Italien

Do You Remember Revolution?

Vorbemerkung zu Do You Remember Revolution

Do You Remember Revolution? wurde 1983 im Gefängnis von Rebibbia (Italien) geschrieben. Es ist eine Koproduktion von 11 Theoretikern und Aktivisten (darunter Toni Negri und Paolo Virno) der Autonomia Operaia, die am 7. April 1979 verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Die Palette der Anschuldigungen reichten von der Bildung bewaffneter Gruppen (vor allem der Roten Brigaden) bis zur Beteiligung an der Ermordung Aldo Moros (die Negri vorgeworfen, später allerdings als völlig unhaltbar wieder fallen gelassen wurde).

Der Text versucht eine Bilanz der Klassenkämpfe im Italien der 1970er Jahre vor dem Hintergrund der quantitativen Veränderung der Klassenzusammensetzung von den MassenarbeiterInnen der Großindustrie hin zu den Gesellschaftlichen ArbeiterInnen zu geben., Diese Bewegung ging einher mit der Flucht aus den Fabriken (vor allem der jungen ArbeiterInnen) hinein in die Universitäten, aber auch mit der Umstrukturierung und Fragmentierung der italienischen Industrie. Diese Umstrukturierungen, die nicht zuletzt eine Antwort auf die heftigen Kämpfe der MassenarbeiterInnen Ende der sechziger Jahre waren, führten aber nicht zu einem Abflauen der Bewegung – wie anderswo in Europa. Die Bewegung bekam neuen Schwung durch die Dynamik der autonomen Frauenbewegung, durch die massenhafte eigenmächtige Reduktion von Tarifen auf öffentliche Dienstleistungen wie Strom oder Verkehrsmittel (und nicht nur diese) sowie durch die Ablehnung der Strategie des parteikommunistischen historischen Kompromisses, der Ausübung der Macht gemeinsam mit den ChristdemokratInnen (eine grundlegende Systemtransformation strebte die KPI schon seit der Nachkriegszeit nicht mehr an).

Die Explosion dieser vielfältigen Subjekte und ihrer Kampfformen erfolgte in der Bewegung von 1977. Myriaden von Experimenten alternativen (Zusammen)Lebens, von Medienprojekten wie dem legendären Radio Alice in Bologna bis hin zu den – oft kurzlebigen – Zeitungsprojekten, verliehen der Vielfalt der Bewegung Ausdruck. Der Kampf gegen die Arbeit, einst Zentrum linksradikaler Politik in Italien, musste zusehends einer der Neukonstitution alternativer sozialer Verhältnisse weichen. Die Großfabrik war ohnedies am Ende – und niemand weinte ihr eine Träne nach. „Nur noch“ das unmittelbare Kommando des kapitalistischen Staates stellte sich den Bedürfnissen der „Gesellschaftlichen ArbeiterInnen“ entgegen. Nur? Das massenhafte Aufbegehren jugendlicher ArbeiterInnen und Studierender führte zu Aufständen in den italienischen Städten, die nur noch militärisch niedergeschlagen werden konnten und wurden. Die KPI tat sich dabei wie auch in der anschließenden Verfolgung der AktivistInnen besonders hervor; die Auseinandersetzung nahm immer stärker militärische Formen an – durch die brutale Repression der über Notstandsgesetze operierenden Staatsapparate, aber auch durch die zahlreichen bewaffneten Gruppen, die im direkten Angriff auf das vermeintliche „Herz des Staates“ dessen Formen oft nur kopierten.

In der Verfolgung von AktivistInnen wurde freilich keinerlei Unterschied gemacht. Am 7. April 1979 wurden führende AktivistInnen und Intellektuelle der Autonomia in einer groß angelegten Aktion verhaftet und später zu teilweise langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Do you remember Revolution ist mittlerweile ein „doppelt“ historischer Text. Er bezieht sich nicht nur auf eine damals bereits vergangene Periode, er wurde auch vor über 20 Jahren verfasst. Diese historische Distanz ist mit zu berücksichtigen. Dennoch stellt er eine Art Scharnierstelle zwischen den historischen Auseinandersetzungen der 70er Jahre und der Entwicklung postoperaistischer Ansätze dar und ist nicht zuletzt aus diesem Grunde von besonderem Interesse: Er gibt nicht nur Zeugnis von der politischen Ausrichtung und Ausdifferenzierung der Kämpfe (hier ist er wohl – dies wurde oft kritisiert – in der Abgrenzung von allen Formen des bewaffneten Kampfes doch etwas zu sehr auch Verteidigungsschrift), es tauchen auch die Begriffe und Konstellationen auf, die für das postoperaistische Neu-Denken revolutionärer Politik wichtig werden. Etwa wenn die These neun hinsichtlich des Begriffs der Aneignung meint: „Vor allem aber ist sie die Aneignung von ‚Lebenszeit’, Befreiung vom Kommando der Fabrik, Suche nach Gemeinsamkeit“. Die Thematik des Gemeinsamen, des „Communen“ von Empire und Multitude ist hier bereits angelegt.

Co-Autor Paolo Virno sollte mehr als zehn Jahre später einen Text mit dem Titel Do You Remember Counterrevolution“ publizieren.[1] In diesem greift er die Themen des vorliegenden Beitrages erneut auf, allerdings vor dem Hintergrund der konterrevolutionären (auch eine Revolution!) Aneignung der Bewegung von 1977 durch das Kapital: „Die Bewegung von ´77 wurde so eingesetzt. Ihr Nomadentum, ihre Abneigung gegen feste Jobs, ihre Subsistenz, sogar ihr Hang zu individueller Autonomie und ihre Experimentierfreude wurde in der kapitalistischen Produktionsorganisation zusammengebracht“ (Virno 1998, 96). Aber bereits damals, zu Beginn der Herrschaft Berlusconis, nennt Virno auch die Tendenzen beim Namen, die zu einer Neukonstituierung der revolutionären Linken führen könnten: Die besetzten sozialen Zentren, die basisgewerkschaftlichen Netzwerke der COBAS, die rebellierenden StudentInnen der Panther-Bewegung von 1990. Der Aufstand der ZapatistInnen vom 1. Jänner 1994 wurde noch nicht genannt, aber gerade dieser sollte zum Anknüpfungspunkt einer neuen, antistaatlichen radikalen Linken werden. Auch der Rest ist (beinahe?) Geschichte: Seattle, Genua, Disobbedienti, die Antikriegsbewegungen und Sozialforen. Kämpfe entlang der Achse Migration – Präkarisierung von Arbeit und Leben rücken ins Zentrum einer zentrumslosen Politik. „Der Vorhang fällt, der Akt ist zu Ende – der nächste soll beginnen!“ (Virno 1998, 111)

DO YOU REMEMBER REVOLUTION?[2]

Die Geschichte der revolutionären Bewegung der siebziger Jahre, d.h. zunächst der außerparlamentarischen Opposition und dann der „Autonomia“, war keine Geschichte von AußenseiterInnen oder ExzentrikerInnen, keine Chronik sektiererischer Spinnereien, sie fand nicht in den Katakomben Roms statt und war nicht bloß die Wut des Ghettos. Wir glauben im Gegenteil, dass diese Geschichte, von der ein Teil zum Material für einen Strafprozess geworden ist, mit der Geschichte dieses Landes, ihren entscheidenden Übergängen und Zäsuren untrennbar verknüpft ist.

Ausgehend von diesem Standpunkt (der banal erscheint, in diesen Zeiten aber schon verwegen und provozierend wirkt) stellen wir eine Reihe politisch-historischer Thesen über das letzte Jahrzehnt auf, die weit über unsere Vorbereitungen auf die unmittelbare juristische Verteidigung hinausgehen. Die folgenden Betrachtungen, oft in der Form einfacher Problemdarstellungen, sind nicht an die Richter gerichtet, die bis jetzt ohnehin nur am Handel mit den Reuigen[3] interessiert waren. Sie richten sich vielmehr an alle, die in den letzten Jahren gekämpft haben: an die GenossInnen von 1968, von 1977, an die Intellektuellen, die sich „losgesagt“ haben (sagt mensch heute nicht so?), die alle die Revolte für rational hielten. Auch sie sollten sich äußern und den Teufelskreis von Verdrängung und neuem Konformismus durchbrechen.

Wir meinen, dass jetzt der Moment gekommen ist, sich neu mit der geschichtlichen Wahrheit der siebziger Jahre auseinander zu setzen. Gegen die Reuigen die Wahrheit. Nach den Reuigen und gegen sie das politische Urteil. Eine umfassende Bestandsaufnahme, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist, ist heute möglich und nötig – als ein Schritt hin zum „Nach-Terrorismus“, als eigene Dimension der Auseinandersetzung zwischen neuen Bewegungen und Institutionen.

Dass wir nichts mit Terrorismus gemein haben, liegt auf der Hand. Dass wir „Subversive“ waren, ebenfalls. Zwischen diesen beiden „Selbstverständlichkeiten“ bewegt sich dieser Prozess.

