Nicht nur spaßig

aus dem AK
Zur nachruflichen Entsorgung Fritz Teufels

„wer die herrschaft der monopole knacken will, sieht sich mit dem gewaltmonopol der herrschenden konfrontiert, wenn wir nicht jetzt und hier damit anfangen, dieses monopol zu brechen, können wir einpacken. sitzstreiks und filmkomödienwurfgeschosse wie eier, tomaten, knallfrösche und strafgesetzbücher helfen wenig. (…) eine arbeitsteilung, bei der der revolutionär in der dritten welt seinen kopf hinhält, während der revolutionär in den metropolen feinsinnige analysen schreibt, können wir nicht länger hinnehmen.“
Fritz Teufel in agit 883, Nr. 53, 13.3.1970

Am 6. Juli starb Fritz Teufel. Er wurde 67 Jahre alt. Ende der 1960er Jahre bekannt geworden durch provozierende Polit-Aktionen und als Mitbegründer der Berliner „Kommune 1″, verbrachte Teufel acht Jahre in Haft, unter anderem als Mitglied der Bewegung 2. Juni. Wir baten Klaus Viehmann, der mit Fritz Teufel 1980 zusammen im Moabiter Hochsicherheitstrakt saß, um eine kritische Durchsicht der Nachrufe auf den „Clown mit der Schrottflinte“ (Tagespiegel und taz).

Nichts Schlechtes über die Toten, jedenfalls nicht über „unsere“, aber so viele Glattbügeleien und Auslassungen wie in den Nachrufen auf Fritz Teufel müssen nun doch nicht sein. (1) Das grundsätzliche Problem der FeuilletonistInnen ist der Teufel, der in den 1970er Jahren nicht die Rolle des zivilgesellschaftlichen Bürgerschrecks und Happening-Kommunarden gespielt hat, die heute harmlos ist und kompatibel zur neudeutschgrünen Erinnerungspolitik. Die 1970er Jahre waren bitterernst, da ging’s zur und um die Sache. Revolution, internationale Solidarität, Stadtguerilla, Krieg dem Krieg, Massendemonstrationen, wilde Streiks, militante Frauenbewegung – um Himmels willen …

Nachrufe aus der großbürgerlichen Kampfredaktion oder dem Springerhochhaus – z.B. von Lorenz Jäger, dem FAZ-Rechtsaußen, Hakenkreuz-Kenner und Adorno-Disser, oder von Richard Herzinger, Ex-Linker nach Selbstauskunft und tatsächlicher 1999er-Bellizist – lassen noch das alte Erschrecken und den alten Hass erkennen: „Noch lachten sie, noch machten sie nur Witze. Dann wurde aus dem Spaß der Ernst; seit dem Beginn der siebziger Jahre wurden echte Waffen angeschafft. Übergang in den Schrecken: Es gehört zu den fortdauernden Aufgaben einer Kulturgeschichte der Bundesrepublik, sich auf den Übergang des subversiven, artistischen Unernstes in den Terror der RAF und der ,Bewegung 2. Juni` einen Reim zu machen. Denn es gibt ja eine Art von Witzen, die zunächst einmal den terroristischen Wünschen zum straflosen Ausdruck verhelfen.“ (FAZ, 8.7.10) Tja, da kann die FAZ nicht mitlachen.
FAZ lacht nicht mit, Springer läuft zur Höchstform auf

Herzinger, 68er-Experte mit Erkenntnis-Highlights wie diesem: „Indem sich die 68er dieser todessüchtigen Gewaltideologie des Trikont-Propheten Che Guevara anschlossen, verlangten sie also nicht nach weniger, sondern nach mehr Krieg, nicht nach weniger, sondern nach mehr Opfern“ (2), befindet in seinem Nekrolog: „Teufels Clownsrolle wurde von Romantisierern der guten alten Zeit der Rebellion dankbar aufgegriffen, um zu suggerieren, es habe neben der terroristischen doch auch eine ganz andere, harmlose Grundströmung gegeben. Dort erscheint es als lässliche Sünde, dass Teufel nach den Aufbruchsjahren in der angeblich nur auf tabulosen Sex und provokanten Schabernack angelegten K1 die terroristische Bewegung 2. Juni mit aufgebaut hat, die unter anderem für die Ermordung des Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann und die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz 1975 verantwortlich war. (…) Wirklich eingesehen hat der Kommunarde die Verwerflichkeit seiner politkriminellen Vergangenheit nie.“ (Berliner Morgenpost, 8.7.10) Todessüchtige Propheten, tabuloser Sex, Terror, Politkriminelle – Springer-Hetze at it’s best.

