im express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 8/10 express im Netz unter: www.express-afp.info externer Link, www.labournet.de/express

1) Siehe dazu die Berichte auf labournet: www.labournet.de/branchen/dienstleistung/rg/index.html

2) Siehe: www.stimme.de/suedwesten/nachrichten/vm/art19068,1910798 externer Link

Labor für aufständische Ideen

Kunstaktivisten im Kampnagel TAZ
Fische, Vögel, Ameisen

Die englische Gruppe Labofii versteht sich als Labor für aufständische Ideen. In der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg versucht sie, den Leuten Schwarmintelligenz beizubringen. VON MOIRA LENZ

Fahrradfahrendes Publikum im Kulturzentrum Kampnagel: Ob Kunst oder Politik – Hauptsache, man ist aktiv dabei. Foto: John Jordan

Die Probebühne p4 der Kulturfabrik Kampnagel gleicht einer seltsamen Fahrradwerkstatt, einer Art „Pimp my Bike“: Zu lauter elektronischer Musik experimentieren junge, gut aussehende Menschen mit Konstruktionen aus Rädern mit Lautsprechern, Monitoren und Solarzellen. John Jordan und Isabelle Fremeaux schweißen, kleben und schrauben zusammen mit sechs weiteren Teilnehmern. Sie nennen sich „Artivisten“ und sind Teil des Laboratory of Insurrectionary Imagination (Labofii) – des Labors für aufständische Ideen.

Seit sieben Jahren arbeiten sie daran, einen Raum zwischen Kunst und Aktivismus zu öffnen. „Künstler sind fantasiereich, neugierig, poetisch, aber egozentrisch: Sie tun nur so als ob“, sagt der Brite Jordan, einer der Gründer des Labors. Politische Aktivisten hingegen hätten mehr Mut zur tatsächlichen Veränderung der Gesellschaft, aber zu wenig Fantasie. Das Labofii verbindet also die besten Eigenschaften beider Seiten, um zivilen Ungehorsam wieder salonfähig zu machen, „ganz wie die Dadaisten oder Künstler wie Gustave Courbet und Joseph Beuys“, sagt Jordan, nicht gerade bescheiden.

Ihr Projekt für das Sommerfestival auf Kampnagel „Flow Swarm Flood“ begannen sie mit „Flow“, in deren Zentrum eine Filmvorführung von „Paths through Utopias“ stand, über Kommunen und Initiativen in Europa, die ein Leben außerhalb des allgegenwärtigen Kapitalismus suchen. Die Filmdoku erzählte vom Anti-Flughafen-Camp, von Kunstkooperativen und von Freie-Liebe-Lebensgemeinschaften. Anstrengend war diese mitunter sperrige Dokumentation vor allem, weil der Film vom Publikum selbst erst über permanente Pedalbewegung von vier Fahrrädern zum Laufen gebracht werden musste.

Beteiligung ist die Grundidee von Labofii. Beim Interventionstraining „Swarm“ sollen die radelnden Teilnehmer demnächst lernen, Schwarmintelligenz nach dem Vorbild von Fischen, Vögeln oder Ameisen für politische Aktionen zu nutzen. Dafür kontaktierte das Labor Hamburger Kunst- und Politikzentren wie das Gängeviertel, den Butt Club oder die Rote Flora.

Krise als Katalysator

„Die Krise dient als Katalysator für radikale neue Ideen“, glaubt Jordan. Beinahe zynisch spielt der aktuelle Zustand der Welt diesem Prinzip in die Hände: Ob über die Wirtschaftskrise seit Herbst 2008 oder via Naturkatastrophen wie Überschwemmungen in Pakistan und China, Brände in Russland, Öl im Golf von Mexiko. Im vergangenen Monat feierte das Londoner Museum Tate Britain 20 Jahre Förderung durch British Petrol (BP). Für die Leute vom Labor war das ein perfekter Zeitpunkt, den Aufstand kreativ und medienwirksam zu proben. Den Empfang zur Ausstellung nahmen Labofii zum Anlass, ihre eigene kleine Ölkatastrophe zu inszenieren: Der rote Teppich vor dem Eingang wurde geteert und gefedert. In der Tate Modern ließen sie riesige, pechschwarze Luftballons mit toten Fischen und künstlichen toten Vögeln aufsteigen. Und weil das Foyer so hoch ist, mussten die Sicherheitskräfte die Ballons tatsächlich mit Gewehren abschießen, um sie entfernen zu
können. „Mitten beim Empfang, in Anwesenheit von Presse und Fernsehen“, freut sich Fremeaux, ebenfalls Gründungsmitglied des Labors.