Der Wille der Richter, Subversion und Terrorismus gleichzusetzen, ist bekannt und hartnäckig. Wir werden den Kampf zur Verteidigung mit geeigneten politisch-technischen Mitteln führen. Aber die historische Rekonstruktion kann nicht nur im Gerichtssaal stattfinden; parallel zum Prozess muss eine offene und breite Debatte zwischen den realen Subjekten geführt werden, die ProtagonistInnen der „grossen Transformation“ waren. Dies ist eine unabdingbare Voraussetzung, um in geeigneten Begriffen von den Spannungen der achtziger Jahre zu reden.

1. Die besondere Eigenschaft des italienischen ’68 ist die Vermischung von sozialen Phänomenen, die zugleich erneuernd und sprengend waren – wie sie in vielerlei Hinsicht für eine entwickelte Industrialisierung typisch ist –, mit dem Muster der kommunistischen Revolution. Die radikale Kritik der Lohnarbeit und ihre massenhafte Verweigerung ist der hervorragende Inhalt der Kampfbewegung, das Zeichen eines starken und anhaltenden Antagonismus, die „Substanz von erhofften Dingen“. Hierher rührt das Infragestellen der Rollen und Hierarchien, der Egalitarismus im Lohnkampf sowie der Angriff auf die Organisation des sozialen Wissens, das Bedürfnis, das Alltagsleben zu verändern; in einem Wort: das Streben nach konkreter Freiheit. In anderen westlichen kapitalistischen Ländern (Bundesrepublik Deutschland, USA) hatten die gleichen Bedürfnisse zu molekularen Veränderungen der sozialen Beziehungen geführt, ohne direkt und unmittelbar das Problem der politischen Macht, d.h. einer alternativen Verwaltung und Führung des Staates zu stellen, in Frankreich und Italien dagegen wurde das Problem der Macht und ihrer „Ergreifung“ aufgrund verknöcherter Institutionen und der ziemlich rudimentären Form der Konfliktregelung sofort vorrangig. Obwohl in vieler Hinsicht das Jahr 1968 in Italien einen akuten Bruch mit der korporatistischen und etatistischen Tradition der historischen Arbeiterbewegung markiert, fügt sich das kommunistische politische Modell auf besondere und vitale Weise in den Körper der neuen Bewegung ein. Die extreme Polarisierung des Klassengegensatzes und die Armseligkeit der Struktur der politischen Vermittlung begünstigen eine wirksame Verknüpfung der Forderung nach mehr Einkommen und mehr Freiheit mit dem leninistischen Ziel, „die Staatsmaschine zu zerbrechen.“

2. Zwischen 1968 und Anfang der siebziger Jahre stand für die „alte“ wie auch für die „neue“ Linke das Problem auf der Tagesordnung, wo die Kämpfe politisch hinführen sollten. Sowohl die KPI und die Gewerkschaften als auch die außerparlamentarischen Gruppen zielten auf eine drastische Veränderung des Machtgefüges, womit das, was sich bereits in den Kräfteverhältnissen in den Fabriken und auf dem Arbeitsmarkt verändert hatte, bis ans Ende geführt und stabilisiert werden sollte. Über die Art und Qualität dieses angestrebten neuen Machtgefüges, das allgemein als notwendig und entscheidend erachtet wurde, gab es einen langen und quälenden Kampf um die Hegemonie innerhalb der Linken. Die revolutionären Gruppen, die in den Schulen und Universitäten die Mehrheit hatten, aber auch in den Fabriken und im Dienstleistungssektor verankert waren, waren sich völlig im Klaren darüber, dass die neue transformatorische Bewegung mit einem eklatanten Bruch des bisherigen Legitimitätsrahmens einhergehen würde. Sie betonten diesen Aspekt, um eine institutionelle Rückeroberung der Bewegung durch Kommandogewalt und Profit zu verhindern. Die Ausdehnung der Kämpfe auf alle Städte im Land und die Einrichtung von Formen der Gegenmacht wurden als die nötigen Schritte angesehen, um der Erpressung durch die ökonomische Krise entgegenzutreten. Die KPI und die Gewerkschaft sahen dagegen in der Abschaffung der Mitte-Links-Regierung und einer „Strukturreform“ den natürlichen Ausgang von ’68. Ein neuer „Rahmen des Machbaren“ und ein vollständigeres und feinmaschigeres Netz institutioneller Vermittlung sollte garantieren, dass die ArbeiterInnen zu ProtagonistInnen der Wiederbelebung der ökonomischen Entwicklung würden. Wenn auch zwischen den außerparlamentarischen Organisationen und der historischen Linken heftig polemisiert wurde, so ging der theoretische Kampf um den Ausgang der Bewegung doch quer durch beide Lager. Als Beispiel sei nur an die Polemik zwischen dem rechten Flügel der KPI und der Turiner FLM[4] über die Frage der „Bewegungsgewerkschaft“ erinnert. Oder mensch denke an die unterschiedlichen, oft sehr unterschiedlichen Einschätzungen von Teilen der Gewerkschaft zu den „Zonenräten“. Für die andere Seite mag es genügen, auf die Unterschiede zwischen dem operaistischen Flügel und der marxistisch-leninistischen Richtung hinzuweisen. Die unterschiedlichen Auffassungen drehten sich jedenfalls, wie wir bereits erwähnten, um ein einziges, essentielles Problem: die Übersetzung des Aufruhrs, der seit 1968 in den sozialen Beziehungen stattgefunden hatte, in Begriffe der politischen Macht.

3. Anfang der siebziger Jahre stellten sich die außerparlamentarischen Gruppen das Problem der Anwendung von Gewalt in völligem Einklang mit der revolutionären kommunistischen Tradition, d.h. sie hielten die Gewalt für eines der notwendigen Mittel, um auf dem Terrain der Macht anzugreifen. Die Gewalt als Mittel wurde nicht fetischisiert, sondern ganz im Gegenteil, dem Voranschreiten der Massenauseinandersetzung unbedingt untergeordnet; gleichzeitig wurde akzeptiert, dass Gewalt unabdingbar dazugehört. Gegenüber der Dichte sozialer Konfliktualität stellte die Frage nach der politischen Macht unzweifelhaft etwas Diskontuninuierliches, Nicht-Lineares, Besonderes dar. Nach Avola, nach Corso Traiano, nach Battipaglia[5] war das „staatliche Gewaltmonopol“ als ein unausweichliches Hindernis erschienen, mit dem mensch sich systematisch auseinander setzen musste. Auf der programmatischen Ebene wurde der gewaltsame Bruch mit der Legalität also in offensiven Begriffen gedacht, als die Manifestation einer anderen Macht. Parolen wie „sich die Stadt nehmen“ oder „Aufstand“ waren Ausdruck dieser zwar als unvermeidlich, aber nicht unmittelbar bevorstehend angesehenen Perspektive. In konkreter Hinsicht ist die Organisation auf der Ebene der Illegalität eher eine bescheidene Angelegenheit, die ausschließlich defensiven oder flankierenden Charakter hatte: Verteidigung der Streikposten, der besetzten Häuser, der Demonstrationen, präventive Sicherheitsmassnahmen gegenüber einer eventuellen Reaktion von rechts (was nach Piazza Fontana nicht mehr auszuschließen war).[6]Anders ausgedrückt: Eine Theorie des Angriffs, des Bruchs, entstanden aus der Verflechtung des neuen politischen Subjekts von ’68 und einer kommunistischen Kultur, und auf der anderen Seite minimale praktische Umsetzung. Es war auf jeden Fall nach den „zwei roten Jahren“ 1968/69 für abertausende von Aktiven inklusive der Basiskader der Gewerkschaft klar, dass das Sicheinlassen auf ein „illegales“ Terrain einfach eine Sache des gesunden Menschenverstands war. Ebenso selbstverständlich war es, in aller Öffentlichkeit Zeiten und Arten des Zusammenstosses mit den repressiven Strukturen des Staates zu diskutieren.

4. In jenen Jahren ist die Rolle der ersten klandestinen Organisationen (GAP[7], Rote Brigaden) völlig marginal und hat mit den Themen der Bewegung nichts zu tun. Die Klandestinität, die besessene Berufung auf die PartisanInnentradition sowie die FacharbeiterInnen als Bezugspunkt haben nichts zu tun mit der Organisierung der Gewalt von Seiten der Klassenavantgarden und der revolutionären Gruppen. Die GAP knüpften an den antifaschistischen Widerstand und die kommunistische Tradition des „doppelten Gleises“ der fünfziger Jahre an und traten für Präventivmassnahmen gegenüber einem Putsch ein, der ihrer Einschätzung nach unmittelbar bevorstand. Die Roten Brigaden, die sich aus dem Zusammengehen von Marxisten-Leninisten aus Trient, aus Ex-Mitgliedern der KPI aus Mailand und der FGCI[8] aus der Emilia gebildet hatten, suchten während ihrer ganzen ersten Phase Sympathien und Kontakte bei der kommunistischen Basis und nicht bei der revolutionären Bewegung. Antifaschismus und „bewaffneter Kampf für Reformen“ kennzeichneten ihre politische Praxis. Paradoxerweise war es gerade das Akzeptieren einer auch illegalen und gewaltsamen Perspektive des Kampfs von Seiten der kommunistischen Avantgarden der Bewegung, was ihre Distanz zur Klandestinität und zum „bewaffneten Kampf“ als strategische Option absolut und unüberbrückbar machte. Die sporadischen Kontakte, die es trotzdem zwischen den Gruppen und ersten bewaffneten Organisationen gab, schwächten dies nicht etwa ab, sondern unterstrichen noch die Unvereinbarkeit der politischen Linien und Kulturen.

