ABM-Stellen im Sicherheitsgewerbe

In Berlin haben Sicherheitsunternehmen eine Möglichkeit entdeckt um billig(e) Sicherheitskräfte rekrutieren zu können. Im Oktober 1991 gründete die Industrie- und Handelsschutz (IHS) GmbH (10 eigenst. Gesellschaften, 25 Niederlassungen, 90 Mil. Euro Umsatz 2001) eine gemeinnützige Tochtergesellschaft, die sich IHS BQ gGmbH nennt. BQ steht hier für Beschäftigung und Qualifizierung.
Die IHS BQ ist mit dem Ziel gegründet worden, 500 Langzeitarbeitslose in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) zur Fahrgastbetreuung im Bereich der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) einzusetzen und diese aus der ABM heraus in den ersten Arbeitsmarkt, beispielsweise an Sicherheitsunternehmen, zu vermitteln. So wünschte es sich seinerzeit der Berliner Senat als Auftraggeber.
Auch wenn dieses Ziel nicht erreicht wurde, werden seit dem 18 bis 25 Prozent der Teilnehmer – nach Vorauswahl, öffentlich finanzierter, einjähriger Beschäftigung und der ebenfalls aus öffentlicher Hand finanzierten parallelen Grundschulung – in Wach- und Sicherheitsunternehmen vermittelt.
In dieser “Security-ABM“ gibt es keine Tarifbindung, da die Tarife an den gewerblichen Niedriglohnbereich angelehnt sind. Die Kosten pro Arbeitsplatz in der ABM sind bei der IHS BQ gGmbH rund ein Drittel geringer als der Durchschnitt (Eigenwerbung/ Selbstdarstellung IHS BQ gGmbH).
Seit August 2003 betreibt die WISAG Service Holding, zu der auch IHS gehört, eine PSA. Die WISAG-PSA hat sich auf die Vermittlung der Berufsgruppen Reinigung, Transport, Sicherheit sowie Hotel und Gaststätten spezialisiert, berichtet die “Jungen Welt“ vom 09.12.03.

Im Herbst 1999 startete unter Beteiligung der Landesarbeitsanstalt Berlin in Kooperation mit dem Bildungswerk der Wirtschaft Berlin Brandenburg (bbw) e.V., der debis AG (DaimlerCriysler-Konzern) und den Sicherheitsdiensten Gegenbauer-Sicherheitsdienste und Securitas GmbH ein öffentliches Bewachungsprojekt. Im Rahmen des Qualifizierungs-ABM-Projektes “Potsdamer Platz-Bewachungsdienste“ sollten sogenannte benachteiligte junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren Aufgaben wie Tor-, Wach- und Streifendienste übernehmen.
Unter Inanspruchnahme des von der Bundesregierung aufgelegten Jugendsofortprogramms für Jugendliche ohne Ausbildungs- oder Arbeitsplatz sollte bis August 2001 am “internationalen hauptstädtischen Brennpunkt der Geschäftswelt, des Shoppings, der Kultur und des Tourismus“ jungen Menschen die “Chance zu einer wirtschaftsnahen praktischen Tätigkeit gegeben“ werden. Es werden lediglich Praktikumsverträge abgeschlossen, ein Berufsabschluss ist mit der Maßnahme nicht verbunden (Projektvorschlag: Qualifizierungs- ABM-Projekt “Potsdamer Platz-Bewachungsdienste“, Berlin 2000, S. 1).

Ebenfalls mit Hilfe des Jugendsofortprogramms, sowie durch EU-Mittel finanziert, wird die Unterstützung eines Bewachungsauftrages der Gegenbauer-Sicherheitsdienste durch 64 uniformierte Jugendliche im Bezirk Schöneberg. Auftraggeberin ist die WIR Wohnungsgesellschaft. Die Jugendlichen, die in Vierergruppen eingesetzt werden, sollen im Bereich der Wohnanlagen für Sicherheit und Sauberkeit sorgen, Drogenhandel und Überfälle verhindern.
“Wir werden den Sicherheitsdienst immer dahin schicken, wo Jugendliche, Penner oder Drogensüchtige herumstehen“, so der Gegenbauer-Geschäftsführer (Zit. n. Berliner Zeitung, Lokales 20.04.99; vgl. Berliner Zeitung, Lokales 25.06.03 u. 09.09.99).
Was ist an diesen Projekten zu erkennen? Unter Beteiligung sowohl großer
(Sicherheits)Unternehmen, wie auch freier Träger wird ein Klientel mit öffentlichen Geldern in Vertreibung vorgeschult – diese Schulung wird zudem von den Beteiligten als Integrationsleistung aktiver Arbeitsmarktpolitik gefeiert. Bei den Akteuren spielen Arbeitsinhalte wie -bedingungen und -perspektiven keine Rolle.