Humor ist ein wichtiger Bestandteil der Labofii-Interventionen, nicht umsonst gilt der Hofnarr als Archetyp der Machtkritik: „John Jordan hat erkannt, dass viele politische Aktivisten am Burn-out-Syndrom leiden“, sagt Matthias von Hartz, künstlerischer Leiter des Sommerfestivals. „Um den Druck aus der Bewegung zu nehmen, rief er 2003 die Clandestine Insurgent Rebel Clown Army, die geheime Armee aufständischer Rebellen-Harlekins ins Leben.“ Die Idee war so erfolgreich, dass 2007 beim Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm viele Aktivisten als Clowns verkleidet auftraten, ohne dass Jordan überhaupt beteiligt war. Das war ganz in seinem Sinn, denn „im besten Fall werden wir unsichtbar, nachdem wir unsere Ideen weitergegeben haben, damit sie sich verselbstständigen.“

Am kommenden Sonntag werden in Hamburg bei „Flood“ Fahrräder zu Instrumenten einer stadtweiten Soundinstallation – dann hoffentlich mit mehr Teilnehmern als „Flow“. Denn etwas mehr ziviler Ungehorsam würde der Hansestadt gut zu Gesicht stehen.

Nicht nur spaßig

aus dem AK
Zur nachruflichen Entsorgung Fritz Teufels

„wer die herrschaft der monopole knacken will, sieht sich mit dem gewaltmonopol der herrschenden konfrontiert, wenn wir nicht jetzt und hier damit anfangen, dieses monopol zu brechen, können wir einpacken. sitzstreiks und filmkomödienwurfgeschosse wie eier, tomaten, knallfrösche und strafgesetzbücher helfen wenig. (…) eine arbeitsteilung, bei der der revolutionär in der dritten welt seinen kopf hinhält, während der revolutionär in den metropolen feinsinnige analysen schreibt, können wir nicht länger hinnehmen.“
Fritz Teufel in agit 883, Nr. 53, 13.3.1970

Am 6. Juli starb Fritz Teufel. Er wurde 67 Jahre alt. Ende der 1960er Jahre bekannt geworden durch provozierende Polit-Aktionen und als Mitbegründer der Berliner „Kommune 1″, verbrachte Teufel acht Jahre in Haft, unter anderem als Mitglied der Bewegung 2. Juni. Wir baten Klaus Viehmann, der mit Fritz Teufel 1980 zusammen im Moabiter Hochsicherheitstrakt saß, um eine kritische Durchsicht der Nachrufe auf den „Clown mit der Schrottflinte“ (Tagespiegel und taz).

Nichts Schlechtes über die Toten, jedenfalls nicht über „unsere“, aber so viele Glattbügeleien und Auslassungen wie in den Nachrufen auf Fritz Teufel müssen nun doch nicht sein. (1) Das grundsätzliche Problem der FeuilletonistInnen ist der Teufel, der in den 1970er Jahren nicht die Rolle des zivilgesellschaftlichen Bürgerschrecks und Happening-Kommunarden gespielt hat, die heute harmlos ist und kompatibel zur neudeutschgrünen Erinnerungspolitik. Die 1970er Jahre waren bitterernst, da ging’s zur und um die Sache. Revolution, internationale Solidarität, Stadtguerilla, Krieg dem Krieg, Massendemonstrationen, wilde Streiks, militante Frauenbewegung – um Himmels willen …

Nachrufe aus der großbürgerlichen Kampfredaktion oder dem Springerhochhaus – z.B. von Lorenz Jäger, dem FAZ-Rechtsaußen, Hakenkreuz-Kenner und Adorno-Disser, oder von Richard Herzinger, Ex-Linker nach Selbstauskunft und tatsächlicher 1999er-Bellizist – lassen noch das alte Erschrecken und den alten Hass erkennen: „Noch lachten sie, noch machten sie nur Witze. Dann wurde aus dem Spaß der Ernst; seit dem Beginn der siebziger Jahre wurden echte Waffen angeschafft. Übergang in den Schrecken: Es gehört zu den fortdauernden Aufgaben einer Kulturgeschichte der Bundesrepublik, sich auf den Übergang des subversiven, artistischen Unernstes in den Terror der RAF und der ,Bewegung 2. Juni` einen Reim zu machen. Denn es gibt ja eine Art von Witzen, die zunächst einmal den terroristischen Wünschen zum straflosen Ausdruck verhelfen.“ (FAZ, 8.7.10) Tja, da kann die FAZ nicht mitlachen.
FAZ lacht nicht mit, Springer läuft zur Höchstform auf