5. In den Jahren 1973/74 zerfällt der ganze politische Hintergrund, auf dem die Bewegung jahrelang gewachsen war. Innerhalb einer kurzen Zeitspanne gibt es mehrere Brüche in der Kontinuität, verändern sich Perspektiven und Verhaltensweisen, verändern sich die Bedingungen, in denen sich der soziale Konflikt abspielt.Dieser brüske Wechsel erklärt sich aus vielen interagierenden und miteinander zusammenhängenden Gründen. Der erste ist die Einschätzung der KPI, auf internationaler Ebene hätten sich die Spielräume verengt und daher müsse sofort ein „politischer Ausgang“ gefunden werden und zwar unter den gegebenen Bedingungen. Dies führte zu einem Riss innerhalb der politisch-sozialen Lagers, welcher sich noch vertiefen sollte. Bis dahin war das Lager, welches nach ’68 versucht hatte, einen Zugang zum Terrain der Macht zu finden, der die Radikalität der Kämpfe und ihre transformatorischen Inhalte reflektieren sollte, zwar vielschichtig, aber substantiell auf die Einheit gerichtet gewesen. Ein Teil der Linken (KPI und Gewerkschaft) beginnt sich dem Regierungsterrain zu nähern – gegen große Teile der Bewegung. Die außerparlamentarische Opposition ist gezwungen, sich in Bezug auf den von der KPI angestrebten „Kompromiss“[9] neu zu definieren. Und diese Neudefinition bedeutet Krise und fortschreitenden Identitätsverlust. Der Kampf um die Hegemonie in der Linken, der für die „Gruppen“ in gewisser Weise ihre Existenz gerechtfertigt hatte, scheint jetzt durch einen einseitigen Beschluss aufgehoben zu sein, der zum Bruch führt, die Perspektiven auseinanderdriften lässt und der Dialektik ein Ende setzt. Von da an wird das Thema der „politischen Lösung“, der alternativen Verwaltung und Leitung der Staatsführung, mit der gemäßigten Haltung der KPI gleichgesetzt. Den außerparlamentarischen Organisationen, die sich noch immer auf diesem Gebiet bewegen wollen, bleibt nichts anderes übrig, als die Flugbahn des „Kompromisses“ zu verfolgen und zu beeinflussen, indem sie seine extremistische Variante bilden (man denke nur an die „revolutionären“ Listen bei den Kommunalwahlen 1975 und bei den nationalen Wahlen 1976). Andere Gruppen spüren, dass sie an die Grenzen ihrer eigenen Erfahrung gestoßen sind und lösen sich über kurz oder lang auf.

6. Darüber hinaus verliert mit den Gewerkschaftsverträgen von 1972/73 die zentrale Figur der Kämpfe in den Fabriken – die FließbandarbeiterIn, die MassenarbeiterIn – seine transformatorische und offensive Rolle. Es beginnt die Neustrukturierung in den großen Unternehmen. Der Rückgriff auf die Kurzarbeit und die erste partielle Erneuerung der Technologien modifizieren die Produktionsordnung an ihrer Wurzel und brachen den vorhergegangenen Kampfformen, inklusive des Streiks, ihre Spitze. Die „homogenen Gruppen“[10] und ihr Einfluss auf die Arbeitsorganisation werden durch die Neustrukturierung des Maschinenparks und des Arbeitstages durcheinander gebracht. Die Repräsentativität der Fabrikräte und damit auch die Dialektik zwischen „rechts“ und „links“ innerhalb der Räte fällt sehr schnell in sich zusammen. Die Macht der FließbandarbeiterInnen wird nicht durch den Druck einer traditionellen wie auch imaginären „industriellen Reservearmee“, also Konkurrenz durch die Arbeitslosen geschwächt; vielmehr privilegiert die industrielle Umstellung Investitionen in anderen Sektoren als denen der Massenproduktion. Dadurch rücken andere Segmente von Arbeitskräften in den Vordergrund, die bislang relativ am Rand standen (Frauen, Jugendliche, AbsolventInnen höherer Schulen) und auf eine geringere Organisationserfahrung zurückblicken. Nun betrifft das Terrain der Auseinandersetzung immer mehr das Gesamtgefüge des Arbeitsmarktes, die öffentlichen Ausgaben, die Reproduktionssphäre der ProletarierInnen und der Jugendlichen, die Verteilung von Einkommen unabhängig von der Arbeitsleistung.

7. Drittens finden innerhalb der Bewegung selbst in ihrer Subjektivität, ihrer „Kultur“, in den Parametern ihres Projektes Veränderungen statt. Kurz gesagt: Es gibt einen Bruch mit der gesamten Tradition der ArbeiterInnenbewegung, sogar mit der Idee der „Machtergreifung“, mit dem kanonischen Ziel der „proletarischen Diktatur“, mit den Residuen des „realen Sozialismus“ und jedweder Neigung zur Machtübernahme. Was bereits im 68er-Konglomerat von innovativen Bewegungsinhalten und Modell der kommunistischen Revolution Spannungen erzeugte, fällt nun völlig auseinander. Die Macht wird als eine fremde und feindliche Realität empfunden, gegen die mensch sich verteidigen muss, die es weder zu erobern noch niederzuschlagen gilt, sondern die mensch möglichst reduziert und weit weg von sich hält. Der entscheidende Punkt ist der, dass mensch sich selbst als alternative Gesellschaft setzt, reich an Kommunikation, an freien Produktionskapazitäten und Lebensformen. Eigene „Handlungsspielräume“ zu erobern und zu verwalten – das wird zur dominierenden Praxis der sozialen Subjekte, für die Lohnarbeit nicht mehr der hauptsächliche Ort der Sozialisation ist, sondern ganz einfach eine Episode – nebensächlich und ohne Wert.Die feministische Bewegung mit ihrer Praxis der Gemeinschaftlichkeit und des Eigenlebens, mit ihrer Kritik der Politik und der Mächte, mit ihrem profunden Misstrauen gegenüber jedem institutionellen und „allgemeinen“ Vertretungsanspruch von Wünschen und Bedürfnissen, mit ihrer Liebe zu den Unterschieden ist Emblem für die neue Phase. Daran orientiert sich mehr oder weniger explizit das jugendliche Proletariat in der Mitte der siebziger Jahre. Das Scheidungsreferendum steht für diese Tendenz hin zu einer „Autonomie des Sozialen“.Mensch kann nicht mehr von einer „Familie“, nicht einmal mehr von einer zerstrittenen Familie reden. Die neue Massensubjektivität ist der Arbeiterbewegung fremd, Sprache und Ziele kommunizieren nicht mehr miteinander. Selbst die Kategorie „Extremismus“ erklärt nichts mehr, sondern verwirrt und vernebelt eher. „Extremistisch“ kann mensch nur in Bezug auf etwas Ähnliches sein, aber diese „Ähnlichkeit“ verschwindet immer mehr. Wer Kontinuität sucht, wem die „Familie“ noch am Herzen liegt, kann sich nur noch an das getrennte Universum der marxistisch- leninistischen „kämpfenden Organisationen“ wenden.

8. Alle drei Aspekte der Wende, die in der Zeit zwischen 1973 und 1975 vollzogen wurden, und davon insbesondere der letztgenannte, spielen bei der Entstehung der „Autonomia Operaia“ eine Rolle.Die Autonomia entsteht gegen das Projekt des „Kompromisses“, als Antwort auf das Versagen der revolutionären Gruppen. Sie geht weg von der Zentralität der Fabrik und entsteht in einem konfliktreichen Wechselverhältnis zur Umstrukturierung der Produktion. Vor allen Dingen aber ist sie Ausdruck der neuen Subjektivität, drückt den Reichtum ihres Andersseins, ihrer Fremdheit gegenüber der formalen Politik und den Mechanismen der Repräsentation aus. Es geht nicht um eine „politische Lösung“, sondern um die konkrete und artikulierte Kraft des Sozialen.Deswegen ist der lokale Charakter kennzeichnend für die „Autonomia“: die Distanz von der Perspektive einer möglichen alternativen Verwaltung und Leitung des Staates schließt eine Zentralisierung der Bewegung aus. Jede regionale Strömung der „Autonomia“ bezieht sich wieder auf die konkreten Eigenheiten der Klassenzusammensetzung, wobei dies nicht als Beschränkung, sondern als Daseinsberechtigung gesehen wird. Es ist völlig unmöglich, eine einheitliche Geschichte der römischen, Mailänder, venezianischen und süditalienischen „Autonomia“ zu zeichnen.