BA vermittelt Sicherheitskräfte in Niedriglohn-Bereiche

Im Juni 2003 war im Stelleninformationssystem (SIS) auf der Internetseite der BA folgendes Stellenangebot zu finden: “Wachmann-/ frau, Objektschutz, 3,96 + Zuschläge, Vollzeit/ 72 Stunden“ Dieses Stellenangebot kam von der Sicherheitsfirma Securicor GmbH in Magdeburg, die zwei Wachschützer für das anhaltinische Klietz suchte. 4,12 Euro will ein unter Hebold Sicherheitsdienst (HS) GmbH firmierendes Unternehmen an seine Ostbeschäftigten zahlen; in der Bundeshauptstadt versucht das Unternehmen es gar mit 3,65 Euro.
Fakt ist: Schon heute müssen Beschäftigte im Sicherheitsgewerbe ergänzende Sozialhilfe bzw. Arbeitslosengeld II beantragen, um sich und ihre Familien ernähren zu können (Junge Welt, Politik, 01.10.03).

BA fördert deutsche Irak-Kriegsbeteiligung durch Sicherheitsunternehmen

“Hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder immer erklärt, keine Bundeswehrsoldaten in den Irak entsenden zu wollen, fördert jetzt offensichtlich die Bundesagentur für Arbeit die ‘Privatisierung‘ der deutschen Irak-Kriegsbeteilung.“, schrieb die Netzzeitung in ihrer Ausgabe vom 20.08.04. Arbeitslose Sicherheitskräfte können sich bei der BA für eine private Wachdiensttätigkeit im Irak bewerben. Neben einem “überdurchschnittlichen Gehalt“ sehen die Arbeitsverträge außerdem Lebensversicherungen vor.
Die zur BA gehörende Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) sucht Wachmänner für ein im Nordwestirak tätiges deutsches Unternehmen. Die Bewerber müssten IHK-geprüfte Sicherheitsfachleute sein, Berufserfahrung mitbringen und “Körperlich fit“ sein. Englischkenntnisse seien unbedingte Voraussetzung und Waffenkunde sei “erwünscht“. Höchstalter: 45 Jahre.
Zum Einsatz kommen die Wachmänner in der Stadt Mossul bei Personenkontrollen, Patroulliendienste und im Objektschutz, so die Netzzeitung.
Die ZAV habe eine solche Anzeige in ihrer Zeitschrift “Markt und Chance“ verbreitet, bestätigte ZAV-Mitarbeiterin Yvonne Nikolay gegenüber der Netzzeitung.
Nach Schätzungen sind derzeit bis zu 20.000 Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen im Irak tätig. Zumeist werden sie von größeren US-Firmen wie “Blackwater“ gestellt. Aber auch deutsche Firmen wie die in Lübeck-Blankensee ansässige “Baltic Safety Network“ (BSN) sind beteiligt. Die BSN hat bereits Dutzende Leute im Irak-Einsatz und schult ständig neue. Die Nachfrage sei enorm, sagt der ehem. GSG 9-Beamte und heutige BSN-Chef Björn Michael Birr. Die Kosten für einen 5.000 Euro teuren Lehrgang könnten von der BA übernommen werden. Die genauen Aufgaben der Söldner im Irak bleiben nebelhaft (Hamburger Abendblatt, Politik, 21.08.04).

Der Umsatz für personelle Sicherheitsdienstleistungen in der Bundesrepublik wird vermutlich mit Abschluss des Jahres 2004 erstmals vier Mrd. Euro übersteigen. Dies verkündete kürzlich die Branchenlobby. An diesen Unternehmenserfolgen hat die BA auf mehreren Ebenen erfolgreich mitgearbeitet.
Wie beschrieben finanziert die BA nicht nur die Beschäftigung in der Sicherheitsbrache; auch Qualifizierungs- und Weiterbildungsprogramme an Werkschutzfachschulen, beispielsweise die Vorbereitung auf die IHK-Sachkundeprüfung (für Neueinsteiger ab 2003 Pflicht!), werden von der BA übernommen.
Parallel dazu vermittelt die BA arbeitssuchende Sicherheitskräfte in teils untertarifliche Arbeitsverhältnisse. Daran und an der Tatsache, dass die Steuerzahler über die Förderungen der BA die Gewinne der Sicherheitswirtschaft subventionieren müssen, wird sich auch im kommenden Jahr nichts ändern.
Mit Blick auf die Auswirkungen der Hartz IV Reformen erwartet die Sicherheitsbrache einen Anstieg der Kriminalität, etwa bei Ladendiebstählen.
Die Braunschweiger Zeitung berichtete am 14.12.04 über die private “City-Streife“ in der Braunschweiger Innenstadt. Die Zeitung schreibt über den Chef der “City-Streife“, den Chef der Sicherheitsfirma Pro Guard, Andreas Busse: (…) “…und er geht davon aus, dass die Zahl der Ladendiebstähle noch weiter zunimmt – wenn erst ab dem neuen Jahr die Hartz IV-Gesetze zum Tragen kommen. Busse: ‘Ich bin überzeugt, da kommt noch einiges auf uns zu.‘“ (…)