Der alte RAF-Entsolidarisierer Arno Widmann erklärt, trauert und tadelt: „Jeder der Richter, die über Teufel zu Gericht gesessen hatten, war schon während der Nazi-Zeit im Justizdienst gewesen. Einem von ihnen hatte Fritz Teufel einmal als Geschenk Hitlers ,Mein Kampf` mitgebracht. (Recherche sechs minus: Es war Teufels Mitangeklagter Bernd Kramer im Prozess wegen einer Protestaktion in einem Kudamm-Kino gegen den rassistischen Film ,Africa Addio`, Anm. Verf.) Man versteht die damalige Opposition nicht, wenn man vergisst, gegen wen sie opponierte.“

Ja, diese Gesellschaft voller nicht resozialisierter Alt-Nazis war ein widerliches, rückständiges Terrain, das heute kritisiert werden darf – es folgt aber ein Aber von Arno: „Als 1970 Fritz Teufel erklärte: ,Der Clown Teufel ist tot. Jetzt muss es krachen`, da verriet er jene glückliche Verbindung von Güte und Witz (…). Einen kurzen, kaum merklichen Moment lang wurde auf dieser Trauerfeier auch dieser Verrat betrauert. Ein Verrat, den viele der Anwesenden begangen hatten. Der freilich bei niemandem so viel gewogen hatte wie bei Fritz Teufel, denn beide Eigenschaften sind überall auf der Welt dünn gesät. Desto fataler der Absturz Fritz Teufels aus der Spaß- in die Blutguerilla.“ (FR, 16.7.10)

Fritz Teufel, der abgestürzte Verräter. Aus der Feder eines alten Pol-Pot-Blutregime-Verstehers ist das ganz schön perfide. Was immer Fritz im Lauf seines kurvenreichen Lebens auch war, ein Verräter oder Geheimdienstzuträger war er nie, und das unterscheidet ihn von manchen, die bei der Trauerfeier posierten, z.B. Bommi ,Bullenstammtisch` (3) Baumann, der dem MfS 1973 Psychogramme von Mitgliedern der Bewegung 2. Juni lieferte (4), der Sensationspresse Lügen über seine früheren GenossInnen erzählte (5) und von der politischen Justiz 1981 einen schönen Strafnachlass bekam. (6)

Reemtsmas APO-Experte Wolfgang Kraushaar leitet seinen Nachruf effizienzkritisch ein: „Ohne die Härte, mit der die Justiz den Kommunarden Fritz Teufel verfolgte, wäre seine Entwicklung womöglich anders verlaufen. So aber radikalisierte sich einer der bekanntesten 68er – und mit ihm eine ganze Generation.“ (Spiegel Online, 8.7.10) Wie ungeschickt von der Justiz. Als Historiker weiß Kraushaar selbstverständlich, dass das, was er inhaltslos „Radikalisierung“ nennt, sehr viel mit dem deutschen Faschismus, dem (Vietnam-)Krieg und mit Familie, Betrieb, Schule, Knästen, Bundeswehr, Bullen, Repression – sprich Kapitalismus und Imperialismus – zu tun hatte. Die Justiz war da nur ein kleiner, wenn auch mächtig stinkender Misthaufen.