9. Von 1974 bis 1975 intensiviert und verbreitet sich die Praxis von Illegalität und Gewalt. Aber diese Dimension des Antagonismus, welche in der vorhergegangenen Periode unbekannt gewesen war, richtet sich nicht etwa insgesamt gegen den Staat, sie nimmt keinerlei „revolutionären Bruch“ vor. Das ist der wesentliche Aspekt. In den Metropolen wächst als Reaktion auf die Kürzungen der öffentlichen Ausgaben die Gewalt mit dem Ziel einer sofortigen Bedürfnisbefriedigung und der „Eroberung von völlig selbstverwalteten Handlungsräumen“.1974 kommt es zur „Selbstermäßigung“ der Transportkosten, die in Turin von der Gewerkschaft organisiert wird. Diese „Illegalität der Massen“, die bereits vorher besonders bei den Mieten angewandt worden war, wird wieder mit großem Aufsehen zum Diskussionsthema. Fast überall und im ganzen Bereich der Sozialausgaben wird diese besondere Form der Einkommenssicherung benutzt. Hatte die Gewerkschaft die „Selbstermäßigung“ noch als symbolische Geste verstanden, so machte die Bewegung sie nun zu einem allgemein wirklich gangbaren Weg.Mehr noch als die „Selbstermäßigung“ stellte die Besetzung der Häuser in S. Basileo im Oktober 1974 einen Wendepunkt dar, weil sie einen hohen Grad spontaner „Militarisierung“ in der Massenverteidigung als Antwort auf die blutigen Polizeieinsätze zeigte. Die andere entscheidende Etappe für die Bewegung kommt mit den Demonstrationen in Mailand im Frühjahr 1975, nachdem Valleri und Zibechi von Faschisten und Carabinieri getötet worden sind. Die schweren Straßenkämpfe sind der Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Kämpfen gegen die Wirtschaftsmaßnahmen der „Austeritätspolitik“, d.h. gegen die ersten Schritte hin zu einer „Politik der Opfer“. Während der Jahre 1975/76 erfolgt der in vieler Hinsicht für die Geschichte des Wohlfahrtsstaates klassische Übergang von der „Selbstermäßigung“ zur Aneignung, d.h. von einem defensiven Verhalten gegenüber den ständigen Preiserhöhungen hin zu einer offensiven Praxis der kollektiven Bedürfnisbefriedigung, die darauf abzielt, die Mechanismen der Krise zu kippen.Die Aneignung (das beste Beispiel dafür auf internationaler Ebene ist die Nacht des Stromausfalls in New York) betrifft alle Bereiche der metropolitanen Existenz: Sie ist der „politische Einkauf“, ist die Besetzung von Räumen zur Entfaltung freier Aktivitäten, ist die „heitere Angewohnheit“ des jugendlichen Proletariats, Karten für Kino und Konzerte nicht zu bezahlen: ist das Verweigern von Überstunden und die Ausdehnung der Pausen in der Fabrik. Vor allem aber ist sie die Aneignung von „Lebenszeit“, Befreiung vom Kommando der Fabrik, Suche nach Gemeinsamkeit.

10. In der Mitte der siebziger Jahre zeichnen sich in Bezug auf die weitere Verbreitung von Gewalt zwei verschiedene Tendenzen ab. Grob vereinfacht kann mensch von zwei verschiedenen Entstehungsgeschichten des Drangs nach einer „Militarisierung der Bewegung“ reden.
Die erste ist der weitgehende Widerstand gegen die Umstrukturierung der Produktion in den großen und mittleren Fabriken. Ihre ProtagonistInnen sind viele ArbeiterInnenkader, deren politische Sozialisation zwischen 1962 und 1973 erfolgte und die entschlossen sind, um jeden Preis die materielle Basis, auf der ihre Verhandlungskraft gewachsen war, zu erhalten. Die Umstrukturierung wird als politische Katastrophe erlebt. Besonders diejenigen, die in den Fabrikräten aktiv gewesen waren, neigen dazu, Umstrukturierung mit Niederlage gleichzusetzen.Sie werden durch das ständige Nachgeben der Gewerkschaft, wenn es um materielle Arbeitsbedingungen geht, in ihrer Auffassung bestärkt.Die Fabrik so zu belassen, wie sie war, um ein günstiges Kräfteverhältnis zu sichern, das ist der Kern dieser Position. Aufgrund dieser Problematik und aus den Reihen dieses gewerkschaftlich- politischen Personenkreises gewinnen die Roten Brigaden Sympathien. Dort gelingt es ihnen, ein gewisses Maß an Verankerung zu erlangen.

11. Die andere Strömung der Illegalität, die der ersten in vielerlei Hinsicht diametral entgegengesetzt ist, besteht aus den sozialen Subjekten, die aus der Umstrukturierung, aus der Dezentralisierung der Produktion und der Mobilität hervorgegangen sind.Die Gewalt entstand hier durch das Fehlen von Garantien, durch die zerstückelten und prekären Formen zur Erlangung von Einkommen, aus dem unmittelbaren Zusammenstoß mit der gesamten territorialen und sozialen Dimension des kapitalistischen Kommandos. Die aus der Umstrukturierung entstandene proletarische Figur stößt gewaltsam mit der Organisation der Metropolen zusammen, mit der Verwaltung von Einkommensflüssen, mit ihrer Forderung nach Selbstbestimmung des Arbeitstages.
Diese zweite Art von Illegalität, die in etwa mit der Praxis der „Autonomia“ verbunden ist, hat nie den Charakter eines organisierten Plans, sondern zeichnet sich durch das völlige Übereinstimmen von Kampfformen und der Erreichung des Ziels aus. Das hat das Fehlen von Strukturen sowie einer spezifischen, separaten „Funktion“, die auf Gewaltanwendung abgezielt hätte, zur Folge. Wenn mensch nicht wie Pier Paolo Pasolini annimmt, dass Gewalt typisch für bestimmte soziale Schichten ist, kommt mensch nicht umhin, hervorzuheben , dass die diffuse Gewalt der Bewegung jener Jahre ein notwendiges Mittel zur Selbstidentifizierung und zur Bestätigung eines neuen, mächtigen, produktiven Subjekts ist, welche aus dem Niedergang der Zentralität der Fabrik entstand und dem massiven Druck der ökonomischen Krise ausgesetzt war.

12. Die Bewegung von 1977 ist in ihren Hauptmerkmalen Ausdruck der neuen Klassenzusammensetzung und nicht marginaler Erscheinungen.Die „zweite Gesellschaft“ ist oder wird zur „ersten“, was produktive Kapazitäten, technisch-wissenschaftliche Intelligenz und Reichtum an Zusammenarbeit betrifft. Die neuen Subjekte der Kämpfe reflektieren oder antizipieren die wachsende Identifizierung des materiellen Arbeitsprozesses mit den kommunikativen Aktivitäten, kurz der automatisierten Fabrik mit dem fortgeschrittenen dritten Sektor. Die Bewegung ist eine reiche, unabhängige, konfliktuelle Produktivkraft. Die Kritik an der Lohnarbeit zeigt nun eine kreative, affirmative Seite in der Form „selbstverwalteter Unternehmen“ und der teilweisen Verwaltung der Mechanismen der Wohlfahrt von unten. Die „zweite Gesellschaft“, die 1977 die Szene beherrscht, ist „asymmetrisch“ zur Staatsmacht: Sie ist keine frontale Gegenposition, sondern ein Ausweichen, oder konkreter: die Suche nach Freiheitsräumen und Einkommen, wo mensch sich konsolidieren und wachsen kann. Diese Asymmetrie war eine wertvolle Sache, da sie Ausdruck der laufenden sozialen Prozesse war. Aber sie braucht Zeit. Zeit und Vermittlung. Zeit und Verhandlung.

13. Die restaurative Operation des historischen Kompromisses hingegen nimmt der Bewegung Zeit und Spielräume und zwingt sie zu einer entgegengesetzten Symmetrie zwischen Staat und Kämpfen.Die Bewegung ist einem fürchterlichen Beschleunigungsprozess ausgesetzt. Sie ist bei einem völligen Fehlen von Vermittlungsspannen in ihrer Artikulation blockiert. Im Unterschied zu dem, was in anderen europäischen Ländern passiert, besonders in Deutschland, wo repressive Operationen mit Formen von Verhandlungen mit den Bewegungen einhergehen und deren Reproduktion nicht angegriffen wird, schreitet der historische Kompromiss mit einem großen Hammer voran und spricht all denen, die der neuen korporativen Konfliktregelung entfliehen oder sich ihr entgegenstellen, die Legitimität ab. In Italien ist die repressive Intention so allgemein, dass sie sich direkt gegen die spontanen sozialen Kämpfe richtet.Durch die systematischen, militaristisch-politischen Vorkehrungen von Seiten der Regierung wird die Notwendigkeit des allgemeinen politischen Kampfes zu einem einfachen Überlebenskampf, wobei die emanzipatorischen Faktoren der Bewegung marginalisiert und damit ihre positiven Ansätze auf dem Gebiet der Lebensqualität und der direkten Bedürfnisbefriedigung ins Ghetto gedrängt werden.