Die Sicherheitswirtschaft darf kein Interesse an einem entspannten Arbeitsmarkt und einer verbesserten Sozialpolitik haben. Sie profitiert von den Missständen in diesen Bereichen – und zwar kräftig. Wen wundert es: In einigen Jahren wollen Sicherheitsunternehmen sogar bundesdeutsche Haftanstalten betreiben.
0SPAM.thomasbrunst@hotmail.com http://www.safercity.de

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1 Antwort auf „ABM-Stellen im Sicherheitsgewerbe“


  1. 1 Administrator 18. August 2010 um 12:23 Uhr

    Mit der Nachtwache auf der Nordbahntrasse
    von Moritz Stanarius

    Nordbahntrasse: Ein Wachdienst sorgt für Sicherheit. Die WZ war beim Streifengang dabei.

    Fabian Lucius und Ufuk Dogan (von links) beim nächtlichen Patrouillengang auf der Nordbahntrasse. (Fotos(2): Mathias Kehren)

    Wuppertal. Fabian Lucius geht durch finsterste Nacht. Am Tag hat die Sonne den Asphalt aufgeheizt, am Abend hat es kurz geregnet. Der Asphalt dampft. Die Nebelschwaden formen Bilder, die sich sofort wieder auflösen. Dann hört Fabian Lucius ein Geräusch, leuchtet mit seiner Taschenlampe auf das Gebüsch neben ihm. Ein Augenpaar funkelt ihm entgegen. Entwarnung – nur eine Katze. Der Puls senkt sich wieder.
    „Manchmal ist es wie in einem Horrorfilm.“

    „Manchmal ist es wie in einem Horrorfilm. Aber ein bisschen Adrenalin muss ja auch dabei sein“, sagt der Wachmann mit der Gelassenheit, die für seinen Beruf wohl unerlässlich ist. Fabian Lucius ist seit Juli fast jede Nacht auf dem ersten Teilstück der Nordbahntrasse unterwegs. Er ist Teil des „Wachdienst Nordbahntrasse“ des Wichernhauses. Jeden Tag sieht der Wachdienst in zwei Schichten zwischen 15 Uhr nachmittags und 5 Uhr morgens nach dem Rechten. Am Wochenende sogar rund um die Uhr.

    Vor Einführung des Wachdienstes gab es häufig Probleme mit Jugendlichen, die nachts mit Graffitis die Nordbahntrasse beschmierten. Die Scheiben eines Baggers wurden eingeschlagen und Betrunkene hinterließen oft ihren Müll auf der Trasse: Zerbrochene Flaschen, die am darauffolgenden Tag zur Gefahr für Kindergartengruppen und Schulklassen werden konnten.

    20 Sicherheitskräfte beschäftigt das Wichernhaus zurzeit in seinem „Wachdienst Nordbahntrasse“. Die Arge finanziert die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit.
    Auch nach Fertigstellung der Nordbahntrasse soll der Sicherheitsdienst weiter bestehen. Da die Baucamps dann nicht mehr bewacht werden müssen, will man sich auf die Patroulliengänge konzentrieren. Zudem sollen in den dunklen Tunneln Kinder auf ihrem Schulweg begleitet werden.
    Alle Wachmänner haben Erste-Hilfe-Kurse belegt und ihre Fahrräder sind mit Erste-Hilfe-Koffern ausgestattet. Größere Verletzungen bei Tassenbesuchern blieben bisher aber aus.

    Das hat auch Fabian Lucius schon erlebt. „Am vergangenen Freitag mussten wir sogar die Polizei einschalten“, erzählt der Wachmann. Eine Gruppe Jugendliche hatte zunächst friedlich einige „Alkopops“ zu sich genommen. Dann brach Streit aus, der schnell eskalierte. Lucius erinnert sich: „Schon von Weitem haben wir Schreie und zerschellende Flaschen gehört.“
    Viele Trassenbesucher sind einsichtig – nicht alle

    Solche Eskalationen sind aber die Ausnahme. „Generell sind die Menschen hier sehr einsichtig, wenn wir sie ermahnen müssen“, sagt Veit Menzerath vom Wichernhaus. Das hänge auch mit dem positiven Image zusammen, das die Nordbahntrasse bei allen Wuppertalern genieße, ist er sicher.

    Und so ist die vorderste Aufgabe des „Wachdienst Nordbahntrasse“ zurzeit auch die Bewachung der Baumaterialien, die in zwei Baucamps – zugleich die Basislager des Wachdienstes – entlang der Trasse lagern. Dass die Sorge um die Materialien berechtigt ist, zeigte sich einige Tage nach Einführung der Wache: In einer Nacht im Juli brachte sich ein Lkw mit Kranarm in Position, Metallteile von der Baustelle aufzuladen. Ein Schrotthändler wollte sich ein paar Euro verdienen. Als er die Sicherheitskräfte sah, suchte er das Weite.

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