Kraushaar, der sich schon posthum und ungebeten bei Axel Cäsar Springer für APO-Attacken entschuldigt hat, macht immerhin die Parallele Teufel- und Kurras-Prozess stark, wo einer wegen der Tötung Benno Ohnesorgs keinen Tag saß, während der andere nach dem 2. Juni 1967 wegen frei erfundener Steinwürfe in U-Haft ging. Solche Kontraste schärfen den Blick auf die Realitäten. Nur falsch, wenn man sie später ausblendet.
Für Nicht-Aufstehen gibt es nach wie vor Ordnungsstrafen

Wer den Eindruck hat oder erweckt, die Justiz wäre durch die Auftritte Fritzens vor Gericht in den letzten 40 Jahren zivilgesellschaftlicher geworden, spinnt: Die Strafprozessordnung wurde weiter zuungunsten von Angeklagten und Verteidigung verändert und die Antiterrorgesetze durch den §129b noch erweitert. Wer sich Anklagen und Prozesse gegen angebliche AutobrandstifterInnen oder gar DHKP-C-Mitglieder ansieht, kann eine dumpfe politische Justiz erkennen, die gut eingespielt und überhaupt nicht zivilisiert ist. Bloß weil die 68er seit der Demonstranten-Amnestie 1970 nicht mehr von der Klassenjustiz behelligt werden, hat sie nicht aufgehört zu existieren. Fritzens berühmte Bemerkung zur Wahrheitsfindung hat tatsächlich Justizrituale demaskiert und seine Rechtsanwälte konnten später Justizsenator und Bundestagsabgeordnete werden – aber für Nicht-Aufstehen gibt’s nach wie vor Ordnungsstrafen. Das lässt sich ein Richter doch nicht nehmen.

Fritzens auch für damalige Verhältnisse ganz ordentliche Bewaffnung wird höchstens anekdotisch erwähnt, der Nachruf-Hit ist sein 1980er Alibi für die Lorenz-Entführung 1975 und die Erschießung des Kammergerichtspräsidenten von Drenkmann 1974. Da hätte Fritz die Justiz blamiert und selbstlos unschuldig fünf Jahre gesessen. Wo er doch in Wahrheit zur Tatzeit in Essen am Fließband „Klodeckel“ gepresst hätte.

Na ja – richtig ist, dass die Bundesanwaltschaft Fritz entlastendes Material „falsch abgelegt“ hatte und ihre fabrizierten „Beweise“ gegen Fritz stur-dämlich verteidigte. Allerdings hätte Fritz wegen Urkundenfälschung und Waffenbesitzes etc.pp. sowieso fünf Jahre sitzen müssen. Und Fritz hatte kein Alibi für drei Banküberfälle, also zehn weitere Jahre Knast. Dass er die nicht bekommen hat, lag an seinem B-libi, was er vier Wochen nach dem Alibi zum Besten gab. (7)

Zur Erklärung: 1978/79 war die justizielle Repression bereits modernisiert worden. Um „Terroristen“ einen gangbaren Ausweg anzubieten, sollten die Angeklagten, die sich öffentlich von der Stadtguerilla distanzierten, einen „fairen Prozess“ und weniger Knast bekommen (was implizierte, dass es sonst keinen fairen Prozess und mehr Knast gab). Diese Distanzierung hatte schon ein Mitangeklagter Fritzes gewählt, der vor Gericht seine erwachte Liebe zur gewaltfreien Alternativen Liste erklärte, was mit sofortiger Verlegung aus dem Trakt in gelockerten Vollzug und Strafminderung belohnt wurde. Wer die wichtigen Nuancen in Prozesserklärungen versteht, kann auch das B-libi als Distanzierung vom bewaffneten Kampf und den „unreuigen“ Mitangeklagten und Mitgefangenen lesen. Fritz hat das ganz gut gewusst. Das Gericht auch. Fritzens Entlassung wurde nicht durch sein Alibi erzwungen, sie folgte auf die Nuancen seines B-libis. (8)

Auffällig ist, dass kein Nachruf fragt, wieso der untergetauchte Fritz unter falschem Namen Drei-Schichten-Malocher wurde. Weil es zum Clown-Image so gar nicht passt? Weil in der bürgerlichen Literatur die Arbeitswelt ausgeblendet wird? Weil fast jede politische Agitation im Betrieb medial unterschlagen wird? Fritz selbst hat öffentlich von seinem „Freund Leo“ gesprochen – „Leo“ war der Deckname von Werner Sauber, einem linksradikalen Filmemacher, zu Unrecht kurze Zeit im Knast, danach abgetaucht, mit Fahndungsplakaten gesucht und 1974/75 Arbeiter in Köln bei Klöckner-Humboldt-Deutz an der Stanze. Erschossen am 9. Mai 1975 von der Polizei auf einem Parkplatz in Köln. Der Arzt und Verfasser des Buches „Die andere Arbeiterbewegung“, Karl Heinz Roth, wurde dort schwer verletzt, und auch ein Polizist starb. Der VS sah vermutlich zu.