14. Die „organisierte Autonomie“ findet sich in einer Schere zwischen dem „Ghetto“ und dem unmittelbaren Zusammenstoß mit dem Staat. Ihre „Schizophrenie“ und schließlich ihre Niederlage resultieren aus dem Versuch, diese Schere wieder zu schließen, eine Beziehung zwischen dem Reichtum der Bewegung und ihrer sozialen Artikulation auf der einen Seite und den Erfordernissen eines Zusammenstoßes mit dem Staat auf der anderen aufrechtzuerhalten.Dieser Versuch erweist sich innerhalb weniger Monate als völlig unmöglich und scheitert an beiden Fronten. Die nie dagewesene „Beschleunigung“ von 1977 hat zur Folge, dass die „organisierte Autonomie“ allmählich die Kontakte mit den Subjekten verliert, die sich dem traditionell politischen Kampf entzogen haben und andere, oft „individuelle“ Wege gegangen sind oder sich sogar auf „Zusammenarbeit“ eingelassen haben, um weniger zu arbeiten, besser zu leben und frei zu produzieren. Andererseits führte diese Beschleunigung in der „Autonomia“ zu einer Reihe von Spaltungen entlang der Frage der Militarisierung. Die Kontakte zu den bewaffneten Gruppen wurden abgebrochen, aber bald entwickelte sich in der Bewegung eine eigene Strömung, die in Richtung der Bildung bewaffneter Organisationen drängte.Anstatt sich zu schließen, klafft die Schere immer weiter auseinander. Die organisatorische Form der „Autonomia“, ihr Diskurs über die Macht, ihr Politikverständnis, werden sowohl vom „Ghetto“ als auch von der „militaristischen“ Positionen in Frage gestellt. Mensch muss aber auch hinzufügen, dass die „Autonomia“ zu dieser Zeit auch für alle Schwächen ihres eigenen kulturell-politischen Programms büßt, die sich aus dem linearen Wachstum der Bewegung, ihrer ständigen Expansion und Radikalisierung ergeben. Es ist ein Modell, bei dem sich das Alte und das Neue miteinander verbinden: der „alte“ antiinstitutionelle Extremismus und die neuen emanzipatorischen Bedürfnisse. Das Getrennte und das „Andere“, das die neuen Subjekte kennzeichnet, werden von der „Autonomia“ oft als Negation jeder politischen Vermittlung und nicht als deren Unterstützung angesehen. Der unmittelbare Antagonismus stellt sich jedem Dialog, jeder „Verhandlung“, jedem „Gebrauch“ der Institutionen entgegen.

15. Ende 1977 und während des ganzen Jahres 1978 multiplizieren sich die organisierten Gruppierungen, die auf einem speziell militärischen Gebiet operieren, während sich die Krise der „organisierten Autonomia“ verschärft. In den Augen vieler scheint die Gleichung „politischer Kampf = bewaffneter Kampf“ die einzig realistische Antwort auf den Schraubstock zu sein, den der historische Kompromiss um die Bewegung angezogen hat. In einer ersten Phase – nach einem Schema, das sich unzählige Male wiederholt hat – vollziehen Gruppen innerhalb der Bewegung den so genannten „Sprung“ von der endemischen Gewalt zum bewaffneten Kampf, konzipieren aber diese Wahl und die sich daraus ergebenden schwerwiegenden Verpflichtungen als „Artikulation“ der Kämpfe, als das Errichten einer Art von „Hilfsstrukturen“. Eine besondere Organisationsform, die auf eine bewaffnete Aktion abzielt, erweist sich aber als strukturell unvereinbar mit den Praktiken der Bewegung: Sie muss sich über kurz oder lang von ihr trennen. Zahlreiche „kämpfende Organisationen“, die zwischen 1977 und 1978 entstanden sind, ahmen nun das Modell der Roten Brigaden nach, das sie anfangs noch abgelehnt hatten, oder sie gehen sogar in ihnen auf. Die historischen Guerilleros, d.h. die Roten Brigaden, zehren nun, gerade insofern sie Träger eines „Kriegs gegen den Staat“ sind, der sich von der Bewegungsdynamik völlig abgekoppelt hat, parasitär von den Niederlagen der Massenkämpfe.

Besonders in Rom rekrutierten die Roten Brigaden gegen Ende des Jahres 1977 in großem Ausmaß aus den Reihen einer Bewegung, die in der Krise steckt. Die „Autonomia“ hatte im Lauf jenes Jahres am eigenen Leib alle ihre schwerwiegenden Mängel zu spüren bekommen, nachdem sie dem staatlichen Militarismus immer radikalere Straßenkämpfe entgegengesetzt hatte, die es nicht erlaubten, die potentiellen Möglichkeiten der Bewegung zu konsolidieren, sondern sie versprengten.

Der repressive Druck und die Fehler der „Autonomia“ in Rom und in einigen andern Städten haben den Roten Brigaden den Weg geebnet. Diese Organisation, die die Kämpfe von 1977 scharf kritisiert hatte, erntete nun paradoxerweise beträchtliche Früchte und konnte sich organisatorisch stärken.

16. Die Niederlage der Bewegung von 1977 beginnt mit der Entführung und Ermordung von Aldo Moro. Die Roten Brigaden verfolgen analog zur historischen Linken in der Mitte der 70er Jahre – wenn auch diese auf tragische Weise parodierend – separat und auf dem Rücken des sozialen Antagonismus ihre „politische Lösung“. Die „Kultur“ der Roten Brigaden mit ihren Tribunalen, Gefängnissen, Gefangenen, Prozessen und ihrer Praxis als „bewaffnete Fraktion“ innerhalb der Autonomie des Politischen wird sowohl gegen die neuen Subjekte des Konfliktes als auch gegen die institutionelle Ordnung ausgespielt. Mit der „Operation Moro“ wird die Einheit der Bewegung endgültig zerbrochen. Es beginnt eine Phase der Zwielichtigkeiten und des Abdriftens des frontalen Kampfes der „Autonomia“ gegen den Brigadismus, aber auch das Ausscheiden großer proletarischer und jugendlicher Teile aus dem politischen Kampf. Der „Notstand“, für den der Staat und die KPI die große Trommel rühren, teilt blinde Schläge aus, wobei gerade die getroffen werden, die sich öffentlich und „subversiv“ als Sündenböcke eignen. Die „Autonomia“ sieht sich einem gewaltigen Angriff ausgesetzt, mit dem vor allem in den großen Fabriken im Norden aufgeräumt werden soll. Die „autonomen Kollektive“ in den Fabriken werden von der KPI und den Gewerkschaften als mutmaßliche Sympathisanten des Terrorismus hingestellt. Sie werden verdächtigt, denunziert, registriert. Und als die „Autonomia“ während der Moro-Entführung den Kampf gegen die Arbeitssamstage bei Alfa Romeo initiiert, antwortet die historische Linke auf eine „anti-terroristische“, militärische und dämonisierende Weise. Damit wird die kämpferische Avantgarde einer neuen Generation aus den Fabriken nach und nach vertrieben, ein Prozess, der seinen Höhepunkt mit der Entlassung von 61 Fiat-Arbeitern im Herbst 1979 erreicht.[11]

17. Nach der Moro-Entführung liefern sich der Staat und die Roten Brigaden in der desolaten Szenerie einer militarisierten bürgerlichen Gesellschaft Kämpfe, die einer Logik folgen, in der der eine das Spiegelbild des anderen ist. Die Roten Brigaden durchlaufen sehr schnell jene nicht mehr umkehrbare Parabel, auf der der bewaffnete Kampf zum „Terrorismus“ im eigentlichen Sinne wird: Die Vernichtungskampagnen beginnen. Carabinieri, Richter, Fabrikmanager werden nunmehr nur wegen ihrer „Funktion“ umgebracht, wie es später einige „Reuige“ erklären werden. Die Razzien gegen die „Autonomia“ 1979 haben überdies die einzig politische Struktur der Bewegung ausgeschaltet, die in der Lage gewesen wäre, sich der terroristischen Logik effektiv entgegenzustellen. Die Roten Brigaden können zwischen 1979 und 1981 zum ersten Mal ihre Militanten nicht nur aus kleineren „kämpfenden Organisationen“ rekrutieren, sondern direkt aus den Reihen der Jugendlichen, die kaum politisiert sind und deren Unzufriedenheit und Wut längst nicht mehr politisch und programmatisch vermittelt sind.