Herzinger, 68er-Experte mit Erkenntnis-Highlights wie diesem: „Indem sich die 68er dieser todessüchtigen Gewaltideologie des Trikont-Propheten Che Guevara anschlossen, verlangten sie also nicht nach weniger, sondern nach mehr Krieg, nicht nach weniger, sondern nach mehr Opfern“ (2), befindet in seinem Nekrolog: „Teufels Clownsrolle wurde von Romantisierern der guten alten Zeit der Rebellion dankbar aufgegriffen, um zu suggerieren, es habe neben der terroristischen doch auch eine ganz andere, harmlose Grundströmung gegeben. Dort erscheint es als lässliche Sünde, dass Teufel nach den Aufbruchsjahren in der angeblich nur auf tabulosen Sex und provokanten Schabernack angelegten K1 die terroristische Bewegung 2. Juni mit aufgebaut hat, die unter anderem für die Ermordung des Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann und die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz 1975 verantwortlich war. (…) Wirklich eingesehen hat der Kommunarde die Verwerflichkeit seiner politkriminellen Vergangenheit nie.“ (Berliner Morgenpost, 8.7.10) Todessüchtige Propheten, tabuloser Sex, Terror, Politkriminelle – Springer-Hetze at it’s best.

Der alte RAF-Entsolidarisierer Arno Widmann erklärt, trauert und tadelt: „Jeder der Richter, die über Teufel zu Gericht gesessen hatten, war schon während der Nazi-Zeit im Justizdienst gewesen. Einem von ihnen hatte Fritz Teufel einmal als Geschenk Hitlers ,Mein Kampf` mitgebracht. (Recherche sechs minus: Es war Teufels Mitangeklagter Bernd Kramer im Prozess wegen einer Protestaktion in einem Kudamm-Kino gegen den rassistischen Film ,Africa Addio`, Anm. Verf.) Man versteht die damalige Opposition nicht, wenn man vergisst, gegen wen sie opponierte.“

Ja, diese Gesellschaft voller nicht resozialisierter Alt-Nazis war ein widerliches, rückständiges Terrain, das heute kritisiert werden darf – es folgt aber ein Aber von Arno: „Als 1970 Fritz Teufel erklärte: ,Der Clown Teufel ist tot. Jetzt muss es krachen`, da verriet er jene glückliche Verbindung von Güte und Witz (…). Einen kurzen, kaum merklichen Moment lang wurde auf dieser Trauerfeier auch dieser Verrat betrauert. Ein Verrat, den viele der Anwesenden begangen hatten. Der freilich bei niemandem so viel gewogen hatte wie bei Fritz Teufel, denn beide Eigenschaften sind überall auf der Welt dünn gesät. Desto fataler der Absturz Fritz Teufels aus der Spaß- in die Blutguerilla.“ (FR, 16.7.10)

Fritz Teufel, der abgestürzte Verräter. Aus der Feder eines alten Pol-Pot-Blutregime-Verstehers ist das ganz schön perfide. Was immer Fritz im Lauf seines kurvenreichen Lebens auch war, ein Verräter oder Geheimdienstzuträger war er nie, und das unterscheidet ihn von manchen, die bei der Trauerfeier posierten, z.B. Bommi ,Bullenstammtisch` (3) Baumann, der dem MfS 1973 Psychogramme von Mitgliedern der Bewegung 2. Juni lieferte (4), der Sensationspresse Lügen über seine früheren GenossInnen erzählte (5) und von der politischen Justiz 1981 einen schönen Strafnachlass bekam. (6)

Reemtsmas APO-Experte Wolfgang Kraushaar leitet seinen Nachruf effizienzkritisch ein: „Ohne die Härte, mit der die Justiz den Kommunarden Fritz Teufel verfolgte, wäre seine Entwicklung womöglich anders verlaufen. So aber radikalisierte sich einer der bekanntesten 68er – und mit ihm eine ganze Generation.“ (Spiegel Online, 8.7.10) Wie ungeschickt von der Justiz. Als Historiker weiß Kraushaar selbstverständlich, dass das, was er inhaltslos „Radikalisierung“ nennt, sehr viel mit dem deutschen Faschismus, dem (Vietnam-)Krieg und mit Familie, Betrieb, Schule, Knästen, Bundeswehr, Bullen, Repression – sprich Kapitalismus und Imperialismus – zu tun hatte. Die Justiz war da nur ein kleiner, wenn auch mächtig stinkender Misthaufen.