Es war und ist erkennbar, dass Fritz Teufel 1974/75 Mitglied einer im Entstehen begriffenen Fabrikguerilla war. (9) Aber Nachtschichten für die Befreiung der Werktätigen – das geht nun wirklich über den Horizont seiner Nachrufer, die es auch finanziell nicht nötig haben dürften, in einem Presswerk zu jobben. Fritz hat mal – halb im Ernst, halb im Spaß – gesagt, die Zeit in der Fabrik mit den Malochern sei seine beste gewesen. Er wurde auch von seinen alten Kollegen, die nach dem Alibi als Zeugen geladen wurden, im Gerichtssaal freundlichst begrüßt. Selbst der Personalchef – was nun eher unangenehm für einen Fabrikguerillero ist – hatte nur gute Erinnerungen an Fritz. Nebenbei: „Klodeckel“ wurden kaum produziert, das klingt aber im Feuilleton witziger als „Deckenraster für Büro- und Industriegebäude“.

Fritz hat in seinem letzten Interview gesagt: „Was dieses Land angeht, sehe ich, dass es resozialisiert wurde und damit wieder in die Gemeinschaft der Nichtverbrecher-Staaten aufgenommen werden konnte.“ (Tagesspiegel Online, 7.7.10) Der Interviewpartner scheint es gern gehört und ernst genommen zu haben – ich höre da immer noch Fritzens feine Ironie.

Klaus Viehmann

Anmerkungen:

1) Lesenswerte Ausnahme: Markus Mohr über einen teuflischen Fausthieb, in: junge Welt. 17.7.10

2) Richard Herzinger: Wandlungen eines Mythos – Die Kulturrevolutionäre von 1968 – Garanten der liberalen Kultur in Deutschland? in: Claudia Keller (Hg.): Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag. Antifaschismus. Geschichte und Neubewertung, Berlin 1996.

3) Berliner Zeitung, 30.3.1996: „Was ihn (Baumann, ak) heute beschäftigt, sind die Gegenspieler von damals. Seine Fahnder vom Bundeskriminalamt. Wie haben diese Leute gelebt, wie sind sie mit ihrer Angst umgegangen? Baumann hat Kontakte geknüpft. Am Stammtisch unterhalten sie sich über die Terroranschläge von einst.“ So, so.

4) Spiegel Online, 2.12.08: „Baumann packte rückhaltlos aus: Auf 97 Seiten machte er Angaben zu Anschlägen, Überfällen, Waffenkaliber und sogar zu sexuellen Präferenzen von Personen aus der Stadtguerilla, belastete aber auch sich selbst.“

5) Die Unbeugsamen von der Spree. Interview mit Fritz Teufel, Ralf Reinders, Ronald Fritzsch und Gerald Klöpper (Broschüre 1978): „Bommi Baumann handelt nach der Gesetzmäßigkeit, daß er von Zeit zu Zeit Geld braucht und seine inzwischen bekannten Geschichten nur verkaufen kann, wenn er sich was Neues einfallen läßt. Wie z.B. atomare Erpressung durch ,Terroristen`. Hier hört für uns der Spaß auf.“

6) Fünf Jahre für Banküberfälle und Sprengstoffanschläge, vorzeitig entlassen nach ca. drei Jahren.

7) Dokumeniert in taz, 28.5. u. 16.6.1980

8) Im selben und dem Parallel-Prozess bekamen die „unreuigen“ Angeklagten übrigens doppelt bis dreimal so viel Knast.

9) vgl. WOZ, 2.3.2006 und Klaus Viehmann: Stadtguerilla revised, in: jour fixe initiative berlin (Hg.):Klassen und Kämpfe, Münster 2006.

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