18. Die Reuigen als Massenphänomen sind die andere Seite des Terrorismus – ebenso militärisch, ebenso grauenhaft. Die Reuigen sind die extreme Variante des Terrorismus, sein Pawlowscher „konditionierter Reflex“, der letzte Beweis seiner völligen Fremdheit und Abstraktheit gegenüber der Struktur der Bewegung. Die Unvereinbarkeit von neuem sozialem Subjekt und bewaffnetem Kampf kommt auf verzerrte und schreckliche Weise in den verschacherten Protokollen zum Ausdruck.

Das Spiel mit den Reuigen ist juristisch „Vernichtungslogik“, wahllose Rache, Zelebration von fehlendem historischen „Gedächtnis“, während mensch gleichzeitig auf eine perverse und manipulierte Art ein individuelles „Gedächtnis“ zum Tragen kommen lässt. Die Reuigen sagen das Falsche, auch wenn sie die „Wahrheit“ sagen, weil sie das vereinen, was getrennt ist, die Motivationen und den Kontext abschaffen, die Auswirkungen ohne deren Ursachen ins Gedächtnis zurückrufen, mutmaßliche Verbindungen herstellen, die Geschichte aus dem Blickwinkel der verschiedenen „Theoreme“ interpretieren. Was die Reuigen machen, ist in die Institutionen projizierter Terrorismus. Es kann keinen Post-Terrorismus geben ohne die Überwindung dieser Kultur des Bereuens.

19. Die eindeutige und endgültige Niederlage der politischen Organisationen der Bewegung ist nicht einmal ansatzweise mit der Niederlage des neuen politischen und produktiven Subjekts zusammengefallen, das 1977 seine „Generalprobe“ hatte. Dieses Subjekt hat einen langen Marsch an den Arbeitsplätzen, bei der Organisation des sozialen Wissens, in den lokalen Institutionen, in der „alternativen Ökonomie“, in Verwaltungsapparaten hinter sich gebracht. Es hat sich wie ein reinigender Orkan ausgebreitet, ist dabei dem direkten politischen Zusammenstoß ausgewichen und hat zwischen Ghetto und Verhandlung, zwischen Eigenleben und Mitverwaltung laviert. Wenn auch unterdrückt und dadurch oft zur Passivität gezwungen ist dieses Subjekt heute mehr denn je der ungelöste Knoten der italienischen Krise. Die neue Gliederung des Arbeitstages und der Druck auf die öffentlichen Ausgaben, die Probleme des Umweltschutzes und der Wahl zwischen den Technologien, die Krise des Parteiensystems und das Problem eines neuen Abkommens zwischen den Parteien: Dahinter und nicht nur in den Falten des Zensusberichtes lebt die Dichtheit eines Massensubjekts mit seinen Bedürfnissen nach Einkommen, Freiheit und Frieden ungebrochen weiter.

20. Nach dem historischen Kompromiss und nach dem Terrorismus handelt es sich erneut darum – genau wie 1977 – Vermittlungsräume zu öffnen, die es den Bewegungen erlauben, sich auszudrücken und weiter zu wachsen. Kampf und politische Vermittlung, Kampf und Verhandlung mit den Institutionen, diese Perspektive ist bei uns ebenso wie in der Bundesrepublik (BRD) nicht etwa wegen der Zaghaftigkeit und Zurückgebliebenheit des sozialen Konflikts möglich und nötig, sondern ganz im Gegenteil wegen der extremen Reife seiner Inhalte. Gegen den staatlichen Militarismus und gegen jede Neuauflage des „bewaffneten Kampfes“ – von dem es keine „gute“ Version gibt, die etwa alternativ zur brigadistischen Version der Dritten Internationale stünde. Er ist in seiner Gesamtheit und als solcher den neuen Bewegungen unangemessen und steht ihnen feindlich gegenüber. – muss mensch den Faden von 1977 wieder aufnehmen und weiterentwickeln. Eine kollektiv und individuell produktive Kraft, die sich gegen und über die Lohnarbeit hinaus konstituiert und mit der der Staat auch auf administrativer Ebene rechnen muss: Sie kann zugleich separat, antagonistisch und vermittlungsfähig sein.

Lucio Castellano, Arrigo Cavallina, Giustiono Cortiana, Mario Dalmaviva, Luciano Ferrari Bravo, Chicco Funaro, Antonio Negri, Paolo Pozzi, Franco Tommei, Emilio Vesce, Paolo Virno

[1] Virno, Paolo (1998): Do You Remember Counterrevolution? Soziale Kämpfe und ihr Double, in: Atzert, Thomas (Hg.): Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin, 83-111.

[2] In deutscher Sprache erstmalig erschienen in: „Arbeiter/innenmacht gegen die Arbeit. Eine Autonomie-Anthologie“, herausgegeben von „Coup d´ Etat“, Freiburg i.B. 1988, S. 136-151. Die Übersetzung wurde an einigen Stellen leicht modifiziert, etwa in Bezug auf geschlechtergerechte Rechtschreibung. Wir haben es nicht geschafft, die teilweise holprige Übersetzung zu korrigieren.

[3] Die „Reuigen“ (it. pentiti) waren ehemalige miltitante AktivistInnen, die im Zuge einer 1980 eingeführten KronzeugInnenregelung für ihre Zusammenarbeit mit den staatlichen Organen mit enormen Strafnachlässen „belohnt“ wurden.

[4] Vereinigte Gewerkschaft der Metaller.

[5] Orte in Italien, in denen 68/69 militante Auseinandersetzungen zwischen ArbeiterInnen und der Polizei stattfanden. Der Corso Traiano war die Zufahrtsstrasse zum großen FIAT-Werk in Turin. In Battipaglia‚(südlich von Neapel) und in Avola auf Sizilien wurden dabei je zwei Menschen durch die Polizei getötet.

[6] Auf der Piazza Fontana in Mailand kostete im Dezember 1969 ein faschistisches Attentat statt 16 Menschenleben. Mit diesem Anschlag beginnt die „Strategie der Spannung“, mit der Geheimdienste, Faschisten und Militärs mittels Anschlägen die italienische Gesellschaft zu destabilisieren versuchen, um die Linke zu schwächen und eine autoritäre Regierung der Rechten vorzubereiten. Dementsprechend wurde nach blutigen Anschlägen immer wieder eine „rote Spur“ gelegt.

[7] „Gruppi di Azione Partigiani“ – vom Verleger Giangiacomo Feltrinelli gegründete bewaffnete Organisation, die im Falle eines faschistischen Putsches die Demokratie retten sollte. Feltrinelli kam 1972 beim Versuch einen Hochspannungsmasten zu sprengen ums Leben.

[8] Jugendorganisation der KPI.

[9] Gemeint ist der „Historische Kompromiß“, jene Strategie der Kommunistischen Partei Italiens, mit der sie für den Verzicht auf jeglichen Anspruch auf Überwindung des Kapitalismus in eine christdemokratische Regierung eintreten wollte. Der Versuch scheiterte …

[10] Gruppe von ArbeiterInnen, die am selben Arbeitsplatz tätig sind und ihre Delegierten in den Fabrikrat wählen.

[11] Auf diese zentrale Niederlage der Bewegung wird Paolo Virno in seinem Text „Do You Remember Counterrevolution?“ über zehn Jahre später zurückkommen, um die „Konterrevolution“ des Kapitals anhand von FIAT zu beschreiben (Virno 1998, 92ff.).

Neapel und die übrige Welt

Der Schriftstellerin Fabrizia Ramondino zu ihrem 70. Geburtstag(31.August 2006)

Warum nicht einmal Arbeitslosigkeit und Poesie in einem Atemzug nennen… In den siebziger Jahren des nunmehr vergangenen Jahrhunderts hatte Neapel eine ganz besondere Attraktivität. Gab es dort doch eine „Bewegung von Arbeitslosen“ die mit großer Spontaneität, Phantasie, auch Radikalität für ihre Ziele kämpfte. Und zu den Zielen gehörten nicht nur „Arbeit für alle“, sondern auch ein selbstorganisiertes Leben für alle – was immer das bedeuten sollte. Hauptsache man kämpfte und träumte von einem anderen Leben. In jenen Jahren selber arbeitslos, machte ich mich nach Neapel auf, neugierig auf „Bella Napoli“ und auf jene damals legendären ‚Disoccupati organizzati“, organisierten Arbeitslosen. In einer Buchhandlung unweit der Piazza Plebiscito fand ich ein schmales Buch, in dem eine mir vollkommenen unbekannte Autorin Fabrizia Ramondino die Geschichte der Arbeitslosenbewegungen in Neapel nachzeichnete. Sie sei, so konnte man auf dem Umschlag lesen, Mitbegründerin der „Associazione Risveglio Napoli“, einem Verein, der sich für das „Wiedererwachen Neapels“ Jahre einsetzt. Später, die Utopien der ‚Arbeitslosenbewegungen von Neapel’ waren ebenso zerplatzt wie die der ‚linken Studentenbewegung’ in Deutschland, entdeckte ich irgendwann auf einer Neuerscheinung des schweizer ‚Arche-Verlags’ wieder den Namen Fabrizia Ramondino. In „Althènopis. Kosmos einer Kindheit“ – um dieses Buch handelte es sich – stieg die von mir so revolutionär-subproletarisch gehaltene Autorin tief hinab in die Erinnerung an ihre Kindheit in einer aristokratischen Familie Neapels.