Kraushaar, der sich schon posthum und ungebeten bei Axel Cäsar Springer für APO-Attacken entschuldigt hat, macht immerhin die Parallele Teufel- und Kurras-Prozess stark, wo einer wegen der Tötung Benno Ohnesorgs keinen Tag saß, während der andere nach dem 2. Juni 1967 wegen frei erfundener Steinwürfe in U-Haft ging. Solche Kontraste schärfen den Blick auf die Realitäten. Nur falsch, wenn man sie später ausblendet.
Für Nicht-Aufstehen gibt es nach wie vor Ordnungsstrafen

Wer den Eindruck hat oder erweckt, die Justiz wäre durch die Auftritte Fritzens vor Gericht in den letzten 40 Jahren zivilgesellschaftlicher geworden, spinnt: Die Strafprozessordnung wurde weiter zuungunsten von Angeklagten und Verteidigung verändert und die Antiterrorgesetze durch den §129b noch erweitert. Wer sich Anklagen und Prozesse gegen angebliche AutobrandstifterInnen oder gar DHKP-C-Mitglieder ansieht, kann eine dumpfe politische Justiz erkennen, die gut eingespielt und überhaupt nicht zivilisiert ist. Bloß weil die 68er seit der Demonstranten-Amnestie 1970 nicht mehr von der Klassenjustiz behelligt werden, hat sie nicht aufgehört zu existieren. Fritzens berühmte Bemerkung zur Wahrheitsfindung hat tatsächlich Justizrituale demaskiert und seine Rechtsanwälte konnten später Justizsenator und Bundestagsabgeordnete werden – aber für Nicht-Aufstehen gibt’s nach wie vor Ordnungsstrafen. Das lässt sich ein Richter doch nicht nehmen.

Fritzens auch für damalige Verhältnisse ganz ordentliche Bewaffnung wird höchstens anekdotisch erwähnt, der Nachruf-Hit ist sein 1980er Alibi für die Lorenz-Entführung 1975 und die Erschießung des Kammergerichtspräsidenten von Drenkmann 1974. Da hätte Fritz die Justiz blamiert und selbstlos unschuldig fünf Jahre gesessen. Wo er doch in Wahrheit zur Tatzeit in Essen am Fließband „Klodeckel“ gepresst hätte.

Na ja – richtig ist, dass die Bundesanwaltschaft Fritz entlastendes Material „falsch abgelegt“ hatte und ihre fabrizierten „Beweise“ gegen Fritz stur-dämlich verteidigte. Allerdings hätte Fritz wegen Urkundenfälschung und Waffenbesitzes etc.pp. sowieso fünf Jahre sitzen müssen. Und Fritz hatte kein Alibi für drei Banküberfälle, also zehn weitere Jahre Knast. Dass er die nicht bekommen hat, lag an seinem B-libi, was er vier Wochen nach dem Alibi zum Besten gab. (7)

Zur Erklärung: 1978/79 war die justizielle Repression bereits modernisiert worden. Um „Terroristen“ einen gangbaren Ausweg anzubieten, sollten die Angeklagten, die sich öffentlich von der Stadtguerilla distanzierten, einen „fairen Prozess“ und weniger Knast bekommen (was implizierte, dass es sonst keinen fairen Prozess und mehr Knast gab). Diese Distanzierung hatte schon ein Mitangeklagter Fritzes gewählt, der vor Gericht seine erwachte Liebe zur gewaltfreien Alternativen Liste erklärte, was mit sofortiger Verlegung aus dem Trakt in gelockerten Vollzug und Strafminderung belohnt wurde. Wer die wichtigen Nuancen in Prozesserklärungen versteht, kann auch das B-libi als Distanzierung vom bewaffneten Kampf und den „unreuigen“ Mitangeklagten und Mitgefangenen lesen. Fritz hat das ganz gut gewusst. Das Gericht auch. Fritzens Entlassung wurde nicht durch sein Alibi erzwungen, sie folgte auf die Nuancen seines B-libis. (8)