Ich begann die Lektüre mit großen Vorbehalten. Der Sprung von den Straßenkämpfen der Arbeitslosen zu den Salons snobistischer Aristokraten schien mir doch etwas zu gewagt. Dann aber, Seite für Seite, hat mich die von Fabrizia Ramondino so liebevoll, auch ironisch geschilderte Familie immer mehr in ihren Bann gezogen. Im Verlauf der Lektüre führte mich die Kennerin des neapolitanischen Subproletariats immer mehr in das porös-dekadente Grenzgebiet zwischen Großbürgertum und Aristokratie. Die Welt, von der die linke Neapolitanerin aus einem zwischen Neapel, Palma de Mallorca und Frankreich herumvagabundierenden großbürgerlichen Diplomatenhaus da berichtete, war mir vollkommen unbekannt. Die neben Italienisch, Französisch, Spanisch auch gut Deutsch sprechende Autorin hielt sich als junge Studentin in den fünfziger Jahren dann auch in Deutschland auf. Bis 1983 arbeitete sie als Gymnasiallehrerin in Neapel, um sich dann ausschließlich dem Schreiben zu widmen. Es erschienen von ihr inzwischen eine Reihe von fast immer biographisch inspirierten Romanen und Erzählbänden. „Die Vögel des Narcis“ ( 1987 ), „Ein Tag und ein halber“ ( 1989 ) eine teils liebevolle, teils desillusionierte Beschreibung der zerfallenen Kultur des studentischen Aufbruchs der sechziger Jahre in Neapel. Mit „Nicht sehr verlässlich zu Hause“ ( 1992 ) kehrte die Autorin wieder zurück in das Neapel ihrer Kindheits- und Jugendjahre. „Neapel, wo einen ständig die Lust ankommt, abzureisen, Neapel, das man so schwer verlassen kann und das einen immer zwingt zurückzukommen.“

Besonders eindrucksvoll ist auch das 1999 erschienende Buch „Im Spiegel einer Insel“, in dem sie die Dramatik einer persönlichen Lebenskrise spiegelt mit der Geschichte der Insel Vetotene, die unter Mussolini ein Verbannungsort für Antifaschisten gewesen ist. Ihren Kindheitsjahren auf der Insel Mallorca zwischen 1937 bis 1943 ist das weit ausholende Epos „Blühende Mandelbäume“ gewidmet, das in deutscher Übersetzung 2004 erschien. In diesen Tagen erscheint wie immer bei Arche unter dem lapidaren Titel „Die Katze“ ein schmaler Band mit neuen Erzählungen aus Neapel, der Stadt, die sie trotz der vielen Weltreisen einfach nicht losgelassen hat. Seit 1990 lebt Fabrizia Ramondino aber nicht mehr in Neapel, sondern in der zwischen Neapel und Rom gelegenen Stadt Itri.

Fabrizia Ramondino liebt es, ihre literarischen Arbeiten mit ebenso klug ausgewählten wie poetisch verzaubernden Zitaten aus der Weltliteratur zu zieren. Mal ist es Marina Zwetajewa, dann Carlo Emilio Gadda, Charles Baudelaire, Eugenio Montale, Dante, Homer oder ihre Mutter. War sie es doch, die das Kind, das die Autorin einmal gewesen ist, anherrschte, sich von ihrem trotzigen Liegen auf dem Boden zu erheben und fort zu gehen. „Steh auf und geh“,jene aus fernen Kindheitstagen in die Erinnerung hineinfließende mütterliche Aufforderung, hat der ihr Werk im deutschen Sprachraum vorbildlich betreuende Zürcher Arche-Verlag die deutsche Ausgabe von „In viaggio“( Unterwegs sein ) genannt. In der Bibel, an die man sich bei dieser Aufforderung auch sofort erinnert, heißt es bei Matthäus, dass der von Jesus geheilte Gelähmte aufstehen und „nach Hause“ gehen solle. Kehrt nicht auch die Autorin, so weit sie sich immer reisend von ihrem Herkunftsort entfernt, letztlich doch immer wieder zurück „nach Hause“, in ihre Kindheit, ihre vertrauten Umgebungen, immer und immer wieder nach Neapel? Dieser Stadt ist Fabrizia Ramondino so eng, so magnetisch anziehend verbunden wie etwa ein Bassani mit Ferrara oder ein Svevo mit Triest. Ist es ein Zufall, dass Fabrizia Ramondino ihre Reisen immer beginnen und enden lässt in dem Gassen- und Menschengewirr Neapels mit einer Erinnerung an die politische und pädagogische Arbeit im Altstadt-Quartier San Lorenzo?

Die jenseits der Kindheit liegenden Reisen führen die Autorin kreuz und quer über den Globus. Nach China zum Beispiel, das den exotischen Hintergrund für eine lange Erinnerung an den Vater bildet, der als italienischer Konsul mehrere Jahre in Peking gelebt hat. Nach Australien begibt sie sich zusammen mit Freunden, nach Kanada aus Anlass eines Schriftstellerkongresses, nach Portugal, um sich, wie viele aus der linken westeuropäischen Szene jener Jahre an der ‚Nelkenrevolution‘ zu wärmen. Immer wieder reist Fabrizia amondino nach Frankreich, wo sie sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit eines frühen Internatsaufenthaltes begibt. Reisen führen sie auch nach Deutschland, nach Heidelberg oder nach Wuppertal, wo die Tochter im Tanzensemble der Pina Bausch engagiert ist. „Ich reiste und reise so viel, dass ich mich unablässig unterwegs fühle und mir gar nicht mehr klar ist, was der Begriff Reise überhaupt bedeutet.“

Fabrizia Ramondino ist eine bemerkenswerte Porträtistin von Nebenfiguren, die oft nur für flüchtige Momente durch ihr Leben huschen. Etwa da, wo sie uns Egle, die schönste Frau in der neapolitanischen Linken der sechziger und siebziger Jahre vorstellt oder Rachele, die kommunistische Bordellwirtin aus besten bürgerlichen Verhältnissen, Klaus, den so protestantisch rationalen Theologen aus Heidelberg, Mara, die die bürgerliche westliche Mode so bewundernde jugoslawische Mitschülerin im Lycée Jeanson-de-Sally in Paris oder Pino, den zärtlichen, gebildeten Lehrer aus Neapel, der in Stockholm einen Lehrstuhl für Dialektforschung erhält und dort so früh gestorben ist.

Mit dem Namen Fabrizia Ramondino ist aber nicht nur die Stadt Neapel verbunden, sondern auch die ( italienische ) 68er-Generation, mit deren Träumen und Verzweiflungen, deren Projekte einer Weltverbesserung ‚subito’ und ihr klägliches Scheitern. Diese aufregende, nach Neuem gierende, oft auch verzweifelt radikale Kultur experimenteller politischer Projekte existiert heute ebenso wenig mehr wie die großbürgerliche, manchmal exzentrische, stilvolle, aber oft auch verlogene Kultur der Herkunftsfamilie, der die Autorin besonders in „Alténopis“ eine so lange nachklingende Hommage gewidmet hat. In jedem ihrer Bücher versucht sich Fabrizia Ramondino dieser Vergangenheiten zu erinnern, nie verklärend, nostalgisch oder auch verbittert über Verlorenes, immer mit einem an Proust geschulten Genauigkeitswillen und einer intellektuellen Empfindsamkeit, die in den besten Passagen eine gute Benjamin-Lektüre verrät. Und mit Fabrizia Ramondino ist für die deutschen Leser auch deren Übersetzerin Maja Pflug verbunden, die mit großer Treue und Sprachgefühl jeden Text der neapolitanischen Autorin in den deutschsprachigen Kontext überträgt.

Sich auf Ivo Andric’ beziehend, hat sich Fabrizia Ramondino vor Jahren einmal vehement gegen jede lokale Einengung ihres Schreibens gewehrt:“ Wenn es einem Schriftsteller gelingt, aus seiner Region eine größere Bedeutung zu ziehen, dann ist er in seiner Kunst erfolgreich gewesen. Im gegenteiligen Fall bleibt er ein Lokalschriftsteller“. Am 31. August feiert die aus Neapel stammende lokale Weltschriftstellerin Fabrizia Ramondino einen runden Geburtstag, mit dem sie langsam auch in die Reihe der ‚älteren’, italienischen Schriftstellerinnen eintritt.

Italienisch für Erwerbslose

– Interview mit einer Erwerbslosenintiative aus Neapel

In der Via Cesare Rassaroll findet man ein beeindruckendes Haus, ein ehemaliges öffentliches Gebäude, das heute von der Arbeitsloseninititiatve “Coordinamento di lotta per il lavoro di Napoli” (Neapels Koordination im Kampf für die Arbeit) seit einem Jahr besetzt ist. Es wird von den Erwerbslosen für die Vorbereitung sozialer Aktionen, Demonstrationen usw. genutzt. Mit einigen von ihnen wurde das Gespräch geführt. Sie berichten über den heutigen Stand der Arbeitslosensituation in Neapel und die neue Erwerbslosenbewegung, die seit einem Jahr gewisse Resonanz und Erfolge aufweisen kann. Das Interview führten Mitglieder der französischen CNT im August 2004.

Seit wann seid ihr als Erwerbsloseninitiative organisiert?

Der Kampf gegen Arbeitslosigkeit wird seit 1977 geführt, seit fast 30 Jahren. Es sind seitdem viele verschiedene Kollektive entstanden, die unterschiedliche Phasen der Zusammenarbeit durchgemacht haben. 1997, im Viertel San Lorenzo, entstand eine breite Bewegung aus verschiedenen Gruppen, von Studenten bis zu sozialen Zentren, um Raum und Lebensqualität in der Stadt zurückzugewinnen, z. B. durch Besetzung von Häuser. Dies hat sich vom Zentrum langsam bis in die Vororte hinein ausgebreitet. Daraus sind wir hervorgegangen.

Die Gruppe wurde gegründet, um die Belange der Arbeitslosen auf lokaler Ebene anzugehen. In Süd-Italien sind die sozialen und Arbeitsverhätnisse sehr problematisch. Die Praxis der Günstlingswirtschaft und die Kollaboration der Gewerkschaftsfunktionäre mit den Parteien sind in
Neapel und Umgebung tief verwurzelt. Es ist üblich, seine Stimme gegen einen Job zu tauschen. Außerdem ist Schwarzarbeit die typische Form des Arbeitsverhältnisses: keine Rechte, keine Versicherung. Es wird vom organiserten Verbrechen unterstützt und betrieben. Es hatte damals eine regelrechte Propaganda gegeben, die dieses System verharmloste. Wir dachten, daß wir gegen diese Desinformation kämpfen sollten, und daß wir uns gemeinsam, unabhängig von Parteien oder Finanzierungen, organisieren mußten. Zum ersten Mal seit 30 Jahren gibt es nun eine klassenkämpferische Arbeitslosenbewegung.

Wie würdet ihr euch im politischen Spektrum einordnen?

Wir gehören der Strömung “Antagonistische Linke” an. Die autonome Bewegung in Italien hatte hunderttausende Arbeiter und Erwerbslose, die mit den Organisationen der radikalen Linken und den traditionellen Gewerkschaften gebrochen hatten, eingebunden. Diese Bewegung basierte auf den Prinzipien der Selbstorganisation und Parteiunabhängigkeit. Diese autonome Arbeiterbewegung war in Kollektiven organisiert, um in Fabriken direkte Aktionen durchzuführen, Häuser zu besetzen und Lebensmittel günstig zu beschaffen. Das alles geschah in den 1970er Jahren. Heute sind von dieser breiten Bewegung die Basisgewerkschaften (COBAS) und soziale Zentren übrig geblieben. Die heutige Globalisierung und die Ereignisse in Genua haben in Italien
neue Impulse geweckt. Neue Initiativen und Vernetzungen sind entstanden. Außerdem hat die Arbeit der Juristen für eine “sauberere” Justiz etwas geholfen. Wir nehmen an verschiedenen Netzwerken teil, wie z. B. : “No Global” (Antikriegsnetzwerk), Netzwerk gegen Privatisierung, und gegen das kapitalistische und imperialistische System.

Seitdem haben sich in Genua und Rom neue Gruppen für die Forderung nach einem Garantielohn gegründet, und andere, wie die Tutti Bianchi, dafür engagiert.

In Neapel arbeiten wir zusammen mit anderen Initiativen, die sich für Besetzung, Migranten und soziale Rechte einsetzen. Wir haben jedoch nichts mit Pseudo-Erwebslosenintiativen wie z. B. “Verfügbare Arbeitskraft”, die rechtsextremen Parteien wie Allianza Nazionale oder Forza Nueva nahestehen, zu tun. Sie kopieren unsere Forderungen und instrumentalisieren die Arbeitslosen, indem sie z. B. Fortbildungen finanzieren. Durch den Niedergang der kommunistischen Partei blieb die soziale Frage den rechten Parteien überlassen. Wir haben jetzt nicht nur gegen die Mafia, sondern auch gegen die Rechten zu kämpfen, um diesen Bereich zurückzuerobern.

Was sind eure Forderungen?

Wir fordern, vor allem, für alle das Recht auf Arbeit, mit festen, unbefristeten Stellen nach landesweit gleichen Normen, d. h. die Möglichkeit für alle, zu leben. In unserer Region gibt es 450.000 Arbeitslose. Es gibt in Europa verschiedene Typen von Einkommen für Erwerbslose: Arbeitslosengeld, Sozialhilfe usw. Bei uns gibt es nichts dergleichen. Deshalb verlangen wir einen garantierten Lohn für die Phase zwischen zwei Erwerbstätigkeiten. Das heißt, daß der ursprüngliche Lohn fortgezahlt wird, bis man einen neuen Job gefunden hat. Wir wollen kein garantiertes Einkommen, das keine Verbindung zur Arbeit hat und uns erlauben würde, nicht zu arbeiten. Wir verlangen nicht, daß uns die Gesellschaft bezahlt, während die anderen arbeiten. Idealerweise möchten wir in die Produktion integriert sein, mit festen Arbeitsverträgen, ohne Prekarität.

Wir setzen uns für den Erhalt bestehender Arbeitsplätze ein, indem wir gegen Stellenabbau kämpfen. Schließlich treten wir für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich ein, damit jeder arbeiten kann, und jeder weniger arbeiten muß.

Unsere Forderungen beziehen sich nicht nur auf die Arbeit, sondern wir verlangen genauso auch volle Migrationsfreiheit, das Recht, zu studieren, was sich heute nur Wohlhabende leisten können, sowie ein öffentliches, laizistisches Bildungssystem ohne Schulgeld. Ohne das sind intellektuelle Entwicklung und Kritikfähigkeit nicht möglich. Wir kämpfen gegen die Privatisierung des Gesundheitssektors und verlangen einen hochwertigen kostenlosen sozialen Service (öffentlicher Verkehr, Gesundheit und Schulen). Schließlich engagieren wir uns für das Recht auf Wohnraum, ohne Diskriminierung und unabhängig von Parteien und Gewerkschaften.

Außerdem prangern wir die etablierten Gewerkschaften an, die im Stillen mit den Chefs kollaborieren. Sie stehen den Bossen näher als den Arbeitern. Aber mit den Basisgewerkschaften haben wir gemeinsam am 1. Mai für Garantielohn und das Recht auf Arbeit demonstriert.

Wie ist euer aktueller Zustand?

Seit einiger Zeiten haben wir trotz einer Phase starker Repression viel Zuspruch gefunden. Hier, wenn man Arbeit verlangt, wenn man sich in der Bewegung gegen Arbeitslosigkeit engagiert, wirft einem der Staat vor, daß man einer subversiven Organisation angehört. 15 bzw. 17 Prozesse wurden gegen uns geführt, einige unserer Genossen standen bis vor sieben Monaten noch unter Hausarrest. Das bedeutet eine Kriminalisierung der Bewegung, obwohl das Recht auf Arbeit in der
Verfassung verankert ist. Die soziale Frage wird als Angelegenheit der inneren Sicherheit behandelt.

Anfang 2004 haben wir in Neapel eine Demonstration mit 5.000 Erwerbslosen organisiert. Diesen September planen wir weitere Aktionen. Zur Zeit beginnen Fortbildungsmaßnahmen für Erwerbslose, die von der Region und der Zentralregierung finanziert werden. Das ist eine Errungenschaft, die wir durch unseren Kampf erreicht haben. Außerdem ist es uns gelungen, diesen Anliegen auf Landesebene Gehör zu verschaffen. Verschiedene Gesetzesinitiativen in diese Richtung wurden von einigen linken Parteien, wie PDS (Linkspartei, Ex-KP), Grünen und Refondazione Communista, eingebracht. Die Forderung nach Garantielohn ist langsam auf Landesebene zum Thema geworden, aber hat sich noch nicht durchgesetzt.

Das Interview führten: Isabelle und Rudy
Übersetzung: Sylvie Chauvet und Matthias Seiffert

Erschienen in direkte aktion Nr. 165 vom September/Oktober 2004.




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