Auffällig ist, dass kein Nachruf fragt, wieso der untergetauchte Fritz unter falschem Namen Drei-Schichten-Malocher wurde. Weil es zum Clown-Image so gar nicht passt? Weil in der bürgerlichen Literatur die Arbeitswelt ausgeblendet wird? Weil fast jede politische Agitation im Betrieb medial unterschlagen wird? Fritz selbst hat öffentlich von seinem „Freund Leo“ gesprochen – „Leo“ war der Deckname von Werner Sauber, einem linksradikalen Filmemacher, zu Unrecht kurze Zeit im Knast, danach abgetaucht, mit Fahndungsplakaten gesucht und 1974/75 Arbeiter in Köln bei Klöckner-Humboldt-Deutz an der Stanze. Erschossen am 9. Mai 1975 von der Polizei auf einem Parkplatz in Köln. Der Arzt und Verfasser des Buches „Die andere Arbeiterbewegung“, Karl Heinz Roth, wurde dort schwer verletzt, und auch ein Polizist starb. Der VS sah vermutlich zu.

Es war und ist erkennbar, dass Fritz Teufel 1974/75 Mitglied einer im Entstehen begriffenen Fabrikguerilla war. (9) Aber Nachtschichten für die Befreiung der Werktätigen – das geht nun wirklich über den Horizont seiner Nachrufer, die es auch finanziell nicht nötig haben dürften, in einem Presswerk zu jobben. Fritz hat mal – halb im Ernst, halb im Spaß – gesagt, die Zeit in der Fabrik mit den Malochern sei seine beste gewesen. Er wurde auch von seinen alten Kollegen, die nach dem Alibi als Zeugen geladen wurden, im Gerichtssaal freundlichst begrüßt. Selbst der Personalchef – was nun eher unangenehm für einen Fabrikguerillero ist – hatte nur gute Erinnerungen an Fritz. Nebenbei: „Klodeckel“ wurden kaum produziert, das klingt aber im Feuilleton witziger als „Deckenraster für Büro- und Industriegebäude“.

Fritz hat in seinem letzten Interview gesagt: „Was dieses Land angeht, sehe ich, dass es resozialisiert wurde und damit wieder in die Gemeinschaft der Nichtverbrecher-Staaten aufgenommen werden konnte.“ (Tagesspiegel Online, 7.7.10) Der Interviewpartner scheint es gern gehört und ernst genommen zu haben – ich höre da immer noch Fritzens feine Ironie.

Klaus Viehmann

Anmerkungen:

1) Lesenswerte Ausnahme: Markus Mohr über einen teuflischen Fausthieb, in: junge Welt. 17.7.10

2) Richard Herzinger: Wandlungen eines Mythos – Die Kulturrevolutionäre von 1968 – Garanten der liberalen Kultur in Deutschland? in: Claudia Keller (Hg.): Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag. Antifaschismus. Geschichte und Neubewertung, Berlin 1996.

3) Berliner Zeitung, 30.3.1996: „Was ihn (Baumann, ak) heute beschäftigt, sind die Gegenspieler von damals. Seine Fahnder vom Bundeskriminalamt. Wie haben diese Leute gelebt, wie sind sie mit ihrer Angst umgegangen? Baumann hat Kontakte geknüpft. Am Stammtisch unterhalten sie sich über die Terroranschläge von einst.“ So, so.

4) Spiegel Online, 2.12.08: „Baumann packte rückhaltlos aus: Auf 97 Seiten machte er Angaben zu Anschlägen, Überfällen, Waffenkaliber und sogar zu sexuellen Präferenzen von Personen aus der Stadtguerilla, belastete aber auch sich selbst.“

5) Die Unbeugsamen von der Spree. Interview mit Fritz Teufel, Ralf Reinders, Ronald Fritzsch und Gerald Klöpper (Broschüre 1978): „Bommi Baumann handelt nach der Gesetzmäßigkeit, daß er von Zeit zu Zeit Geld braucht und seine inzwischen bekannten Geschichten nur verkaufen kann, wenn er sich was Neues einfallen läßt. Wie z.B. atomare Erpressung durch ,Terroristen`. Hier hört für uns der Spaß auf.“

6) Fünf Jahre für Banküberfälle und Sprengstoffanschläge, vorzeitig entlassen nach ca. drei Jahren.

7) Dokumeniert in taz, 28.5. u. 16.6.1980

8) Im selben und dem Parallel-Prozess bekamen die „unreuigen“ Angeklagten übrigens doppelt bis dreimal so viel Knast.

9) vgl. WOZ, 2.3.2006 und Klaus Viehmann: Stadtguerilla revised, in: jour fixe initiative berlin (Hg.):Klassen und Kämpfe, Münster 2006.




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